Strafanstalt

Die Lichtenburg als Strafanstalt und Zuchthaus


Das Königreich Sachsen entstand 1806 mit der Unterzeichnung des Posener Friedensvertrages zwischen Frankreich und Sachsen. Sachsen musste dem Rheinbund beitreten und damit die Franzosen bei ihren weiteren Feldzügen unterstützen. Napoleon Bonaparte forderte von Sachsen den Bau einer Festung an der Elbe, um eine militärische Basis für seinen Russlandfeldzug zu erhalten. Als möglicher Standort wurden die Städte Dresden, Wittenberg und Torgau untersucht. 1810 wurde die Entscheidung für den Ausbau von Torgau getroffen.
1811 begannen die Arbeiten an den Festungsanlagen.

„Der teilweise zum Festungsbau kommandierte und gehobene Militär wurde in den benachbarten Ortschaften einquartiert. Dass solche Gäste mehr kosten als einheimische ist bekannt. Bei uns hat von Juli August 1811 bis zum Frühjahr 1812 zwei Stäbe von der damaligen Sächsischen 1. und 2. Schützen Regiment gestanden bis der Zug nach Russland begann.“

lesen wir dazu in der Prettiner Chronik.

Da sich im Schloss Torgau ein sächsische Strafanstalt befand suchte man zu ihrer Verlegung neue Räumlichkeiten. Es wurde entschieden den alten Witwensitz, Schloss Lichtenburg dafür zu verwenden. Darüber lesen wir in den Chroniken:

„Die Verwandlung der Stadt Torgau 1811 in eine Festung verursachte die Verlegung dortiger Strafanstalt in unsere Nähe nach Lichtenburg, 
Bereits zwischen den 13. und 16. März übernahm vorläufig die Königl. Sächsische zur Besorgung der allgemeinen Straf- und Versorgungs-Anstalten verordnete hohe Commission das Schloß. Die allmähliche Räumung desselben von Seiten des Hausmarschalls Amtes begann sofort. Die schönen Meubles (Möbel) wurden öffentlich an Meistbietende verkauft, die prächtigen Säle und Zimmer in Arbeitslokale umgeschaffen, die Fenster mit Eisenstäbe verwehrt.“ 
Die Bauten betrafen fast einzig nur die Umänderung der … Fenster der Außenseiten (sie wurden) am Fuß kürzer gemauert … um (an) den Eisenstäben (Gitter) zu sparen,….
Hierzu sind angeblich 40.000 (Gitterstäbe) verwendet worden!!“

weiter wird darüber berichtet:

„Selbst die Toten wurde die Störung aus ihrer Ruhe und die beiden zuletzt hier gewesenen Churfürstinnen Witwen, Anna Sophia und Ernestine Wilhelmine, ein Schwesternpaar aus Dänischen Königsstamme, welche seit 1706 und 1717 in ihrer selbst erbauten Gruft unter der Kirche ruhten, mussten diese räumen und wurden nach Freiberg in die dortige Fürstengruft der Domkirche abgeführt und das harmonische Turmglockengeläut der Annenkirche in Dresden überliefert.“
„Während des Winters 1811/1812 ging nun die Arbeit im Schloß mit ziemlicher Anstrengung ununterbrochen fort. Noch größer war die Tätigkeit mit den wieder kehrenden Frühling. Endlich sah man sich in den Stand gesetzt, am 9. April 1812 den ersten weiblichen Sträfling nach Lichtenburg zu versetzen,…..“
„Nachdem im Schlosse Lichtenburg alles zu Aufnahme seiner neuen Bewohner hergerichtet war, zogen dieselben am22. April 1812 von Torgau in dasselbe ein. Es war eine Beamten Ge-meinde von 62 Mitgliedern und 373 Sträflinge. Sonntag darauf, am 26. April wurde in der Schlosskirche der erste Gottes dienst für die Gefangenen gehalten.“

Der Oberpfarrer von Prettin zum Prediger in der Lichtenburg ernannt hielt am 26. April 1812 den ersten Gottesdienst in der Strafanstalt (Schlosskirche).
Die Anstalt übernahm vom Vorwerk (Domäne), den (Schloss) Garten nebst mehreren Ackerstücken.

„Das Personal der von Torgau nach Lichtenburg versetzten Officianten- Kinder und Dienstboten mit eingerechnet bestand aus 62 Individuen.“

In der Anfangszeit sind in der Strafanstalt folgender Personenkreis beschäftigt:

„Der Gottesdienst wird … von dem bei der Anstalt angestellten Prediger und den Leuten und Erzieher besorgt. Noch sind folgende Angestellte im Dienst, ein Kontroleur, Rendant, Oekonom, (zwei Bürokräfte), Hausschreiber, 12 Zuchtmeister, ein Thorwärter, Gefängnisswärter, Nachtwächter und Anstaltsbäcker“

Und wir erfahren auch:

„Von dieser Zeit an hat Prettin, zur Bewachung der Gefangenen im Schloße Lichtenburg, immerfort eine Garnison von 1 Invaliden Kompanie und einem Kommando Linientruppen von 40 – 50 Mann, welche zum Teil im Dorfe Lichtenburg einquartiert wurden, gehabt und von ihren baren Ausgaben Vorteile genossen.“
„In den Tagen der großen Völkerschlacht bei Leipzig bewachten die Schützen die Straf- und Besserungsanstalt in Lichtenburg unter dem Befehl eines Majors Ploetz, der mit nur wenigen Rekruten dazu abkommandiert war.“

1828 musste vom Direktor der Straf- und Besserungsanstalt Herrn Kruse erstmalig eine Feuerordnung erarbeitet werden. Da bei Ausbruch eines Feuers eine Evakuierung der Strafgefangenen notwendig werden konnte, wurde deren provisorische Unterbringung in der Stadt Prettin erwogen. Dazu heißt es in den Quellen:

„….dass im Fall einer im Schloß entstehenden Feuergefahr, zur Aufnahme der schweren Verbrecher unter den Gefangenen und zu ihrer einstweiligen Verwahrung 1. die hiesige Spitalkirche und so genannte Leichenhalle und 2. die beiden Türme an der Stadtmauer auf Kosten der genannten Königlichen Straf- und Besserungsanstalt, in gehörigen Stand setzen ließ.“

An anderer Stelle ist darüber vermerkt worden:

„Der Stadt zu gute kam die Einführung einer bis dahin noch fehlende Feuerordnung in der Strafanstalt Lichtenburg durch den rührigen, umsichtigen Strafanstaltsdirektor Kruse insofern, als im Zusammenhang damit auf Kosten der Anstalt die hiesige Spitalkirche und Leichenhalle und die beiden Türme an der Stadtmauer instand gesetzt werden konnten, um nötigenfalls bei Ausbruch einer Feuerbrunst in der Strafanstalt zur Aufnahme und einstweiliger Verwahrung zu dienen.“
„1834 befanden sich 664 Strafgefangene in der Strafanstalt. Auf der männlichen Krankenstube befanden sich 3 Monate hindurch (durchschnittlich) 70 Kranke.“
„Im … Jahr 1837 verlieh Friedrich Wilhelm III. der Prettiner Schützengilde 100 Gewehre, 100 Bajonette, 100 Seitengewehre, 100 Degengehenke und 1000 Stück scharfe Patronen, welche eine Deputation am 28. Juli von Torgau abholte. Dieselben sind später wieder an das Zeughaus dorthin abgeliefert worden. Die Übergabe dieser Gewehre und Munition ist mit der Bedingung erfolgt, bei entstehender Feuerbrunst und Revolte der Gefangenen in der Strafanstalt zu Lichtenburg bewaffnet zu erscheinen um als Verstärkung der für solche Unglücksfälle unzureichender Militärmacht sich zur Disposition der Direktion der Anstalt zu stellen. Die Benutzung der Gewehre und Patronentaschen zu feierlichen Aufzügen und Paraden war dagegen nicht genehmigt worden.“
„Die Zahl der Strafgefangenen betrug im Jahre 1838 nach der täglichen Durchschnittszahl 729 und zwar 506 männliche und 173 weibliche. Die letzten (Frauen) wurden im Jahre 1860 von hier nach Delitzsch gebracht.“

Über den Gefangenenalltag erfahren aus den chronistischen Aufzeichnungen:

„Die … Gefangenen werden nach ihrer Ankunft in die besonderen Kleidung gekleidet und in die Arbeitsstuben verteilt; …. die Geschlechter streng geteilt …. Ein Jeder, wenn er gesund ist, muß die ihm aufgegebene Arbeit liefern, wenn er nicht Strafe sich zuziehen will, …. Die Arbeit besteht in … Weberei, Strümpfe- und Handschuharbeit, Baumwollspinnerei …, Wollkämmerei, Leinweberei, Wollspinnerei, Garnzwisten, Federnreissen,…Hanf, Flachs und Werg,.. Spinnen Schuhmacher- und Schneiderarbeit für die Anstalt, Handarbeiten durch Holzroden und auf Äckern und in Gärten. Gefangene werden gebraucht, um die Fabrikuntensilien, Haushaltungs- und Inventarienstücke in Stande zu erhalten. Mehrere, …(auch) zur Rechnungsführer, zur Bedienung der Offizianten, als Krankenwärter und zum Ausgehen angestellt,….“
„Die …hier befindlichen Männer und Jünglinge werden gegenwärtig von vier Fabrikanten und der Anstalt selbst beschäftigt. Ein Teil verfertigt Notizbücher, Albums und dergl., ein anderer arbeitet Filzschuhe, eine kleinere Anzahl macht Rosetten, während einige dreißig Mann Cigarren wickeln. Diejenigen Arbeitskräfte, welche von der Anstalt selbst in Anspruch genommen werden, weben Tuch, Leinwand und dergleichen oder nähen Kleidung und bessern schadhafte Kleidungsstücke aus u.a.m.. Da die Anstalt Oekonomie betreibt, so werden auch eine Anzahl Gefangene dabei verwendet; während noch andere in der Ziegelei, welche die Anstalt besitzt, ihre Arbeit finden.“

Über die Finazierung erfahren wir aus den Anfängen der Strafanstalt „Lichtenburg“ folgendes:

„Der eigentliche Arbeitsverdienst belief sich 1839 auf 25112 Taler 19 Sgr. 1 Pfg., die Kosten betrugen für Beköstigung, Bekleidung und übrigen Aufwand 38040 Taler 2 Sgr. 9 Pfg., so daß aus Staatsmitteln 12938 Taler 13 Sgr. 8 Pfg. zu zuschießen waren.“

Der Gefängnisdirektor der Aufbauphase wird zum „zum Ritter des rothen Adlerordens III. Klasse und Kommissionrath“ ernannt und wird 1841 in Ungnade in den Ruhestand versetzt.
An seine Stelle wird Hauptmann v. Grabowski eingesetzt, der schon an mehreren Strafanstalten zuvor als Direktor wirkte.

Ab Mai 1842 wurden die Gefangenen, welche länger als 6. Jahre verurteilt waren, nach dem neugründeten Zuchthause in Halle, überführt. Damit fanden in der Lichtenburg keine schweren Verbrecher, mit langjährigen Strafen mehr Aufnahme. „Die Abgeführten wurden bald reichlich wieder ersetzt, durch die in den Kriminalgefängnissen sich befindlichen Verbrecher“, wie es in der Chronik heißt.
Im selben Jahr wurden die zur Domäne (Gebäude rechts neben dem Haupteingang) gehörenden Gebäude (die als Kleinlondon bezeichnet wurden) abgetragen und in Gartenland umgewandelt. Auch bekommt die Strafanstalt am Labruner Wege auf der rechten Seite ein brachliegendes Stück Ackerland von der Domäne zugewiesen für einen eigenen Friedhof und zum Anbau von Feldfrüchten. 1842/43 wurden im Schloss noch einige Räumlichkeiten umgebaut, die der dortigen Arbeitsorganisation aber auch der Hygiene dienten.

„Am 1. Juli 1843 wurde die in Prettin stationierte Invalidenkompanie, die im Zuchthaus Lichtenburg Dienst tat, aufgelöst.“

Der neue Direktor sorgte in den folgenden Jahren dafür, dass das brachliegende Land, die Sandberge (Streichdünnen die nach der Eiszeit entstanden) der nähren Umgebung abgetragen und in fruchtbares Ackerland verwandelt worden:

„Mit solcher Umsicht und Ausdauer begann er mit den der Anstalt zugehörigen Sandflächen und bewies, was Menschenhände vereint schaffen können.“ 
„Es wurden ihm von der Domaine an Sandbergen 46 Morgen überwiesen. Im Jahre 1852 waren sie umgewandelt in gutes Bauernland.“ 
„Durch diese Kultivierungen hat der Wert der Gegend ein freundliches Ansehen und der Staat eindringliches Land gewonnen, sondern die Sträflinge selbst haben durch dies Beschäftigung im Freien an ihre Gesundheit gewonnen. Seit Beginn dieser Arbeiten haben die Krankheiten und Todefälle unter den Zuchtlingen sich bedeutend vermindert.“

Die preußische Strafanstalt, wurde nach Einführung des preußischen Strafgesetzbuchs von 1851 bis zur Schließung 1928 zum Zuchthaus für männliche Gefangene in der preußischen Provinz Sachsen. Das Zuchthaus war in Preußen ein Gefängnis mit strafverschärfenden Haftbedingungen für Häftlinge, die wegen nicht mit der Todesstrafe bedrohter Verbrechen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt waren. Wesentlicher Bestandteil der Zuchthausstrafe war der Zwang zu harter körperlicher Arbeit. Diese „harte Arbeit“ war Anfänglich das Abtragen der Sandberge.

Von der Strafanstalt erfahren wir erst 1878 aus der chronistischen Handschrift von Prettin neues:

„Zur Domäne gehörten früher noch ein Vorwerk, „Klein–London“ genannt, dessen Gebäude da standen, wo jetzt das Beamten Haus erbaut ist, das den Anfang zur Prettiner Vorstadt auf der Südseite bildet. Zur Bewachung der Gefangenen in der Anstalt gibt jetzt die Garnison Torgau aller zwei Monate 60 bis 70 Mann Soldaten mit einem Offizier; dieselben sind teils in Prettin, teils in Lichtenburg einquartiert.“

„Die Anstaltsgebäude … wurden in der Zeit von 1878 bis 1879 um einen Flügel vermehrt. Derselbe ist an der Nordostseite des Alten Schlosses als Isolierflügel errichtet.“

„Gegenwärtig (1881) befinden sich in der Anstalt ca. 800 Gefangene, welche eine Strafe bis zu fünf Jahren darin verbüßen. Das Personal der Anstalt besteht aus einem Direktor (Eckert), einem Ökonomieinspektor (Hartmann), einen Arbeits-Inspektor (Herrmann), einem Rendanten (Hallmann), einem Sekretär (Maaß), einem Pastor (Wernicke), einem Hilfsprediger (Hoppe), einem Lehrer (Zeller), einem Arzt (Nödechen), einem Hausvater (Krüger), einem Oberauseher (Jungnickel), einem Hauswerkmeister (Neuendorf), 34 Aufseher 
(im Jahre 1863 waren es noch 28), einem Bäckermeister (Benecke), einem Gärtner (Grosse) und einem Kutscher (Schenk). 
Diese Beamten wohnen teils im Schloss, teils in der Hedwigsburg, teils in den Beamten Häusern außerhalb der Anstalt oder bei Bürgern in Prettin und Lichtenburg zur Miete. Für die Oberbeamten, welche bisher in der Anstalt selbst wohnten, wird gegenwärtig ein neues Gebäude in der Prettiner Vorstadt erbaut, welches in nächster Zeit fertig gestellt werden soll.“
„Das seit dem Jahre 1811 in hiesiger Stadt in Bürgerquartieren untergebracht gewesene Wachkommando der Königlichen Strafanstalt Lichtenburg hatte Anfang Januar 1897 das in der Lichtenburg errichtete Kasernement [Offizierskasino] bezogen.“
Die Prettin-Annaburger Eisenbahn, der für unsere Stadt seit vielen Jahren ersehnte Verkehrsweg, wurde am 15 Juni 1902 eröffnet, nach dem am Tage vorher die landespolizeiliche Abnahme stattgefunden hatte. Der sich im Laufe dieses Jahres entwickelte rege Verkehr ließ erkennen, daß die Bahn ein dringendes Bedürfnis für unsere Stadt und Umgebung war, und daß sich die Bevölkerung mit dem Unternehmer befreundet hatte. Für das Zuchthaus hatte das zur Folge, dass der Gefangenentransport nun per Eisenbahntransport erfolgen konnte.“

„Das im Jahre 1811 bei der Strafanstalt Lichtenburg eingerichtete Wachkommando, welches bis 1897 in hiesigen Bürgerquartieren und dann in Kasernement zu Lichtenburg untergebracht war, wurde am 9. Mai 1905 aufgehoben.“
„Aus der Lokalpresse ist zu entnehmen, dass am 12. November 1918 der Soldatenrat für 76 Militärgefangene aus dem Zuchthaus Lichtenburg (Prettin) die Entlassung erwirkt hatte.“
„In das Pfarrhaus zog der 1919 in den Ruhestand versetzte Strafanstaltsdirektor Raikowsky, der bei der großen Wohnungsnot keine andere Wohnung finden konnte und mit seinem Nachfolger Direktor Kühnast die Dienstwohnung teilen musste, seit 1. Juli.
In der Anstalt streiken sogar die Strafgefangenen 14 Tage lang, so daß Schutzpolizei aus Torgau mit Maschinengewehren zur Bewachung her befohlen werden mussten.“
„Ende Juni 1920 fanden Unruhen im Zuchthaus Lichtenburg statt, zu deren Niederschlagung Sicherheitswehr herangezogen wurde. Die Unruhen waren ein Protest der politischen Gefangenen gegen die Reaktion, deren Opfer sie geworden waren.“
„1921 betrugen die Beamtenhaushaltungen des Personals der Strafanstalt, 150 Einwohner bei 2500 Einwohner der Stadt Prettin“
„Ende Juni und Anfang Juli 1922 versuchten drei Zuchthaus-Sträflinge auszubrechen. Sie hatten Feuer in einem Schlafsaal angelegt und wollten die allgemeine Verwirrung zum Massenausbruch benutzen. Durch die Geistesgegenwart eines Aufsehers und Alarmierung der Stadt durch Läuten der Glocken in der Nacht und aus Torgau herbeigerufene Sicherheitspolizei wurde die Gefahr für die Stadt und Umgebung beseitigt.“
„1922 kam es zum Hungerstreik in der Strafanstalt, worauf einige Häftlinge in andere Einrichtungen verlegt wurden. Die nach Sonneburg überführte Lichtenburger Sträflinge stifteten auch dort einen Hungerstreik an.“

„Ein versuchter Massenausbruch von 40 Sträflinge wurde durch Anzeige Vorübergehenden vereitelt, da mehrere Gestalten in der Nacht vom 08. - 09. 10.1925 auf dem Dach gesehen hatten. Ein Sträfling, der sich weigerte, das Dach zu verlassen wurde durch einen Schuss verletzt und konnte noch am anderen Morgen geborgen werden.“
„Ein weiterer schwerer wirtschaftlicher Schlag ist der hiesigen Stadtgemeinde und auch der Geschäftswelt durch die Auflösung der Strafanstalt Lichtenburg, die volle 115 Jahre bestanden hatte, zugeführt worden. Die Ursache hier zu haben die nur wenigen Ausbrüche einiger Strafgefangener gegeben und zwar durch die im Preußischen Landtag von den Landtagsabgeordneten Boes, Heiken und Horn gestellten Anfragen, sowie durch die sehr übertriebenen Berichte in den Zeitungen der Umgegend. Alle Versuche des Bürgermeisters im Justizministerium und im Preußischen Landtag, die Strafanstalt zu halten, sind leider gescheitert, weil die hiesige Strafanstalt an modernen Strafvollzug ganz und garnicht mehr mitsprechen, und weil die übrigen bestehenden Strafanstalten, die angeblich moderner sein sollten, nicht voll besetzt sein.“
Die Strafanstalt Lichtenburg wurde … mit dem 1. Juli 1928 endgültig aufgelöst. Die Anstalt beherbergte am 1. Januar 1928 noch 498 Insassen, die in gewissen Zeitabschnitten nach anderen Strafanstalten abtransportiert wurden. Am 4. Juli 1928 ging der letzte Transport mit 18 Gefangenen ab. Mit dem Tage stand das große Gebäude mit den unendlich vielen Bauten leer da.

116 Jahre bestand die Strafanstalt im Lichtenburger Schloss, geschlossen wurde sie, weil die Haftbedingungen und die baulichen Gegebenheiten nicht mehr zeitgerecht waren. Die vorstehenden Auszüge aus den vorliegenden Handschriften verschiedener Zeitzeugen gaben uns einen kleinen Einblick in die geschichtlichen Gegebenheiten der Strafanstalt- und Zuchthausgeschichte. Beachten sollte man natürlich, dass es sich um eine einseitige Berichterstattung handelt, geschrieben immer nur aus der Sicht von Personen die sich außerhalb der Anstalt befanden.

Bernd Hopke
Ortschronist

Quellen:
Julius August Richter, Handschrift „Chronik der Umgebung Prettin“ von Julius August Richter bis 1881, Kap.11, Übertragen von Hans-Albrecht Gäbel, 2003;
Georg Reichmann, Bürgermeister, „Chronik der Gemeinde Prettin“ geschrieben von Sparkassenangestellten Hauschild, Prettin /Elbe, am 10. Juli 1938, Übertragen von Hans-Albrecht Gäbel, 2014;
Eduard Otto Leisegang, „Die Geschichte der Stadt Prettin und ihrer nächsten Umgebung dargestellt von Superintendent Leisegang – Kapitel 1. in ältester Zeit, aus einer von Superintendent Buch 1833 begonnenen Chronik Prettins, maschinenschriftlich Hans-Albrecht Gäbel 2015;