Die alte Lochau

Die frühere Lochau und ihre Gärten (Annaburg) 1486-1525

Kräuterbuch des Johannes Kentmann von 1563
Ausschnitt des Kräuterbuch von Johann Kentmann von 1563

Dieses Buch ist ein pharmaziegeschichtlich und künstlerisch hochrangiger Kodex, der zu den Schätzen der Sächsischen Landesbibliothek Dresden gehört. Es enthält auf 608 Blättern Darstellungen von Bäumen, Sträuchern, Stauden, Nutz- und Wildpflanzen, die pharmazeutisch verwendet wurden. Zusammengestellt wurden sie vom Torgauer Arzt und Apotheker Johann Kentmann, die Aquarelle stammen vom (Torgauer) Stettiner Hofmaler David Redtel. Die heilende Wirkung der dargestellten Pflanzen wird im Anhang in einem botanischen Kommentar erläutert. Dieser ist aber in der Reprintausgabe von 2022 leider nicht enthalten. Das Buch als Unikat wurde im Auftrag des Kurfürsten August von Sachsen in Torgau erstellt – warum gerade hier und nicht in Dresden????

Jagdschloss Augustusburg

Aber bei der Übergabe dieses Buches zeichnete sich die kriegerische Auseinandersetzung mit seinem Cousin, dem ernestineschen Herzog von Sachsen ab. August musste seinen Kurfürstentitel verteidigen. Nach der Auseinandersetzung wurde in der Nähe von Chemnitz die Augustusburg, 1568 bis 72 durch den Leipziger Bürgermeister Lotta errichtet. Kein luftiges Jagdschloss, sondern eher als eine Trutzburg erscheint sie noch heute dem aufmerksamen Betrachter. Ein Jagdschloss, einer Burg gleich auf einem hohen Berg errichtet. Da war kein Platz für einen Garten. Ja es gab ihn, einen kleinen Kräutergarten der unterhalb des Jagdschlosses am Berghang zur Siedlung hin errichtet wurde. Vielleicht war er für das gärtnerisch ambitionierte Kurfürstenpaar viel zu klein.

Jagdschloss Annaburg steht auf den Grundmauern der alten Lochau
Baugeschehen auf dem Schlosshof im Vorderschloss der Annaburg

Schon 1572, als die Augustusburg gerade fertig war und seinen Baumeister Lotta dabei fast finanziell ruiniert hat, wurde durch das Kurfürstenpaar die Annaburg in Auftrag gegeben. Wieder ein Jagdschloss, aber wesentlich kleiner. Diesmal im flachen Land nahe Torgau gelegen. Bei ihrer Errichtung nutzte man die Grundmauern des alten Schlosses Lochau, dem Lieblingsschloss Friedrich dem Weisen. 1573 wurde es schon vom Kurfürstenpaar bezogen und obwohl es eigentlich noch nicht vollständig fertig war. Noch heute künden die Wetterfahnen auf dem Schloss vom Jahr der „vorfristigen“ Fertigstellung. Dem Bau unseres noch heute bestehenden Jagdschlosses folgte nahtlos die Erschaffung oder nur die Erneuerung seiner damals schon vorhandenen Gärten?

Warum wurde gerade hier, im damaligen Lochau, dieses Jagdschloss errichtet? 

Für die Chronisten vor meiner Zeit gab es immer die gleiche stereotypische Antwort auf diese Frage – wegen dem Wildreichtum der Annaburger Heide. Die Jagd hätte man auch von Torgau aus organisieren können. Außerdem gab es kurfürstliche Jagdgebiete wo es überhaupt kein Jagdschloss gibt, z.B. im Schradenwald bei (Bad) Liebenwerda. Es muss mehrere Gründe gegeben haben, warum gerade hier die „Annaburg“ errichtet wurde. Und einer davon waren seine Gärten, die man direkt vom Schloss aus erreichen konnte. Die Idee dazu stammte aber von einem ganz anderen Kurfürsten.

Friedrich der Weise und seine Gärten

Dem sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise wird nachgesagt, dass er die Renaissancegärten von jenseits der Alpen hierher nach Deutschland holte. Er war der Erste, der sich diesen Luxus leistete. Er holte sich dafür die damals bekannten „exotischen“ Pflanzen her. Hier, das waren Torgau, Wittenberg, aber vor allem seine Lochau.

Auszüge aus dem Kräuterbuch des J. Kentmann von 1563

Ob auch er als Kurfürst schon eigenhändig in einem Garten gebuddelt hat? Bei August und Anna ist es überliefert, bei ihm nicht. Vielleicht hätte es zu seiner Zeit noch einen erheblichen Prestigeverlust bedeutet. Friedrich der ranghöchste Adlige in Deutschland (nach dem Kaiser) konnte sich auch nicht alles leisten und musste auf seine Außenwirkung achten. In Torgau und Wittenberg wohl kaum. Aber dort, wo er seine Staatsrobe mal ablegen konnte, wo er nur mit kleinem Gefolge erschien, wo er hemdsärmlig mit seinen Stiefeln gewohnt war durch den Schlamm zu laufen, vielleicht. Das war hier rund um seine Lochau am besten noch möglich. Nicht umsonst nannte ihn der Nürnberger Rat in der verschlüsselten Korrespondenz mit den städtischen Gesandten im Augsburger Reichstag den „Waldvogel“.

Der sächsische Kurfürst besaß die größte Reliquiensammlung in Wittenberg, ein bebilderter Katalog von Cranach hat sie uns überliefert. Wittenberg, seine Universitätsstadt sollte das religiöse Zentrum von Sachsen werden. Torgau die Stadt, das weltliche Zentrum mit der Staatskanzlei bilden und Lochau, das Jagdschloss – hier sollte neben den Vergnüglichkeiten der damaligen adligen Gesellschaft die Politik ganz nebenbei bestimmt werden. Hier sollten die drei „Mächtigen“ von Sachsen in Einheit bestimmen was gut und richtig ist.

Ein Garten dem Paradiese gleich
biblische Paradies

So entstand Lochau als Zentrum von Jagd, Kunst und Kultur. Welche Rolle spielten aber seine Gärten dabei? Die Tierhaltung und Jagdinszenierung lässt sich noch leicht mit einem Jagdschloss verbinden. Würz- und Küchengarten, auch der Weingarten versteht sich durch ihren „Nutzen“. Denkt man aber an all die mittelalterlichen Darstellungen des religiösen Paradieses, des biblischen Garten Eden, dann muss es doch auch die Versuchung gegeben haben einen solchen Garten in der realen Welt entstehen zu lassen. Wer, wenn nicht Friedrich der Weise hätte solch einen Garten entstehen lassen können? Seine geschaffene Gartenlandschaft entsprach doch genau dieser religiös geprägten Vorstellung von einem Schloss und seinem umgebenden Garten, dem biblischen Garten Eden – dem Paradies. In einem solchen Garten konnte man die teuren exotischen Pflanzen aus der neuen Welt und anderen fernen Länder einem erlauchten Publikum präsentieren. Wilde Kreaturen, zahme Tiere die friedlich neben einer der Hure Jesus geweihten Kapelle, einem Lustpavillon gleich, grasen. Das sind die Kontraste die jeder Künstler für sein Werk nutzten würde. Und dieses gegensätzliche Szenario wird beschattet und umrahmt von Zypressen, Palmen, Zitronen- und Apfelsinenbäume. Der Baumbewuchs exakt ausgerichtet und immer im gleichen Abstand voneinander gepflanzt. Kein Maler dieser Zeit hätte es besser malen können.

Bis vor kurzen war eigentlich nicht allzu viel über die Lochau und erst recht nicht über ihre Gärten bekannt. Spärlich informierten die Schriften von Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg aus dem Jahr 1888. Dicht gefolgt von Otto Heintze: „Annaburg das Städtlein an der Heide“ Geschichtlicher Rückblick um 1930 und von Ernst Borkowsy: „Das Leben Friedrich der Weise Kurfürst zu Sachsen“ aus dem Jahr 1929. Die Kernaussagen waren, Friedrich der Weise der Beschützer der Reformation verweilte oft und gerne in seinem „Lieblingsschloss“ Lochau. Wenn überhaupt, die Gärten wurden nur am Rande erwähnt.

Das Jagdschloss, das im Hintergrund mit seinen Giebeln aufragt, könnte die Lochau sein. Denn dies war das köstlichste Weidgelände des Kurfürsten, das Paradies der fröhlichen Jägerei: die Lochauer Heide. Ein Urwald damals. In dem Winkel zwischen der Elbe und der Schwarzen Elster. Und mitten drin in der Weltverlassenheit allein Schloss Lochau. Einst war es ein Dickicht von Eichen, durchzogen von Bächen, erfüllt mit kleinen Seen und weiten Sümpfen. Wie ergiebig die Jagdbeute an Raubtieren war, lässt sich aus der Notiz ersehen, dass Friedrichs Neffe hier die Summe von 208 Bären, 200 Luchsen und 3538 Wölfen erlegt hat.                                                                                                     Ernst Borkowsy

Umfangreich mit Friedrich dem Weisen beschäftigte sich 1984 Irmgard Ludolfi in:  „Friedrich der Weise: Kurfürst von Sachsen; 1463 – 1525“. Ihre Quellen sollen aber nur aus der Spätzeit der Lochau stammen, nicht aus der Zeit der Entstehung des Jagdschlosses und seines Umfeldes. Aber die Kenntnis des Herzheimer Berichtes, eines Zeitzeugen aus der Zeit Friedrich dem Weisen von 1519, einem seiner Gäste verdanke ich diesem Buch.

Leider geht Frau Ludolfi bei ihrer Friedrich Biografie auf die Bedeutung der Gärten auch nicht näher ein.

Die Lochau bestand - genauso wie die heutige Annaburg - aus einem Vorder- und einem Hinterschloss. Das Hinterschloss war dreiflüglig. Die vierte Seite schloss der „pfeifferstut“, die Loggia im Schlosshof, die bei festlichen Gelegenheiten als Musikantentribüne diente. Die Ecken waren mit Türmen bewehrt. Die Anlagen im Schlossgarten wie Schießhaus, Nerzhaus, Fischbehälter, Großer Teich, Finkenherd finden wir entsprechend in vielen Schlössern. Wir dürfen uns aber Friedrichs Schlossgarten sicherlich ähnlich vorstellen wie ihn der in Dresden liegende "Grundriss des Thier-Garthens bey Annnburg"zeigt, der zwischen 1573 und 1577/78 entstanden ist. Wie dort war ein Wall vorhanden, der „Schuttam“, der zur Befestigung um das Schlossterrain herum aufgeschüttet wurde und den ein Graben begleitete, der mit dem Großen Teich im Schlossgarten in Verbindung stand. Außerdem war der Garten mit einer sieben Kilometer langen Mauer umgeben.

Auch unser „Schlossbuch“; „Jagdschloss Annaburg – eine geschichtliche Wanderung“ vom Verein für Heimatgeschichte und Denkmalpflege e.V. Annaburg von 1994; gibt nur das wieder, was Gründler 100 Jahre vorher schon geschrieben hat. Keiner wagte sich an eine solide Beschreibung dieser Gärten ran. 

Es folgte Professor Stephan Hoppe 2004 mit seinem geschichts-architektonischen Aufsatz: „Anatomie einer frühen Villa Rustica“. Ihm verdanke ich überhaupt, dass ich in den alten Gärten der Annaburg nun mehr sah, als irgendwelche Schlossgärten die schon immer irgendwie zu einem Schloss gehörten.

Ab wann gab es Schlossgärten?

Die Aussagen von Herrn Hoppe sind faszinierend. Zeigt sie uns doch, dass es historisch gesehen in Deutschland die Schlossgärten erst gibt, nachdem sie hier in Lochau (Annaburg) entstanden sind. Die ersten Schlossgärten standen in Lochau (Annaburg) – was für eine Erkenntnis!

Letztlich liegen mir noch sehr umfangreiche Unterlagen von Thomas Lang vor; Auszüge zum Jagdschloss Lochau aus dem Manuskript seiner Dissertation über die ernestinesche Hofhaltung im ausgehenden Mittelalter im Übergang zur Neuzeit; unveröffentlicht 2022.

Diese Unterlagen geben detailliert Auskunft über die genauere Entstehungszeit der Lochau und ihrer Gärten. Vor allem aus diesem umfangreichen Material will ich eine Rekonstruktion des Schlosses und seiner Gärten versuchen.

Auch dürfen wir die Reproduktion des Kräuterbuches von J. Kentmann von 1563, die dieses Werk 2022 erstmals einer breiten Bevölkerung zugänglich machte, nicht vergessen. Dank diesem Buch erahnt man erst, welche Pflanzen in diesen Gärten zu finden waren.

Das alte Jagdhaus in der Lochauer Haide

Kernstück des Gartens war sein Jagdschloss, dessen Vorgänger Bau (Jagdhaus der Askanier) einst im Schutz der umliegenden Niederung aus Sumpf- und Schilfrohrwiesen errichtet wurde. 1422 unter den Askanier abbrannte, an dessen Folgen der letzte Askaniersche Herrscher verstorben ist. Das freigewordene Lehen erhielten nun die Wettiner. Sie bauten das Jagdhaus wieder auf und entwickelten es mit entsprechenden Erweiterungen zu einen richtigen (Jagd)Schloss. Dann durch Wasserstau an der heutigen Torgauer Straße mühselig und kostenintensiv zu einem richtigen Wasserschloss erweitert.

Hier geht es weiter mit dem Jagdschloss Lochau

und hier zu den Gärten der Lochau – dem Lieblingsschloss Friedrichs

BERND HOPKE
ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2023-05-17

Quelle

  • Thomas Lang; Auszüge zum Jagdschloss Lochau aus dem Manuskript seiner Dissertation über die ernestinische Hofhaltung im ausgehenden Mittelalter im Übergang zur Neuzeit; unveröffentlicht 2022;
  • Stephan Hoppe „Anatomie einer frühen Villa „Rustica“ 2004;
  • Beutel oder Beutelschule; Nachzeichnung (18. Jh): Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen (nach HumiliusRisse um 1654) ; Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013; Datei: MF17526
  • Ingetraut Ludolphy: Friedrich der Weise – Kurfürst von Sachsen 1463-1525, Leipzig 2006,
  • Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888;
  • Ernst Borkowsy: „Das Leben Friedrich der Weise Kurfürst zu Sachsen“ Jena 1929;
  • Fritz Stoy aus diversen Heimatheftbeiträgen 30iger-Jahren (Heimatboten);
  • Jagdschloss Annaburg  -eine geschichtliche Wanderung“ Verein für Heimatgeschichte und Denkmalpflege e.V. Annaburg; Geigerverlag 1994;
  • Das Kräuterbuch des Johannes Kentmann von 1563, Reprintausgabe 2022, Verlag Galerie Bilderwelt Stuttgart, Hrsg. Dr. Harald Alex
  • Waldkarte von 1556; Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, Sächsisches Staatsarchiv 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 077, Nr 014;
  • Beutel oder Beutelschule; Nachzeichnung (18. Jh): Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen (nach HumiliusRisse um 1654) ; Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013; Datei: MF17526