Waldbrücken

und Dämme, trockenen Fußes durch die Heide


Wer finanziert was, Heute wie früher die alles entscheidende Frage. Das alter Kursachsen, der einst mächtigste aufstrebende Territorialstaat, an dessen Struktur und Verwaltung Kurfürst August die meisten Grundlagen legte – dieser Staat war bis zu einem bestimmten Grade sogar „rechtsstaatlich“. Heißt wenn jemand die Rechte anderer Bürger einschränkt, muss er auch für einen gerechten Ausgleich sorgen. Wenn also jemand durch einen Kanal Ländereien durchschneidet, Verkehrswege unterbricht, der muss auf seine Kosten Brücken errichten und für deren Unterhalt sorgen. So entstanden bei der Anlegung des Neugrabens eine Reihe von Brücken für deren Unterhalt und Instandsetzung der Staat, der „Fiskus“ zuständig war. Da der Neugraben durch die Annaburger Heide verlief, war die Forst zuständig, der „Forstfiskus“.

So kennen wir heute etliche Brücken, die uns alle mit ihrem Namen aus Vergangenheit her überliefert sind. Otto Heintze schrieb dazu:

„Auf seinen (Neugraben) stark gewundenen Lauf durch die Annaburger Heide hat er auf einer Strecke von 10 km allein 10 Fahrbrücken – Torgauer-, Zätsch-, Rotten-, Bank-, Bretzel-, Zschernick-, Hegeholz-, Kreuz-, Schulter- und Rotebruch-Brücke – und erinnert an den wasserreichen Spreewald.“

Rotbruchbrücke

Am Ortsausgang von Annaburg in Richtung Herzberg liegt zwischen den Mauerwiesen und der Waldkante der Rotbruch oder auch Rotbuchenbruch, dieser Name geht auf den hohen Eisengehalt des anstehenden Wassers zurück. Auf der ersten Waldkarte von 1556 wo der neue Neugraben hier noch nicht entlang geführt wurde, galt es die „Rotfurt“ zu überqueren dann erst gelangte man zu den Rotbruchbirken, die offensichtlich das Rotbruch zum Wald hin begrenzten. Das Forstzeichenbuch von 1572 kennt schon die „Rotbruch-Brück“ von einem hier abzweigenden Weg. Die Karte aus dem 17. Jahrhundert benennt diesen Bereich „Rottbergisch Bruch“.

Da schon 1572 am Abzweig nach Norden eine Brücke bestand, wurde auch die Rotbruch-Brücke zur Querung des neu angelegten Neugrabens errichtet. Interessant ist, dass hier der alte Lauf des Neugrabens unter Kurfürst August verändert wurde. Der Neugraben wurde jetzt um den Ort vorbeigelegt, um den Mühlenstandort an den Rand von Annaburg verlegen zu können. Über diese Brücke gelangte man im 17. Jahrhundert zur „Ersten Jagd“ auf Höhe des 4. Gestell. Über diese Brücke erreichte man im 19. Jahrhundert dass unweit von hier errichtete einstige Waldbad, „Schwimmbassin“ genannt. Dieses Schwimmbassin wurde 1834 von dem Militärknaben-Erziehungs-Institut ausgegraben und bis zur Auflösung der Anstalt am 01.04.1921 zum Baden und Schwimmen genutzt. Hier kamen die kleinen Zöglinge an die Leine übten Tempos, schluckten Wasser und schwammen sich endlich mit 15 Minuten Dauer frei. Dieses Schwimmbecken wurde vom Neugraben gespeist und lag am Rande eines damals noch jungen Eichenwalds und wurde nach Süden durch eine Kiefernschonung begrenzt. Das Wasserbecken war 100 m lang und 20 m breit und zwischen 1 und 2,5 m tief, damit unterteilt in Nichtschwimmer (20 m) und Schwimmer (80 m), die Seitenwände waren mit Holzbretter verschalt. Der Badestrand war rings 7 m und an der Eichenwaldseite aber 20 m breit angelegt.

Das Schwimmbassin wurde noch nach 1945 genutzt, verschwand dann aber nach einem fehlgeschlagenen Versuch, den Verlandungsprozess aufzuhalten, endgültig.

Schulterbrücke

Würden wir der ehemaligen Annaburg-Herzberger Straße ins heutige Sperrgebiet folgen quert dieser Weg den (Neuen) Neugraben auf der Schulterbrücke. Unweit dieser Stelle zweigte der „neue Neugraben“ vom „alten Neugraben“ ab um an Annaburg vorbeigeleitet zu werden. Der alte Neugraben ab dieser Stelle wurde dann in den Unterlagen als Flutergraben genannt.

 

 

Kreuzbrücke

Zwischen Schulterbrücke und der Hegeholzbrücke, wo unser Weg zum zweiten Mal den Neugraben quert wird der Kreuzweg gekreuz. Allerdings hat dieser „Kreuzweg“ nicht die gleiche Bedeutung wie in der Seydaer Heide wo das „Kreuz“ das Zentrum bildet, wo in früherer Zeit rund herum der „Jagdstern“ für die eingestellte Jagd sich befand und später das Zentrum des Bombenabwurfplatzes. Unser Kreuzweg geht auf ein altes Waldzeichen zurück, aber überhaupt nicht auf ein Kreuz sondern auf ein „X“. Er stand für den „Mülweg oder Kohlweg“ nach der vorliegenden Waldstraßenbeschreibung von 1572. Damals kreuzte er nicht den Lochisch-Herzberger Hornweg sondern mündete dort ein. Erst im 17. Jh. mit der Umstrukturierung der „Jagden“ wurde er weitergeführt und bildete dann im ersten Jagen das 6. Gestell. Jedenfalls bevor er den Annaburger Herzberger Weg erreichte musste er den Neugraben überwinden, die Brücke heißt deshalb auch heute noch die Kreuzbrücke. 

 

Hegeholzbrücke

Um endlich den Zschernick zu erreichen muss nur noch die Hegeholzbrücke gequert werden.Benannt wurde diese Brücke nach einem Waldflurnamen der im 17. Jahrhundert gebräuchlich war und südlich des Neugrabens in der Heide lag. Im 18. Jahrhundert kreuzten sich hier offensichtlich wichtige Wege, so auch der Prettiner-Arnsnestaer-Weg, der Kreuzweg verlor hingegen an seiner Bedeutung.

 

Zschernicker Brücke

Die Zschernicker Brücke führte unmittelbar im Ort über den Neugraben. Hier führte der Annaburger-Herzberger Weg durch und über Querverbindungen konnte man von hier alle umliegenden Orte erreichen. Der Zschernick als ehemalige Ortsteil von Annaburg ist vermutlich im Zusammenhang mit einer Pechhütte, die hier seit alters her schon betrieben wurde entstanden.  1619 kam noch eine Amtsmühle am Neugraben dazu, die ab 1702 in Pacht geführt wurde. Unmittelbar an der Mühle wurde dann eine zweite Brücke über den Neugraben errichtet. Dieser Brückenstandort blieb dann bis ins 20. Jahrhundert erhalten.

 

Brezelbrücke 

Diese Neugrabenbrücke erinnert an das Waldzeichen des „Dautzschener-Eisenweg der mit zwei ineinander verschlungenen Kreise ↀ einst gekennzeichnet war. Im Volksmund wurde dieser Weg als „Brezelweg“ bezeichnet. Die heutige Brückenbezeichnung hält die Erinnerung an diesen Weg wach.

BankbrückeAuch diese Brücke wurde nach dem Waldweg benannt der einst darüber führte. Otto Heintze hat zum Bankweg folgendes geschrieben:

Von dem Forsthaus Rosenfeld führt in nördlicher Richtung ein Waldweg in die Heide, an dessen Anfang ein 1 m hoher Wegweiser steht, auf dem eine Bank eingemeißelt ist, und darunter lesen wir: ‚Die Bank’ und ‚Waldweg’. Das ist der Anfang des Bank-Weges, der zur Franzosenzeit in einer Länge von fast 30 km quer durch die Heide von Rosenfeld bis nach Brandis eine Heeresstraße war. Von dem alten Wege sind nur noch Teile vorhanden, da lange Strecken aufgeforstet worden sind, und in der Bankbrücke über den Neugraben mitten in der Heide ist der Bankweg verewigt worden.“

Der Bankweg ist aber bei weitem noch viel Älter als uns Otto Heintze hier wissen lässt. Bereits auf der Waldkarte von 1556 und auch in der Waldstraßenbeschreibung von 1572 ist dieser Weg verzeichnet. Allerdings nicht als „Bank-Weg“, sondern hier wurde er als Arnsnestischer Torgischer Weg verzeichnet.  Das Waldzeichen für diesen Weg waren zwei eng gesetzte doppelte „T“ ┬┬

Rottenbrücke

Über die Rottenbrücke führte in alten Zeiten (Waldzeichenbuch von 1572) der „Naudorfischer Hertzbergischer Weg“. Die Brücke führte kurz nach dem Großen Blauen einem größeren Teich in dem sich die Oberflächenwässer der nördlich von Züllsdorf Waldgebiete der Heide. Mit den Meliorationsarbeiten im 19. Jahrhundert verschwand der große Blaue.

Zschätz-Brücke und Torgauer Brücke

Die Zschätz-Brücke lag vor dem großen Blauen, hier führte der Weg von der Züllsdorfer Pechhütte nach Rahnisdorf und die Torgauer Brücke war der Brückenschlag über den Neugraben kurz vor Buckau und verbindet diesen Ort mit Züllsdorf. So weit zu den Brücken.

 

SilberdammWenn man von Bethau oder Groß Naundorf zum Zschernick wollte gelangte man über den Silberdamm über den jetzigen Mollgraben dorthin. Der Weg von Prettin nach Herzberg dagegen ging über den Saudamm um über den Mollgraben zu queren.

Über den Silberdamm weiß Otto Heintze folgendes zu berichten:

An der Bahnstrecke Annaburg-Fermerswalde lesen wir auf der Karte Silberdamm, der vom Marktplatz 5,9 km entfernt ist. Damit hat es folgende historische Bewandtnis: Nach der Schlacht bei Mühlberg am 24.04.1547 fielen auch die schwerbepackten kurfürstlich-sächsischen Wagen (Tross) mit dem kostbaren Silberzeug, dem gemünzten Gelde und den Schreinen der Kanzlei in die Hand des Feindes. Die Stelle, an der die Wagen in den aufgeweichten Boden stecken blieben, führt noch heutigen Tags den obigen Namen."

Als der Bau der Eisenbahnlinie Falkenberg – Wittenberg quer durch das Waldgebiet der Annaburger Heide erfolgte, erhielt später auch eine Blockstelle den gleichen Namen – „Silberdamm“ Die Blockstelle „Silberdamm“ ist heute nicht mehr vorhanden, dessen Abriss 1985 oder 1986 erfolgte.

Der Silberdamm führte über die Niederung im Bereich des heutigen Mollgrabens. Von der ehemaligen Blockstelle liegt das ungefähr noch 200 m nördlich. Lange Zeit führte hier über den Silberdamm der Dautzschener Eisenweg, genauso wie der Lochisch-Buckischer Weg. Heute wird der Weg nicht mehr gepflegt, die Brücke über den Mollgraben ist Anfang dieses Jahrhunderts verfallen und durch die Bundesforst nicht wieder instand gesetzt worden.

 

BERND HOPKE
ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2021-01-21

 

 

Quellen:
Otto Heintze „Die Annaburger Heide“; Verlag Steinbeiß; von 1938;
Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
Annaburger Heide G. Bethig; interne Informationsschrift der Bundesforst um 2000;
Danckelmann; Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen, Heft 13 von 1881; Berlin; S629-632;
archäologische Luftbildaufnahmen vom Gebiet der Nachthainichten; um 1995; unveröffentlicht; aus dem Privatarchiv von Edwin Kretzschmar
Thomas Lange; Inventar des Amtes Lochau  des Jürgen Hesse von 1509 in Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Reg. AA 1134, Bl.23R-37V (hier Blatt 35-37); 2019; Ausarbeitung zur Erstellung seiner Doktorantenarbeit;
Thomas Lange; Beschiedbuch der Ämter Sachsen, Meißen, Thüringen, Franken 1509, Lochau (32R) in Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Kopialbuch F 38); 2019; Ausarbeitung zur Erstellung seiner Doktorantenarbeit;
Karte Nachzeichnung (18. Jh):  Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, 1556, im Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013;
Karte der Annaburger Heide, 1633, Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 003, F 044, Nr 001;
Öder, Georg d. J., Forstzeichenbuch, 16.Jh. –   Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Forstzeichenbuch 47;
Autorenkollektiv unter Leitung von Willy Hartung; „Betriebsgeschichte des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Jessen in Annaburg“,um 1985 unverlegt; Eigenverlag,;
Matthäus Seutter; Ämterkarten – Amt Annaburg; um 1700
August Zürner; Landesaufnahme 1711 aus Atlas Augusteus Saxonicus (Exemplar A), Handzeichnung,: Tabelle der Kreise und Ämter, 1711-1742