Schlossbau

Das Annaburger Jagdschloss


Schlossbau

Mit dem Schlossbau begann die nur 13 Jahre währende Zeit die die „Welt“ von Lochau verändern sollte. Der Sächsische Kurfürst August und seine Gemahlin, die ehemals dänische Prinzessin und spätere Kurfürstin Anna von Sachsen waren auf dem Höhepunkt ihrer „Macht“ angekommen. Das sächsische  Kurfürstentum, welches die beiden Brüder, Moritz und August ihren Cousins, den Ernestinern abgenommen hatten, war gefestigt. Die Staatsfinanzen, der mächtige Schuldenberg den ihm Moritz hinterlassen hatte, konnten konsolidiert werden. Der sächsische Führungsanspruch im protestantischen Lager war gesichert. Die eigene Hausmacht gegenüber den Hochadel und den anderen Ständen war gefestigt. Der Kurfürst stand bereits 19 Jahre an der Spitze seines Staates und hatte langsam auch gelernt Macht abzugeben. Er war jetzt 46 Jahre und seine Anna 40 Jahre alt, als sie vielleicht endlich auch etwas für sich tun wollten. Bei früheren Jagdaufenthalten waren sie schon öfters in der Lochauer Heide. Auch das ehemalige Schloß von Friedrich dem Weisen besuchten sie dabei des Öfteren. Die baulichen Anlagen müssen sich jedoch dabei schon in einem derart desolaten Zustand befunden haben, dass ein längeres Bewohnen kaum noch möglich schien.

Über den Bau des Jagdschlosses kann man im Buch „Jagdschloss Annaburg – eine geschichtliche Wanderung“ im weiteren folgendes lesen:  

Der einstmals gepflasterte Schlosshof war abgesackt und seine Umgebung durch tiefen Schlamm kaum begehbar. Auch schienen dicke Risse im Mauerwerk, hervorgerufen durch Senkungserscheinungen der auf Pfahlrosten ruhenden Grundmauern, den baldigen Einsturz von Gebäudeteilen anzuzeigen. Noch schlechter bestellt war es um die hölzerne Trinkwasserleitung, die noch unter Friedrich dem Weisen vom Jessener Gorrenberg zum Schloss geführt worden war. Da kein Tropfen des sauberen Quellwassers in Lochau ankam und die Schlossbrunnen nur das nicht genießbare eisenhaltige Grundwasser führten, musste eine Versorgung über Wasserwagen erfolgen. Der Kurfürstin Anna muss unser flaches Land stark an ihre dänische Heimat erinnert haben, den obwohl alle ehemaligen Schlösser in unserer Gegend einen desolaten Zustand aufwiesen und sie daher auch in der Folgezeit bei Bau der Annaburg als Steinlieferante dem Abbruch anheim fielen, fiel die Entscheidung nach Fertigstellung der Augustusburg hier in Lochau ein neues Jagdschloss zu errichten. Dabei sollte dieses Jagdschloss aber ein kleines Familiäres werden.

So scheint es folgerichtig, dass, nachdem bereits im Mai 1571 die Reparatur der hölzernen Wasserleitung befohlen worden war, am 18. September 1571 durch Kurfürstin Anna an den Gelenauer Baumeister Christoph Tendier die Anweisung ergeht, sich ,

". . . nach Empfang dieses Unseres Briefes alsbald zu erheben und demnächst zu Uns gegen die Lochau verfügen".
Da auch Anna und August vom 20. bis 22. September 1571 in Lochau
 weilten,dürfte es sich bei der Begegnung um eine Bauberatung gehandelt haben. Inwieweit bei diesem Treffen auch der spätere Leiter des Schlossbaues, der „Hauptmann zu Annaburg", Wolf von Kanitz (kurfürstlicher Rat und Hofmeister), anwesend war, ist nicht bekannt. Beide, sowohl Tendler als auch von Kanitz, finden wir noch unmittelbar vor dem Bau der „Annaburg" mit Arbeiten am Schloss zu Dippoldiswalde beschäftigt. Alle Fakten deuten darauf hin, dass unmittelbar nach diesem Zusammentreffen mit dem Abriss des alten Lochauer Schlosses begonnen wird. Neubau des Hinterschlosses begonnen werden kann. August hat für diesen Bau eigenhändig die Entwürfe und Berechnungen geliefert. Danach betragen die Baukosten 1048 Gulden 6 Groschen und 6 Pfennige. Die wirklichen Aufwendungen dürften jedoch weitaus höher gelegen haben, da in diesem Anschlag die Arbeitsleistungen (Dienste) kaum Berücksichtigung fanden.
Aus einem Antwortschreiben, welches von Kanitz am 15. Mai 1572 an die Kurfürstin sendet, entnehmen wir, dass an den nordöstlichen und nordwestlichen Flügeln des Hinterschlosses gearbeitet wird.

"Ich hoffe zu Gott", schreibt er, „die zwei Seiten, so abgetragen sein, als von der Kirchen an bis an die Badstuben und Waschhaus wenden, sollen dies Jahr verfertiget werden."

Trotz aller Anstrengungen scheint der Baufortschritt nicht wie vom Kurfürsten erwünscht zu verlaufen. Schwierigkeiten bereiten von Kanitz der schleppende Transport der Baumaterialien - die Sandsteine wurden auf der Elbe von Berggießhübel bis Dohlen und von dort mit Ochsenkarren nach Lochau gebracht - und vor allem die ungünstigen Bodenverhältnisse für die Grundmauern.

„Wie es um den Bau itzo allhier beschaffen, soll Ew. Churfürstlichen Gnaden ich in Untertänigkeit auch nicht vorhalten, dass auf die Grunde zu brechen und die Grunde, so im Wasser wandelbar worden, wie befunden, wieder zufassen und zu vergrunden, etwas mehr (darauf) gegangen, denn vermeinet. Wie denn der ganze Bau nicht dergestalt anzusehen gewesen, als wie es sich im Abtragen befunden, und sonderlich die Grunde an den Ausladungen (Ecktürmen), dieselbigen wiederzufassen und zu verwahren, mehr denn vermeinet Kosten, denn viel Vorrats und Zeit damit drauf -gegangen. Aber wie dem allen, so ist nun durch göttliche gnädige Verleihung die Kirche (Südostflügel) und das größere Standhaus (Nordostflügel) daran und das andere Teil, soweit die Einfahrt in das neue Hinterschloss belanget, ganz und gar vergrundet, und hoffe, das Geschoß über der Erden am großen Hause soll von den Maurern bis aufs Wölben und Aufbereiten, wenn Gott Wetter und Gnade giebt, vor Pfingsten fertig werden. Wenn nun die Grunde aufgeführet und die stärksten Mauern aufgebracht, so hoffe ich, es solle hinfort auch besser von statten gehen." 

Die aufwendige Pfahlgründung zur Befestigung des Baugrundes (Eichenpfähle von 5,60 m Länge) scheint dennoch nicht alle Gebäudeteile betroffen zu haben. Noch heute finden wir in einigen Kellergewölben architektonische Merkmale der Gotik, die vermuten lassen, dass zumindest die standhaften Grundmauern des Vorgängerbaues in den Neubau einbezogen wurden. Die Hoffnung der Kurfürstin, den Bau noch im gleichen Jahr Fertigzustellen, ging nicht in Erfüllung. 
 
Der kurfürstliche Rat konnte zwar am 15. August melden, dass „das größere Haus mit Ausnahme der Giebel und Ausladungen nunmehr unter Dach gebracht sei und, das andere Haus" zur Einfahrt und zur rechten Hand „im anderen Geschoß über der Erden" gemauert werde, auch wurden an diesem Flügel schon am 7. November die Sparren angebracht und vier Tage später die Dachziegel aufgelegt; doch all dies bezog sich nur auf das Hinterschloss. Der Kurfürst hat auch bei den Bauarbeiten zum Vorderschloss auf äußerste Eile gedrängt. Mit den Arbeiten an diesem Bauwerk war kaum begonnen worden. Von Kanitz musste daher allsonntäglich einen Bericht über den Baufortgang einreichen.

Im Frühjahr 1573 werden die Arbeiten am Hinterschloss abgeschlossen. Der Bau des Vorderschlosses ist in vollem Gange. Begonnen wurde mit dem Nordostflügel. Dieser war zur damaligen Zeit nur halb so breit wie heute. An sein Erdgeschoß schloss sich in der ganzen Länge, Richtung Brauhof, ein Fachwerkbau an. Die Arbeiten schritten nach Westen voran, und am 17. Juni meldete von Kanitz, dass der Mittel Hügel bis zum Torhaus unter Dach und Fach sei. Der sich anschließende Gebäudeteil solle in der kommenden Woche fertig gestellt werden, auch im südwestlichen Flügel (Richtung Tiergarten) wäre das Mauerwerk im Erdgeschoß gelegt. 

Auf des Kurfürsten Drängen wurde dann auch das Vorderschloss noch im gleichen Jahr vollendet. Die alten kupfernen Wetterfahnen zeigen daher die Jahreszahl 1573. Dass die Baumaßnahmen, obgleich der Kurfürst mit seinen Gästen von Anfang Oktober bis Mitte November im Schloss wohnte, nicht beendet waren, beweisen Schriftstücke aus den folgenden Jahren. Nicht nur, dass an der Innenausstattung weiter gearbeitet wurde, auch die Keller im Hinterschloss haben Anlass für Nachbesserungen gegeben. Um sie gegen das eindringende Wasser abzudichten, wurde eigens ein Niederländer, Peter von der Heyde, eingestellt. 

Im Jahre 1578 erfolgt, aus dem Graben heraus, der Anbau einer viergeschossigen Ausladung.

Die „Bergtreppe" mit glatter linksgewendeter Schnecke (einziges im deutschsprachigen Raum erhaltenes Beispiel) wird im Jahre 1585 auf dem Hof des Hinterschlosses errichtet. 

"Nachdem Wir bedacht, einen neuen runden Schneckenbau, darin wir bis vor Unser Gemach in Unserem Schlosse allhier hinauf reiten können, verfertigen zu lassen."

Weder August noch Anna dürften dieses Vergnügen je erlebt haben. Beide sind kurz nach Vollendung des Bauwerkes (Anna am 1. Oktober 1585, August am 11. Februar 1586) verstorben.

Überliefert ist jedoch, dass 250 Jahre später der damalige Direktor des Militär-Knaben-Erziehungsinstitutes, von Feigermann, diese Treppe häufig emporgeritten ist. Sein Pferd ließ er durch das Fenster auf den Schlosshof sehen. Eine Aussage, dass auch Friedrich der Große anlässlich seines Aufenthaltes im Oktober 1757 die Wendeltreppe hinaufgeritten war, ist nicht verbürgt.

Die Baumaßnahmen am Schlosskomplex waren aufgrund der kurzen Bauzeit mit vielerlei Schwierigkeiten behaftet. Besondere Probleme bereitete die Beschaffung des Baumaterials. Als die Ziegeleien der engeren und weiteren Umgebung (Gorrenberge, Pretzsch, Klöden, Torgau, Strehlen, Riesa u. a.) nicht mehr in der Lage waren, den gewaltigen Bedarf zu decken, behalf man sich durch den Abriss der alten in der Nachbarschaft gelegenen kursächsischen Schlösser. So fielen Schweinitz, Prettin und wahrscheinlich auch Löben dem Annaburger Schlossbau zum Opfer.

Das Abrissmaterial aus dem Schweinitzer Schloss war so ergiebig, dass für die Einfriedung des neuen Annaburger (Lochauer) Kirchhofes Steine übrig blieben. Auch Raseneisenstein aus der benachbarten Heide wurde für den Bau gewonnen. Andere Baumaterialien mussten aus größeren Entfernungen herbeigeholt werden. Es ist bekannt, dass Sandstein aus der Gegend um Pirna geliefert wurde. An den Rat zu Pirna ging die Weisung, streng darauf zu achten, dass kein Schiff oder Floß passiert, ohne etwas von dem für Annaburg bestimmten Material geladen zu haben. Auf der Elbe wurde auch das Bauholz, gestellt durch die Ämter Königsstein und Pirna, transportiert. Zum größten Teil dürfte dieses jedoch aus der Lochauer Heide  stammen. Das zum Decken der Gebäude erforderliche Schiefer mussten die alten Schlossgebäude in Tharandt hergeben.

Wer das Glas für die über 100 000 runden Butzenscheiben (das Schloss hatte insgesamt 313 steinerne Fenster, das große Küchenfenster 500 Scheiben) lieferte, ist nicht bekannt.

Ein anderes, nicht unerhebliches Problem stellte die Beschaffung und Antreibung der nötigen Arbeitskräfte dar. Für von Kanitz eine Schwierigkeit, an der er in den Folgejahren scheiterte und deshalb beim Bau des Neugrabens abgelöst wurde. Zwar waren die Ämter bis nach Mühlberg verpflichtet, Amtsuntertanen für Hand- und Spanndienste abzustellen, doch scheinen, wie die Klagen des Ortspfarrers über zunehmende Sünden und Laster beweisen, nicht immer die besten Leute entsandt worden zu sein. Es ist auch nicht bekannt, wie viele Arbeiter am Bau der „Annaburg" beschäftigt waren. Nach Vergleichen mit dem Neugrabenbau müssen es zumindest mehrere hundert gewesen sein. Ihre Zahl hat damit die Einwohner des benachbarten Lochau bei weitem überschritten. Für von Kanitz war die Versorgung dieser vielen Menschen keine unerhebliche Belastung. So erhielten die Bäcker zu Torgau, Jessen, Herzberg und Schweinitz den Auftrag, größere Mengen Brot zu liefern. Es lässt sich nur erahnen, welche Kraftanstrengungen es bei aller bereits vorhandenen Technik (Hebezeugen, Drehkrane u. a.) bedurfte, um den Bau zu vollenden. So verwundert es nicht, dass Fronarbeiter die Arbeit verweigerten oder in ihre Heimat zurückkehrten.

Der Kurfürst hatte für solche Fälle strenge Bestrafung angeordnet. Nicht nur, dass die Ämter für Entlaufene die doppelte Anzahl von Handarbeitern stellen mussten, auch die Delinquenten wurden grausam zur Verantwortung gezogen. Als von den Bauarbeitern 6 Maurer und 3 Knechte entlaufen, diese jedoch bei Düben und Eilenburg eingefangen und an einen Wagen geschmiedet zurückgebracht werden, schreibt der Kurfürst an von Kanitz:

„Ihr wollet dieselben anderen zur Abscheu am Bau vorüberführen und nach ihrer Schicht an einen Baum schließen oder in die Hasenmütze stecken lassen, damit sie und andere nicht mehr entlaufen mögen."

Aus den Grundrissen der „Annaburg" ist die Lage der „Hasenmütze", eines ehemaligen Kellerverlieses im Hinterschloss bekannt. Nachweislich sind Widerspenstige hier eingekerkert worden, und noch heute finden wir Spuren der eisernen Ringe in den Sandsteinblöcken. Dabei waren diese noch besser dran als jene, die durch Folter zur Arbeit gezwungen oder des Landes verwiesen wurden. Zu welch rücksichtslosen Methoden August griff, belegen Beispiele aus der „Augustusburg". Ertappte Wilddiebe mit eingebrannten Hirschhornmalen auf der Stirn mussten hier schwerste Zwangsarbeit verrichten. Bei der Schwere der Arbeit ist es erstaunlich, dass der Bau ohne größere Unglücksfälle verlief. Neben den harten Arbeitsbedingungen scheint die schlechte Entlohnung ein Grund dafür gewesen zu sein, dass viele Tagelöhner trotz der angedrohten Strafen der „Annaburg" den Rücken kehrten.

Es war üblich, dass die Arbeit verdingt wurde. Das heißt, Auftraggeber und Meister schlössen einen Vertrag über die zu erbringende Leistung und den hierfür zu zahlenden Lohn. Da die Meister oftmals mit dem angebotenen Entgelt nicht auskamen und zum Teil aus eigener Tasche zusetzten, weigerten sich viele, solche Verträge einzugehen. Bei Gründler heißt es hierzu: 

". . . doch waren August und Anna billig genug, einem Meister, der über das Gedinge hinaus hatte zubüßen müssen, bei befriedigender Leistung den Schaden zu ersetzen".
Da kein Handwerker unter diesen Bedingungen sein Brot verdienen konnte, wurden als Lohn oftmals andere Gegenleistungen, z. B. Holzlieferungen, vereinbart. Dass Naturalleistungen neben der Zahlung von Entgelt üblich waren, belegt ein Schreiben der Gemeinde Frauenhorst. Diese beklagt sich im Sommer 1580 darüber, dass den Leuten das Brot (2 Laib) und Bier (l Maß) abgebrochen wurden, das ihnen von alters her, wenn sie aufs Schloss gefrönet, gereicht worden sei. Der Kurfürst wies den Schösser daraufhin an, statt Brot und Bier jedem 3 Pfennige zu reichen. Der Tagelohn dürfte damit (bei eigener Beköstigung) ca. 11 Pfennige betragen haben. Ein Zimmermann verdiente in der Woche 12 Groschen, die Roder für das Fällen der Eichen im Wald zunächst 4, später 10 Groschen, ihr Aufseher erhielt für die gleiche Zeit 2 Gulden.

Eine Ausnahme von dieser Entlohnung bildeten die Zimmerleute des Niederländers, die für das Abdichten der Keller verdingt waren. Hier erhielt jeder einen wöchentlichen Lohn von 1 Taler.

Soweit der Auszug aus dem Schlossbuch über das Baugeschehen – was entstand da eigentlich ? Das erfahren sie hier auf den weiteren Seiten.

BERND HOPKE
ORTSCHRONIST

AnnaOffice©2021-01-05

 

 

Quelle

  • „Jagdschloss Annaburg  -eine geschichtliche Wanderung“ Verein für Heimatgeschichte und Denkmalpflege e.V. Annaburg; Geigerverlag 1994