Erste Bahnfahrt

Eine kurze Fahrt und ein langer Heimweg


Am 7. Dezember 1835 wurde die erste Eisenbahnstrecke feierlich eröffnet. Sie führte von Nürnberg nach Fürth. In Preußen folgte die 11 km lange Strecke von Zehlendorf nach Potsdam, die  im 22. September 1838 eröffnet wurde. Sie wurde bereits bis zum 29.10.1838 nach Berlin um weitere 12 km verlängert. Bereits 9 Jahre später baute man schon an der Strecke Jüterbog – Riesa. Diese (Haupt)Strecke war bereits Länder übergreifend.  In Riesa hatte sie Anschluss an die Leipzig-Dresdner Eisenbahn, die seit dem 7. April 1839 Dresden mit Leipzig verband.

Im August 1848 wurde das erste Teilstück, die Eisenbahnstrecke Jüterbog—Herzberg fertig gestellt und dem Verkehr übergeben. Für kurze Zeit war Herzberg Endstation, denn die Weiterführung der Strecke Herzberg—Riesa konnte erst am 1. Oktober 1848 eröffnet werden. In dieser Zeit wurde in unserer Region heftig gestritten, denn die Älteren hielten es für eine Sünde, mit dem Feuerwagen durchs Land zu brausen, während die Jugend ganz begeistert war. Für die Bahnverwaltung war es einerlei was das „kleine Volk“ so in den Dörfern dachte, sie schoben das Schienennetz durchs Land. In der Bauzeit des heutigen Berliner Flugplatzes (BER) wurde das weltweit dichtestes Schienennetzes der Welt geschaffen. So schob sich auch die Eisenbahntrasse von Holzdorf über die Schwarze Elster, langsam durch die Annaburger Heide nach Falkenberg. Wegen der Bahntrasse hörte die Elsterregulierung nicht bei Arnsnester auf wie vorab geplant – sondern wurde bis nach Premsendorf geführt um die Brücke über die Schwarze Elster kürzer ausführen zu können – die anderen Interessenten (Anrainer bis zur Elbmündung) hatten kein Interesse an der Eindämmung der Schwarzen Elster, sie (Kleinbauern und die Städter aus Schweinitz und Jessen) wollten das Geld lieber sparen. Eine Entscheidung die zur größten Hochwasserkatastrophe der Region im Jahre 1925 führen wird.

Der Bahnbau hatte im September Falkenberg erreicht – noch war Falkenberg kein Eisenbahnkreuzungspunkt. Und so kam denn eines Tages im September die Stunde, da der Zug aus Jüterbog zum ersten Male nach Holzdorf kam. Nicht nur die Holzdorfer hatten sich vollzählig eingefunden, nein auch die Jugend der Nachbardörfer war vertreten. Und weil die Neugierigsten immer die Mädels sind, haben sie sich auch in der Mehrzahl in Holzdorf hierzu eingefunden. Bereits eine Stunde vor eintreffen des Zuges sah man sie promenieren. Arm in Arm wanderten sie den Bahnsteig auf und ab. Nach zweistündiger Wartezeit (der Zug hatte schon damals reichlich Verspätung) sahen sie dann das Ungeheuer heranrasseln und halten.

Die Schaffner sprangen heraus und als sie die große Mädchenschar sahen, da entdeckten sie, dass sie nicht nur Beamte sondern auch Menschen waren und luden die jungen Mädels zu einer Fahrt nach Herzberg ein. „Wir fahren noch weiter bis Falkenberg“, sagten sie, „auf der Rückfahrt holen wir euch dann ab.“ Nun, das war ein verlockendes Angebot, aber die Mädels waren denn doch zu schüchtern. Nur die Waltersdorfer (heute Löben) Mädels waren immer so ein bisschen vorneweg, das war damals so. Sie waren natürlich die ersten, die im Zug waren. Die anderen mochten nicht folgen. Ab ging die Fahrt.

Das war ja nun ein feines Vergnügen. Die Bäume und die Menschen und Häuser jagte vorbei, wie schnell war man doch in Herzberg und es hieß aussteigen. „ Also, wir holen euch  ganz bestimmt ab, Kinners“ riefen noch die Schaffner – und dann dampften sie ab.

Die Waltersdorfer Mädels machten halb Herzberg rebellisch. Wie Weltreisende kamen sie sich vor. Dann verzogen sie sich nach dem Bahnhof um das Dampfross wieder zu besteigen, welches sie nach der Heimat bringen sollte. Aber wer nicht kam waren unsere braven Schaffner mit ihrem Zug. Die hatten sich einen Spaß daraus gemacht die Mädels in Herzberg sitzen zu lassen. Es wurde spät und später, schließlich entschlossen sie sich zum Heimmarsch. Das war ja nun weniger schön: im Dunkeln ging die Wanderung durch den finsteren Wald; ein schlechtes Gewissen bedrückte die nächtlichen Wanderinnen außerdem, denn das Vieh war doch nicht gefüttert und sie hatten ja auch nichts sagen können, das sie so lange wegbleiben würden. Zuhause gab es zunächst ein mächtiges Donnerwetter. Aber nachher und das war noch viel schlimmer, da wurden sie gar noch verspottet. Ja, ja wer den Schaden hat ….

 

Quelle: 
Nach einer Erzählung aus dem Schweinitzer Heimatkalender von 1932

Annaburg©2022-03-05