Jagdsitze

Lochau’s und Jagdsitze wo hin man schaut


Ausschnitt der Ämterkarte von Matthäus Seutter; Amt Annaburg; um 1700

Die Lochau


Dankegott Immanuel Merkel schrieb am Ende des 18. Jahrhundert im 7 Band seiner „Erdbeschreibung des Königreiches Sachsen“ über Annaburg:

Annaburg ward er nach dem neuen Schlosse genannt, welches Mutter Anna 1572-73 unter Direktion Wolfs v. Canitz, ½ Stunden vom alten Jagdschlosse Logaw, baute, welches letztre die Kurfürsten aus dem askanischen Hause besonders liebten und Kurfürst Albrecht noch 1465 ausbessern lies. Die Steine zu dem neuen Bau, der auch die Gründung des Fleckens veranlasste, nahm man von den alten Schlössern Logaw, Löben und Schweinitz. Kurfürst August und Mutter Anna schätzten Annaburg ganz vorzüglich. Die übrigen Sächsischen Regenten besuchten das Schloß weit seltener, so dass es am Ende, besonderst durch die neue Einrichtung der Lichtenburg am Ende des 17. Jahrhundert ganz in Verfall gerieth

Mit dem ersten Teil hat er eine Ente in die Welt gesetzt, als er schreibt, dass der Standort der alten Lochau nicht identisch sei mit dem heutigen Standort des Schlosses. Er hat sich dabei auf das Kartenmaterial welches zu seiner Zeit allgemein zugänglich war – die Ämterkarten (18.Jahrhundert) von Matthäus Seutter gestützt.

Denkmal „Friedrich der Weise“ im Franzosenwinkel

So entstand – ca. 2 km westlich der Stadt Annaburg an der Bahnlinie Annaburg-Jessen, am Franzosenwinkel, in der Nachthainichte auf Initiative des Annaburger Pfarrer Nottrott, Amtvorsteher Miething und Gemeindevorsteher Abet von 1877 – drei Jahre später 1880 das Denkmal für dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen ein Denkmal durch Annaburger Vereine und Bürger, mit finanzieller Unterstützung der Kaiserin Augusta. Ausgangpunkt war die Auffassung, dass an dieser Stelle wie Herr Merkel schrieb, das alte Jagdschloss Lochau gestanden hätte.

An dieser Auffassung gab es aber schon zur damaligen Zeit erhebliche Zweifel. Deswegen hat z.B. Gründler in seinem Buch „Schloß Annaburg“ 1888 geschrieben:

Alles dies beweißt, dass auch von einem umfangreichen Bauwerk zu thun haben. Nehmen wir hinzu, …. dass es schon damals ein Vorder- und Innenschloß gab, so ergibt sich ganz von selber die Vermutung, dass das alte Schloß Lochau an der selben Stelle gestanden hat, an welcher das heutige Schloss Annaburg sich erhebt.“  
So würde man auch selbstverständlich den Standort von Schloss Lochau und Schloss Annaburg für ein und denselben halten, wenn nicht ein in der neusten Zeit (1880) errichteter Gedenkstein behauptete, dass in der Nähe der ‚Nachthainichte’ etwa ½ Stunden von Annaburger Schloss entfernt, Friedrich der Weise ‚in seinem Schlosse Lochau’ gestorben sei.

Wie konnte diese Fehlinterpretation entstehen? Gründler liefert schon den ersten Hinweis dazu:

Der Umstand, dass dieser Fleck von alters her im Volksmunde ‚das Schlösschen’ genannt wird, hat zu der irrigen Meinung Veranlassung gegeben.“

Richtiger, es handelte sich dabei um das Gelände des ehemaligen kurfürstlichen Fasanengarten der in mitten der Annaburger Feldmark sich befand, unweit der Nachthainichen – des ehemaligen zum Orte gehörenden gemeinschaftlichen Waldstückes. Der kurfürstliche Fasanengarten – „zum Schlosse“ gehörend – „zum Schlösschen“ und zuletzt „das Schlösschen“ genannt. Auch gab es 1586 ein Flurstück welches „Die alte Lochau“ genannt wurde. In späteren Karten hieß dieses Flurstück „die langen Rücken“. Nach Luftbildaufnahmen könnte es sich dabei um eine alte Siedlung „das alte Lochau“ gehandelt haben.

Ausschnitt „Ur-Röder“ 16.Jh.

Sicher ist aber und das wurde durch archäologische Grabungen im Schlossbereich mehrfach belegt, dass es sich um ein bereits seit dem Spätmittelalter bewohnt und großflächig bebautes Gebiet handelt worauf das Schloss Annaburg steht. Dabei wurden die Informationen über Begebenheiten und Bebauungen aus den Akten durch die Grabungen vor Ort im Schlossbereich bestätigt.

Neue Lochau – Kleine Lochau

Ausschnitt aus der Karte „Lochische und Seydische Heide“ von 1556
Dieser Ort hieß vor Zeiten die ‚alte Lochau’, und schon im Jahre 1575 gab es auch eine ‚neue Lochau’. Letztere lag in der Richtung nach Torgau, mitten in der Heide, und bildet heute unter dem Namen ‚neue Schenke’ einen gleichfalls von einem Graben umschlossenen Platz, der etwas größer ist, als der Raum bei der Nachthainichte“,

lässt Gründler uns noch wissen. Otto Heintze hat 50 Jahre später genau das gleiche geschrieben, gleiche Wortwahl, gleicher Satzbau – einziger Unterschied aus ‚neue Schenke’ wurde ‚alte Schenke’. Das ist ja auch verständlich – 50 Jahre später kann sie so ‚neu’ nicht mehr gewesen sein.

Ausschnitt aus der Karte „Lochische und Seydische Heide“ von 1556

Wie sieht die Quellenlage dazu eigentlich aus? Heintze und Gründler sind nur Sekundärquellen, dabei hat Heintze die Fakten von Gründler übernommen. Welche Quellen Gründler genutzt hat – wissen wir nicht, da er keine angegeben hat. Gehen wir also davon aus, dass es sich um geschichtliche Überlieferungen handelt.

Aber was kann man zu diesen Themen den tatsächlichen Quellen entnehmen.   

* archäologische Luftbildaufnahmen vom Gebiet der Nachthainichten – also der Gemarkung „Alte Lochau“
* Inventar des Amtes Lochau durch Jürgen Hesse  von 1509 in Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Reg. AA 1134, Bl.23R-37V (hier Blatt 35-37) – Hier ist das Inventar der „neuen Lochau“ aufgeführt;
* Beschiedbuch der Ämter Sachsen, Meißen, Thüringen, Franken 1509, Lochau (32R) in Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Kopialbuch F 38 – Hier Gesamtaufnahme der Amtsbediensteten und der Konditionen des Personals der „neuen Lochau“
* Karte Nachzeichnung (18. Jh):  Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, 1556, im Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013 – Hier finden wir die Lage der „neuen Lochau“ aber auch der „Kleinen Lochau“ mit dazugehöriger Ortsstelle;
* Karte der Annaburger Heide, 1633, Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 003, F 044, Nr 001 – Hier das Fehlen dieser alten Örtlichkeiten – „neue Lochau“ und auch „Kleine Lochau“;
* Öder, Georg d. J., Forstzeichenbuch, 16.Jh. –   Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Forstzeichenbuch 47 - Hier das Fehlen dieser alten Örtlichkeiten – „neue Lochau“ und auch „Kleine Lochau“;
Ausschnitt aus der Karte der Annaburger Heide von 1633,

Das Bedeutet, dass nach der ältesten Kartografischen Darstellung die „Lochau“ des Kurfürsten Friedrich des Weisen am heutigen Standort der Annaburg stand – neben dem Dorf Lochau. Außerdem gab es eine „Kleine Lochau“ unterhalb des Hirschkopfes am Schwanensee gelegen. dazu gehörte eine Dorfstätte „Locha“ – davorgelegen in Richtung Rosenfeld. Zu dieser Zeit führte hier die Torgisch-Lochauer Straße entlang, die von hier über den Damm über den Schwanensee führte. Dieser Damm teilte den Schwanensee in den „Großen“ und „Kleinen“ Schwanensee. Zur Zeit der Außenstelle des Annaburger Gestütes wurde über einen Graben der Kleine Schwanensee trocken gelegt, um eine Weide für die Pferde zu bekommen. Der Passus bei Gründler über das „Sauere Gras“ welches die Pferde nicht vertragen haben, wird sich sicherlich auf diese Weide bezogen haben. An der Stelle wo 1556 die „Kleine Lochau“ eingezeichnet wurde, ist auf keiner später ausgeführten Karte ein Hinweis oder Bezug zu finden. Es muss wohl davon ausgegangen werden, dass dieser Ort unmittelbar nach Kartenerstellung aufgegeben (Hochwasser?) wurde und als „neue Lochau“ weiter nördlich in der „Lochauer Heide“ und damit höher gelegen um 1509 errichtet wurde. In den Akten über die Einführung des Paul von Hogenest wissen wir, dass die neue Lochau mit zwei Forstknechten ständig besetzt war. Sie hatte einen Garten mit einer kleinen Kapelle, auch war sie mit einer „Schmiede“ ausgestattet. Das ganze Anwesen war mit einem Graben umgeben in dem sich munter Gänse tummelten. Da diese „neue Lochau“ im Forstzeichenbuch des 16. Jahrhundert nicht vorkommt, kann man davon ausgehen, dass sie nur eine kurze Zeit bestand (die „neue Lochau“ lag am HH-Weg unweit der Torgauer Straße). Wenn diese Örtlichkeit in diesem Buch „vergessen“ wurde zu benennen, haben diese Gebäude die Zeit des Dreißigjährigen Krieg nicht überdauert. Alle späteren Karten weisen diese Örtlichkeiten nicht mehr nach – bis auf die Karte im „Gründler“ – dort finden wir die „neue Lochau“ wieder eingetragen. Auf der Forstkarte der Oberförsterei Annaburg von 1925 ist an der Stelle der „neuen Lochau“ ein Gebäude eingezeichnet welches als Jagdhaus gekennzeichnet wurde. Auf der vom Ingenieuroffizier, Leutnant von Ebeling, aus dem preußischen 25. Infanterie-Regiment 1847 erstellten topografischen Karte sind an dieser Stelle noch keine Gebäude eingetragen. Wir müssen also davon ausgehen dass dieses „Jagdhaus“ im Zeitraum Mitte des 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhundert auch nur zeitweise bestanden hat.

 

Betkes Jagdschlösschen

Ausschnitt Forstkarte von 1905

Vermutlich hatten beide Oberförstereien ihr kleines Jagdhaus, so berichtet Otto Heintze:

In 3,6 km Entfernung von Annaburg führt rechter Hand an der Straße nach Herzberg die Kreuzbrücke über den Neugraben, und 0,9 km weiter kommt man an das herrlich gelegene Jagdschlösschen. Das Jagdschlösschen liegt auf dem Boden der ehemaligen Domäne Annaburg, die am 2.Juli 1862 Kaufmann Peter Daniel Betge käuflich erwarb, nachdem sie eine 16 jährige Misswirtschaft, Zwangverwaltung und Zwangsvollstreckung durchgemacht hatte: 1200 Morgen Land, wovon 40 Morgen mit Wald bestanden waren. …. Das Jagdrevier der Domäne übte eine starke Anziehungskraft aus. Zu Anfang unseres Jahrhunderts erpachtete es ein Mittweidaer Großindustrieller, der sich ein schmuckes Jagdschlösschen errichtete, das bis zum Ausbruch des Weltkrieges für ihn und seine Gäste als Jagdaufenthalt diente.      ......  Familienverhältnisse zwangen den 78jährigen Amtmann Betge 1917 seinen Besitz….zu verkaufen, …. Große Waldstrecken verfielen der Abholzung, … Endlich fanden sie im Jahre 1935 in einem Leipziger Großindustriellen einen Käufer, der den ganzen Rest des Waldgebietes der ehemaligen Domäne in Größe von etwas über 500 Morgen in seinen Besitz brachte und daraus ein vorbildliches, neuzeitliches Waldgut schuf. Die 150 Quadratkilometer große Annaburger Heide hat dadurch ein schönes Stück neuen deutschen Waldes erhalten. Das alte, verträumte Jagdhaus erhielt ein neues Aussehen und trägt nunmehr ganz den Charakter eines richtigen Jagdschlosses in der stillen Heide.“

 

Villa Pfau

Ein ähnliches „modernes“ Jagdschlösschen befindet sich in der Nähe von Züllsdorf. Darüber war zu erfahren:

„1920 verhandelte der Bürgermeister der Gemeinde Züllsdorf, Herr Robert Sehmisch, mit dem Überlandwerk Falkenberg, heute ESSAG (Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom mbh), über den Bau einer Energieversorgungsleitung. 
Die Kosten waren wahrscheinlich so hoch, dass die Gemeinde vorerst von diesem Vorhaben Abstand nehmen musste. Zu diesem Zeitpunkt wurde aber auch ein neuer Jagdpächter für die Züllsdorfer Pachtflächen gesucht. Letztlich bekam die Jagd Herr Max Pfau. Er war ein Strumpffabrikant aus der Nähe von Chemnitz. Dieser erklärte sich bereit, die Kosten für die Energiezuführung zu übernehmen. Damit wurde ihm vorerst die Jagd für die nächsten 12 Jahre zugesprochen. Für den Wildschaden musste Herr Pfau aber aufkommen. Max Pfau kaufte sogleich allerhand Grund und Boden. 1924 errichtete er seine Jagdvilla und in der Nachbarschaft einen Gutshof mit Nebengelass für sein forstliches Dienstpersonal.“ 

1945 wurde Max Pfau enteignet, weil er über 100 ha Grund und Boden besaß. In seine Jagdvilla zogen 1946 Umsiedler aus Schlesien und dem Sudetenland ein. Später die Umsiedler mussten mittlerweile nach Züllsdorf umziehen wurde in der ehemaligen Jagdvilla ein Vorschul- und Kinderheim eingerichtet. Diese Funktion ist bis zur Wende erhalten geblieben. Das Kinderheim hatte den Namen „Jenny Marx“ erhalten. Da die Erben von Max Pfau auf eine Rückübertragung verzichtet hatten mit der Bedingung einer weitere Nutzung für humane Zwecke, übernahm 1990 die „Arbeiterwohlfahrt Brandenburg Süd“ e.V das Grundstück.

Bernd Hopke
Ortschronist

AnnaOffice©2020-12-29

 

 

Quellen:

Otto Heintze „Die Annaburger Heide“; Verlag Steinbeiß; von 1938;
Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
Annaburger Heide G. Bethig; interne Informationsschrift der Bundesforst um 2000;
Danckelmann; Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen, Heft 13 von 1881; Berlin; S629-632;
archäologische Luftbildaufnahmen vom Gebiet der Nachthainichten; um 1995; unveröffentlicht; aus dem Privatarchiv von Edwin Kretzschmar
Thomas Lange; Inventar des Amtes Lochau  des Jürgen Hesse von 1509 in Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Reg. AA 1134, Bl.23R-37V (hier Blatt 35-37); 2019; Ausarbeitung zur Erstellung seiner Doktorantenarbeit;
Thomas Lange; Beschiedbuch der Ämter Sachsen, Meißen, Thüringen, Franken 1509, Lochau (32R) in Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Kopialbuch F 38); 2019; Ausarbeitung zur Erstellung seiner Doktorantenarbeit;
Karte Nachzeichnung (18. Jh):  Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, 1556, im Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013;
Karte der Annaburger Heide, 1633, Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 003, F 044, Nr 001;
Öder, Georg d. J., Forstzeichenbuch, 16.Jh. –   Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Forstzeichenbuch 47;
Autorenkollektiv unter Leitung von Willy Hartung; „Betriebsgeschichte des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Jessen in Annaburg“,um 1985 unverlegt; Eigenverlag,;
Matthäus Seutter; Ämterkarten – Amt Annaburg; um 1700
August Zürner; Landesaufnahme 1711 aus Atlas Augusteus Saxonicus (Exemplar A), Handzeichnung,: Tabelle der Kreise und Ämter, 1711-1742