RAD

Reichsarbeitsdienst

Die „Erziehung zur Volksgemeinschaft“

Um die Massenarbeitslosigkeit und daraus resultierende individuelle und gesellschaftliche Problemlagen zu bekämpfen, führte die Regierung Brüning im Juli 1931 den freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) ein, der im April 1933 „NS – gleichgeschaltet“ wurde. Konstantin Hierl leitete den Arbeitsdienst, zunächst als Reichskommissar für den FAD, ab Oktober 1935 als „Reichsarbeitsführer“. Das Prinzip der Freiwilligkeit wurde durch das Gesetz zur Arbeitsdienstpflicht im Reichsarbeitsdienst (RAD) vom Juni 1935 aufgehoben.

Männliche und weibliche junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren mussten fortan einen sechsmonatigen Arbeitsdienst absolvieren. Zunächst bestand für die jungen Frauen aber noch die Möglichkeit am FAD teilzunehmen. Eine verbindliche Arbeitsdienstpflicht wurde für sie erst kurz nach Kriegsbeginn eingeführt.

Der RAD erfüllte eine doppelte Funktion. Die Arbeitsdienstpflicht war ein Instrument der Arbeitsmarktpolitik, vor allem aber auch ein Erziehungsinstrument. Dem Anspruch nach sollte „durch Arbeit zur Arbeit“ erzogen werden, wobei die Tätigkeit als „Dienst für das Volksganze“ interpretiert und propagiert wurde. Der Wert der Arbeit bestimmte sich aus dem Wert bzw. Nutzen für die „Volksgemeinschaft“, Arbeitsdienst war „Ehrendienst am deutschen Volke“ und trug – so die Propaganda – dazu bei, Standesunterschiede einzuebnen. Schwere körperliche Arbeit sollte zur Entwicklung einer „richtigen Arbeitsgesinnung“ führen und der physischen Ertüchtigung dienen.Da die Nationalsozialisten am 31. Januar 1933 nicht mit wehenden Fahnen in Annaburg aufmarschierten und das im Februar 1933 durch Einheiten der Standarte 72 in Annaburg nachholten, um den Kommunisten, den „starken politischen Gegner“ in Annaburg klarzumachen, dass die einmal errungene Macht im Staat nie wieder abgegeben wird. Folgerichtig war, dass in die alten ehemaligen Annaburger Kasernen der Reichsarbeitsdienst einzog, um seine erzieherische Wirkung hier vor Ort zu entfalten.Die als Wohnobjekt (1932-34) für Mieter genutzte Kaserne wurde 1934 geräumt und es zog das erste Arbeitsdienstlager des RAD, die Abteilung 9/144 ein. Um das Ereignis entsprechend aufzuwerten tat am 31. März 1934 zur Eröffnung der „Arbeitsschlacht“ Regierungspräsident Sommer den ersten Spatenstich des neuerrichteten Arbeitsdienstlagers am Neugraben.

Dieser Tag der „Arbeitsschlacht“ am 31.03.1934 wurde deutschlandweit inszeniert. Im Geschichtsbewusstsein der Deutschen wird er eingehen als „Beginn“ des Autobahnbaues. Den Hintergrund dazu bildeten die noch nachklingenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. 1932 gibt es in Deutschland weit über sechs Millionen Erwerbslose. Die Nationalsozialisten nutzen die Not der Menschen für ihre Propaganda:

"Eine Nation, wirtschaftlich zerstört, der Bauernstand ruiniert, der Mittelstand verelendet, die Finanzen zerrüttet, alles bankrott!", ruft Adolf Hitler und verspricht Brot und Arbeit: "Deutsches Volk, gib uns vier Jahre und ich schwöre dir [...]"

Die Hochwasserereignisse von 1926/27, wo innerhalb der Dämme nach tagelangem ununterbrochenem Regen unsere Region zwischen Schwarzer Elster und Elbe elend abgesoffen sind, waren ja noch sehr frisch in Erinnerung bei allen Bewohnern hier. Bei diesem Hochwasser versagte auch der seit einem ½ Jahrhundert vernachlässigter Neugraben gänzlich. Nachteilig hatten sich hier aber auch die umfangreichen Meliorationsarbeiten der Forst der letzten 50-zig Jahre ausgewirkt. Diese hatten das Rückhaltevermögen und damit das Abflussverhalten aus der Annaburger Heide nachhaltig verändert, ohne die Vorflut des Neugrabens zu verbessern.Was eignete sich daher am „Besten“ – für eine wirksame NS-Propaganda vor Ort – die Grunderneuerung des gesamten Neugrabens. Otto Heintze berichtet darüber:

„Was Zwangsarbeit vor nunmehr 350 Jahren geschaffen, das hat der Reichsarbeitsdienst von heute bei der Regulierung des Neugrabens wieder in Ordnung gebracht. Der Wasserlauf war im Laufe der Jahre stark verschlammt, abgeschwemmt und stellenweise mit Strauchwerk und Gehölz verwachsen. Durch den Reichsarbeitsdienst ist er sauber ausgeschachtet, und  die Ufer sind stellenweise ausgeflochten, so dass sein Bett in niederschlagsreichen Zeiten fast die doppelte Wassermenge aufnehmen kann als bisher. Die scharfen Ecken und die hemmenden Biegungen sind verschwunden. Der Graben erhält von den tief gelegenen Äckern und Wiesen die Niederschlags- und Winterwässer und führt sie schnell (0,5 Meter in der Sekunde bei Annaburg) in die Elster ab.“

Bereits 1935 wurde das Arbeitsdienstlager vergrößert. Eine zweite RAD-Einheit wurde in Annaburg gebildet. So belegte im Oktober 1936 die Reichsarbeitsdienstabteilung 5/140 die Kaserne und auch schon Teile des Schlosses mit ca. 430 Mann. Davon profitierte vor allem der Mittelstand hier in Annaburg – die Händler und Gewerbetreibende vor Ort. Deswegen schrieben sich die Annaburger „Führer“  den Erfolg auch auf ihre Fahnen:

Ende Mai verließ Ortsgruppenleiter Pg. Wellmann Annaburg. An seiner Stelle trat Pg. Schumann, dessen Arbeit Annaburg ein zweites Arbeitsdienstlager verdankt.

Um die umfangreichen Meliorationsarbeiten in der Annaburger Heide bewältigen zu können, wurde auch in Züllsdorf ein Reichsarbeitsdienst-Barackenlager, am Ortsende kurz vor dem Waldbeginn in Richtung Annaburg, errichtet. Hier wurde die RAD Abteilung 7/141 stationiert.

Zur besseren Koordinierung der Arbeiten mit der Annaburger Forstverwaltung wurde am 20.09.1936 der Gruppenstab des Reichsarbeitsdienstes von Zeitz nach Annaburg in das Kommandeurgebäude im Schlosskomplex verlegt. Dem betriebenen Aufwand entsprechend wurde auch einiges geleistet, neben der Neugrabenregulierung:

Der RAD leistete unweit Annaburg eine Arbeit, die 7300 ha Land vom … Stauwasser befreite,“ heißt es dazu in den Quellen. Weiter erfahren wir darüber: “Diese Sumpfländereien erhielten ein umfangreiches Grabennetz von insgesamt 126 km Länge, das besonders auch … dem Forstamt Thiergarten zugute kommt.

Die eingerichteten RAD-Lager bildeten den organisatorischen Rahmen der angestrebten vormilitärischen erzieherischen Wirkung. Nummern und Uniformen, Schlafsäle und Spinde, Lagerordnung und Zeitregime – z.B. standen nach Arbeitseinsatz Sport, Unterricht oder paramilitärische Übungen im Lager auf dem Programm – dienten zur Einübung spezifischer Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin, Unterordnung und Gehorsam.

Während die Männer im Rahmen des Einsatzes im NS_Arbeitsdienst zum Auf- und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, zur Bodenkultivierung und zu Erntearbeiten herangezogen wurden, arbeiteten die Frauen als Haushaltshilfen und Erntehelferinnen, später verstärkt in der Rüstungsindustrie.

Im Krieg veränderten sich die Einsatzgebiete. Die letzte RAD-Abteilung verließ 1943 Annaburg. Im Vordergrund des NS-Arbeitsdienstes stand jetzt der Bau von Rüstungswerken, Schanzarbeiten und schließlich Dienste zur Unterstützung der Wehrmacht in den besetzten Gebieten, aber auch bei den Aufstellungs-, Wach- und Ersatzeinheiten waren jetzt die Leistungen zu erbringen. Der Krieg änderte noch manches, so wurden die Frauen ab Juli 1941 nach Ableistung ihrer Arbeitsdienstpflicht für weitere sechs Monate zum Kriegshilfsdienst verpflichtet und die männlichen RAD-Abteilungen betrieben ab 1944/45 meist nur noch militärische Ausbildung, viele von ihnen wurden zu Besatzungen von Flugabwehr-Batterien umgewandelt.

 


BERND HOPKE
ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2021-02-15

 

 

Quelle

  • Otto Heintze „Die Annaburger Heide“; Verlag Steinbeiß; von 1938;
  • Autorenkollektiv: Forsteinrichtungsbücher, Ergebnisse der Standorterkundung, Teil I u. III, Institut für Forsteinrichtung und Standortserkundung Potsdam, Falkenberg/Elster 1956
  • Autorenkollektiv unter Leitung von Willy Hartung; „Betriebsgeschichte des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Jessen in Annaburg“,um 1985 unverlegt; Eigenverlag,;
  • Bethig: Annaburger Heide; interne Informationsschrift der Bundesforst um 2000;
  • Dokumente der Ausstellung „Macht Urlaub“ Informationszentrum Prora, Juli 2008