altes Prettin

von den Anfängen der Stadtgeschichte 


Prettin, in alten Urkunden auch Pretyn, Prytin, Pretin und Pritini geschrieben, gehört zu den ältesten Städten der Provinz Sachsen. Das Jahr ihrer Gründung lässt sich nicht genau angeben. Wahrscheinlich gehört sie zu der Kette von Burgen, die einst der deutsche Kaiser Heinrich I. (916-936), der Finkler, nach seinen Siegen über die Slawen und Wenden zur Sicherung der Ostgrenze seines Reiches anlegte, zu der auch Torgau, Dommitzsch, Elsnig, Axien, Clöden und Löben a. d. Elster gehörten. Die Stadt ist also bald 1000 Jahre (um 1900 geschrieben) alt. Unter den Ottonen (Kaiser Otto I. 936-973, II. 973-983, III. 983-1002) bestand sie schon, denn im Jahre 965 zahlte die Stadt [die Ortschaft bzw. die Ansiedlung] bereits einen Honigzins an das Kloster Berge bei Magdeburg, der auch in späteren Urkunde aus dem Jahre 1004 von Kaiser Heinrich II. bestätigt wird. Aus der ältesten Geschichte Magdeburg erfahren wir, dass das wald- und sumpfreiche westelbische Slawenland, in dem auch Prettin lag, den slawischen Namen Maideburu, d.h. Honigwald trug. Der slawische Name wurde später nicht mehr verstanden und Mägdeburg gedeutet, woraus dann Magdeburg entstand (Neujahrsblätter der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und Anhalt, Nr. 42, Verlag Otto Hendel, Halle 1918).
Der Name der Stadt Prettin ist auch slawischen, genauer wendischen Ursprungs und bedeutet angeblich fette Aue, oder Furt. Er weist also auf ein gutes Land hin oder auf einen Übergang über die Elbe und lässt an die an Stelle der Furt getretene Fähre denken, die den Verkehr mit dem gegenüberliegenden Dommitzsch vermittelt. Wendische Namen haben viele Orte in der näheren und weiteren Umgebung Prettins, so: Axien, ursprünglich Uaxrin, Kähnitzsch, Lebien, Labrun, Naundorf, Battin - die Heilige, wohl wegen einer Opferstätte daselbst Lychnow [Lochau] =Annaburg, Clossigk = Clossa, Meuselko, Löben, Purzien, Groß- und Kleindröben, heute Großtreben und Kleindröben, Zwetau, Olsnigk = Elsnig, Sipnitzi = Süptitz. Alle diese Orte gehörten zu einem großen Gau, Niszitzi, d.h. Niederung mit Namen, der aus mehreren Grafschaften bestand. Ende des 11. Jahrhunderts herrschten Graf Udo, später Markgraf Gero, der im Kampf gegen die Polen fiel, deren Herrschaft vorübergehend bis an diese Gegend oder doch dicht an diese heran reichte.
Unter Heinrich II. kam Prettin an das Erzbistum Magdeburg, in dem damals Erzbischof Tagino (1004-1016) regierte. Eine Zeitlang wurde die Stadt dem Sprengel des Bischofs Gerung von Meißen zugeteilt. Erzbischof Wichmann von Magdeburg tauschte es 1163 gegen einen anderen Ort ein. Aus dem Besitz des Erzbistums Magdeburg ging die Stadt über in den Besitz des Grafen von Brehne und aus diesem, wohl durch Erbschaft, an den askanischen oder anhaltinischen Fürstenhaus. Aus diesem hatte Bernhard II., Sohn Albrechts des Bären (1123-1170) nach seines Vaters Tode die anhaltinischen Stammlande erhalten, dazu den späteren Kurkreis mit Wittenberg und war vom Kaiser Barbarossa (1170-1180) mit dem Herzogtum Sachsen belehnt, das aber aus dem östlichen an der Elbe gelegenen Teil des alten Herzogtums bestand. Einer der Nachfolger Herzog Bernhards war Rudolf I. (1298-1356), der sich in seinem vollen Titel unter anderem auch Graf von Brehna nannte.
Gegen die zu seiner Zeit in dieser Gegend wohnenden wilden, zu Raub und Plünderungen geneigten Sorben und Wenden führte der spätere Markgraf von Brandenburg, Albrecht der Bär, Kriege. In diesen Kriegszeiten ist mancher Ort spurlos vom Boden verschwunden durch völlige Zerstörung, so auch das dicht bei Prettin gelegene Dorf Coswig. Die Stelle, auf der das Dorf stand, links vom Wege nach Axien, ist durch einen Denkstein gekennzeichnet mit der Inschrift: "Denkmal des Kirchplatzes von dem längst demolierten Dorfe Coswig, gestiftet von Gottlieb Dorothea ... in Prettin im Jahre 1834".
Erhalten hat sich das Gerücht, das die älteste, kleinste Glocke im Prettiner Kirchturm aus dem Kirchlein jenes Dorfes stammen soll. Schweine hätten sie auf der Weide an der Stätte des Dorfes ausgewählt. Da diese Erklärung des herkommens alter Glocken sich öfter auch anderwärts findet, hat sie im Einzelfalle nicht viel Wahrscheinlichkeit für sich. - In die durch Krieg und seine Folgen, Tod und Flucht der Ureinwohner menschenleer gewordene Gegend um Torgau, Wittenberg und Schweinitz siedelt Albrecht der Bär Flamländer an, Bewohner vom Niederrhein. Fleißige Leute waren es, die hierher kamen und ihre neue Heimat durch Austrocknen von Sümpfen und Moraste wohnlich und fruchtbar machten, auch geschickte Handwerker, namentlich Tuchmacher waren darunter. Von diesen Einwanderern trägt noch heute der nicht allzu weit entfernte Fläming seinen Namen, der kahle, unfruchtbare, wasser- und waldarme Höhenzug, der am rechten Elbufer im Norden von Wittenberg beginnt und sich bis Burg hinzieht. Mehrere Städte und Dörfer erinnern mit ihren Namen an ihre Erbauer, die ihnen Namen aus ihrer alten Heimat gaben: Kemberg aus Kemerich, Liebenwerda aus Leuwarden, Gräfenhainichen aus Gravenhagen. Flämischen Ursprung sollen auch Hohndorf - hoch gelegenes Dorf - und Bethau haben, deren Gründung in das Jahr 1159 gelegt wird. - Wir gehen wohl nicht irre, wenn wir uns das alte Prettin in den beiden ersten Jahrhunderten seines Bestehens als einen entlegenen, einsamen Flecken von geringem Umfange vorstellen inmitten dieser wildreichen Eichen- und Kiefernwälder, deren Ausläufer bis an die Elbe heran reichten und zahlreiche Seen und Sümpfe einschlossen, durch die sich Wasserläufe hindurchschlängelten, die bei Hochwasser zu reißenden Bächen und Strömen anschwollen und ihre Wassermassen in die Elbe ergossen. Einer dieser im Walde verborgenen Seen war der Hintersee, nach dem das erst viel später - 1627 - entstandene Dorf seinen Namen erhielt. Seine Wasser flossen um die Stadt herum in die Elbe. Nach Jahrhunderten noch trieben sie im Norden der Stadt nach ihm benannten Seemühlen, und noch zur Zeit der in Lichtenburg residierenden Fürstenwitwen konnte man auf seinen Wassern rings um Prettin herum fahren.
Nur spärliche Nachrichten, deren Zuverlässigkeit sich nicht nachprüfen lässt, sind aus jener ältesten Zeit zu uns gedrungen. Eine furchtbare Überschwemmung soll 1118 die Ernte auf Acker und Wiesen vernichtet haben.
Eine entsetzliche Dürre verursachte 1138 große Waldbrände und trocknete Teiche und Flussläufe aus. Einer großen Teuerung 1271 folgte 1280 eine so billige Zeit, dass ein Scheffel Korn einen guten Groschen, eine Mandel Eier oder 8 Heringe einen Pfennig kosteten. Kalte Winter, in denen das das in den Kellern gefrorene selbstgebraute Bier pfundweise verkauft wurde, wechselten ab mit milden, nach denen schon im Mai die Ernte begann.
Quelle:
Handschrift; „Die Geschichte der Stadt Prettin und ihrer nächsten Umgebung 
dargestellt von Superintendent Leisegang“; aus einer von Superintendent Buch 1833 begonnenen Chronik Prettins: Kapitel 1.; In ältester Zeit; übertragen 2015 von Hans-Albrecht Gäbel; Prettin