Wegenamen

Von Äpfel, Brezeln und umgedrehten Hämmern

Apfelweg

Viele Namen von Wegen in der Annaburger Heide stehen in unmittelbaren Zusammenhang mit der Jagd. Der Apfelweg steht stellvertretend für eine Reihe von Waldwegnamen, wie L-Weg, N und E Weg, verkehrter Hammerweg, Doppelter M Weg um nur einige zu nennen. Diese Wegnamen sind nach den alten Waldzeichen benannt. Waldzeichen wurden entlang der Wege an markanten Bäumen aufgemalt.

Als Zeichen kamen Symbole aus der Astrologie oder auch der Alchemie zur Anwendung. Da die einfachen Bewohner der Walddörfer die tatsächliche Bedeutung der angebrachten Zeichen meist nicht verstanden, haben sie sie in ihrem Sinne angesprochen. Das Trift beim Apfelweg genauso zu, wie beim verkehrten Hammerweg oder dem doppelten M-Weg. Der Apfelweg geht auf ein Waldzeichen, einem Kreis aus deren Mitte ein Strich nach unten führt. Das Zeichen steht für das „Element“ Nacht und stellte auf keinen Fall ein Apfel dar. Auch stand es nur für einen Teil des Weges des heutigen Apfelwegs und zwar vom Abzweig Groß Naundorf bis zur Waldkante in Richtung Bethau. Der Weg hieß „Bettisch Lochisch Weg“ und mündete in den „Neudorffischer Lochischer Oberweg“. Dieser war mit einem auf einem Querstrich stehenden Pfeil markiert.Die Waldzeichen dienten der Orientierung im Wald ähnlich der Straßennamen in einer Stadt. Den Aufwand hatte man betrieben, weil nur so die große Logistische Herausforderung in Vorbereitung und Durchführung der eingestellten Jagden zu Bewerkstellen war.  Die Arbeitsgruppen, die für das Einlappen zuständig waren, mussten wissen wo die Netze aufzustellen waren (Hauptflügel). Die Fuhrleute mussten wissen wohin zu liefern ist. Zu beachten ist dabei, dass die Dienstverpflichteten aus den verschiedensten Dörfern zum Teil unterschiedlicher Ämter kamen. Gleiches trifft für die Treiber zu, die mussten den Stellort (Gestell) und die Richtung in die zu treiben war kennen.

Es ist schon einleuchtend warum die ersten großen zusammenhängenden Karten, die Waldgebiete von Kursachsen abbildeten. Hier ging es nicht nur um die Waldgrenzen, des Abgrenzen kurfürstlichem Eigentum. Sie wurde vor allem als Arbeitskarte in Vorbereitung einer großen Jagd benötigt. An ihr erfolgte die Einweisung der Beteiligten. Deswegen ist auch die Beschriftung so eigentümlich kreisförmig um die bevorzugten Jagdzentren, den Endpunkten der Treibjagd angeordnet. Kreisförmig, weil man immer einen Sektor in einer bestimmten Richtung zum Zentrum zu die Treibjagd durchgeführt hat.

Brezelweg

Der Brezelweg geht auch auf ein altes Waldzeichen zurück, aber auch hier war nicht etwa tatsächliche eine Brezel, das bezeichnende Zeichen. Das Zeichen stand eigentlich für Salpeter und damit war der „Dautschener Eysenweg“ gekennzeichnet, der führte von Dautzschen nach Mahdel. Von diesem Weg aus der Vergangenheit ist in der heutigen „Erinnerung“ die Bezeichnung einer Brücke über den Neugraben geblieben – die Brezelbrücke.

Umgedrehter Hammerweg

Dieser Weg – „Dautzscher Zolsdorfferweg“ wurde gekennzeichnet mit einem umgedrehten „T“. Auch dieses Zeichen wurde in der Alchemie verwendet, genauso wie bei Kriminelle als „Zinkerzeichen“ (steht dort für Haus mit allein stehender Frau). Später wird es in der hohen Mathematik verwendet, genauso wie in der Elektronik – dort als Massesymbol. Die einfache Landbevölkerung deutete es als Hammer, als umgedrehten Hammer.

 

Die Sieben und der Höllenflügel

Die Eingestellten Jagden wurden im 16. Jahrhundert weiterentwickelt, mit ihnen ihre Organisation und damit auch die notwendigen Arbeitsunterlagen. So wurden im 17.Jahrhundert auch die Waldwege verändert, sie wurden den Jagderfordernissen angepasst.

Für die Jagd wurden Gestelle und Flügel angelegt. Die Gestelle waren die Aufstelllinien der Treiber. Die waren vom „Lauf“ (Zielgebiet) her aufsteigend nummeriert (1;2;3 usw.). So kam „Die Sieben“ zu ihrem Namen. Die Flügel hingegen waren die seitlichen Begrenzungen der (Treib)Jagden, man unterschied hier die Hauptflügel (HF), Mittelfügel (MF) und Nebenflügel (NF). Hier konnte durch die Breite der vorgesehenen Jagd die Anzahl der notwendigen Treiber festgelegt werden. Der „Höllenflügel“ erinnert an einen solchen Flügel, im konkreten Fall bildete er einen Teil des Hauptflügels der großen Jagd und begrenzte die Hauptjagd gegen die dort befindlichen Höllenwiesen einem damaligen weiten Feuchtgebiet.

Mit dieser Wegestruktur war es möglich die Anzahl jagdbaren Wildes zu planen und schuf damit die Vorraussetzung für erfolgreiche kleine, mittlere und große Jagden. Man organisierte damit die Anzahl des „Einzustellenden“ Wildes.

Lochisch-Herzberger Weg

Eine der alten Wege durch die Annaburger Heide war der Annaburg-Herzberger Weg (Hertzbergische Lochische Stras). Dieser Weg teilte sich in der Vergangenheit in zwei parallel verlaufende Wege. Während die „Lochisch-Herzbergische Straße“ am Waldesrand seitlich am Bruchrande und seitlich „Sauhorst“, entlang führte um dann am Zschernicker Teich vorbei zur „Zschernicker Dorffstelle“ zu stoßen. So folgte der „Lochische-Herzberger-Hornweg“ weitestgehend dem auch spätern Verlauf dieses Waldweges. Dieser Weg führte direkt zum Zschernick war aber witterungsbedingt nicht immer passierbar, denn er folgte bis kurz vor dem Zschernick der alten Bruchlinie des Zschernicker Grabens. Allerdings führte er anfänglich nicht zur „Zschernicker Dorffstelle“, sondern südlich an ihr vorbei um sich erst dahinter mit dem „Herzbergisch-Lochischen-Stras“ wieder zu vereinen, um dann über Mahdel nach Herzberg zu führen.

Mit der Jagd hat das in sofern etwas zu tun, weil Anfang des 16. Jahrhundert, bei der Umstrukturierung der Jagden in der Annaburger Heide der Annaburg-Herzberger-Weg einen Teil des südlichen Hauptflügels der „Ersten Jagd, so hinter der Baderei ansteht und nach der Mahdel hinausgeht“ bildete.Diese „erste Jagd“ war für die Schwarzwildjagd vorgesehen. „Das andere Jagen ufm Annaburgischen und Züllsdorffischen Orth“ war die Hauptjagd. Sicherlich die wichtigste Jagd war die „Dritte Jagen auff dem Rosenfeldischen Ortt im Ambt Annaburgk“. Der Endpunkt dieser Jagd lag bei Dautzschen. Auch wenn diese „Dritte Jagen“ nicht als Hauptjagd gedacht war, übernahm sie mit der Zeit genau diese Funktion. Das lag daran, dass dieser Ort der Lichtenburg am nächsten lag. Da die das Annaburger Jagdschloss eher klein als groß angelgt wurde, bevorzugten kurfürstlichen Jagdgesellschaften nach dem Ableben von August und Anna, die große geräumige Lichtenburg. Von der Lichtenburg aus wurden die größten Treibjagden in der Annaburger Heide veranstaltete.

Otto von Hagen Denkmal = Wiederaufforstungsdenkmal

Aus jüngerer Zeit Stamm das Otto von Hagen Denkmal. Es wurde 1881, gefertigt aus Sandstein, in Form eines Kiefernstammes, aufgestellt auf einem mit Raseneisensteinen verkleideten Sockel, als Erinnerung für den Preußischen Oberlandforstmeister Otto von Hagen errichtet (gest.10.09.1880). Er hatte hier sein letztes Stück Rotwild erlegt. Bei Otto Heintze lesen wir:

„Vom Kilometer 6,0 der Annaburg-Torgauer Straße 0,7 km nach Westen erhebt sich unter starken Tannen, von Goldregensträucher eingefasst, ein geschmackvolles Denkmal. Auf einem 1,25 m hohen Sockel aus Raseneisenstein steht ein 1m hoher steinerner Baumstamm mit 0,50 m Durchmesser und verkündet mit seiner Gedenktafel-Inschrift:

‚Otto v. Hagen, Landesforstmeister 1865-1880 schoß hier sein letztes Wild.’“

In der Nachbarschaft wurde während des 2. Weltkrieges die Abt. 211 und 212 durch die Garnison Lönnewitz bei Falkenberg als Fliegerschieß- und Bombenabwurfplatz genutzt. Nach Kriegsende war auf demselben Areal die Sowjetarmee präsent. Am 14. Mai 1947 nahm von hier ein Flächenbrand beim Sprengen von Blindgängern seinen Anfang der 600 ha vernichtete und auch die Abteilung 73 erreichte wo sich das Denkmal befand. Nach der Wiederaufforstung wollte man an dieses Ereignis, hier vor allem an die Mühen der Folgenbeseitigung erinnern. Von Willy Hartung und Klaus Nehring erfahren wir:

In der Abteilung 73 stand ein altes Denkmal mit der Aufschrift:
‚Hier schoß 1884 Oberlandforstmeister Otto von Hagen seinen letzten Hirsch.’
Dieses Denkmal wurde Anfang 1952 durch einen Bildhauer und Steinmetz aus Prettin restauriert, die alte Inschrift abgeschliffen und durch eine neue ersetzt. Die Waldarbeiter des Reviers Brucke hatten bei der Restaurierung die meisten Arbeiten selbst ausgeführt. Die neue Inschrift des Denkmals lautete:
‚Fleißige Hände forsteten von 1949 – 1952 700 ha Kahlflächen auf.’

2006 wird das Denkmal erneut restauriert und dabei auch noch umgesetzt, da es sich in der militärischen Sperrzone seit langem befand. Am neuen Standort, dem ehemaligen Standort des Forsthauses Brucke erfolgt sogar der Eintrag in die offizielle Denkmalliste des Landes Sachsen.

„Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen; Obj.-Dok.-Nr. 09305714

Kreis Nordsachsen; Gemeinde Beilrode; Gem. Dautzschen * Fl-stck. 14* Flur 2

Gedenkstein; Sandstein, in Form eines Kiefernstammes, aufgestellt auf einem mit Raseneisensteinen verkleideten Sockel, zuerst als Erinnerung für den Preußischen Oberlandforstmeister Otto von Hagen errichtet, später zum Denkmal für die Wiederaufforstung im Dautzscher Forstrevier nach Flächenbrand 1947

umgewidmet, regionalgeschichtlich und personengeschichtlich von Bedeutung

Datierung 1881 (Gedenkstein)

Ausweisungsstelle Landesamt für Denkmalpflege Sachsen“

Die Inschrift lautet:

„Schützt den Wald – Ein Waldbrand vernichtete am 14.05.1947 600 ha Wald. Fleißige Hände forsteten bis April 1950 wieder auf“ 

Tatsächlich hätte es heißen müssen 1952, weil erst in diesem Jahr die Arbeiten beendet wurden.

Aus einer internen Informationsschrift der Bundesforst war zu entnehmen, dass die alte Inschrift beinhaltet habe:

„ Otto von Hagen Preußischer Oberlandforstmeister von 1863 bis 10. September 1880, schoß hier sein letztes Stück Rotwild, Alttier von 85 kg am 17. Dezember 1875“ 

diese Variante stand in einer damaligen Jagd- und Forstzeitung.

Ein sehr gutes Beispiel für die Glaubhaftigkeit von Quellen, drei verschiedene Quellen – drei verschiedene Darstellungen. Als Quellen lagen hier zu Grunde:

Betriebsgeschichte des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Jessen in Annaburg, 1985 unverlegt; Eigenverlag, Autorenkollektiv unter Leitung von Willy Hartung;
Annaburger Heide G. Bethig; interne Informationsschrift der Bundesforst um 2000;
Otto Heintze „Die Annaburger Heide“ von 1938;
Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen, Heft 13 von 1881; Berlin; S629-632; Danckelmann;

 

 

Bernd Hopke
Ortschronist

AnnaOffice©2020-12-29

 

Quellen:
Otto Heintze „Die Annaburger Heide“; Verlag Steinbeiß; von 1938;
Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
Autorenkollektiv unter Leitung von Willy Hartung; „Betriebsgeschichte des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Jessen in Annaburg“,um 1985 unverlegt; Eigenverlag,;
Karte Nachzeichnung (18. Jh):  Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, 1556, im Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013;
Karte der Annaburger Heide, 1633, Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 003, F 044, Nr 001;

 

 

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