Wildtierhaltung

Wild- und Tiergarten

Bereits 1494/95 hatten Bauern hinter dem Schloss jenseits des Grabens Bäume gerodet, um Raum für einen Wild- oder Tiergarten zu schaffen. Zimmerleute begannen diesen zu umzäunen. Im Folgejahr arbeiteten Maurer an einer waldseitigen Umfassungsmauer, während Zimmerleute einen Plankenzaun in Richtung des Schlossgrabens errichteten, zudem an einer Hütte für die Tiere, Futterkrippen und einem Brauhaus im Tiergarten arbeiteten. Die Schalwände am Graben sind in den folgenden Jahren ergänzt worden. Seit Errichtung des Gartens war der Badestubenknecht zugleich als Wildhüter für die Aufsicht des „wildbrets“ im Tiergarten verantwortlich. Unter den dort gehaltenen Tieren ist früh ein ungestümer Auerochse belegt, der 1498 zwei Männer, die dort arbeiteten, tödlich verwundete und 1499 den Stubenheizer verletzte. Dieser – auch schon zu dieser Zeit seltene – Ochse ist Ende 1494 in Torgau eingetroffen, dort einige Wochen gehalten und darauf nach Lochau überführt worden. 1496 versorgte der Lochauer Wildhüter neben dem „owr ochsen“ und des „owr ochsen kindt“, auch Wild, Schwäne und wilde Gänse mit Hafer. Viel spricht dafür, dass der Lochauer Tiergarten eigens für die Haltung der seltenen Ochsen ausgebaut worden ist. Zeitweilig war sogar ein gesonderter Knecht für die Versorgung der Auerochsen zuständig.

Ein Wildgarten wird heute als ein ökologisches Paradies, in dem Tiere und Pflanzen ihren Platz finden, definiert. Ähnlich wird dieser „Wildgarten“ zu Friedrich’s Zeiten ausgesehen haben. Die Erzählungen Herzheimers über die zahmen Tieren die im Schlosshof zum äsen kamen, lässt den Schluss zu, dass auch nahe des Schlosseinganges ein solcher kleinerer Tiergarten existiert haben muss. Da drängt sich das Forstgrundstück des späteren Auerbachs einem förmlich auf. In diesem Tiergarten standen lt. Amtrechnungen zwei Elche, vier Hirsche, zwei Rehe und zwei dänische Böcke.

Erinnern wir uns an den Herzheimer Bericht über den Schlossteich:

Seine Kurfürstliche Majestät befiehlt dann eine Jagd in dem zuvor erwähnten schönen Wald, der an diesen Teich angrenzt. Und die Hirsche werden in den Teich gejagt, …. und erschießen sie dann, …

Für diese Jagdinszenierung bedurfte es eines gesondert abgeteilten Teil des Wild- und Tierparks. In diesem Teil wurden vor dem Showereignis die Tiere bereitgestellt. Das Wild wurde dazu durch Treiber in ein mit Netzen und Tüchern eingelappten Bereich in diesen gesonderten Tiergarten vorsortiert getrieben. So konnte die „Veranstaltung“ Artenrein –z.B nur mit Hirschen durchgeführt werden. Wir sehen daran, dass kein Aufwand gescheut wurde um Friedrichs Gäste zu beeindrucken.

mögliche Standorte der unterschiedlichen Wild/Tiergärten – Rekonstruierte Darstellung in GoogleEarth
    • (1)Wildgarten für die Auerochsen
    • (1)Tiergarten für die eingestellten Tierhatzen
    • (1)Tiergehege für die zahmen Wildtiere

Im Herzheimer berichtet aber auch:

Im selben Vorhof tummeln sich Rehe und andere Wildtiere. Wenn der Kurfürst in Residenz ist und sich etwas Vergnügen wünscht, wird das innere Tor des inneren Palastes geöffnet. Dann rennen diese Hirsche und wilden Kreaturen zu einem Trog, um zu fressen und sind in keiner Weise schüchtern. Sobald sie ihr fressen beendet haben, laufen sie zurück in den äußeren Schlossbereich.

Aus diesem Grund muss es noch ein drittes Gehege für das zahme Wild gegeben haben. Am Wahrscheinlisten kommt das Forstgrundstück des späteren Auerbachs dafür in Frage. Hier gibt es ja auch noch das letzte Stück der späteren 8 km langen Tiergartenmauer, welches sich bis heute erhalten hat. Vor allem wäre damit überhaupt erklärt warum die Tiergartenmauer bis hierher geführt wurde.  

BERND HOPKE
ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2023-05-17

Quelle

  • Thomas Lang; Auszüge zum Jagdschloss Lochau aus dem Manuskript seiner Dissertation über die ernestinische Hofhaltung im ausgehenden Mittelalter im Übergang zur Neuzeit; unveröffentlicht 2022;
  • Prof. Stephan Hoppe; Anatomie einer frühen „Villa“ in Mitteleuropa 2015;
  • Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888