Die Zigeunerin


Leute, welche an einem bestimmten Tag geboren sind, haben die Gabe mehr zu sehen als die so genannten Alltagsmenschen. So die Sonntagskinder, mehr noch die an einem Feiertag und noch mehr die in der Walpurgisnacht und die in der Johannisnacht. Zum Teil wird auch ihre Gabe durch die Stellung der Himmelskörper beeinflusst. Nun lässt sich schwerlich feststellen, wann jemand, der schon längst verblichen (Tod) ist, geboren wurde. Und die Sage rührt sicherlich auch aus sehr vergangenen Zeiten. In Klöden war Tanz, und auch die Mädchen vom Rettig waren dort hingegangen, unter ihnen war Wilhelmine M., welche ebenfalls viel Geheimnisvolles sehen konnte. Wie es nun mal vorkommt, hatte sich unsere Wilhelmine auf dem Tanzboden mit ihrem Schatz verstritten. Der Verlassenen waren danach Lust und Freude vergangen, daher trat sie alleine den Heimweg an. Auto, Fahrrad, Handy und auch die Taschenlampe waren noch nicht erfunden, also ging es zu Fuß ohne zusätzliches Licht über Land nach Hause. Der Mond leuchtete und sie kannte ja auch den Weg recht gut. Tiefbetrübt und nachdenklich, auf nichts achtend ging sie dahin. Fast hatte sie das kleine Wäldchen hinter sich gebracht, da wurde sie mit ihrem Namen angesprochen. Im selben Augenblick schob sich eine Wolke vor den Mond – totale Finsternis war die Folge. Erst wurde ihr gar nicht bewusst, was Sache war, so vertieft war sie in ihren Gedanken. Die Stimme wurde zutraulicher und kam auch auf ihre Sorgen zu sprechen, sie damit auch großen Kummer habe und nicht wisse, wie es weitergehen soll. Unserem Mädchen taten diese Worte gut und sie wurde mit der Gestalt vertrauter. Nun bot ihr ihre Begleiterin an, sie wolle ihr wahrsagen und damit ihre ferne Zukunft offenbaren. Als Preis forderte sie aber die Feiertagstracht des Mädchens. Sie hätte sehr gerne gewusst, wie es weitergehen sollte, aber was sollte sie ihrer armen Mutter sagen, wenn sie ohne Kleid zurückkam.

Im gleichen Moment lugte der Mond wieder hervor und nun erkennte Wilhelmine eine schlampig gekleidete Zigeunerin neben sich. Jetzt fiel ihr auch ein, dass sich im genannten Wäldchen der Friedhof der Ehrlosen und Zigeuner befinden soll. Somit konnte ihr Gegenüber auch nur ein Geist von dort sein, welcher aus irgendeinem Grunde sich eine Tracht verschaffen musste um endlich zur Ruhe zu kommen. Da unsere Wilhelmine ihr guter Ruf mehr galt als die Zukunft einer Zigeunerin, ergriff sie schnell die Flucht. Nun muss die Zigeunerin auf eine neue Gelegenheit warten.          

Willy Eichler

 

Quelle
Sagensammlung von Willy Eichler, Schulbroschüre

Annaburg©2022-03-07