Hochwasser 1926

ein Jahrhunderthochwasser 

Die Elbe wurde durch den Deichverband in den Jahren 1853 – 1857 reguliert und unsere Region war nun durch eine einheitlichen Deichkrone vor dem Hochwasser geschützt. Die Schwarze Elster wurde durch den Elsterverband in den Jahren 1852 – 1864 auf der Strecke Tschätzschwitz – Premsendorf reguliert und eingedeicht. Da die Anrainer und Kleinbauern unserer Region nicht Mitglied des Elsterverbandes wurden und sie sich nicht an den Kosten beteiligten war die Schwarze Elster auf der Strecke Premsendorf – Mündung „naturbelassen“ ohne Deich. Durch die Elbregulierung erfolgte noch eine Eindeichung der Schwarzen Elster im Mündungsgebiet bis Gorsdorf.

„Durch die Elsterregulierung und den Abbau der Stauanlagen der anderen Mühlen vor Jessen kann das Wasser jetzt ohne Hindernisse bis zur Stauanlage nach Jessen schneller fließen. Von dort war die Schwarze Elster bis zur Mündung in die Elbe noch nicht reguliert und die Fließgeschwindigkeit sehr langsam. Deshalb kam es in Jessen bei Eisgang und Hochwasser zu großen Überschwemmungen.“

In den Jahren 1900/1901 und 1911/1912 musste sich der preußische Landtag auf Grund vieler Bittschreiben und Zeitungsartikel erneut mit der Elsterregulierung befassen. Denn einen bedeutenden Anteil an den aufgetretenen Missständen in der Elsterniederung hatten die im Oberlauf der Elster liegenden zahlreichen Kohlengruben und Brikettfabriken, die ihre in immer größeren Mengen anfallenden Abwässer in die Schwarze Elster ableiteten.

Durch die ständige Ausweitung dieser Tagebaue und der nebenher sich entwickelnden Industrie in der Lausitz, war eine ständige Zunahme der Abwassermengen zu verzeichnen. Hinzu kam nun noch, dass die Wassermengen aus den Braunkohletagebauen und ihren Brikettfabriken  sehr viel Kohleschlamm enthielten.

Bei jedem Übertritt der Elster aus ihrem nun stark begradigten Bett, wurden die überfluteten Ländereien vollkommen verschmutzt. Was sich zuerst mit der Regulierung für die Landwirtschaft als Segen erwiesen hatte, kehrte sich nun in das Gegenteil um. Die Beschwerden aus diesen Kreisen häuften sich.

Die Elsteranlieger ab Premsendorf beklagten sich, dass sie nun Schaden zu ertragen hätten, der durch die Arbeiten am Ober- und Mittellauf der Elster entstanden sei. Auch das Mündungsgebiet zur Elbe hin versandete immer mehr!

Eigentlich fing das Jahr 1926 recht gut an. Es bescherte den Bewohnern der Elsterniederung einen günstigen Vorfrühling mit einem kühler Mai. Das wirkte sich gut für den Saatenstand und Heuwuchs der Wiesen günstig aus. Die Bewohner gingen von einer sehr reichlichen Ernte in allen Feldfrüchten und guten Heuwuchs aus. Da gingen gegen Ende Mai im Böhmischen Becken mit den Quellgebieten der Elbe und ihrer Nebenflüsse ungeheure Regengüsse nieder. Seit 2002 wissen wir was das auch für unsere Region bedeutet. Im Juni fing es an ununterbrochen zu regnen. Die Elbe schwoll gewaltig an, die Elster- und Elbevorländer waren bald überschwemmt, aber das ist ja fast in jedem Jahre der Fall. Man nahm also weiter keine Notiz davon. Durch die schlechte Nachrichtenorganisation waren die Elbdörfer viel zu spät vom Steigen der Elbe benachrichtigt worden. Nur wenige Besitzer konnten noch schnell das Heu abmähen und es über die Dämme an höhere Orte bringen, andere mussten schon versuchen das gemähte Heu aus dem Wasser zu fischen um es noch zu retten. Es waren traurige Bilder, die sich hier dem Beschauer boten: Hochgeschürzt gingen die Leute an die Arbeit, die Sensen fuhren durch das Wasser, dass es nur so spritzte. Ganze Berge von Heu sah man auf den Fluten dahin schwimmen, wo sonst Wiesen waren, schwammen Fische und grau in grau hing der Himmel über der Landschaft. Die Gräben waren voller Wasser und die Feldflur, wie Wege aufgeweicht. Das Korn stand noch ganz gut auf den Feldern. Gewiss war es zum Teil im Wasser, aber wenn das Wasser gut abfloss, dann war bei weitem noch nicht alles verloren. Die Bewohner unserer Region waren der Meinung, dass das Sommerhochwasser schnell wieder abfließen und nur einige Tage andauern würde. War es doch nicht das erste Mal, dass die Elbe während der Heuernte über ihre Ufer trat.

Doch es sollte ganz anders kommen.

Und wirklich schien der Himmel ein Einsehen zu haben. Langsam, langsam klärte sich das Wetter auf. Nicht plötzlich, aber es gab doch am Tage wieder Stunden, an denen es nicht regnete, ja, die Sonne wagte sich ab und zu einmal heraus. Das Wasser kam zum Stillstand und wenn es zuerst einviertelmeterweise gestiegen war, so fiel es jetzt zentimeterweise. Schon atmeten die Leute in den bedrängten Gebieten auf. Schon freute man sich, daß alles noch einmal gut abgelaufen war, da setzte Mitte Juni ein Regen ein, wie er in diesem Jahre noch nicht gefallen war. Fast 24 Stunden goß es in Strömen, es war kein Regen mehr, es war ein einziger Wolkenbruch. In einer Zeit von wenigen Stunden war eine Regenmenge von 16 mm gefallen. Verschiedene Höfe standen 1/2 Meter unter Wasser und mancher Pferde- und Kuhstall mußte geräumt werden. Zusehends stiegen die Bäche und Flüsse an. Innerhalb weniger Minuten war der Stand der vorigen Überschwemmung wieder erreicht, innerhalb weniger Stunden stand die Flut meterweise höher als normal.  Die Dämme der Elster und Elbe, besonders die der Elbe, die durch das andauernde Hoch- und Druckwasser einerseits, und durch den unaufhörlichen Regen andererseits durch und durch aufgeweicht waren, drohten zu brechen.“

Mit diesem Tage begann das Verhängnis. Es regnete fast alle Tage und zwar immer ungewöhnlich viel. Er hielt in diesem Jahre an mit einer Ausdauer, wie man sie selten erlebte. Und die Flüsse stiegen weiter und weiter. Immer höher kletterte das Wasser an den Dämmen empor, an der Elbe waren die Wiesen bald so überschwemmt, daß nur noch einige Büsche und Hügel wie Inseln aus den Wassermengen hervorlugten. Und ganz allmählich kam durch die Dämme das Druckwasser gerieselt. Es war noch nicht schlimm, aber es kam noch und lief in die vom Regen sowieso schon aufgeweichten Felder und der Landmann schaute ernst in die Zukunft, war doch die Gefahr nahe, daß eine Menge seiner Ländereien nur wenig Ertrag bringen würden. Die aufgeweichten Dämme konnten den Druck der ungeheuren Wassermassen kaum halten und an einigen Stellen – wie in Mauken – hatte das Wasser den Damm schon durchwühlt. Mit knapper Not und unter Aufbietung aller Kräfte war es noch gelungen, den Damm zu halten. Auch bei Prettin bestand die Gefahr eines Dammbruches, der mit 6.000 Sandsäcken verhindert werden konnte.

„Von allen Seiten kamen Hilferufe aus den Dörfern: Der Damm ist nicht mehr zu halten. Mit schier übermenschlicher Kraft schanzten die Leute, um ihr Hab und Gut, ihre Felder und ihr Gelände vor den wilden Wassermengen, die in schmutziger Flut angeschossen kamen, zu schützen. In aller Eile wurden hier die Dämme erhöht, dort durch Sandsäcke gefestigt. An manchen Stellen rieselte das Wasser durch die aufgeweichte Dammsohle in 20 bis 30 Meter Breite ins Land. An anderen Orten kam die Flut durch Maulwurfs- und Mauselöcher in armdickem Strahl durch den Damm. Und es regnete und regnete. Nach dem fast 24-Stündigen Wolkenbruch setzte ein Landregen ein, der ungefähr eine Woche lang mit ungeminderter Kraft nieder regnete. Das Wasser wuchs und wuchs.“
„In den Städten wurde die Feuerwehr alarmiert; in Schweinitz wurden zuerst Wohnungen geräumt, denn das Wasser lief bald über die Hauptstraße der Stadt in die Kellerfenster hinein, so dass diese in manchen Gehöften zugemauert werden mussten. In den Stuben stand das Wasser, in einem Hause in der Küche, wo es in den Kohlenkasten hineinlief. Und draußen regnete es, was vom Himmel herunter wollte.“

Die Dammwache wurde allenthalben verschärft, denn das Druckwasser nahm immer gewaltigere Formen an, viele Straßen waren schon so weit überschwemmt, dass, wenn sie auch noch für Gespanne passierbar waren, das Wasser doch schon über einen Meter hoch darauf stand. Die Obstbäume in den Gärten, nun schon wochenlang unter Wasser, standen nicht mehr in dem mürben Boden fest und knickten ab. Bei Premsendorf bildete sich in der Schwarzen Elster durch Ablagerungen eine Barre, die diese an sich schon schlimme Lage durch Rückstau noch verschärfte.

„Der Riß und alle andern Gräben schwollen mächtig an und traten über ihre Ufer alles überschwemmend. Die ganze Flur glich einem gewaltigen See, aus dem, nur vereinzelt noch die Dörfer und Anhöhen herausschauten. Alle Straßen und Wege standen unter Wasser, Langstiefeln reichten kaum aus, das Wasser zu durchwaten. Die Halme standen bis an die Ähren im Wasser. So stand dasselbe bis zum 31. Juli, mit geringen Schwankungen. Die Rapsernte stand wohl einzig da in ihrer Art. Bis unter die Arme im Wasser stehend, schnitten die Leute das Rapsstroh ab, luden es auf Kähne, die die Stelle der Wagen eingenommen hatten, und fuhren es quer durch die Felder auf die verbliebenen Anhöhen, wo es zum Trocknen aufgestellt wurde.“
„Klossa war bald von allen Seiten vom Wasser umgeben. Die Straßen dahin waren längst überschwemmt, die Felder zum Teil überhaupt nicht mehr zu sehen, sonst, wo man das Getreide noch sah, stand es wie Schilf im Wasser, und als der Regen mehrere Tage gewütet hatte, legte es sich um: der Boden war zu weich er konnte es nicht mehr tragend.“
„Von Schweinitz und Klossa wurden 3.250 Morgen Land vernichtet.“         

Auf den Straßen waren Schutzdämme aufgeworfen, aber das Wasser rieselte munter hindurch.

Auf der Waltersdorfer Seite nach dem Dorfe zu war der Damm überschwemmt und mit starkem Druck lief das Wasser durch die Gärten in die Scheunen und riß mit sich, was nicht niet- und nagelfest war. Unermüdlich wurde von den Bewohnern Tag und Nacht gearbeitet, aber was war Menschenarbeit gegen die Wucht der anstürmenden Fluten? Ein reißender Strom ging durch die Gärten, große Stücke Land standen unter Wasser, über die Wege kam es in breiten Bächen gestürzt. Das Wild in den Feldern und Wäldern wußte nicht mehr ein noch aus: In die Felder konnte es nicht, denn dort versank es im Wasser und wo das Wasser noch nicht stand, im tiefen Schlamm in den Wäldern stand das Wasser auch vielfach. Hasen und Rehe, liefen auf den noch trockenen Straßen umher, blieben stehen, wenn Menschen kamen. Auch die Vögel waren ganz verängstigt, denn wo sollten sie hin? Die Lerchen ertranken einfach in den Feldern. In Waltersdorf und Löben wurden 990 Morgen Land vernichtet.“
In allen Dörfern war das Geflügel kaum noch zu halten Für die Gänse und Enten hatten gute Tage angefangen, aber die Hühner saßen auf den Bäumen und was vom Wege abkam, ersoff jämmerlich. Die sonst so harmlose Elster bot einen gewaltigen Anblick. In breitem Strom zog sie dahin. Welche Breite sie erreichte, das mag daraus erhellen, daß sie an ihrer Mündung über 2 Kilometer angeschwollen war. Furchtbar sah es in den Dörfern aus, die in der Nähe der Elstermündung lagen. Bei Gorsdorf waren die Wiesen in einer Breite von 2 Kilometern und einer Länge von 9 Kilometern teilweise 2 Meter hoch und höher überschwemmt. Das Wasser floß nicht mehr in die Elster sondern stromaufwärts: der Rückstau reichte bis Jessen. Unausgesetzt arbeiteten die Pumpwerke und beförderten ungeheure Mengen Wassers. Zunächst hatten sie das Wasser halten können, bald reichte aber auch ihre Kraft nicht mehr aus, unheimlich stieg das Wasser, langsam zwar, aber unaufhörlich. Von Gorsdorf und Hemsendorf mit dem Gutsbezirk waren nicht weniger als 4.700 Morgen überschwemmt. Die Wege standen meterhoch unter Wasser; nach Schützberg hin war die einzige Verbindung der Landlachendamm, der aber fast bis zur Krone hinauf von der Flut bespült wurde. Auf der Binnendeichseite stand das Druckwasser ebenso hoch. Die Bauern lebten in der ständigen Sorge, der Damm möchte brechen. Man hatte sich für alle Fälle vorgesehen. In den Scheunen waren in 1 bis 2 Meter Höhe alle Ställe eingerichtet, in die das Vieh im Notfall gebracht werden sollte. Brot war schon für Tage hinaus im Voraus gebacken worden.“

„Und es regnete und regnete ohne Unterbrechung. Das Druckwasser hatte nun schon die Höhe der Überschwemmung selbst erreicht. In den Gärten und Feldern, die nie unter Hochwasser gelitten hatten, stand die Flut meterhoch. Auch hier war die Ernte vollkommen vernichtet. Stündlich kamen neue Unglücksnachrichten aus den Elb- und Elsterdörfern.“
„Im Gebiet von Premsendorf Meuselko, Cremitz sah es trostlos aus. Es standen 1.295 Morgen Land unter Wasser. Der Zugang zum Dorfe Meuselko war im Wasser verschwunden. Der Briefträger konnte nur noch barfuss dahin gelangen. Auch für Gespanne war kein Ausweg nach den Nachbardörfern, denn um das viele Wasser abzulenken, waren die Straßen durchstochen worden. In den Ställen stand das Vieh normalerweise im Wasser. Man hatte, um es auf dem Trockenen zu halten, so viel Stroh in die Ställe geworfen, dass die Tiere fast mit dem Rücken an die Decke stießen.“

Bei Jessen und Grabo glich die Elster einem riesigen See. Das Wasser floss nur träge, wenn es nicht überhaupt stand. Bis hierher reichte ja der Rückstau der Elbe. Viele Keller von Jessen standen unter Wasser. Grabo hatte sich noch während der eigentlichen Überschwemmungsperiode ganz gut gehalten, aber es sollte dem Unglück der übrigen Ortschaften nicht entrinnen.“
"Grabo. Die hier niedergegangenen Gewitter haben durch den unaufhaltsamen strömenden Regen unendlichen Schaden angerichtet. Die Fluren vermögen die Feuchtigkeit nicht mehr aufzunehmen und geraten in immer weitere Überschwemmungen. Ganz besonders bedroht sind wieder die Ländereien am Neugraben. Der Neugraben ist wieder derartig über seine Ufer getreten, dass einige Gehöfte in Gefahr kommen. Einige Wohnungen wurden in gestriger Nacht bereits geräumt."
„Die Gefahr der Dammbrüche kam immer näher und die wildesten Gerüchte liefen von schon geschehenen Brüchen oder Attentaten auf den Damm um. Die Gefahr lag ja auch nicht fern, daß einzelne Gemeinden im Selbstschutz die gegenüberliegende Dammseite durchstechen würden. Darum gingen Tag und Nacht Dammwachen auf und ab.“

„War es bisher sehr kalt gewesen so brannte jetzt die Sonne ohne Erbarmen auf die Wasserflächen nieder. Die Folge davon war, daß die Pflanzen und abgestorbenen Tiere einen unerträglichen Gestank verbreiteten, Millionen und Abermillionen Mücken schwebten unablässig wie dicke Wolken über der Landschaft und wurden zur furchtbaren Plage für Mensch und Tier. Der Wasserspiegel überzog sich mit einer öligen Schicht. Ein großes Fischsterben setzte ein, denn die Fische gingen durch den Schmutz und den künstlichen Dünger, der von den Feldern herausgespült war, zu Grunde. An der Elbe gab es Stellen, wo die Tierleichen, zentnerweise herumlagen und einen pestilenzartigen Gestank verbreiteten. Sie mussten später auf dem Acker vergraben werden.
Wie unerträglich der Geruch war, geht daraus hervor, dass man in Wörlitz nur mit Gasmaske an die Wasser heran konnte, um die Gräben zu säubern.“
"Rade. Hochwasser- und Unwetterschäden in den Gemeinfluren Rade und Rettig. Die Gemeindeflur von Rade umfaßt eine Fläche von 2.200 Morgen zuzüglich 203 Morgen Elbwiesen (Forensen). Von diesen 2.403 Morgen sind 403 Morgen Wiese, das übrige ist Ackerland. Um eine klare Vorstellung über die verheerenden wolkenbruchartigen Regenmassen zu bekommen, muß man sich folgendes vergegenwärtigen: In der Zeit vom 13. - 15. Juni zeigte der Regenmesser 120 mm, vom 4. bis 5. Juli 129 mm Regen, zugerechnet ergibt das auf 1 qm Land 12 bzw. 13 Eimer Regen a 10 Liter, überschwemmt sind heute von der Gesamtfläche 80 Prozent, und abfließen können diese Wassermassen erst dann, wenn Elbe und Elster in ihre Ufer zurücktreten. Total vernichtet sind heute sämtliche Wiesen und Leguminosen (Erbsen und Wicken). 90 Prozent des Grünfutters, 50 bis 70 Prozent der Kartoffeln und Rüben. Vom Getreide stehen mindestens 70 Prozent seit 3 Wochen flusstief im Wasser, und der Rest ist vom letzten Unwetter niedergeschlagen worden, ebenso ergeht es der Domäne Rettig (Clöden). Das faulende Gras verbreitet einen pestartigen Geruch, die Teiche sind von einer öligen Schicht überzogen, wahrscheinlich einem Verwesungsprodukt der abgestorbenen Fische und ertrunkenen Feldtiere. Die hiesigen Landwirte haben somit dieses Jahr mit einer vollständigen Missernte zu rechnen. Sie wissen nicht, womit sie ihr Vieh füttern sollen. Die letzte Viehzählung ergab einen Bestand von 111 Pferden, 389 Rindern, 361 Schweinen, 17 Ziegen, kein Grünfutter, kein Heu, in Zukunft auch keine Kartoffel und Rüben. Wenn hier keine Hilfe zuteil wird, so werden die Landwirte ihr Vieh zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen müssen und damit ist die Viehzucht, die hier den größten Besitzwert bildet, auf Jahre hinaus vernichtet; denn Geld zum Ankauf von Kraftfuttermitteln ist bei der jetzigen Lage der Landwirtschaft nicht vorhanden.  - Doch auch das nun schon fast 4 Wochen vom Wasser überschwemmte Land wird auf mehrere Jahre nicht kultur- und ertragsfähig sein.

Anfang August fiel das Wasser und langsam wurden nun die Äcker streckenweise wieder frei. Das Wasser stand rund 11 Wochen in der Flur. Ein trauriges Bild der Verwüstung bot sich dem Auge dar. Kartoffeln und Rüben und dergleichen waren vernichtet, und die Getreidehalme übereinander geworfen. Nun gingen die Betroffenen daran, den gebliebenen Rest der Ernte zu bergen. Es war schwere Arbeit, denn Maschinen konnten nicht benutzt werden. So musste die Sense allein die Arbeit verrichten, Knietief im Schlamm und Morast watend wurden die Halme gemäht und auf höhere Stellen und Wege getragen. Beim Abfahren versanken Wagen und Pferde. Sechs Pferde mußten oft den mäßig beladenen Wagen wieder herausziehen. Von der ganzen Körnerernte waren 75 % vernichtet, und der Wert des Restes an Körnergüte war um 60 bis 70 % geringer. Die Kartoffelernte ist schätzungsweise auf 95 %, die Rübenernte auf 100 % vernichtet. Es standen eben Felder unter Wasser, die bei normalen Hochwassern nie überschwemmt werden. Die in Elsternähe gelegenen Grundstücke waren zusätzlich mit Kohlerückständen verschmutzt. Bei diesem Hochwasserereignis hatten aber  auch Dörfer, die ganz selten oder nie mit Wassersnot zu kämpfen hatten, Furchtbares durchzumachen. So hatten die Dörfer Arnsdorf, Rehain, Lüttchenseyda, Morxdorf, Ruhlsdorf,   Schadewalde, Zemnick, Lindwerder, Leipa, Gentha, die nie zuvor an Hochwasser gedacht hatten, einen Unwetterschaden von 5.713 Morgen.

Den ganzen August, ja bis in den September hinein stand das Wasser auf einer Reihe Äcker und Wiesen. Als man hernach im Herbst mit dem Pflügen begann, hatte der Acker eine blaue,  ins Grünliche übergehende Färbung durch Versäuerung angenommen, und an durchlässigen Stellen versanken immer noch die Pferde mit Wagen.

Die Schäden waren sehr unterschiedlich, manche Feldfluren waren durch die Ablagerungen auf mehrere Jahre nicht nutzbar. In anderen Feldfluren war nur die Ernte betroffen. Der größte Schaden, auch Folgeschaden war die durch die akute Futterknappheit einsetzende Notschlachtung des vor den Fluten geretteten Viehbestandes. Denn woher sollte der Landmann das Geld nehmen, sich Futter zu kaufen? So war ungefähr 68 % des Bestandes an Rindern und Pferden und ein hoher Prozentsatz des Bestandes an Schweinen und Schafen auch betroffen. Die Pferde wurden zur damaligen Zeit aber für die Feldbestellung und den Transport der landwirtschaftlichen Güter dringend benötigt, Traktoren waren noch nicht vorhanden. Um diese eingetretenen Schäden einigermaßen auszugleichen hatte die Landwirtschaft viele Jahre nötig.

Um von dem Schaden, der in den Überschwemmungsgebieten angerichtet worden ist, ein Bild  zu geben, seien hier folgende Zahlen genannt. Es stehen unter Wasser:

Es ist schon gesagt worden, dass der unermessliche Schaden dieses Hochwassers sich nicht auf das Jahr 1926 beschränkte, sondern dass die größte Schädigung darin bestand, dass diese Katastrophe ihre unvermeidlichen Folgen für die kommenden Jahre haben musste, indem viele Äcker und Wiesen ihre gute Ertragsfähigkeit auf lange Zeit eingebüßt hatten und die Viehbestände sich nur sehr langsam auffüllen konnten. Die wirtschaftliche Lage im Land war aber alles andere als rosig. Aus den Folgen des ersten Weltkrieges hatte Deutschland noch sehr hohe Reparationsleistungen zu erbringen.

Die Folgen der Inflation, die 1923/24 ihren Höhepunkt hatte, waren noch nicht überwunden. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch bei uns stark aus. Die Arbeitslosigkeit machte sich bemerkbar. Alles keine guten Begleitumstände für die notwendige Regulierung des Unterlaufes der Schwarzen Elster.  

Dazu kommt nun, dass das Jahr 1927 an seinem Beginn bereits wieder im Zeichen bedrohlichen Hochwassers steht. In der Tageszeitung lesen wir:

"Bei der Schwarzen Elster hat der Wasserspiegel seinen Stand vom Juni (1926) erreicht. Eine gewaltige Wasserfläche bedeckt die Niederungen zu beiden Seiten der Elster. Der durch das neue Hochwasser angerichtete Schaden ist naturgemäß sehr groß; denn ein großer Teil der Felder die man von dem letzten Hochwasser erst vorbereitet und besät hat, steht mit den Saaten unter Wasser. Noch standen die Niederungen der Schwarzen Elster unter Wasser von der letzten Überschwemmung, und die hervorgerufenen Schäden sind durchaus noch nicht behoben. Unabsehbar aber ist der Schaden, der nach dem Versiegen der Überschwemmung erst zutage treten wird: denn die Verschlammungen und das Verwesen der Grasnarbe werden große Schaden an den Wiesen hinterlassen. Auch die Felder sehen trostlos aus, viele Landstriche sind gar nicht umgeackert worden - weil der Boden noch zu nass war, oder eine einzige Verfilzung durch die Wucherung von Wassergräben aller Art bildete. Wie gesagt, die Schrecken des letzten Hochwassers steigen wieder herauf, wenn man sieht, dass das Wasser der Elster wieder im Steigen ist. Angesichts der neuen Gefahr muss nochmals mit allem Nachdruck verlangt werden, dass die Regierung nun endlich Schritte unternimmt, vorbeugende Maßnahmen zu treffen. Die Elsterregulierung wird beschleunigter vorgenommen werden müssen. Vor allen Dingen aber werden die Flussläufe bei Schweinitz und Jessen und schließlich auch die Einmündung der Elster in die Elbe so gestaltet werden müssen, dass die hiesige Gegend nicht bei jedem Regenguss das Sammelbecken des Wassers bildet. Allem Anschein nach liegen die Übelstände darin, dass die oberen Flussläufe reguliert sind und das Wasser schneller abläuft, während in den unteren Läufen die Regulierung immer noch auf sich warten lässt."

Hier wird also die Ursache der furchtbaren Elsterüberschwemmungen, besonders an ihrem Einmündungsgebiet um Gorsdorf und Hemsendorf, angeschnitten.Die notwendige Elsterregulierung erfolgte von 1927 – 1931. Unberücksichtigt dabei blieb aber das Abflussverhalten des Neugraben der nicht an die Veränderten Bedingungen angepasst wurde.

 

 

BERND HOPKE
ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2021-02-16

 

 

Quelle

  • Andreas Anlauf, „Der Kampf mit dem Wasser in der Parochie Klöden“, Manuskript, Predigerseminar Wittenberg, [Katalog: 1990-247]
  • Heimatkalender für den Kreis Jessen 1957  S.49 ff
  • Wilhelm Kölling, Düßnitz: „Die letzten Elbdamnbrüche 1881 und 1890“ in: Schweinitzer Heimatkalender 1936.
  • Heimatkalender für den Kreis Jessen 1955- S.46 ff.
  • Das Hochwasser des Jahres 1926 im Kreise Schweinitz; Heimatbote, Beilage zum Schweinitzer Kreisblatt, Nr. 16 v. 6. August 1926:
  • Jessener Zeitung vom 10.7.1926.
  • Chronik des Friedrich Wilhelm Richter in Gerbisbach (geb. 27. 9.1874), verfaßt über die Richtersche Familie, 1939/40.
  • Schweinitzer Kreisblatt v. 7.1.1927.
  • Chronistische Notizen im Anhang des Gorsdorfer Taufregisters von 1889 ff.
  • Schulchronik des Dorfes Kleindröben