Luftangriff

Vor 70 Jahren – die Bombardierung des Lufttanklagers in Annaburg


ps_20161112222111Am Steuerpult der B-26 Invader sitzt Major Dunn. Es ist ein schöner sonniger Frühlingstag mit toller Sicht – schönstes Flugwetter. Major Dunn führte mit seiner Maschine die 416. Bomber Gruppe der 9. Air Force bei ihrer 279. Mission an. Ihm folgen 42 Maschinen aus dem Bestand des 669th, 670th und 671th Bomber Schwadron. Gestartet sind sie am späten Nachmittag des 20. April 1945 vom 60 km vor der belgischen Grenze gelegenen französischen Flugplatz (A-69) bei Laon-Athies.

Dieser Flugplatz wurde 1939 für die französische Armee gebaut. Nach Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht wurde Laon-Athies ein Flugplatz der deutschen Luftwaffe und das Flugfeld zu einem Flugplatz mit Wartungs- und Reparaturbetrieb und drei Start- und Landebahnen ausgebaut. Nach ihrem Abzug und Zerstörung des Platzes wurde Airfield A.69, so die alliierte Codebezeichnung von Laon-Ahies, notdürftig durch die USAAF für den erneuten Flugbetrieb instand gesetzt. Seit Februar 1945 ist hier die 416. Bomber Gruppe der 9. Air Force rund 50 B-26 Maschinen stationiert.

ps_20161111174452Ihr Ziel liegt 750 km entfernt südlich von Berlin. Mit der 279. Mission soll die amerikanische Bombardierung der deutschen Treibstoffindustrie (ab 12 Mai 1944 bis 20.04.1945) abgeschlossen werden. Angegriffen werden soll ein Treibstofflager der deutschen Luftwaffe. Dazu wurden die A-26 mit 50 kg Sprengbomben bewaffnet. Jede Maschine trägt davon 44 Bomben in ihrem Bombenschacht. Nach ca. 2,5 h Flugzeit wird das Zielgebiet erreicht sein.

Der Angriff soll in drei Wellen erfolgen – die erste Welle führt Major Dunn selber. Die zweite Welle wird durch Leutnant Brown und die dritte Welle durch Oberleutnant Prucha geführt. Das heißt, sie navigieren das Bomberpulk zum Ziel und geben den Befehl zum Bombenabwurf. Es ist für Oberleutnant Lou Prucha die zweite Mission wo er sich als Flug-Führer beweisen muss. Am 9. Februar 1945 wurde er zum Oberleutnant befördert und in die 416. Bomber Gruppe kommandiert.

Er ist seit dem 9. Dezember 1941 Angehöriger der US Army und wurde bis April 1943 zum Piloten ausgebildet. Lou Prucha wurde an seinem 26. Geburtstag, am 29. April 1943 zum Leutnant ernannt. Nach seiner Ernennung heiratete er im Urlaub in seinem Heimatort Omaha, Nebraska am 2. Juni 1943 Mary Margaret Brennan. Sein Kriegseinsatz begann am 06.12.1944 in Frankreich.

ps_20161112221727Am 20. April 1945 fliegt er seinen 36. Kampfeinsatz, er sitzt in „Sugar Baby“ einer neuen Douglas A-26 „Invader“ (Flugzeug 5H-S, Seriennummer 41-39274, Schwanz Nummer 139274). Es ist ein zweimotoriger leichter Bomber aus US-amerikanischer Produktion, der in verschiedenen Versionen sowohl im Zweiten Weltkrieg wie auch im Korea- und im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Das Ziel in seinem Pilotenlogbuch lautet: „# 279 Annaburg Fuel Depot“.

ps_20161111174628Der Angriff richtet sich gegen das Lufttanklager 2/III (Nachschubtanklager der Luftwaffe) der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft m.b.H. (Deckname Elbtal). Dieses Tanklager wurde im Vorfeld des Krieges 1936-1938 am Ortsausgang von Annaburg im Wald erbaut. Die Annaburger kennen dieses Objekt unter der Bezeichnung WiFo. Auf einer Fläche von ca. 40 ha wurden 12 Lagertanks mit je 600 m³, eine verbunkerte Pump-/Mischstation mit 6 Lagerbehältern (insgesamt 48 m³) sowie Verwaltungsgebäude, Labor, Lokschuppen und Anschlussgleis zur Strecke Annaburg – Prettin errichtet.

ps_20161027012214Am Vortag des 20. April 1945 wurde ein Eisenbahnzug mit dem Treibstoff aus dem Lager beladen, er stand noch am Vormittag im Bahnhofsbereich von Annaburg, wurde aber gegen Mittag in Richtung Falkenberg in Marsch gesetzt. Er befand sich während des Angriffs vor Fermeswalde im Waldgebiet.

Der Luftangriff erfolgte gegen 17.00 Uhr aus einer Höhe von 9000 Fuss (rund 2700 m) aus westlicher Richtung. Der Abflug erfolgte in Richtung Annaburger Siedlung in einer Linkskurve. Das Zielgebiet wurde durch die beteiligten Maschinen nur einmal angeflogen. Die erste und dritte Welle traf ihr Zielgebiet. Es wurden 500 Treffer sowie 12 getroffene Gebäude im Bereich des Tanklagers durch die Auswerter festgestellt. Außerdem wurden die Zufahrtstraßen stark beschädigt. Die Hochbehälter und die Pumpstation konnten jedoch nicht getroffen werden. Die Wucht der Detonationen führte zu Beschädigungen an Wohn- und Wirtschaftsgebäude im nahe gelegenen Wohngebiet am Kleinbahnbahnhof. So soll von einem Gebäude das Dach völlig zerstört worden sein, wie ein Augenzeuge berichtete.

invadara_26Die zweite Weller unter Ltn. Brown hatten ihr Ziel wegen Rauch und Dunst über dem Zielgebiet verfehlt. Sie haben im Abflugbereich ihre Bomben abgeworfen. Dadurch wurde u.a. eine Scheune in den Neuhäusern noch getroffen. Menschen sollen nach der Überlieferung der Augenzeugen nicht durch den Bombenangriff getötet worden sein.

Das ist insofern nicht verwunderlich, weil das Ziel nicht wie bei der britischen Area Bombing Directive darin bestand Häuser und Wohnungen zu zerstören, sondern in der Bekämpfung militärischer Ziele.

Ziel der britischen Directive war die Zerstörung von acht Millionen Häuser und 60 Millionen Wohnungen. Wobei mit 900.000 Toten und eine Million Schwerverletzter Deutscher gerechnet wurde. Dieser Strategie der Flächenbombardierung lag die Annahme aus der sogenannten Trenchard-Doktrin zugrunde, das Bombardieren von Wohngebieten – anstelle militärischer Anlagen – würde den Kampfwillen der Zivilbevölkerung schwächen.

Die Bombenkrater findet man heute noch im Waldgebiet rund um das Gelände des ehemaligen Treibstofflagers.

Major Dunn führte seine Bomberkräfte ohne Verluste und Ausfälle zurück. Nur bei der Landung setzte Ltn. Hale sein Flugzeug mit einem platten Reifen auf. Dabei schwenkte das Flugzeug von der Landebahn auf unebenem Untergrund und ein Propeller wurde zerstört. Aber auch dabei gab es keine weiteren Verletzungen bei der Besatzung. Major Dunn wurde 5 Tage später zum Oberstleutnant befördert. Oberleutnant Lou Prucha flog am 29. April 1945 seinen 37. und letzten Einsatz. Er wurde am 14. Januar 1946 ehrenhaft aus der Armee entlassen und blieb bis 1951 Angehöriger der US Air Force Reserve und der Nationalgarde von Nebraska. Aus seiner Ehe mit Mary gingen sechs Kinder hervor. Lou verstarb am 16. Januar 1981, seine Frau Mary am 9. Mai 2002.

Das Lufttanklager wurde durch die Sowjetarmee zu Kriegsende gesprengt und demontiert. Das Gelände wurde ab 1946 Materiallager des 458. Eisenbahnbau-Pionierbataillons der GSSD und erst am 17.12.1992 nach deren Abzug an die deutsche Verwaltung zurückgegeben.

Durch ABM-Kräfte wurden die Gebäude auf dem Gelände zurückgebaut. Heute erinnert nur noch die betonierte Wege und die Bombentrichter im Walde an die militärische Vergangenheit und die Ereignisse am 20. April 1945.

 

Bernd Hopke

Ortschronist