Ein Unteroffiziersvorschüler

Hermann Baasch


Zeitzeugenbericht eines Annaburger Unteroffiziersvorschülers von 1901-03

 

Hermann Baasch wurde am 12. Februar 1886 in Dehnhöft, eine kleine Halbinsel zwischen der Kieler und Eckernförder Bucht geboren. Er war das zweitälteste Kind von sieben Geschwistern. Seine Eltern haben zeitlebens schwer um ihre Existenz gerungen, besonders, solange die Kinder noch im Hause waren. Er kam aus armen Verhältnissen. Sein Vater, Friedrich Hinrich Baasch, geboren am 7. 1. 1858 im Gute Kaltenhof war anfänglich Tagelöhner auf dem Gut, dann Fabrikarbeiter in einem Rüstungsbetrieb in Kiel und ist am 25.12. 1943 gestorben. Seine Mutter, Caroline Christine Dorothea Baasch geb. Röpstorf, geboren 4. 4. 1861 in Lindhöft, Hausfrau, ist 1. 7. 1943 gestorben. Sie war trotz aller Not und Drangsal des Lebens eine Frohnatur, mochte die Not auch noch so groß sein, die nie den Mut verlor und mit gesundem, oftmals derben Humor durchs Leben ging. Sie trug die Sorge für Nahrung und Notdurft der Familie. Sein Vater lieferte am Zahltag seinen kargen Verdienst bis auf ein paar Pfennige für Tabak restlos ab. Seiner Mutter blieb es überlassen, die Bedürfnisse der Familie von dem wenigen ihr zur Verfügung stehenden Geld zu bestreiten.
Ab 1892 besuchte er die Schule, die öfters unterbrochen wurde, damit Baasch bereits zum Unterhalt der Familie beitragen konnte. Er arbeitete dann auf dem Gute Eckhof. Der Tagelohn für die Kinder betrug sechzig Pfennig, für einen halben Tag also 30 Pfennig. Seit 1898 musste er neben der Schule regelmäßig als Hofjunge auf dem Gute Eckhof arbeiten und verdiente dort täglich 0,80 M. Trotzdem fiel Baasch der Schulunterricht nicht schwer. Er beendete seine Schulzei 1901. Da die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Eltern es nicht gestatteten, dass er ein Handwerk erlernte hatte er sich für eine Ausbildung zum Unteroffizier an der Unteroffiziers-Vorschule (U-V) Annaburg bei Wittenberg (Lutherstadt) beworben, da Kost und Logis frei waren. Im Februar 1901 erhielt Baasch den Annahmeschein für die U.V. Annaburg und die Aufforderung, sich am 16. April beim Bezirkskommando Schleswig zwecks Einstellung einzufinden, was am 17. April erfolgte.
Vom 18. April 1901 bis zum 15. April 1903 besuche Baasch die Unteroffiziersvorschule in Annaburg.

„Palmsonntag 1901 wurde ich in der Kirche zu Dänischenhagen konfirmiert. Nach der Konfirmation blieben mir noch vierzehn Tage bis zur Abreise nach Annaburg, während der ich mich zur Entlastung meines Vaters mit häuslichen Arbeiten beschäftigte. Viel Abschied brauchte ich nicht zu nehmen, da ich keinerlei Bindungen (Freunde) hatte. Um am 16. April, 10 Uhr, rechtzeitig beim Bezirkskommando in Schleswig zu sein, musste die Hinreise schon am 15. April angetreten werden. Bald nach dem Mittagessen machte ich mich in Begleitung meines Vaters mit einem kleinen Köfferchen, das die wenigen mitzubringenden Sachen, wie Unterwäsche usw. enthielt, in der Hand auf „den Weg ins Leben“. Von Scharnhagen nach Gettorf zu Fuß (etwa 2 1/2 Stunden), dann mit der Bahn über Süderbrarup nach Schleswig. In der Haustür stand meine Mutter und sah mir tränenden Auges nach. Ihr letztes Wort:,, Gah mit Gott, min Sühn“, habe ich nie vergessen. Ich sehe meine Mutter in ihrer einfachen, ja, ärmlichen Kleidung noch heute vor mir.

Auf dem Bezirkskommando traf ich am nächsten Morgen mit mehreren jungen Leuten zusammen, die auch zur Unteroffizier-Vorschule einberufen waren, einige nach Greifenberg in Pommern, andere nach Weilburg/Lahn und Neu-Breisach/ Baden. Darunter war auch ein Namensvetter Adolf Baasch aus Gettorf, den ich nach zwei Jahren auf der Unteroffiziersschule Treptow/Rega —1. Komp.— wieder traf. Dort geriet er „unter die Räder“. Er wurde wegen Diebstahls mit drei Wochen strengem Arrest bestraft und nach Verbüßung der Strafe „wegen moralischer Unbrauchbarkeit“ entlassen. Einige Jahre später, es mag 1908 gewesen sein, hörte ich noch einmal in Kiel von ihm, als er wegen sittlicher Verfehlungen polizeilich verfolgt wurde. 
Wir wurden nochmals ärztlich untersucht, eingehend instruiert, mit Reiseausweisen versehen und nachmittags vom Schleswiger Bahnhof aus in Marsch gesetzt. Bei der Einstellung waren sechs Mark zur Beschaffung der ersten Putzmittel abzuliefern, die vorsorglich dem Kommando der U.V. durch die Post übersandt wurden. Bis Neumünster fuhr ich noch in Gesellschaft der nach anderen U. Vorschulen einberufenen Kameraden, dann allein über Ratzeburg nach Hagenow (Land). Dort machte ich im Wartesaal die Bekanntschaft von drei jungen Leuten, die ebenfalls zur U.V. Annaburg einberufen waren: Martens, ein Gastwirtssohn aus Heide/Holst., ein langer dürrer Mensch, der sehr vornehm tat, Schulz und Rühmann aus Rendsburg, zwei einfache Burschen. Alle drei verfügten anscheinend über reichliches Taschengeld, da sie dem kalten Büffet der Bahnhofsgaststätte eifrig zusprachen. Ich hatte trotz der Geldknappheit meiner Eltern drei Mark Taschengeld mitbekommen. Der Glasschrank mit den so herrlich belegten Brötchen lockte auch mir die ersten Groschen aus der Tasche. Solch schönen gekochten Schinken hatte ich noch nie gesehen, geschweige denn gegessen. Dazu wurde selbstverständlich unter Führung des branchekundigen Gastwirtssohnes ein großes Helles getrunken. Für die Weiterreise wurde noch ein kleines Fläschchen Cognac — für mich etwas Unbekanntes — gekauft. Jugendlicher Unverstand und Leichtsinn! Als wir in Annaburg ankamen, hatte ich noch fünfundachtzig Pfennig in der Tasche! Unser künftiges Taschengeld, das die U.V. zahlte, betrug monatlich 75 Pfennig, wovon 25 Pfennig für Haarschneiden einbehalten wurden. Mit den restlichen 50 Pfennig konnten wir auch keine großen Sprünge machen, wir gebrauchten auch nichts, da wir Unterkunft, Bekleidung und Verpflegung vom preußischen Staate bekamen und unsere sonstigen Bedürfnisse sehr gering waren. Gegen 11 Uhr abends fuhren wir nun zu vieren von Hagenow weiter über Wittenberge, Magdeburg, Wittenberg (Lutherstadt), nach Annaburg, wo wir am 17. April nachmittags gegen 15 Uhr eintrafen. Dort wurden wir von einigen Unteroffizieren unseres künftigen Domizils militärisch in Empfang genommen und zur etwa 20 Minuten entfernten Kaserne geführt. Aus den vier angebenden Zöglingen in Hagenow war auf der weiten Strecke bis Annaburg ein großer Transport junger Leute geworden. Der Bahnhof Annaburg lag ziemlich außerhalb des Ortes. Es herrschte laues, nieseliges Frühlingswetter. Auf dem Wege zur Kaserne kamen wir an einer Steingutfabrik vorbei, in der mehrere hundert Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt waren. Annaburg war um die Jahrhundertwende ein kleiner, wenig einladender Ort, am Rande der „Lochauer Heide“ mit etwa 3 000 Einwohnern, umgeben von großen Kiefernwäldern. Der Ort machte einen kahlen, unfreundlichen Eindruck. Die Bevölkerung bestand aus Ackerbürgern, kleinen Gewerbetreibenden und Arbeitern, von denen viele im 130 km entfernten Berlin als Bauarbeiter (Wochenendfahrer) beschäftigt waren. 
Der Ort führt seinen Namen nach dem unserer Kaserne unmittelbar gegenüber liegenden Schloss Annaburg, das Kurfürst Friedrich der Weise (tatsächlich aber Kurfürst August - Friedrich der Weise hatte das Vorgängerschloss "die Lochau" nur für sich selber errichtet - vielleicht auch um seine bürgerliche Geliebte Anna Weller im geheimen empfangen zu können - er selber blieb zeitlebens unverheiratet) von Sachsen seiner Gemahlin Anna errichtete. Kurfürst Friedrich der Weise war es, der 1521 den Augustinermönch D. Martin Luther auf seiner Rückreise vom Reichstage zu Worms nach Wittenberg im Thüringer Walde von Bewaffneten gefangen nehmen und zur Wartburg bringen ließ.
1901 waren im Schloss Annaburg Zöglinge des Militär-Knaben-Erziehungs-Instituts untergebracht. Das Institut wurde, wenn ich recht erinnere, 1716, von dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm 1., Vater des „Alten Fritz“, der auch das „Große Militär-Waisenhaus in Potsdam“ 1724 ins Leben rief, gegründet (es wurde von Sachsen - August dem Starken - als Pedant zum Potsdamer Waisenhaus in Dresden gegründet). Die U. Vorschule wurde 1881 errichtet, bestand 1901 also schon 20 Jahre. Heute gehört Annaburg zur DDR. Die Kaserne der ehemaligen Vorschule ist mit russischem Militär belegt. Fotografieren der Kaserne ist verboten. Das Schloss soll zu Wohnungen umgebaut sein.
Gleich nach dem Eintreffen in der Kaserne wurden wir Neulinge auf die beiden Kompanien verteilt. Martens, Schulz und ich kamen zur 1. und in dieser zur 1. Korporalschaft. Rühmann wurde der 2. Kompanie zugeteilt. Ich habe ihn später nur selten gesehen, nach der Überweisung zur Unteroffizierschule, zwei Jahre später, überhaupt nicht mehr. Unser Korporalschaftsführer war ein älterer Sergeant, ein wirklich guter Vorgesetzter, der nach kurzer Zeit infolge Beendigung seiner 12-jährigen Dienstzeit in den Zivildienst übertrat. Wir sahen ihn ungern scheiden. Ihm folgte ein eben von der Truppe gekommener Unteroffizier, ehemaliger Unteroffizier-Vorschüler und -schüler, ein tüchtiger Soldat, der uns stets korrekt und gerecht behandelte. Nach der Verteilung wurden wir auf unsere Stube geführt. Jeder musste sich sein „Spind“ (Schrank) aussuchen, in dem er Essnapf mit Teller und Essbesteck und ein Handtuch vorfand. Auf jedem Spind lag ein Schemel als „Stuhlersatz“. In der Mitte der Stube standen drei Holztische mit abnehmbarer Holzplatte, die umgedreht wurde, wenn wir untere Sachen putzten. Neben der Stubentür stand ein einfacher Waschtisch, der nie benutzt wurde, auf dem zwei Wasserkrüge standen. Auf dem Fußbrett des Waschtisches hatte die Fußbadewanne aus Zinkblech ihren Platz, die auch nie benutzt wurde, aber ständig unter Glanz gehalten werden musste und jeden Sonnabend beim Revierreinigen mit einer Polierkette gewienert wurde. Über jedem Tisch hing eine Petroleumlampe, der Schrecken der Stubendiensthabenden, die für hellbrennende, blanke Lampen zu sorgen hatten.
Wir hatten uns kaum in unserm neuen „Heim“ richtig umgesehen, als wir uns in zwei Reihen auf unsere Schemel setzen mussten und den ersten Unterricht über Verhalten in der Kaserne und Hinweise auf unsere unmittelbaren Vorgesetzten (Offiziere) erhielten, deren Namen hier nicht mehr interessieren. Die Verwaltung, sonst vom Zahlmeister und Unterzahlmeister ausgeübt, wurde vom Rendanten (Zivilbeamter) wahrgenommen. Ihm war ein älterer Unteroffizier als Schreibkraft beigegeben, der dadurch Gelegenheit hatte, sich auf den Verwaltungsdienst vorzubereiten. Zu meiner Zeit war es Sergeant Wichmann, der 1902 nach 12-jähriger Dienstzeit ausschied und eine Anstellung im Zivildienst erhielt. Etwa 1910, ich war seit dem 1. September 1907 im Dienste der Stadt Kiel, fand ich in den Kieler Neueste Nachrichten öfters kleine Artikel über die Sozialversicherung die Reichsversicherungsordnung war im Entstehen — die mit „Wichmann“ unterzeichnet waren. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass der Schreiber dieser Artikel der ehemalige Sergeant Wichmann in Annaburg war, der seit Jahren Beamter der Stadt Kiel war. Er war bei der damaligen Polizeibehörde, der das Versicherungsamt angegliedert war, beschäftigt, war also Experte auf dem Gebiet der Sozialversicherung. Er war dort auch noch 1924 tätig, als ich durch die Eingemeindung von Neumühlen- Dietrichsdorf wieder zur Stadtverwaltung Kiel kam. Wir haben uns hin und wieder im Rathaus gesehen, sind uns als ehemalige Annaburger aber nie näher gekommen. Ich vermute, dass von seiner Seite ein gewisser Neid bestand, weil ich ihn, etwa 14 Jahre jünger als er, im „Aufstieg“ überholt hatte. Er ging Mitte der zwanziger Jahre in den Ruhestand und kehrte in seine Heimat, Seehausen i. d. Mark, zurück.
Nach dem halbstündigen Unterricht wurden wir in den „Souterrain“ (Keller) geführt und erhielten dort das erste Bad, allerdings nicht in einer Badewanne, sondern in einem Holzbottich. Das Bad wurde uns vom Spieß in höchsteigener Person durch Auf- und Zudrehen des Wasserhahns mit begleitenden Befehlen verabfolgt. Nach kurzer Verschnaufpause auf unserer Stube wurde zum Abendessen angetreten. Mit Essnapf und Löffel versehen zog nunmehr die ganze Kompanie, ca. 125 junge Burschen, in den Speisesaal im Souterrain. Es gab Brotsuppe und... teilweise lange Gesichter weil die Suppe nur mit Salz gewürzt war. Wir haben uns jedoch sehr bald an diese Suppe, die es zweimal in der Woche gab, gewöhnt und lernten, sie durch eine kleine Zuckerzutat schmackhaft zu machen, sofern wir uns für 5 oder 10 Pfennig Zucker kaufen konnten. 
Wir mussten uns auch daran gewöhnen, dass wir als Morgenkost in der Woche fünfmal Mehlsuppe und einmal Brotsuppe erhielten. Nur am Sonntagmorgen gab es einen mit Süßstoff angereicherten Kaffee. Unser Mittagessen war reichlich, kräftig und schmackhaft. Es gab wohl hin und wieder Nörgler, von mir aus muss ich aber bekennen, dass ich eine derart gute Kost nicht zu Hause gehabt hatte. Im übrigen erhielten wir täglich 750 Gramm Brot (Graubrot, kein Kommissbrot) und 30 Gramm Butter, sonntags 40 Gramm. Am Sonntagabend gab es für jeden zwei kleine Glas (Wasserglas) Schultheis- Bier. Ab Herbst 1902 wurde die Abendkost abwechslungsreicher (Grießsuppe in Magermilch, Wasserkakao, Pellkartoffeln mit Salzhering usw.). Kurz vor 9 Uhr räumten wir, so gut wir es konnten, unsere Stube auf und begaben uns mit unserem Waschzeug (Handtuch, Seife, Waschlappen, Zahnbürste und Zahnputzpulver-Schlemmkreide) auf unsern Schlafsaal. Zögling Martens war vom Korporalschaftsführer zum Stuben- und Schlafsaalältesten bestimmt worden. Die einzelnen Dienstposten wie Stuben-, Flur-, Schlafsaal- und Waschraumdienst, wurden erst am nächsten Tage verteilt. Der Schlafsaalälteste ließ seine Schutzbefohlenen im Schlafsaal antreten und erwartete mit ihnen den U.v.D. Bei seinem Erscheinen kommandierte Martens auf dessen Aufforderung (hilflos) mit heller Mädchenstimme: „Stille stehn?“ Der U.v.D. — es war der wohlbeleibte Sergeant Müller — nahm seinen Helm ab und befahl: „Beten“! Erneute Hilflosigkeit beim Schlafsaalältesten, der sich aber fasste und kurz entschlossen das „Vater unser“ sprach, das wohl alle mitgebetet haben. Als Martens geendet hatte, setzte der U.v.D. seinen Helm wieder auf und sagte zu Martens: „Morgen Abend sprechen Sie das richtige Gebet. Ich habe es in den vergangenen 76 Jahren nicht vergessen und lasse es hier folgen:
Lieber Gott, kannst alles geben, gib auch was ich bitte nun: schütze diese Nacht mein Leben, lass mich sanft und sicher ruhen. Sieh von dem Himmel nieder, auf die lieben Eltern mein. Lass uns alle Morgen wieder fröhlich und Dir dankbar sein“. Es wurde auch vor und nach dem Essen gebetet und gedankt, was von uns 15 bis l7jährigen jungen Menschen als etwas Selbstverständliches hingenommen, nie belächelt oder bespöttelt wurde. Wie ich im April 1975 von einem 83jährigen alten Herrn, der Zögling des Großen Militär-Waisenhauses in Potsdam war, hörte, wurde dort in gleicher Weise verfahren. Nach dem Abendgebet mussten wir unser Waschzeug vorzeigen und dann unverzüglich „Schlafengehen“. Jeder suchte sich schnell ein Feldbett mit festgestopftem Strohsack (Matratzen mit Krollhaarfüllung waren den Unteroffizieren vorbehalten), Kopfpolster und drei Wolldecken im blau und weißkariertem Bezug und begab sich schnellstens in die „Falle“.

Ich erinnere, dass ich morgens genau so lag, wie ich mich abends hingelegt hatte. Während der Eisenbahnfahrt in der vergangenen Nacht hatte ich überhaupt nicht geschlafen. Am 18. April begann vom Wecken bis Zapfenstreich des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr. Die Betten wurden gebaut, Stuben, Schlafsaal, Waschraum und Flur wurden gereinigt. Nachdem alles in Ordnung gebracht war, nahmen wir die Morgensuppe ein. Um 7 Uhr begann der Dienst.
Die Leserinnen und Leser dieser Niederschrift mögen mir meine Langatmigkeit verzeihen. Es ist mein Lebensweg, den ich aufzeichne. 76 Jahre nach meiner Schulentlassung ziehen an meinem geistigen Auge vorüber. Manches erscheint belanglos, ist für mich aber eine schöne Erinnerung. Wenn der Dienst in den vier Jahren auf der Unteroffizier-Vorschule und -schule auch streng und hart war, war er für mich doch eine gute Erziehung, ja ich glaube, dass ich während dieser Jahre die Grundlage für mein späteres Leben erhielt. Es war preußische Erziehung, in der das Wort „Pflicht“ an erster Stelle stand!

Nach wiederholter ärztlicher Untersuchung und der ersten Einkleidung, die in den nächsten Tagen fortgesetzt wurde, begann die Grundausbildung. Es wurde täglich eine Stunde geturnt, wöchentlich zwei Stunden exerziert und im Sommer einmal wöchentlich Schwimmunterricht in der etwa eine Stunde entfernten, mitten im Kiefernwald gelegenen Schwimmanstalt erteilt. Das Schwimmbassin erhielt sein Wasser durch den „Neugraben“‚ ein künstlich hergerichteter, etwa 2 Meter breiter Wasserlauf, der auch den Ort Annaburg durchfloss. Woher er kam, wohin er floss, ist mir nicht bekannt. Die Wände des ausgehobenen Bassins bestanden aus dicken Kieferstämmen.
Neben dem praktischen Dienst hatten wir wöchentlich einige Stunden Unteroffizierdienstunterricht. Geschichts- und Geographieunterricht erteilten die Jahrgangsoffiziere. Der Unterricht in den Elementarfächern wurde uns von tüchtigen Volksschullehrern gegeben. Unvergessen ist mein erster Lehrer, Kantor Platz, der uns jungen Leute mit wenigen Worten von der richtigen Seite zu packen wusste, auch den größten „Schlot“ derart in seine Schranken wies, dass er verschämt auf die Schultischplatte sah. Kantor Platz wurde im Herbst 1901 nach 50jähriger Schuldienstzeit - er hatte vor Gründung der U.-Vorschule Annaburg, 1881, schon am Militär-Knaben-Erziehungs-Institut Annaburg unterrichtet - in den Ruhestand versetzt und erhielt zum Abschied den „Roten-Adler-Orden IV. Klasse“, in wilhelminischer Zeit eine besondere Auszeichnung und Anerkennung für einen Volksschullehrer. Ende 1969 erfuhr ich, dass zur gleichen Zeit, als Kantor Platz am Mil.Kn.-Erz.Institut amtierte, dort auch der fr. Volksschullehrer Andreas Schöppa unterrichtete — 1870 bis 1875, - der anschließend Seminarlehrer in Uetersen, Kreisschulinspektor in Tondern und von 1896 bis 1906 Seminardirektor am Lehrerseminar in Eckernförde war. Daraus ist zu entnehmen, dass in Annaburg ausgesuchte tüchtige Volksschullehrer unterrichteten.

Nachfolger von Kantor Platz wurde der aus Ostpreußen stammende Volksschullehrer Papst, der einen besonders guten Deutschunterricht erteilte und durch interessantes Kopfrechnen zum schnellen Denken erzog. Als wir am 1. April 1903 zur Unteroffizierschule Treptow/Rega überstellt wurden, machten wir - nicht alle - einen Tag vor der Abreise bei ihm in seiner Wohnung einen Abschiedsbesuch, worüber er sehr erfreut war. Er hatte für jeden ein anerkennendes Wort. Ich erinnere (mich) noch sehr gut, dass er zu mir sagte: „Baasch, es kommt beim Übertritt in den Zivildienst nicht darauf an, wieviele Klimmzüge und Doppelbeinheben Sie machen können (ich war ein schlechter Turner), sondern dann wird gefragt, was haben sie gelernt. Bleiben Sie so bei, dann werden Sie es auch zu etwas bringen“. 
Ich glaube ohne Überheblichkeit sagen zu können, dass ich zu seinen guten Schülern zählte. Im April 1903 ahnte ich noch nicht, dass mein freiwillig erwählter Soldatenberuf schon in gut zwei Jahren beendet sein würde und ich wieder von vorn anfangen müsste. Die Abschiedsworte meines Lehrers habe ich aber immer beherzigt.

Im Juni 1901 machte die 1. Kompanie der U.V. Annaburg eine eintägige Wanderfahrt nach Wörlitz in Anhalt- Dessau, frühere Residenz des Fürsten Leopold von Anhalt- Dessau, der als Feldmarschall und Exerziermeister des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm 1. in die Geschichte einging. Im Schloss zu Wörlitz, nahe der Elbe, war damals ein Museum untergebracht, in dessen Räumen Erinnerungsstücke an den „Alten Dessauer“ aufbewahrt wurden, angefangen bei seinem ersten Bett und Spielzeug bis zu seinem Sterbebett. Seine Gemahlin war Anna Luise Föhse, eine Apothekerstochter, genannt Anneliese von Dessau. Der große und schöne Schlosspark, der „Wörlitzer Park“, wurde von zahlreichen, künstlich hergerichteten Wasserarmen durchzogen, die von der Elbe abgezweigt waren und kleine Inseln bildeten, auf denen kleine Tempel errichtet waren wie „Tempel des Tags“ und „Tempel der Nacht“ die vielleicht amourösen Zwecken gedient haben. 
Als wir den Park verlassen wollten, ritt ein hoher Offizier, begleitet von einer großen Militärkavalkade an uns vorbei, würdigte uns aber keines Blickes. Es war General von Hindenburg, der spätere Reichspräsident, zu der Zeit Kommandeur des IV. Armeekorps.

Die Zöglinge der Unteroffizier-Vorschulen - um die Jahrhundertwende sieben - erhielten außer Oster-, Pfingst- und Weihnachtsurlaub im Spätsommer j. Js. sechs Wochen Erholungsurlaub. Mein erster großer Urlaub begann am 8. August 1901 und dauerte bis Mitte September. Wir durften schon am 7. August fahren. Vorher, am 5. und 6. August, hatten wir „große Besichtigung“ durch den Inspekteur der Infanterieschulen Generalmajor von Uslar, ein alter, väterlicher Herr, der sehr milde mit uns verfuhr und vor dem unsere Vorgesetzten anscheinend mehr „Wind“ hatten als wir Zöglinge. 
Am 7. August, morgens 5 1/2 Uhr fuhr ich von Annaburg ab und war dank guter Personenzugverbindung abends 7 Uhr in Kiel, wo mein Vater mich erwartete. Wir fuhren mit dem nächsten Schiff nach Friedrichsort und marschierten von dort in 1 1/2 Stunden nach unserem Heimatdorf Scharnhagen. Die Freude der Mutter, ihren Sohn wiederzusehen, war groß. Der vermeintlich lange Urlaub war schnell vorbei. Von der Verwaltung der U.V. hatte ich einen Freifahrtschein für die Eisenbahn, Verpflegungs- und Brotgeld bekommen. Wenn diese Sätze auch nicht erheblich waren, stellten sie doch ein geringes Taschengeld und eine wirtschaftliche Entlastung der Eltern für meinen Unterhalt dar. Weihnachten und Ostern gab es 14 Tage Urlaub, den ich gern in Anspruch nahm, ohne zu bedenken, wie schwer es den Eltern fiel, das Reisegeld — Rückfahrkarte 10,60 M- aufzubringen und mich zwei Wochen durchzuhalten. Allein das Reisegeld bedeutete fast einen Wochenverdienst meines Vaters. Ich muss mich heute noch meiner Dummheit schämen! Als ich 1903/05 auf der Unteroffiziersschule war, habe ich darüber nachgedacht und auf den Urlaub zu Ostern und Weihnachten verzichtet. In den beiden Jahren auf der U.-Schule bin ich nur einmal auf Urlaub gefahren. Es war der „Große Urlaub“ für vier Wochen. Auch in diesem Falle gab es einen Freifahrtschein, Löhnung (alle 10 Tage 2,20 M), Verpflegungs- und Brotgeld.

Die beiden Jahre in Annaburg gingen schnell dahin. Im Sommer 1902 machten wir eine dreitägige Wanderfahrt durch die „Sächsische Schweiz“, nördlicher Teil des Elbsandsteingebirges an der sächsisch böhmischen Grenze, die viel Abwechslung und Freude brachte. Diese wurde durch den chronischen Geldmangel sehr beeinträchtigt. Am ersten Tage fuhren wir mit der Eisenbahn von Annaburg über Dresden bis Rathen/ Elbe. Von hier aus wurde gewandert. 
Unser Weg ging in Serpentinen den Basteifelsen hinauf zur Bastei, von wo aus man bei schönstem Sonnenschein einen herrlichen Fernblick über die Elbe und das Gebirge hatte. In der Ferne sah man auf hohem Felsen die alte Festung „Königsstein“, in der mancher Gefangene, der den früheren absoluten Herrschern unbequem war, geschmachtet hat. Ziel unseres ersten Wandertages war Bad Schandau, wo übernachtet wurde. Dort habe ich zum ersten Male in meinem Leben einen großen Windbeutel mit Schlagsahne gegessen. Er kostete 15 Pfennig. Der zweite Wandertag führte immer weiter durch die Berge zum „Kuhstall“, eine versteckte Bergschlucht, in der die Bevölkerung in früherer Zeit Schutz suchte, wenn das Land mit Krieg überzogen wurde, Das Endziel am dritten Tage unserer Wanderung war Herrnskretschen. Der Weg dorthin führte durch die Edmundsklamm und durch das Prebischtor. Es war ein regnerischer Tag. Unsere Verpflegung während des ganzen Tages, die uns morgens ausgehändigt wurde, waren zwei trockene Brötchen und eine Frikadelle. Hungrig und durstig trafen wir am Spätnachmittag in Herrnskretschen ein. Dort erhielten wir eine dicke, mit gekochtem Rindfleisch und Salzgurke belegte Stulle und ein Glas Bier. Gegen 6 Uhr abends fuhren wir mit dem fahrplanmäßigen Zuge heimwärts nach Annaburg, wo wir gegen Mitternacht eintrafen und uns ermüdet auf unser Strohsack legten. In unserer Hoffnung auf eine Abendsuppe wurden wir enttäuscht.

Im Herbst 1902 erhielten wir einen neuen Inspekteur der Infanterieschulen, der alsbald eine Besichtigung der ihm unterstellten U.-Vorschulen und -schulen vornahm und als eine der ersten die U.-Vorschule Annaburg aufsuchte. Ihm hatten wir es zu danken, dass wir fortan jeden Abend eine warme Abendkost bekamen. Neue Besen kehren gut.

Am 15. April 1903 war unsere zweijährige Vorschulzeit beendet.

Soweit der vollständige Auszug. Sein weiteres Leben fasse ich hier kurz zusammen – wer mehr darüber lesen möchte verweise ich auf die u.a. Quellenangabe.

Nach Abschluß der Unteroffiziersvorschule in Annaburg wurde Baasch an die Unteroffizierschule Treptow/Rega überstellt. Sie war die jüngste unter den bestehenden sieben Schulen Unteroffiziersschulen. So wurde er am 15. April Soldat, Füsilier der 2. Komp. U-Schule Treptow/Rega. Auf Grund einer Erkrankung konnte Baasch seine Ausbildung nicht beenden und wurde am 30. 6. 1905 notdürftig geheilt, als Halbinvalide mit sechs Mark Militärrente monatlich, nach Pries bei Friedrichsort, wo seine Eltern seit Mai 1904 wohnten, entlassen.

Er wollte nicht als ungelernter Handarbeiter arbeiten, das hätte er auch schon 1901 haben können. Er arbeitet als Bürohilfsangestellter in einer Meierei und nach dem Konkurs der Firma in verschiedenen Aushilfsbeschäftigungen. So war er u.a. auch als Diener bei dem Admiral a.D. Thomsen beschäftigt. Durch seine Empfehlung konnte Baasch ab dem 02.9.1907 beim Öffentlichen Dienst im Amt der Stadt Kiel unterkommen. Hier arbeitet Baasch in verschiedenen Dienstposten. Am 2. September, morgens 8 Uhr, meldete er sich bei dem Bürovorsteher der Armenverwaltung, Stadtsekretär Miethke, und begann dort seine 43 1/2 jährige Dienstzeit in der Stadtverwaltung Kiel, die am 28. Febr. 1951 infolge Erreichung der Altersgrenze endete. Sein Abteilungsleiter war Stadtsekretär Georg Müller, auch ein ehemaliger Annaburger, d.h., er war vom 10. bis 14. Lebensjahr Zögling des Militär-Knaben-Erziehungs-lnstituts in Annaburg gewesen. So machte Hermann Baasch seinen „Weg“ vom ständigen Hilfsschreiber, über den Polizei-Sergeant, Verwaltungsinspektor zum Kreisamtleiter. Dazu qualifizierte er sich entsprechend und bestand 1921 die 1. und 1929 die 2. Verwaltungsprüfung.
Am 1. Januar 1946 kam er als Dienststellenleiter und Standesbeamter nach Kiel-Pries-Friedrichssort. Hier blieb er bis zu meiner Versetzung in den Ruhestand am 28.2.1951.
Seine Ehefrau verstarb nach einem jahrelangen Leiden bereits am 13. Oktober 1961.
Am 12. Februar 1976 feierte er bei sehr guter Gesundheit seinen 90. Geburtstag.

Bernd Hopke

Quelle:
Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde e.V., Jahrgang 34/1976
http://baasch-flintbek.de/Besondere_Personen/hermann_baasch.htm Zugriff 05/2008