Die überlieferten Kriegsereignisse von 1637


Wärend der schwedischen Besetzung von Torgau hatte unsere Region viel zu erleiden.

So tauchten am 16.4.1637  während eines Begräbnisses vor der Stadtmauer von Jessen 300 schwedische Reiter auf. Sie konnten aber noch abgewiesen, weil schon Schweden im Ort lagen. Die Reiter zogen von hier nach Schweinitz und verbrannten binnen drei Stunden die ganze Stadt, nicht mehr als eine Scheune blieb übrig. Die Einwohner wurden zum Teil niedergehauen, zum Teil liefen sie in die Elster und ertranken. Von den Flüchtlingen wandten sich die meisten nach Jessen. Schweinitz war so wüste, dass das Gerichtsamt in einem Stalle des Dorfes Grabo, westlich von Jessen, lange Zeit abgehalten werden musste.

Am 19.5. besetzten und plünderten die Schweden die Kirche in Jessen, weshalb die Taufen in den Häusern abgehalten werden mussten. Mindestens 10 Kinder sind geboren, deren Väter schon vor ihrer Geburt von den Schweden erschlagen waren. Auch der Pfarrer von Löben flüchtet hierher und ließ hier die Kinder seiner Gemeinde taufen. Auch werden Flüchtlinge aus Annaburg, Dixförda, Rade, Grabo, Falkenberg, Seyda, Hemsendorf, Gadegast, Pretzsch, Gorsdorf, Ruhlsdorf, Klossa, Mönchehöfe, Battin, Zwiesiko, Puschkuhnsdorf, Stolzenhain, Zemnick, Purzien und Brandis im Kirchbuch von Jessen erwähnt. Es berichtet von 1310 Leichen, 558 aus der Stadt, die übrigen Flüchtlinge die nun in Jessen begraben wurden.

Erwähnt werden u.a.:

ein Tuchmacher von den Schweden erstochen; ein Mann aus Annaburg, von den Schweden geschlagen, kam hierher mit 6 Wunden, und die rechte Hand nur noch hängend; eine Frau aus Lindwerda, deren Mann 14 Tage vorher von den Schweden erstochen war, starb vor Gram; eine Wöchnerin starb vor Schreck, weil sich in ihrer Stube die Schweden schlugen; zwei Weiber starben nachdem sie von den Schweden überfallen waren; ein Mann aus Klossa sprang mit seinem Kind vor den Schweden in die Elster und beide ertranken. Gleichfalls sprang Hans Krüger aus Stolzenhain vor den Schweden in die Elster und ertrank, sein Sohn wollte ihn retten und erleidet das gleiche Schicksal. Ein Dienstknecht aus Pruzien und ein Weib aus Dreben wurden auf dem Wege von den Schweden erschlagen. Hans Oertel  ein schwedischer Soldat aus Weißenfels wurde von vier sächsischen Soldaten erschossen und begraben. Jörg Preuße ein schwedischer Soldat wurde bei der Plünderung erschossen. Pancraz Wenzel von Grabo desgleichen. Der Ratsherr Lysich von Schweinitz wurde beim Überfall in den Kopf geschossen, desgleichen Jörg Pirschmann aus Jessen der durch und durch geschossen wurde.
In dieser Zeit wurde auch Annaburg Opfer schwedischer Furore. Da der Ort durch keine Mauern geschützt wurde, flüchtete die Obrigkeit, Amtsman und Wildmeister nach dem befestigten Torgau und die Geistlichkeit nach Jessen. So gab es keinen der von den Ereignissen vor Ort berichtete. Es läst sich nicht mehr feststellen, wann und wie oft Annaburg den Besuchen der Feinde ausgesetzt gewesen war. Aus verschiedenen Angaben lässt sich folgendes zusammenstellen: Das Schloss wurde geplündert und dabei beträchtlich beschädigt. Die meisten Fenster und Türen wurden zertrümmert. Im Probierhause zerschlug man die kunstvollen Destillieröfen Annas – vermutlich, um zu den darin befindlichen kupfernen Blasen zu gelangen, oder weil man in ihnen verborgene Schätze vermutete. Aus dem Brauhause wurde die kupferne Braupfanne, welche 4 ½ Fass enthielt, geraubt, und die aus gleichem Metall angefertigten Dachröhren am Schlosse wurden gleichfalls geraubt. Auch im Orte selbst wurde an Gebäuden und Eigentum viel Schaden angerichtet; die „Neuen Häuser“ (gesamter Marktbereich) vor dem Schlosse, desgleichen das Vorwerk wurden bis auf wenige Überreste (Auerbach) in Asche gelegt. Ob sonst noch andere Schlossbaulichkeiten durch Brandschäden zu leiden hatten, wissen wir nicht, wohl aber, dass im Ort eine große Anzahl von Gebäuden niedergebrannt wurde und mehrere Menschen ums Leben kamen. Von den Einwohnern flüchteten viele nach Jessen, dahin scheint auch der Pfarrer gegangen zu sein, denn das Löbener Kirchenbuch hat in diesem Jahr einige Taufen und Beerdigungen aus Annaburg zu verzeichnen.

Im Juni 1637 wurden die Schweden von den kaiserlichen Feldherren Melchior von Hatzfeldt und Johann von Götzen in Torgau eingeschlossen. Die kaiserlichen Haupttruppen von Gallas kamen allerdings bei Torgau zu spät, um die Schweden hier vernichtend zu schlagen. So entkam trotz seiner schwierigen Lage Banèr mit seinen Leuten über die Oder nach Pommern, verfolgt von Einheiten unter dem kaiserlichen General Gallas. Die kaiserlichen Truppen unter Graf Götz lagen am 19.6.1637 vor Jessen in Verfolgung des schwedischen Generals Banèr, wie das Kirchbuch berichtet.

Torgau fiel nach dem Abzug der Schweden erneut der Pest zum Opfer. 4.172 Tote, darunter 400 die aus den Nachbarorten in die Stadt geflüchtet waren. Da aber auch der Küster und der Totengräber Opfer der Pest wurden, erfolgten keine weiteren Aufzeichnungen in dem Torgauer Totenregister. Man schätzt die Gesamtzahl auf 14.000 – 18.000 Tote. Das gleiche wird über Jessen berichtet. Dort starben im Juni 1637 an der Pest 280 Personen im Juli folgten weitere 370. Darunter befanden sich auch Bürgermeister Fischer, Apotheker Berkau, 6 Soldatenweiber, zwei Offiziere, Frl. Hedwig von Kanne; der Diakonus von Schweinitz mit seinen Töchtern und sonst noch 150 geflüchtete Personen aus Schweinitz, der Pfarrer von Rade mit Weib und Kindern, auch sämtliche Lehrer und Geistliche der Stadt Jessen starben daran, danach noch weitere 93 Personen.

Was waren das für Menschen in den Regimentern?

Regimenter und Kompanien zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges waren keine taktischen Truppenkörper, so wie wir sie von heute her kennen. Sie waren damals Verbandsorganisationen.  Sie entstanden nach dem Niedergang der klassischen Feudalheere und der zunehmenden Kommerzialisierung der Kriegsführung. So war das Regiment, wie auch die Kompanie, eher eine wirtschaftliche Verwaltungseinheit als ein taktischer Truppenkörper. Die Inhaber eines Regiments waren Kriegsunternehmer, die im Auftrag der kriegsführenden Fürsten auf eigene Rechnung Söldner warben, bewaffneten, ausrüsteten und bezahlten, um sie unter ihrem Kommando dann dem Auftraggeber gegen Geld zur Verfügung zu stellen. Prototyp eines solchen Unternehmers war Wallenstein, der böhmische Feldherr und kaiserliche Generalissimus im Dreißigjährigen Krieg, der für den Kaiser sogar ein Heer von 20.000 Mann nach diesem Muster organisierte. Die kleineren Verwaltungseinheiten waren die Kompanien, dabei wurden sie aber auch als Gewalthaufen oder Gevierthaufen nach dem Dreißigjährigen Krieg auch als Bataillon bezeichnet. Vereinheitlichung und klarere Strukturen erhielten die Streitkräfte erst nach dem Dreißigjährigen Krieg mit Bildung der stehenden Heere.

Eine gewisse Vorreiterrolle bei der Strukturierung seiner Streitkräfte nahm auch hier noch Sachsen ein. Bereits unter Kurfürst Moritz wurden erste Versuche unternommen, ein stehendes Heer zu schaffen. Das führte unter Kurfürst Johann Georg I. (1611–1656) zu tiefgreifende Reformen im sächsischen Militärwesen und zur Schaffung eines Defensionsheeres. Danach bestanden in Sachsen ein Regiment mit Fußknechte aus ca. 4.000 Mann und ein Regiment zu Pferd aus 800 Mann.  

An Hand der Grabungsbefunde bei Wittstock wissen wir, dass die Soldaten von Banèr aus allen Herren Länder des europäischen Kontinents kamen. Dies deckt sich mit Befunden von Historikern, wonach beispielsweise nur ein geringer Teil der Obristen in der schwedischen Armee auch schwedischstämmige waren. So waren unter den 67 Generälen und Obristen der im Juni 1637 bei Torgau liegenden Regimentern nur 12 Schweden gewesen. Die anderen waren Deutsche, Finnen, Livländern, Böhmen, Schotten, Iren, Niederländer und Wallonen.

Den größten Anteil an der Armee Banèrs stellten aber deutsche Söldner. Banèrs Armee soll aus über 90 % Nichtschweden bestanden haben, die anfänglich auch als „schwedisch-finnische Armee” bezeichnet wurde. So in Unterscheidung zur „Royal-Armee”, die v. Gustav II. Adolf selbst geführten schwedischen Truppen vor Lützen. Die kaiserlich-habsburgischen Truppen die bei Klöden und Pretzsch lagen, kamen hingegen eher aus dem Süden Europas: Spanien, Portugal und Italien. Aber auch hier viel fremdes Volk.weiter unter:

Regionalereignisse während des Torstenssonkrieges (1643–1645)

Bernd Hopke

 

Quellen

  • GRÜNDLER, Schloß Annaburg – Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
  • HEINTZE, Annaburg das Städtlein an der Heide – Geschichtlicher Rückblick, aus gebundene Beilagen der „Annaburger Zeitung“ um 1930
  • GENTZSCH, Der Dreißigjährige Krieg, S. 208.
  • GONZENBACH, Der General Hans Ludwig von Erlach von Castelen II, S. 130.
  • WILSON, Peter H., Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Oxford
  • AUTORENKOLLEKTIV, unter: http://digbib.bibliothek.uni-augsburg.de/dda/flugschriften_titel_g.html, 2.3.2003.
  • UNBEKANNTER AUTOR, Nachrichten aus der Stadt Jessen und den umliegenden Dörfern, Beilage zum Schweinitzer Kreisblatt – Jahrgang 1927
  • UNBEKANNTER AUTOR, Denkwürdigkeiten der Stätte und Stadt Herzberg, Beilage zum Schweinitzer Kreisblatt – Jahrgang 1927
  • UNBEKANNTER AUTOR, Nachrichten über das Kreisgebiet aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges und der ihm folgenden Zeit des Wiederaufbaues, Beilage zum Schweinitzer Kreisblatt – Jahrgang 1927