Erntebräuche

Peter und Paul


Im Gegensatz zu heute haben sich früher, in Vorindustrieller Zeit der größte Teil der hiesigen Bevölkerung bei der Arbeit in der Landwirtschaft ihr täglich Brot verdient. Demzufolge waren die Erntebräuche umfangreich und vorherschend, denn sie bestimmten ja für einem Großteil der Bevölkerung den erlebten Alltag. Auch hier können wir die christliche Überformung der alten heidnischen Bräuche erkennen.

Die Erntezeit beginnt am 29. Juni, wenn „Peter und Paul“ dem Korn die Wurzeln gebrochen haben, das heißt zur Reife gebracht haben.
Mit einem Gang zur Kirche, in der auch in verschiedenen Gegenden die Schnitterwerkzeuge mitgenommen wurden, beginnt die Erntezeit. Zum Erntedankfest wurde die Kirche nicht nur innen prachtvoll ausgeschmückt, sondern auch außen.
Bewegte sich das Korn wie ein See, so sagte man:
Es sind wilde Schweine im Korn“ oder „Der Kornstutzer“ (Ziegenbock), oder der „Kornnicker“ sitzt im Korn, der es wachsen lässt.
In Mitteldeutschland sind „die Kornmuhme“, „Kornmutter“, „Kornfrau“, oder wie aus dem slawischen die „Mittagsfrau“ für verdorrtes Getreide verantwortlich.
In Anhalt gibt es den „Fangemann“ und im Harz den „Bindenschnitter“.
War das Korn durch Witterungseinflüsse umgebrochen, oder Kinder im Korn so wurde gesagt die „Korngeister“ befanden sich darin.

Ein Kinderlied mahnt die Kinder:

„Laß stehn die Blumen,
geht nicht in das Korn,
die Roggenmuhme zieht um da vorn.
Bald duckt sie sich nieder,
bald guckt sie wieder,
sie wird die Kinder fangen
die nach den Blumen langen“.

(Mahnlied wegen des Sonnenstichs, den man leicht im Korn erhält)

Beim Schnitt der ersten Ähren wehrten sich die Korngeister und verursachten nicht selten heftigeKreuzschmerzen. Hier half nur das Niedersetzen auf die erste Garbe.
Es wurde aber auch vom „Alten“ gesprochen, der beim Mähen von Feld zu Feld springt und erst bei der letzten Garbe gefangen wurde. Diese wurde dann meist in Form einer Puppe mit nach hause gebracht.
Ein altgermanischer Brauch war der „Vergodendeel“. Unsere germanischen Vorfahren ließen zum Zeichen der Dankbarkeit ein Büschel Korn für Wodan und seinem Pferd stehen. Für Wodan wurde auch „de Olle“, „Erntewod“ oder „Waude“ gesagt = der Alte, ein himmelsgewaltiger Mann mit wallendem Barte.
Sie gossen dabei etwas Erntebier über die Halme klopften dreimal gegen ihre Sichel und sagten dabei einen Spruch auf:
Wode , Wode , Hoal dinem Perd nu Foder. Doa Distel unne Dorn, Tau’n armer Joar beter Korn„. Das „ Wodelbier“ ist der Rest eines alten Dankopfers, welches Wodan dargebracht wurde.
In Thüringen besuchte der Herr des Ackers seine Leute, welche ihm einen bunt geschmückten Kranz reichten und er hierfür ein „Trinkgeld“ gab. Auch diese Sitte wurde feierlich mit einem Spruch beider Parteien begleitet.
Der letzte Erntewagen wurde mit einem, aus Feldblumen und Laub gewundenen Erntekranz ausgeschmückt.
Ein wendischer Erntebrauch ist es, einen Hahn in der letzten Fuhre zu verstecken. Wer diesen Hahn erhascht, durfte ihn sein Eigen nennen. So wurde bei der letzten Fuhre der Spruch gebraucht:
Wir haben den Hahn erhascht“, oder „Wir haben den Kokot gemacht“,
wie er auf wendisch heißt.
In einigen Teilen Deutschlands hieß das „Hahnschlagen“. Hier wurde der Wagen noch von den sogenannten „Schimmelreiter“ (Wodan) begleitet. Er hatte links und rechts am Pferd je ein Sieb mit einem weißen Tuch bedeckt, welche die Flügel des Pferdes vom Allvater Wodan darstellten. Zusammen zogen sie dann zum Festplatz.
Das „Hahnschlagen“ verlief folgendermaßen:
Junge Mädel in traditionellen Trachten und mit Erntekränzen an Stangen in der Hand, säumten einen Weg, auf dem die Burschen den Festplatz betraten. Hier wurde eine Grube gegraben, dort ein Hahn hinein gesetzt und mit einem Brett zugedeckt. Hierauf wurde ein irdener Topf (Steingut) gestellt. Mit zugebundenen Augen und mittels eines Dreschflegels versuchten die Burschen nun den Topf zu zerschlagen. Wem dies gelang, wurde König und erhielt einen Erntekranz auf den Kopf und den Hahn und wer die Scherben traf wurde Zweiter. Im Kreis tanzten die Mädel nun um den „König“, der hierbei ebenfalls mit verbundenen Augen zwei Königinnen erhaschte. Auch sie wurden mit einem Erntekranz geschmückt. Gemeinsam zog man dann zum Wirtshaus, wo die beiden Sieger die Zeche zahlen durften.

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Bernd Hopke

Quelle:
Material des Vereins für Heimatgeschichte und Denkmalpflege e.V. Annaburg