Fritz Lattke

– erster deutscher Comic-Zeichner


Im August 1914, vor 100 Jahren, begann der erste Weltkrieg. Ein Krieg, an dem in seinem Verlauf rund 65 Millionen Menschen beteiligt sein sollten, bei dem zehn Millionen getötet und 20 Millionen verwundet wurden. Die seit jeher strittige „Kriegsschuldfrage“ lässt sich vereinfacht beantworten: Keine der Großmächte war „unschuldig“, aber die Bereitschaft, einen gesamteuropäischen Krieg zu riskieren, war in Wien und Berlin etwas größer. So wurde auch in der Zeit davor systematisch durch die europäischen Großmachtstaaten auf diesen Krieg hin gearbeitet. In den militärischen Planungen dieser Staaten wurde betont, dass der Krieg von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden müsse – anders wäre ein moderner Volkskrieg nicht zu gewinnen. Auch wenn es bis zum Ausbruch des Krieges keine staatliche effiziente Propagandaarbeit gab, hatte sich in Europa eine politische Öffentlichkeit herausgebildet, gegen die nur schwerlich Politik betrieben werden konnte. Vor allem bei der enorm kostenintensiven Rüstung, für die in Deutschland, Frankreich und Großbritannien immer die Zustimmung der Parlamente erforderlich war, kam es zur „Mobilisierung der öffentlichen Meinung“. In Deutschland wurde bereits um 1900 das Flottenbauprogramm mit vonseiten des Staates lancierten Presseartikeln und Vereinsgründungen populär gemacht. Kriegsbilder, Kriegserwartungen und Militarismus waren nicht allein durch gezielte Propaganda „von oben“ entstanden. Sie wurden vom Staat und der Gesellschaft öffentlich ausgeprägt und basierten auf einem weit verbreiteten Gedankengut, das durch die Tätigkeit von Vereinen, bei Paraden oder in der Literatur besonders präsent war. Die Alltäglichkeit des Militärischen zeugt von einer gewissen Akzeptanz soldatischer Werte und Normen, genau der Nährboden für Kinder und Heranwachsende.

In diese Zeit wurde Fritz Lattke am 7. Februar 1895 in Neuendorf (heute Gemeinde Teichland-Peitz) geboren. Er stammte aus einfachen mittellosen Verhältnissen. Sein Vater Johann Lattke war Sohn eines Neuendorfer Kossäten, konnte als jüngstes von insgesamt acht Kindern jedoch nicht die elterliche Hausstelle übernehmen, sondern musste seinen Lebensunterhalt als Fabriktischler verdienen. Lattkes Mutter Anna Lattke, geb. Kobela, stammte ebenfalls aus ländlichen Verhältnissen. Aufgrund der Arbeit des Vaters lebte die Familie ab 1895 in Sandow, das 1904 nach Cottbus eingemeindet wurde. In der Zeit von 1902 bis 1909 besuchte Lattke die dortige Schule. Bereits während der Schulzeit wurde Lattkes künstlerisches Talent durch seinen Lehrer Gottfried Herzog erkannt. Auf seine Empfehlung ermöglichte die Stadt Cottbus dem mittellosen Lattke ein Stipendium zum Besuch der Kunstgewerbeschule in Berlin im Jahr 1910. Lattke konnte so aus seinen bescheidenen Verhältnissen ausbrechen. Das Glück währte leider nicht lange. Schon nach einem dreiviertel Jahr verstarb der Finanzier seines bescheidenen Stipendiums. Geprägt und geformt durch die Vorkriegszeit, aber sicherlich auch um seinen Lebensunterhalt nicht wie sein Vater als Fabrikarbeiter verdienen zu müssen und um nicht völlig auf eine weitergehend höhere Bildung verzichten zu müssen, entschied sich Lattke für den Militärdienst. Doch zu diesem Zeitpunkt war er erst 15 Jahre alt.

Deswegen führte ihn im Herbst 1910 sein Weg für drei Jahre als Militärschüler an die Unteroffiziersvorschule nach Annaburg. Diese Schule diente dazu, jungen Männern schon vor ihrer militärischen Dienstzeit in der für die Lebensbildung so wichtigen Spanne zwischen der Schulentlassung und dem 17. Lebensjahr auf den militärischen Dienst als Unteroffizier vorzubereiten. Hier erhielt Lattke die für den späteren Soldatenberuf benötigten allgemeinen geistigen und sittlichen Grundlagen anerzogen, einschließlich der nötigen Festigung seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Nach den Grundbestimmungen vom 31. März 1888 erstreckte sich der Unterricht auf Deutsch, Rechnen, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Schönschreiben, Zeichnen, Planzeichnen und Gesang, zuzüglich einer gewissen militärischen Vorbildung. Lattke erhielt an dieser Schule alles zum Lebensunterhalt Notwendige unentgeltlich geliefert. Zusätzlich noch ein Taschengeld von 75 Pfennig im Monat für Putzzeug und kleine Anschaffungen. Dafür musste er für jeden Monat seines Aufenthalts an der Annaburger Unteroffiziersvorschule zwei Monate (höchstens vier Jahre) über die gesetzliche Dienstpflicht hinaus aktiv im Heere dienen.
Mit seiner Volljährigkeit 1913 führte ihn sein Weg an die Unteroffiziersschule in Treptow an der Rega (Ostseeküste in Pommern – heute in Polen).

1914 wird er zum Unteroffizier ernannt und nach Koblenz zur Truppe versetzt. Dort erlebt er den Beginn des 1.Weltkrieges und muss zu Beginn am Frankreichfeldzug teilnehmen. Nach erster Verwundung und anschließender Genesung folgen Einsätze in Polen und Russland. Dort erlebt er auch die Soldatenverbrüderungen an der Front. Das Kriegsende 1918 erlebt er allerdings im Westen.

Im Zusammenhang mit der Novemberrevolution in Deutschland wurden in Absprache mit der Obersten Heeresleitung (OHL) im November 1918 aus ehemaligen Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs Freikorps aufgestellt. In diesen Freiwilligenverbänden sammelten sich monarchistische und rechtskonservative Kräfte, die durch Kriegsende und revolutionären Umbruch keine Perspektive und gesicherte Zukunft mehr sahen. Die etwa 400.000 Mitglieder der rund 120 nachweisbaren Freikorps hatten vor allem aber antirevolutionäre und antidemokratische Ansichten. Einer von ihnen wurde 1918 Fritz Lattke. Anfangs diente er im Freikorps in Westfalen, später in Weimar. Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags durfte die Weimarer Republik zum Stichtag 1. Januar 1921 nur noch ein Heer von 100.000 Mann unterhalten. Somit mussten die Freikorps schrittweise aufgelöst werden. Dagegen rührte sich in den Reihen derer, die von Entlassung bedroht waren, Widerspruch. So kam es vom 12. bis 17. März 1920 zum rechtsgerichteten Lüttwitz-Kapp-Putsch, der aber infolge eines Generalstreiks der arbeitenden Bevölkerung rasch in sich zusammenbrach. An diesen Kämpfen in Mitteldeutschland nahm Lattke auf Seiten der Putschisten teil.
Fritz Lattke wurde Ende 1920 aus dem Weimarer Freikorps entlassen. Erst die Erlebnisse beim Kapp-Putsches ließ seine antidemokratische rechtsgerichtete Einstellung wandeln. Es führte bei ihm zum radikalen Umdenken. Er suchte danach nicht mehr den Kontakt zu anderen rechtslastigen Gruppen wie dem Stahlhelm, der SA oder SS.

Erneut unterstützt durch seinen Förderer Gottfried Herzog gelang es ihm nach seiner Entlassung aus den Freikorps, seine künstlerische Ausbildung fortzusetzen. Von 1921 bis 1929 studierte er an der Kunsthochschule Weimar und wurde ab 1925 Meisterschüler von Walther Klemm und Alexander Olbricht. Den Lebensunterhalt bestritt er in dieser Zeit mit Auftragsarbeiten, neben Zeichnungen für Zeitungen und Zeitschriften überwiegend mit Buchillustrationen. Dabei entstanden Anfang der 30iger Jahre Bildgeschichten für Kinder.
So sind die wunderschönen Bildergeschichten von Joachim Rohde mit „Hanni, Fritz, Putzi und dem Raben Kolk“ mit den Bildern von Fritz Lattke entstanden. Sie zählen als erste deutsche Comic. Erstmalig erschien diese Bildergeschichte ab 1933 in der Kinderzeitung „Der kleine Genossenschafter“ der Kinderbeilage der GEG-Zeitschrift „Genossenschaftsfamilie“.
Der Herausgeber, die Deutsche Großeinkaufs-Gesellschaft (GEG) mit Sitz in Hamburg, war eine Verbrauchergenossenschaft mit vielen Geschäften, Großlagern und Verteilungsstellen in ganz Deutschland, sowie auch im Ausland (z.B. Polen und Österreich). Die Mitglieder der Genossenschaft konnten preisgünstig Waren aller Art in den Verkaufsstellen erwerben. Schwerpunkt bildete der Lebensmittelhandel. Alle GEG-Mitglieder erhielten kostenlos etwa aller 2 Wochen die Zeitung „Genossenschaftsfamilie“ (1938 betrug die Durchschnittsauflage ca. 1,5 Mill.) Die Zeitschrift hatte 1938 einen Umfang von 16 Seiten im Großformat. Genau in Heftmitte befand sich als herausnehmbares Doppelblatt die Kinderbeilage „Der kleine Genossenschafter“. Dieses etwas größer als A-3-formatige Doppelblatt musste man in der Mitte durchschneiden und anschließend die 2 Hälften in der Mitte knicken und es entstand somit ein 8-seitiges Heftchen. Dabei war jede 2.Seite farbig, wie damals allgemein üblich. Meist wurden Comics mit Fritz, Hanni, Putzi und dem Raben Kolk gezeigt. Diese Geschichten waren wie die heutigen Comics angelegt: kleine fortlaufende Bildfelder mit Untertexten bzw. Sprechblasen. Der „GEG-Verlag“ entnahm die Bildergeschichten aus diesen Heften und druckte diese später 1937 und noch einmal 1938 im Buch „Die vier Getreuen“ nach. Dieses Buch ist sehr schön und leicht verständlich geschrieben; abgerundet wird das alles durch die sehr schönen Illustrationen von Lattke.

Lattke galt bald als talentierter Illustrator und Karikaturist. Er selbst hatte leider an dieser Arbeit jedoch nur wenig Freude. Aus seiner Sicht raubte ihn die für den Broterwerb notwendige Tätigkeit wertvolle Zeit für sein eigentliches Anliegen, dem freien künstlerischen Schaffen.
Immer wieder zog es ihn zu Besuchen in seine Niederlausitzer Heimat zurück. Hier suchte und fand er seine Wurzeln, die sein späteres Hauptwerk prägten. Dort lernte er auch niedersorbische Intellektuelle und Künstler kennen, wie den Pfarrer Bogumił Šwjela, die Schriftstellerin Mina Witkojc sowie den Grafiker und Publizisten Měrćin Nowak-Njechorński. 1923 gehörte er zu den Mitbegründern der Vereinigung sorbischer bildender Künstler. Am 6. Juli 1932 heiratete er die aus einer Weimarer Familie stammende Irmgard Schaeffer. Er wurde in Weimar sesshaft und lebte hier bis zu seinem Tod. Lattkes Hauptwerk, überwiegend Landschaftsgemälden seiner sorbischen Heimat, entstand in Weimar. Inspirieren ließ er sich jedoch nahezu ausnahmslos von der herben Schönheit der Niederlausitzer Landschaften. Lattke malte die Natur nach seinem Empfinden: morastige Wege, überschwemmte Äcker, Gräben, sumpfige Wiesen und immer wieder die Teichlandschaften seiner Heimat. Seine Bilder strahlen eine melancholisch-poetische Grundstimmung aus. Er entwickelte eine vordergründig altmeisterlich wirkende Malweise, die geprägt war, durch den ausgewogenen Einsatz von stilistischen Elementen und einer ausgewählt sensiblen Farbpalette.
Lattke war jetzt ein unangepasster Zeitgenosse. 1934 wird er im Juni in Bärenbrück verhaftet; er wird der Verweigerung des Hitlergrußes und der Spionage beschuldigt. Vielleicht auf Grund seiner militärischen Vergangenheit kann er seine Freilassung aus der Cottbuser Haft aus Mangel an Beweisen erwirken. 1936 wird sein Sohn Joachim und 1939 seine Tochter Elisabeth geboren. Aufgrund seiner Verletzung aus dem ersten Weltkrieg ist er kriegsuntauglich und wird nicht zur Wehrmacht im 2. Weltkrieg eingezogen. Noch 1945 fallen Wohnung und Atelier in Weimar einem Bombenangriff zum Opfer.

Nach dem Krieg wird er ab 1948 Mitglied des neugegründeten Arbeitskreises sorbischer bildender Künstler. Aber mit der Annäherung der sorbischen Kulturfunktionäre an das DDR-System nach 1949 konnte er sich nicht so richtig anfreunden. Auch deshalb nimmt er 1950 bis 1952 ein Lehramt in Buxtehude (bei Hamburg) an und wird Lehrer für Ornamentik an der Berufsschule für Malerhandwerk.
Wieder zurück in Weimar wird er wegen mangelnder sozialistischer Haltung aus dem Arbeitskreis sorbischer bildender Künstler 1954 sowie später 1965 auch aus dem Verband bildender Künstler der DDR ausgeschlossen.
1955 ist er noch mal als Comiczeichner für die „National-Zeitung“ der überregionalen Tageszeitung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD) tätig, einer Blockpartei der ehemaligen DDR, die nach 1990 durch die FDP vereinnahmt wurde. Herausragend waren in den frühen Jahren dieser Zeitung lange, durchgängig erzählte Abenteuerserien von Fritz Lattke. So die „Kriminalakte Kern“ mit 21 Folgen, die „Abenteuer des Jürgen Reetz“ mit 20 Folgen und das „Heldenmädchen Eleonore“ mit 20 Folgen.

Trotz seiner Verbandsausschlüsse in der ehemaligen DDR macht er 1975 die Bekanntschaft mit Joachim Meisner, dem damaligen Weihbischof von Berlin (West) und heutigen Kardinal und Erzbischof von Köln.
Sein Lebenswerk wird in der ehemaligen DDR kurz vor seinem Tode 1980 mit dem Kunstpreis der Domowina geehrt. Im gleichen Jahr, am 9. November ist Fritz Lattke in Weimar verstorben und dort auf dem städtischen Friedhof beigesetzt.

 

Bernd Hopke

Quellen
Wikipedia, der freien Enzyklopädie; www.de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Lattke Zugriff 05/2008
Wikipedia, der freien Enzyklopädie; www.de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch; Zugriff 05/2014
Hans Vollmer [u.a.] : Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler. E.A. Seemann Verlag Leipzig
Alfred Krautz; Maria Mirtschin [u.a.] : Fritz Lattke – Maler und Illustrator. Domowina-Verlag Bautzen, 2005
Alfred Krautz; Benno Pötschke: Wendische Bilderwelten. Domowina-Verlag Bautzen, 1999
Dora und Heinrich Liersch, : Fritz Lattke – ein Maler der Spreewaldlandschaft. Cottbuser Heimatkalender, 1993
DDR-Comics.de, c/o Weißhahn, Altlöbtau 7d, 01159 Dresden, unter www.ddr-comics.de/tz_natio.htm; Zugriff 05/2014
Dr. phil. Christoph Nübel: Die Mobilisierung der Kriegsgesellschaft. Propaganda und Alltag im Ersten Weltkrieg in Münster, Münster 2008.