Kolonie

Groß Naundorf

„1827
Unter Preußen wurde die Schule neu gebaut. Sie war ein kleiner Fachwerkbau. Der Schulpatron war der Kurfürst von Sachsen (Preußen?). Die Schulstelle wurde durch die Merseburgerregierung besetzt. Die Kosten musste aber der Ort selbst tragen. Bis zum Jahre 1893 war für die Schule 1 Lehrer angestellt. Er war gleichzeitig Küster, Kantor, Organist und Glöckner der Kirchengemeinde. Die Kinder aus dem Siedlungsbereich der Eichenheide (Kolonie) werden in Naundorf eingeschult.
Die Einwohnerzahl betrug 770.
Die Kolonie liegt ca. 2 km von Naundorf entfernt dicht an der Annaburger Heide. Das Fortshaus Eichenheide liegt zwischen Naundorf und Kolonie.“
Auszug aus der Chronik von Naundorf (1965)

Wenn es sich hier um eine Primärquelle gehandelt hätte, dann wäre es der erste urkundliche Nachweis der Kolonie. Leider liegen die damaligen Chronisten etwas daneben. Tatsache ist, dass es sich bei der Jahreszahl 1827 um eine Separationsakte handelt, die die Waldnutzungsrechte der Naundorfer Hüfner behandelt, wie auch einiger Häusler die vermutlich schon im Bereich der Kolonie auf damaligen Forstgrund siedelten.

Das Siedlungsgebiet der Kolonie, auf der ältesten Karte von 1556 dargestellt, liegt in mitten der Lochauer Heide, dem Jagdgebiet der Wettiner. Hier jagten einst die Kurfürsten Friedrich des Weisen, Kurfürst August, der Erbauer der Annaburg, aber auch August der Starke, König von Polen jagten hier.

Hier in der damaligen Heidelandschaft kreuzte der einstige Vogelsteig, der entlang der südwestlichen Waldgrenze sich hinzog, auf Höhe „Schmids Grund“ in etwa dem jetzigen Siedlungsbereich. Hier war bis in das 18. Jahrhundert hinein keine menschliche Siedlung, nicht einmal ein Weiler zu finden.   

Aber zu diesem Zeitpunkt, glaubt man den Kartendarstellungen der damaligen Zeit, gibt es auf dem Siedlungsgelände der heutigen Kolonie noch immer keine Spur häuslichen Lebens. Selbst das Forsthaus „Eichenheide“ existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der damalige im 18. Jahrhundert in Naundorf sesshafte Revierförster war der Sohn des Annaburger Forst- und Floßmeister Heinrich Wilhelm Reizenstein (August Reizenstein). Der Revierförster ging aus dem früheren Forstknecht (Schweinitzer Amtsbuch) hervorging und hatte zu dieser Zeit noch einen Fußknecht (Martin Trepte) mit eigenem Hausstand in Naundorf. Von Naundorf aus bewirtschafteten beide das ca. 28 km² große „Naundorfer Revier“. 

Sachsen verliert infolge des „Wiener Kongresses“ vom 18.09.1814 – 19.03.1815 (Neuordnung Europas nach Napoleon) mehr als die Hälfte seines Territoriums (östliche Oberlausitz, Niederlausitz, die Gebiete von Wittenberg und Torgau, Merseburg und Naumburg, sowie Nordthüringen) an Preußen, so auch unser Heimatgebiet. Naundorf wird preußisch. Die Annaburger Heide als herrschaftliches Jagdgebiet hat nun ausgedient. Sie verbleibt im Wesentlichen als zusammenhängender Staatsbesitz, aber den Schwerpunkt bildet jetzt ihre wirtschaftliche Nutzung. Verstärkte Waldholznutzung als Energielieferant steht jetzt im Vordergrund, aber auch der Verkauf von angrenzendem (Forst)Grund.   

Landbesitz – das war eine großartige Neuerung. Wir müssen uns dazu daran erinnern, dass es in der Feudalzeit eigentlich keinen Privatbesitz an Grund und Boden gab. Erst 1807 wurde in Preußen die Leibeigenschaft aufgehoben und damit den Bauern das Recht gegeben, Land zu besitzen und zu erben. Dieser Vorgang fiel bei uns mit der preußischen Besitznahme zusammen und ermöglichte es Preußen aus seinen ihm zugefallenen Besitzungen sofort Geldeinnahmen zu erzielen. Das Land wurde nicht etwa an die Bauern verschenkt, sondern auf ihnen lastete eine Hypothek und die Bauern mussten daher einen gewissen „Rentwert“ jährlich an den Staat (Forstfiscus) bezahlen. Erst mit der Einführung der Grundsteuer 1865 entfiel diese Art der Hypothek. Daneben konnten aber vermögende Leute auch Land kaufen, als „Freisasse“, was „Abgabefrei“ bedeutete. So entstand der Gutsbesitz von  „Boettcher“, aber auch die der Gärtnereien und Baumschulen in Naundorf. 

Durch die preußische Umstrukturierung der Forstverwaltung wird aus dem einstigen Oberforst- und Wildmeisterssitz in Annaburg eine Forstinspektion. Sie ist auch weiterhin über die Annaburger Heide hinaus zuständig für die Glücksburger Heide, einschließlich Seyda und Hohenbucko. Die Annaburger Heide wird jetzt in drei Oberförstereien aufgeteilt und es entstehen die noch heute geläufigen Forstreviere mit ihren zugehörigen Forsthäusern, wie das Forsthaus Eichenheide. Das ist der Beginn der Besiedelung, die eigentliche Geburtsstunde der „Kolonie“.

1827 wurden die Waldnutzungsrechte der Naundorfer Hüfner behandelt wie auch der Häusler – Bewohner der später so genannten Kolonie. Anfänglich siedelten hier nur die „Kolonisten“ die sich Land von der Forstverwaltung kaufen konnten. Auf diesem Land der ehemaligen Heidelandschaft wurde nun vorrangig Viehzucht betrieben.

Aufgrund der teilweise verheerenden Hochwasserkatastrophen durch die Elbe geht man in den vierziger Jahren des 19. Jh. zum organisierten Hochwasserschutz über. Die Elbe wird in der Folge reguliert und bekommt eine einheitliche Deichlinie. Das führt dazu, dass die einstigen Heidewiesen nun erfolgreich entwässert werden können. Vermutlich preiswerte Landabgabe lockt weitere Siedler (Kolonisten) an. Die Viehzucht rentiert sich, da der Absatz durch die Entstehung der „Großstädte“ und durch die Eisenbahnanbindung über Holzdorf ab 1847 gegeben ist. Als Leutnant Eberling unser Gebiet in Folge der preußischen Uraufnahme kartiert lassen sich schon ca. 12 Gehöfte mit 19 Gebäuden nachweisen. Der Name „Kolonie“ ist aber noch nicht geboren. Es ist lediglich angegeben, das diese Ansiedlung zu Naundorf gehört. Das geschah vermutlich als Folge der allgemeinen Schulpflicht in Preußen. Da die bestehenden Schulen in dieser Zeit noch Parochialschulen, d.h. das die Schulen durch die Kirchgemeinden betrieben werden mussten. So versteht es sich von selbst, dass die zukünftige Kolonie zu Naundorf zählt. Diese Anbindung ist aber nur rein schulmäßig. Das wird deutlich bei Einführung der Grundstücksteuer 1886, hier zählt der Bereich der Kolonie noch zum „Erhebungsbezirk Heide- Gerbiswiesen“. Die hier aufgeführte Fläche ist aber nicht mit der von „Kolonie“ identisch. Es werden damals 102 Einwohner, aber 204 Besitzer mit 328 verschiedenen Besitzstücken (Land) bei nur 20 steuerpflichtigen und 28 steuerfreien Gebäuden aufgeführt. Bei der besteuerten und steuerfreien Landmasse ging man von 5421 Morgen = 13,55 km² aus. Naundorf dagegen nur mit 2619 Morgen = 6,54 km². Heute wissen wir, das die Flächen dieses „Erhebungsbezirkes Heide- Gerbiswiesen auch noch anderen politische Gemeinden zugeschlagen wurden, wie Annaburg, Gerbisbach, Lebien und der Kolonie und damit Naundorf. Zu beachten ist noch, dass damals fast keine Waldflächen zur Gemeinde Naundorf, wie auch zum Erhebungsbezirk Heide- Gerbiswiesen zählten.  

In Preußen bestand Schulpflicht und nach dem alten preußischen Landrecht mussten die Aufwendungen nicht als Kopfsteuer sondern nach den ansässigen Haushalten bezahlt werden. Die Siedlung am Forsthaus Eichenhaide wurde dem Schulbezirk von Naundorf zugeschlagen.

Im wirtschaftlichen „Auf- und Ab“ der Gründerzeit konnte man sich schnell übernehmen, es folgte die Insolvenz und die Versteigerung des Eigentums. Vermutlich kam auch so mancher Kolonist unter den Hammer. Der Besitz wurde geteilt versteigert, so kamen gerade in Kolonie viele Forst- und Wanderarbeiter zu einem kleinen Stück Land. Ähnlich wie es auch in Naundorf bei der Siedlungsphase III dann erfolgte. Das ließ die Bevölkerung in Naundorf wie in Kolonie sprunghaft ansteigen. So entstand dann zwischen 1888 und 1903 dann auch die „Politische Gemeinde“ Kolonie, die dann vermutlich von Anfang an von Naundorf verwaltet wurde. Auf der Preußische Neuaufnahme die bei uns 1903 datiert ist, ist dann auch die Kolonie als zugehörig zu Naundorf verzeichnet.

BERND HOPKE
ANNABURGER ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2024-06-26

Quelle:

Zweite Chronistin Magda Miething; Chronik der Gemeinde Naundorf; 70iger Jahre, abschriftlich B. Hopke 2024-02-15;

Die Ergebnisse der Grund- und Gebäudesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Merseburg;1869; Gt 4630;Merseburg-1869;unter: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000D45E00010000

Autorenkollektiv, Ergebnisse der Standorterkundung im staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Jessen, Erster und Dritter Hauptteil, Institut für Forsteinrichtung und Standorterkundigung Potsdam 1956

Karte Nachzeichnung (18. Jh):  Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, 1556, im Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013;

Matthäus Seutter; Ämterkarten – Amt Annaburg; um 1700

Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888

Auszug Preußische Kartenaufnahme 1:25.000; Uraufnahme, 4244 Annaburg 1847

Auszug Topografische Karte 1:25.000 Oberförsterei Annaburg 1905