Vom Elbwasser

Geschichte des Klödener Risses

Oberflächlich betrachtet ist der Klödener Riss ein idyllisches Fleckchen Wasser. Doch er ist stark verlandet und bereitet Sorgen.“ „Der Klödener Riss ist ein Altarm der Elbe
In stehendes Gewässer [Klödener Riss] soll Bewegung kommen
Für 3,2 Millionen Euro könne man den Riss wieder in ein Fließgewässer verwandeln
(MZ vom 07.02.11).

Eigentlich gehört das „Riss“ nicht zum Stadtgebiet von Annaburg. Durch die Flussverwilderung der Elbe im Bereich von Klöden und Kleindröben zu Beginn einer ehemaligen Flussschlinge entstand der „Riss“ durch Hochwasserereignisse im Zeitraum 1618 – 1628 und konnte nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr eingedämmt werden. Er beschäftigte die Bewohner der Elbaue zwischen Elbe und Schwarze Elster bis zur vollständigen Eindeichung der Elbe 1853/57. Es ist ein schönes Regionales Beispiel für den Kampf der Anwohner gegen das Wasser über die Jahrhunderte hinweg. 

Seit dem ausgehenden Mittelalter kämpften die unmittelbar betroffenen Anwohner von Klöden, Kleindröben – auch die Gemeinden Globig, Bösewig, Bleddin und Rade, desgleichen die Gemeinden zu Schützberg waren betroffen – gegen das sich seit dieser Zeit ausprägende Riss. Das heißt es bestand zu dieser Zeit überhaupt noch nicht. Da wo sich heute das Riss befindet waren früher noch Felder die durch Bauern bewirtschaftet wurden.

Im ausgehenden Mittelalter floss unsere Elbe auf Grund des geringen Gefälles in breit ausgeprägten Mäander dahin. Vor allem im Bereich hinter Mauken, Pretzsch und Merschwitz hatte die Elbe auf Höhe von Kleindröben vor Klöden eine solche 270° Schlinge in Richtung Böswig gebildet. Bei Niedrigwasser lagerte die Elbe in diesen Bereich verstärkt mitgeführtes Geschiebe ab, sodass der eigentliche Elblauf zunehmend verlandete. Aber bei den Hochwasserereignissen versuchte die Elbe dann umso stärker ihren Lauf in direkter Richtung auf Elster zu verkürzen.

Neben der Tatsache, dass nach jedem Hochwasser wertvoller landwirtschaftlich genutzter Boden ausgespült wurde und sich an vielen Stellen Kolke bildeten, entstand im 16. Jahrhundert die Gefahr der Unterspülung der auf den Streichdünen errichteten Ortschaften.
Bis dahin waren auf unserer Elbseite in besonderer Weise die Dörfer Schützberg und Klöden gefährdet. In Klöden war am unmittelbarsten bedroht die Kirche mit den Pfarrgebäuden. Den ersten kurzen Hinweis auf diese Gefährdung der Kirche und der geistlichen Gebäude finden wir in den Quellen von 1575.
Dort ordneten die Visitatoren an, der Erbherr solle die Leute antreiben, die 80 bis 90 Pfähle, die zum Schutz von Kirche und Pfarre hinter diesen Gebäuden eingetrieben seien, auszuschütten,

damit in den großen Elbgewässern und Eisfahrten solche wohlerbaute Kirche und derselben Turm samt der Pfarrwohnung nicht gänzlich eingewaschen und herunter ins Wasser geworfen werden möchten.

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts erfahren wir erstmalig von einem zusammenhängenden Damm. Jeder Ort der Aue hatte zu seinem Bau und zur Unterhaltung beizutragen. Zu diesem Zweck war der Damm in Teilstrecken und diese wiederum in Kabeln eingeteilt.
Für die Bewohner der Aue war die Dammarbeit eine schwere Belastung. Von Ostern bis zur Ernte und vom Ausgang der Ernte bis zur Winterzeit hatten die Auebewohner „so oft nottorft erfordert“, wöchentlich einmal am Damme zu arbeiten. Jeder Hufenbesitzer, der Land im gefährdeten Gebiet bewirtschaftete, war verpflichtet, mitzuarbeiten. Dies betraf auch alle Pfarrer und sämtliche Adlige der Auedörfer. Die Hüfner hatten Erdreich, Rasen und Holz heranzufahren, wobei sie von den Kossäten durch Handarbeiten unterstützt wurden.

Faschinen/ Reisigbündel

Jeder Hüfner musste entsprechend der Anzahl seiner Hufen auf Anforderung 1/2 bis 1 Schock (30 – 60 Stück) Reisigbunde je Hufe zuhauen, heranbringen und verlegen. Soweit die einzelnen Orte nicht genügend Waldbestand hatten, durften sie Reisig und Pfähle in den kurfürstlichen Forsten schlagen. So waren z.B. auf einer Strecke von 3 1/2 Meilen (ca. 32 km) die Besitzer von 636 1/2 Hufen (ca 50 m Damm je Hufe Landbesitz) zur Dammarbeit verpflichtet. Die Dämme wurden ständig von den Deichmeistern kontrolliert die alle Schäden unverzüglich dem Amtmann in Wittenberg, in dessen Händen die Oberaufsicht lag, melden mussten und dann die Bauarbeiten leiteten und überwachten. Für ihre Tätigkeit erhielten sie keine Besoldung, waren aber von jeder sonstigen Dammarbeit befreit.

Aber die periodischen Hochwasser der damaligen Zeit rissen die Dämme immer wieder ein.
Im Jahre 1576 wendeten sich deshalb auch die Adligen Hans Löser zu Pretzsch und Jobst Kanne zu Klöden an den sächsischen Kurfürsten. Wir wissen dass er sich mit geografischen Problemen gerne befasste, sodass er sich im Jahre 1576 (24.5.) auch mit dem Hochwasserproblem bei Klöden beschäftigte. Er kam zu dem Schluss,

das die bißher angewante Hülf vnd beßerunge, fast gar vergebens vnd nunmehro von wegen des eingefallenen Triebsandes zuerhaltung des beßwitzer Tammes nicht wohl Rath zu finden. Es werden den bey Cloden ein Durchstich gemacht vnd der Elbstrom daselbst hindurch geweiset, welches zu wenik tagen auszurichten sein sollte...“.

200 Jahre später sahen die Wasserbausachverständigen unter den immer bedrohlicher werdenden Wasserschäden noch immer keinen anderen und besseren Ausweg aus dieser Not. Erst 1774 endlich sollte dieser schon 1576 erwähnte Plan verwirklicht werden.

Darstellung Elbdurchstich/ alte Elbschlinge

Das 17. Jahrhundert bringt für die Dörfer Kleindröben und Klöden und ihre Fluren neue große Gefahren. Immer wieder ist es der zwischen Priesitz und Pretzsch in nordwestlicher Richtung verlaufende Stromabschnitt, an dessen rechtem Ufer die Elbe nach Norden und Nordosten durchzubrechen droht. Dies bedeutet eine unmittelbare Bedrohung zunächst Kleindröbens und ebenso Klödens. Gegen Anfang des Dreißigjährigen Krieges erfahren wir erstmalig von einer solchen verhängnisvollen Entwicklung aus einem Schreiben, das Hans Löser und Bernhard Ludolf Kanne, Erbherr von Klöden, am 31. Mai 1621 an den Kurfürsten richten und ihm mitteilte, dass die Elbe einen neuen Weg fand.

Von dem Hause Vndt stedtlein Prezsch wegk, ganz Auf Kleden zue nehmen, Demselben flecken, Kirche vndt Probstey, wie auch das dorff Treben, sambt Vielen darümb gelegenen Äckern vndt Wiesen, einnehmen, Wegreißen, vndt allerhandt Vngelegenheit darauß endtstehen dürffte,.

Noch war es ein kleiner Wasserlauf der sich da gebildet hat. Abhilfe brachte ein Dammbau der allerdings erst 1623 zustande gekommen war. In harter Fronarbeit mussten die Kleindröbener und Klödener Untertanen an dem Einriss einen drei Ruten (ca. 11,30 m) breiten Damm aufschütten. Auch andere Dorfschaften waren für diese schweren Erdarbeiten, eingespannt, dieses Projekt verschlang 2.000 Gulden. Aber alle diese Fronarbeiten und Geldaufwendungen haben nicht ausgereicht, die den beiden Dörfern drohenden Gefahren zu bannen. Da in erster Linie die Klödener Kirche und die Pfarrgebäude bedroht waren, greift die Universität Wittenberg als Patronin der Klödener Kirche ein und bewirkt eine Landeskollekte (Landessteuer) für die notwendigen Schutzbauten. All diese Anstrengungen führten zu keinem dauerhaften Erfolg.

1627 melden nämlich Löser und von Kanne einen neuen gefährlichen Riss. Diesmal sind die Fluten neben dem 1623 aufgeschütteten Damm eingebrochen und haben „von neuem ein gros loch gewonnen,…“. Ein beauftragter Gutachter (Mersburg) kommt zu dem Schluss, dass auch die Schiffahrt auf der Elbe bedroht sei, da das Wasser von Tag zu Tag mehr nach dem neuen Riss laufen werde und also weder da noch dort genug Wasser vorhanden sein werde.

In jenem Jahrzehnt von etwa 1618 bis 1628, ist unser heutiger Klödener Elbriss entstand. In dieser Zeit des dreißigjährigen Krieges, wo unsere Dörfer ausbluteten wurde für die kommenden Generationen auf 200 Jahre hinaus der Grund zu immer wachsender Not und Verarmung gelegt. Die Felder lagen brach, und niemand konnte daran denken, den Verheerungen der Elbhochwasser Einhalt zu gebieten. In den Jahrzehnten nach dem Friedensschluss von 1648 fristete ein kümmerlicher Rest der Bevölkerung inmitten verwüsteter Ortschaften und verwilderter Felder sein unsagbar elendes Dasein. Es fehlte an Menschen, an Tieren, an Geld, vielfach auch an Obrigkeiten und somit an Zucht und Ordnung, so dass die Naturgewalten fast ungehemmt vernichten konnten, was der Krieg mit seinen Schrecken etwa noch übrig gelassen hatte.
In diese Zeit fiel das verheerende Hochwasser von 1655, dass für die ganze Elbaue zu einer wohl nie da gewesenen Katastrophe führte und alle von den Menschen unter größten Anstrengungen aufrechterhaltenen Sicherungswerke hinwegspült, so dass der Elbriss bis zur Wende des 18. Jahrhunderts sich immer breiter und mächtiger in das Land einfressen konnte und endlich der Untergang der Klödener Kirche, ja des ganzen Ortes nur noch eine Frage der Zeit war.
Die Katastrophe würde beginnen mit dem Einsturz der Klödener Kirche. Ihre Rettung ist fortan und bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein das immer brennender werdende Problem. In der Geschichte des Klödener Elbrisses war das Jahr 1774 bedeutungsvoll. Es brachte nicht nur eine neue Überschwemmungskatastrophe, sondern vor allen Dingen den Elbdurchstich bei Klöden.

Zwischen 1655 und 1774 wurde der Klödener Riss auch durch die Elbschifffahrt genutzt, sehr zum Leidwesen der Bewohner von Klöden deren Holzbrücke über das Riss immer wieder durch die Schifffahrt in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Letztlich haben wir den Elbdurchstich eines eingeholten Gutachten beim Wittenberger Wasserbauinspektors Wagner und seines Kostenanschlages zu verdanken, aus dem hervor geht, dass alle Wasserbaue in dieser Gegend einen außerordentlichen Aufwand an Geld und Holz erforderten, aber niemals sicheren Erfolg versprechen könnten, insbesondere, „da durch die große Krümme des Stromlaufs in dasiger Gegend das Wasser sehr aufgehalten würde“. Wagner war der Ansicht, dass der Gegend nur dann eine immerwährende Sicherheit vor der Überschwemmungsgefahr verschafft werden könne, wenn der Elbstrom durch einen Durchstich bei Klöden über die Schönefelder Mark einen geraden Lauf erhielte, welcher Durchstich auch mit weit geringeren Kosten zu bewerkstelligen sei, als die dauernd reparaturbedürftigen und unzureichenden bisherigen Uferbefestigungen.
Der Durchstich hatte den Zweck, das Elbbett, das unmittelbar bei Klöden, am Sauanger, eine große Schleife nach Westen bildete, zu begradigen. Diese Schleife erreichte unmittelbar vor dem Dorf Bösewig ihre westlichste Stelle, um sich von da wieder ostwärts zu kehren und etwas oberhalb Klödens in nördliche Richtung zu biegen. Innerhalb dieser Schleife lag ein beträchtlicher Teil der Gemeinde- und Rittergutsländereien, für die diese Elbschleife die westliche Grenze bildete.

Ende September 1774 wurde mit dem Durchstich begonnen und im Frühsommer 1775 vollendet. Die Gesamtkosten des Elbdurchstichs betrugen letztlich mit allem Nebenaufwand und Fuhrlöhnen 5119 Taler. Damit hatte die Elbe bei Klöden nun ein neues Bett bekommen. Der Erbdurchstich bedeutete für das Rittergut Klöden eine so schwere wirtschaftliche Belastung, dass die Geschwister Löser das Gut nach bald siebenjährigen Verhandlungen im Jahre 1781 an den Kurfürsten verkauften. Leider war der Kampf mit dem Wasser auch nach dem Durchstich für den Menschen nicht siegreich entschieden; das unerbittliche Ringen mit dieser furchtbaren Naturgewalt setzt sich vielmehr fort und führt im kommenden Jahrzehnten immer wieder zu neuen Deichbrüchen, die durchaus auch das Riss vergrößerten, sodass sich der Elbriss immer weiter und gefährlicher in die Kleindröbener Fluren hineinfrisst und immer mehr zu einer Bedrohung für das Dorf selbst wird.

Die nicht abreißende Kette der Hochwasserkatastrophen bestimmte, dass letztendlich König Friedrich Wilhelm IV. auf Grund des Gesetzes über das Deichwesen vom 28.1.1848, am 7. Oktober 1850 die Errichtung eines Wittenberger Deichverbandes zu verfügen. Auf der rechten Elbseite wurde der Dautzschen-Schützberger Deichverband gegründet. Er war zuständig für die Strecke von Kochsloch unterhalb Döhlen bis zur Mündung der Elster und für die linksufrigen Elsterdämme bis Hemsendorf. Dieser Deichverband wurde am 20. März 1854 durch den Regierungsrat v. Funk für konstituiert erklärt und damit einheitliche Rechtsverhältnisse geschaffen.

"Die Deicharbeiten hatten schon 1853 begonnen. Die vorhandenen Dämme wurden teilweise nur verstärkt. Teilweise wurden ganz neue Strecken gebaut und mit Schleusen, auch Siele genannt, versehen. Auf der Strecke von Axien bis Klöden wurden keine Siele eingebaut, da hier die Entwässerung des Landes hinter dem Damm durch den Riß erfolgt. Im Jahre 1855 war schon ein wesentlicher Teil der Deicharbeiten beendet. Als am 25. Januar 1856 durch eine Eisstopfung bei der Schützberger Fähre eine Überschwemmung eintrat, zeigte es sich, daß die neuen Dämme dem Ansturm der Wasserfluten, und Eismassen gewachsen waren. Im Jahre 1856 schritt der Deichbau rüstig vorwärts. Die angefangenen Deichstrecken bei Axien und Schützberg wurden vollendet. Die Neubauten bei Gorsdorf und Schützberg wurden beendet, ehe hoher Wasserstand eintrat. Im Jahre 1857 wurde die Legalisierung des Klödener Deiches vorgenommen, und der noch fehlende Teil des Elsterdeiches hergestellt. Damit waren die Dammbauten in der Hauptsache fertiggestellt.“

Die Baukosten beliefen sich von 1853 bis 1857 auf 156.116 Taler, 195 Silbergrosehen 3 Pfennig. In den nächsten Jahren wurden noch einige Reparaturen ausgeführt. Die Dämme haben eine Kronenbreite von 6 Fuß (1 Fuß = 31,385 cm) und eine Höhe von 21,5 bis 25 Fuß über Torgauer Pegel. Groß war die Freude der Deichgenossen in den folgenden Jahren darüber, dass das Hochwasser nicht mehr schaden kann.
Auch wenn die Gefahr nicht vollständig gebannt war, wie die weitere Geschichte beweist, aber die Periodizität der Überschwemmungskatastrophen nahm seit dieser Zeit kontinuierlich ab.
Der Riss seines Zustromes beraubt entwickelte sich zum Stillgewässer und mit fallendem Grundwasser, eine Folge der ab 1850 betriebenen verstärkten Melioration, verlandet er auf natürlichste Art und Weise. Der Riss würde, wenn man ihn in Ruhe ließe wieder das werden, was er vor 1600 war – Ackerland.

Bernd Hopke
Annaburger Ortschronist

Quellen:
* „Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete„, Bd.41: „Die Registraturen der Kirchenvisitationen im ehemals sächsischen Kurkreis“, bearbeitet von Karl Pallas, III. Teil: Ephorien Prettin u. Herzberg. Halle/S.1908.
* „Vor unserem Tag„; Beiträge zur Geschichte des Kreises Wittenberg. Heimatbuchreihe Teil III, S. 447 ff. 1959
* Landeshauptarchiv Magdeburg (Ldh.Mgdbg.) Rep. A 25 a II, II Nr.891 und 892: „Die Reparaturen an den Ober- u. Unter-Elb-Landdämmen, bey Pretzsch und der Gegend betreffend.“.
* Jessener Geschichts- und Heimatblätter, Jahrg. 1925, Nr. 14 u. 15.
* Dr. Theodor Wotschke, Pfarrer in Pratau: „Das große Elbe-Hochwasser 1655„, Wittenberg 1926.
* Ldh. Mgdbg. Rep. A 24 a I Nr. 1227, Vol. I: „Den in der Gegend von Clöden über die Schönefelder Marck zu verführenden Elbdurchstich betr. Anno 1774 sequ. „.
* Ldh. Mgdbg. Rep. A 25 a II, II Nr. 1894, Vol. I: „Den bey dem Ritter Guthe Clöden auf Schönefelder Marck zu führenden Durchstich des Elb-Strohms, ingleichen die diesfalßige Entschädigung derer Interessenten betr. 1774/76.“
* Otto Rösenberger: „Aus der Geschichte der Stadt und des Schlosses Pretzsch,“ Pretzsch, 1921.