Lichtenberg

von der Gründung (Lichtenburg)

Von der Samariterherberge zum Antonierkloster

"Lichtenburg, ursprünglich Lichtenbergk geschrieben, d.h. leuchtender, weißer Berg, war zuerst eine hochgelegene, weithin durch die Wälder schimmernde Sandfläche, die den Wanderern auf ihren Wegen und Schiffern auf ihren Kähnen (die) Richtung wies. Ende des 11., Anfang des 12. Jahrhunderts ließ sich auf dieser Anhöhe oder in deren Nähe ein Einsiedler nieder, Lambertus soll er geheißen haben, andere fanden sich dazu und errichteten mit ihm (mehrere) einfache hölzernen Hütten (für) eine Krankenpflegestation, eine Samariterherberge für verirrte Wanderer, verunglückte Schiffer, von Wegelageren beraubte Reisende. Die wohltätigen Männer mit ihren warmen Herzen und linden Händen unter den rauhen und rohen Menschen ihrer Zeit gehörten einer damals weit verbreiteten mönchsartigen Vereinigung an, die sich Jakobs- oder Kalandsbrüder nannte. Den letzteren Namen erhielten sie von der Gewohnheit, in den ersten Tagen, den Kalenden – daher Kalender – jeden Monat zu Beratungen über Armen- und Krankenpflege zusammenzukommen. In Prettin und Großtreben hatte die Bruderschaft Mitglieder. Die Kurfürsten Rudolf II. (1356-1370) und Wenzel (1370-1388) gehörten ihr, wahrscheinlich als Schutzherren, an und wendeten ihnen reiche Geschenke zu."
"Zwei noch vorhandene alte Urkunden aus den Jahren 1394 und 1496 handeln von einem Vermächtnis des Herzogs Rudolf III. An die Bruderschaft, bestehend aus 2 Viertelhufen Land in der Coswiger Flur, die vorher von Großtrebener Einwohner (Johann Grentz und Nickel Waldow) gegen eine jährliche Getreideabgabe bebaut wurden, und von einem Darlehen an die Stadt Schweinitz. "
"Auch der Rat der Stadt Prettin borgte von dem Orden 1447 Geld, 80 rheinische Gulden, wofür er 2 Schock gute Groschen Zinsen an den Altaristen des Altars der Jungfrau Maria in der Stadtkirche Prettin zahlte, den die Bruderschaft unterhielt." 
"1508 wurde die Kalandsbrüder vom Bischof zu Meißen bestätigt unter Verleihung eines 40tätigen Ablasses und Verpönung der Schwelgerei, die unter ihnen aufgekommen sein musste."
"1514 trat der Bürgermeister Scheffer mit seiner Frau Elsabeth in die Bruderschaft ein, der er 50 rheinische Gulden schenkte, wofür am Johannistage seiner Familie gedacht wurde."
"Bis in die Reformationszeit bestand die Kalandsbruderschaft. Sie kam in Verfall, als die Armen- und Krankenpflege nachließ und ihre Zusammenkünfte in Schmausereien ausarteten, so dass der Ausdruck "Kalendern" für Zechen und Schmausen im Volksmunde üblich wurde."

"An Stelle der Krankenpflegestation der Kalandsbrüder an dem Lichtenberge oder neben denselben, vielleicht in Vereinigung mit ihnen, ließen sich Ende des 13. Jahrhunderts, nach anderen Angaben schon 100 Jahre früher unter Bernhard von Sachsen (1180-1212), die Antonietermönche nieder und gründeten das Antoniterkloster. Als Jahr der Gründung wird auch das Jahr 1312 genannt, da diese Jahreszahl im Klostersiegel sich fand.
Die Geschichte des Antonier Mönchorden lässt uns in ein Stück vorreformatorischer Finsternis des zum Aberglauben ausgearteten Christentums blicken, in das der Reformator mit hellen Licht des lauteren Evangeliums hineinleuchtete. Eine der schlimmsten und verbreitesten mittelalterlichen Trübungen des reinen, ursprünglichen Christenglaubens war der Heiligen- und Reliquienkult. Als er aufkam, wurden auch die sicherlich längst an unbekannter Stätte verwesten Gebeine des um 356 n. Ch. in ägyptischer Wüste gestorbenen berühmten Einsiedlers Antonius gefunden und über Alexandrien und Konstantinopel nach Frankreich gebracht. Dort wurden der Anrufung des Heiligen und der Berührung seiner Gebeine einer Mutterkornbrand genannten Krankheit (Kriebelkrankheit) gegenüber, die dem Heiligen zu Ehren das Antoniusfeuer hieß, Wunder wirkende Kräfte zugeschrieben. Unter den angeblich durch des Heiligen Fürbitte und Gebeine Geheilten befand sich auch ein angesehener Mann, Gaston, mit seinem Sohn Guerin, die aus Dankbarkeit ihr ganzes Vermögen in den Dienst des heiligen Antonius stellten, ein großes Krankenhaus zur Aufnahme Unbemittelter bauen ließen und selbst Krankenpflege darin übten. Gesinnungsgenossen fanden sich als Helfer dazu, und aus den im Volke beliebt gewordenen und geschätzten Krankenpflegern bildete sich ein Bruderverein, der auf der Kirchenversammlung zu Clermont 1095 die Anerkennung des Papstes Urban II. fand, dann 1288 zum Orden erhoben wurde und endlich vom Papst Bonifacius VII. die Ordensregeln der Augustiner Chorherren-Krankenpfleger erhielt. Schnell breitete sich der Orden über Frankreichs Grenzen nach Deutschland hinein aus."
"Antoniterhöfe oder Tönnieshöfe entstanden außer in Lichtenburg auch in Eilenburg, Eicha bei Grimma und in Halberstadt. Die Ordensvorsteher, Praeceptores und Commendatores, hießen in Deutschland Meister und Gebieter. Im Ordenssiegel war der heilige Antonius dargestellt mit einem Pilgerstab in der rechten Hand und einem Schwein unter dem linken Arm, darunter ein ägyptisches Kreuz in Form eines lateinischen T. Schweine soll der Heilige in seiner Wüsteneinsamkeit als einzige lebende heilige Wesen um sich gehabt haben. Sie wurden ihm deshalb als heilige Tiere geweiht und bildeten eine einträgliche Einnahmequelle der Klöster. Die Ordenstracht bestand in einem schwarzen Gewande mit blauem Kreuze auf der linken Brust. Ordenssiegel und Gewand werden in der Eilenburger Chronik von Simon mit den Versen geschildert:"
"Sankt Tonjus ist gewesen fromb
hat nicht getrachtet nach Reichtumb
und lehrte das seine Ordensleut,
die man Antoniusherren nennt heut.
Er Lehrt sie, daß sie einen Stock
tragen und einen schwarzen Rock,
ein blau Kreuz und ein mageres Schwein
soll stetig um und bei ihm sein."
"In Lichtenburg entfalteten die Antoniermönche eine emsige Tätigkeit. Ihre Predigten über die Wunderkraft der Fürbitte ihres Heiligen, die sie durch geschickte, sorgsame Krankenpflege und Anwendung medizinischer Kenntnisse zu unterstützen wussten, fand Anklang und Eingang rings umher, und die erbetenen und erbettelten Gaben flossen immer reichlicher. Bald blieb ihre Wirksamkeit nicht mehr auf Predigen, Krankenpflege und Betteln beschränkt. Der Blick lenkte sich auf Urbarmachung des herrenlosen Landes. Weder Mühe noch Kosten wurden gescheut, und nicht lange währte es, so waren fruchtbare Äcker und grasreiche Wiesen an Stelle von Dickichten, Sümpfen, Morästen und Wüsteneien zu sehen. Ein Klostergebäude neben dem anderen erhob sich. Die Einkünfte mehrten sich zusehends. Eine besondere Einnahmequelle bildeten eine im großen Stile unter Ausnutzung der Eicheln in Unmenge liefernden Waldungen betriebene Aufzucht der dem Schutzpatron des Ordens geweihten Schweine, die sie klug zu erwerben wussten. Wer eine Fürbitte des Heiligen begehrte, musste sie mit der Abgabe eines Schweines bezahlen. Jedes Klosterschwein bekam eine Schelle um den Hals gebunden, durch die es als Klostergut kennzeichnet wurde. Des Klosters Reichtum wuchs, aber mit ihm auch Ansehen und Macht des Ordens in weitem Umkreise auf kirchlichem und weltlichem Gebiet. Ehe wir hiervon Näheres hören, müssen wir die Entwicklung der Stadt Prettin, die wir bis zum Ende des 13. Jahrhunderts kennen gelernt hatten, weiter verfolgen."

Mutterkorn und Antoniter
Das Mutterkorn (lateinisch Secale cornutum) ist eine längliche, kornähnliche Dauerform (Sklerotium) des Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea). Für Mensch und Vieh stellt der Befall von Nahrungs- und Futtergetreide mit diesem Pilz ein Problem dar, denn die im Mutterkorn enthaltenen Alkaloide und Farbstoffe weisen eine hohe Toxizität auf.
Der Verzehr dieses Pilzes führte zu einer schwerwiegenden Erkrankung, die im Mittelalter als Antoniusfeuer (Heilige Feuer) bezeichnet und für eine ansteckende Krankheit gehalten wurde. Schon die Vergiftung mit kleinen Mengen führte zum Tode. Besondere Bedeutung erlangte der Heilige Antonius Eremita als Heiler vom Heiligen Feuer, der aufgrund seiner Legende zum Schutz vor Feuer und eben auch dieser Krankheit konsultiert wurde. Nach ihm wurde die Krankheit bald Antoniusfeuer genannt. 
Ihm zu Ehren wurde der Antoniusorden als Laienbruderschaft gegründet, dessen vorrangige Aufgabe es war, sich um die am Heiligen Feuer Erkrankten zu bemühen. Die Antoniter errichteten Hospitäler, in denen die Erkrankten aufgenommen und versorgt wurden. Aufgrund der sorgfältigen Ernährung, die ihnen dort zuteil wurde, genasen viele. Die Bruderschaft fand eine rasche Verbreitung und führte bald 370 Hospitäler. 
Verschiedene Ursachen, u. a., aber nicht hauptsächlich, auch die Erkenntnis, dass es sich um eine vermeidbare Pilzvergiftung handelt, führten ab dem 14. Jahrhundert zum Niedergang des Ordens. Im Jahr 1776 wurde er dem Johanniterorden inkorporiert.

Aus einer anderen chronistischen Handschrift erfahren wir noch folgendes:

"Die Antonier verstanden es meisterhaft, sich in dieser Gegend bald Geltung zu verschaffen und aus derselben ihren eigenen Vorteil zu ziehen. Mit großer Umsicht und Sachkenntnis erkannten sie sehr bald, welcher reiche Schatz sich in dem verwilderten Boden befand und welcher unendliche Gewinn aus den grasreichen Ebenen an der Elbe zu ziehen sei. Sie machten den wüsten Boden urbar und fingen auch schon (an) die Elbe einzudeichen. Die Moraste wurden trocken gelegt und in grasreiche Weideländer umgewandelt, wobei das Volk mit größtem Fleiße tätig war. Wo die Kräfte der eingeborenen Bevölkerung nicht ausreichten, dahin wurden fremde Arbeiter aus Holland und vom Rhein gerufen. Sie nannten sich Flanderer, oder Flamländer; von ihnen führt noch heute die ganze Gegend um Jüterbog herum den Namen Fläming. 
Das Volk in der Umgebung machten die Antonier abgabepflichtig und von sich abhängig. Der Reichtum des Klosterhofes wuchs daher von Jahr zu Jahr, und neben den eigentlichen umfangreichen Klostergebäuden mehrten sich die Scheunen, Ställe und Hütten für die Klostervögte und Arbeiter. Einen bedeutenden Teil des Klosterreichtums bildeten große Herden Schweine, denn wer des heiligen Antonius Hilfe und Fürbitte begehrte, musste sich zur Abgabe eines Schweins verpflichten. Diese Klosterschweine hatten das Recht frei umherlaufen zu können und trugen zur Bezeichnung eine Glocke um den Hals. Die Umgebung des Klosterhofes war für solche Herden auch gerade geeignet. Über den Reichtum der Lichtenberger Antonier sagte Luther in seinen Tischreden pag.246:

„ Ich verwundere mich des großen Gutes und der herrlichen Gebäude der Antonier-Herren zu Lichtenberg also, dass es zu dieser Zeit mit drei Tonnen Goldes schwerlich zu enden wäre. Das hat vor Zeiten das schändliche Trentelwerk gegeben; sie sind umhergegangen wie die Knappsäcke, haben die Leute an sich gelockt mit Gürtelein, Täschchen und Messerlein „. 

Wie in weltkirchlichen Dingen, so verstanden es die schlauen Antonier auch, sich in kirchlicher Hinsicht mehr Einfluss auf das Volk zu sichern. Sie besetzten die Pfarrstellen in Prettin, Axien, Lebien (wo früher ein eigener Pfarrer war), Plossig und Bethau, und beaufsichtigten die Schulen und ihre Lehrer, obwohl die Franziskaner in Torgau und die Bernhardiner in Clöden dagegen ankämpften. 
Der Kurfürst Rudolf I. verkehrte oft und gern mit den gelehrten Vorstehern des Antonierhofes. Um mehr und öfter in deren Nähe verweilen zu können, baute er sich in der an wildreichen Gegend am West Ende der Stadt Prettin, dem Antonierhof gegenüber, ein Jagdschloss. Die jetzt an dieser Stelle erbaute Wirtschaft heißt noch heute das Schlösschen. 
Dieser Kurfürst gründete 1339 die Hostien- und Weinstiftung, welche noch heute für die ganze Gegend besteht. Sein Bildnis ist bis auf diese Tage aufbewahrt und hängt in Lebensgröße neben dem Haupteingang der Stadtkirche zu Prettin."

 

Quelle
„Die Geschichte der Stadt Prettin und ihrer nächsten Umgebung“; dargestellt von Superintendent Leisegang; aus einer von Superintendent Buch 1833 begonnenen Chronik Prettins:im Kapitel 1.“In ältester Zeit“; Übertragen von Hans-Albrecht Gäbel 2015  
Mutterkorn: unter https://de.wikipedia.org/wiki/Mutterkorn 
Antoniter: unter http://genwiki.genealogy.net/Antoniusfeuer
Richterchronik; „Chronik der Umgebung Prettin“ von Julius August Richter um 1880; 
bis 1881; Übertragen von Hans-Albrecht Gäbel 2003