Natur pur

Das Aussehen eines Flusses 


Die Schwarze Elster war kein homogener Fluss sondern ein Flusssystem, das sich wie ein Netz aus mehreren Wasseradern zusammensetzte. Der Fluss war ein Wasserlaborient – mit vielen untereinander verästelter Armen, manche abrupt endend. Stillgewässer und Fließgewässer wechselten sich ab, was nicht nur jahreszeitlich bedingt war. Der Fluss trat immer periodisch über seine Ufer. Bei Hochwasser führte der Fluss viel Totholz mit, welches nach Rückgang des Wassers liegen blieb, weil es u.a. wegen geringen Wasserstands nicht mehr weiter transportiert werden konnte. Es bildeten sich natürliche Hindernisse, die später zum Teil verlandeten, der Fluss änderte so recht häufig seinen Lauf. Heute würden wir sagen der Fluss verwildert – aber genau dass war im Unterlauf sein natürliches Erscheinungsbild.
Aufgrund der sich abrupt ändernden Gefälleverhältnisse teilte sich der Fluss ursprünglich im Bereich zwischen Tätzschwitz bis zur Einmündung in die Elbe in viele Arme, die z. B. noch bis ins 19. Jh. als die Alte Elster, Barans Elster, usw. bekannt waren. Bis Tätzschwitz hat der Fluss ein durchschnittliches Gefälle von 20 ‰, ab dem Eintritt in das ursprüngliche Urstromtal nur noch ein Gefälle von 0,4 ‰. Dadurch bedingt, verliert der Fluss an Strömungsenergie, an Kraft, er fließt breit und träge. Zu der niedrigen Fließgeschwindigkeit trägt wesentlich die früher übliche Mäanderform (Flussschlingen) des Flusslaufes im starken Maße bei. Die Schwarze Elster teilte sich zudem in einen Hauptstrom im Norden und einen Grenzstrom im Süden. Innerhalb dieser beiden Flussarme breitete sich ein Gewirr von Wasserarmen mit dazwischen liegenden Inseln aus. Die Uferzonen gingen dabei nahtlos in die flussbegleitenden Erlensümpfe über. Nur an Höhenzügen waren klare Uferzonen ausgeprägt.
Das Flusssystem der Schwarzen Elster war ähnlich dem des Spreewaldes. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass der Spreewald so wie er heute ist, auch nur „künstlich“ durch ein System von Deichen, Umfluter, und vor allem durch viele Schleusen und der umfangreichen Uferbefestigung erhalten (konserviert) wurde.

Die Schwarze Elster hat heute eine Länge von 179 km. Alleine bei der letzten Elsterregulierung im Unterlauf der Schwarzen Elster (Premsendorf bis zur Elstermündung) wurde sie von 43,5 km auf 26 km verkürzt. Der damalige Flusslauf lässt sich in seinem ganzen Ausmaße heute schwer rekonstruieren, aber man kann davon ausgehen, dass er mindestens doppelt so lang gewesen sein muss. Vor allem war er sehr verästelt.

Das Urstromtal bestand zu ca. 50 % aus Feuchtland. D.h. Sumpf, Nieder- aber auch Hochmoor. Der Rest grundwassernah und periodisch überspült.

Als Beispiel sei hier der Schradenwald angeführt. Wie aus Karten des 16. Jh. zu entnehmen ist, bestand er damals aus einer meilenweiten Sumpffläche zwischen Elster und Pulsnitz, die wegen des mangelnden Abflusses des aus der Schwarzen Elster und aus ihren zahlreichen Nebenarmen austretenden Wassers fast nur aus Brüchen bestand, die mit der Zeit immer mehr versumpften. Ebenso beschaffen waren auch die oberhalb des Schradenwaldes bis Hoyerswerda und die unterhalb an die Elbe grenzenden Grundstücke. Auch weisen die in der Ämterkarte aus dem 17. Jh. eingezeichneten Knüppeldämme auf den Wegen zwischen Schweinitz und Annaburg, Herzberg und Schlieben oder Schweinitz und Hartmansdorf auf die ausgedehnten Feuchtgebiete hin. Diese eingezeichneten Dämme waren mehrere Kilometer lang.

Die Voraussetzung für die Entstehung der Moore war durch den flurnahen Grundwasserspiegel, wie er in weiten Teilen der Niederung über Jahrtausende vorhanden war, gegeben. Er hemmte den Humusabbau und führte bei immer stärkerer Anreicherung von organischer Substanz zur Vertorfung.

Die sich vor der Vegetation gebildeten Dünen waren die einzigen trockenen und sicheren Orte. Das Flussbett der Schwarzen Elster war nicht homogen. Eigentlich war das Wasser nicht tief – nur stellenweise sind sehr tiefe Auskolkungen (Ausspülungen) bei Hochwasser entstanden. Diese Untiefen ließen die Schwarze Elster stellenweise sprudeln.

Neben den Unterschieden im Flussgefälle, spielt beim Wassereinzugsgebiet der Schwarzen Elster die Tatsache eine Rolle, dass der Mittelgebirgsanteil nur 1/3 ausmacht. Das trägt wesentlich mit dazu bei, dass dem Fluss im Sommer weniger Wasser zugeführt wird als im Herbst und im Frühling. Das Wasserdargebot konnte jahreszeitlich unterschiedlicher nicht sein. Die Frühjahrsschmelze trug immer zur weitflächigen Überflutung bei. Ergiebige Regenfälle im Sommer waren eher selten. Aber im Herbst trat gleichfalls Regen bedingt Hochwasser auf.

Auf diese Periodizität, auf diesen Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser richtete sich die Flora wie Fauna ein. Das Überspülen der angrenzenden Flussauen war zu ihrer Existenz notwendig nur so konnte sich die typische Flussauenflora ausbilden und erhalten.

Die vielen Moore und Sumpfniederungen speicherten das Wasser wie ein Akkumulator und gaben es in der übrigen Zeit an den Fluss wieder ab. Das wurde über die Erlenwälder, welche die Moore und Sumpfniederungen bewaldeten, reguliert. Sie nahmen im Frühjahr viel Wasser auf, wenn die Flüsse angeschwollen sind, und gaben es im Laufe des Sommers langsam ab, wenn der Wasserspiegel zu sinken beginnt, so dass sich die Flußspiegelschwankungen verringerten.

Dadurch, dass der Fluss und die vielzahl seiner Nebenflüsse außer bei Hochwasser so eine geringe Fließgeschwindigkeit aufwiesen erfolgte über die Jahrhunderte organische Ablagerungen im Flussbett, die zur Torfbildung beitrugen. Die Mächtigkeit der Ablagerungen überschreitet an der Schwarzen Elster meist deutlich 2 m. In den kleinen Bachzuläufen werden um 1 m erreicht.

Die schwankende Wasserführung der Schwarzen Elster, aber vor allem das eisenhaltige Grundwasser, trug wesentlich zur Entstehung der großräumigen Raseneisensteinfelder im Umfeld des Flusses bei. Im Schwankungsbereich des Grund- und Sickerwassers, in dem Eisen- und Mangan-Ionen gelöst sind, fallen diese bei Kontakt mit dem Bodenluft-Sauerstoff aus und bilden so den Raseneisenstein.
Sie bildeten sich vor allem in Flussniederungen (Flussauen), in von eisenhaltigem Grund- und Sickerwasser durchströmten fein- bis mittelkörnigen Sanden. In der Landwirtschaft gelten diese oberflächennahen mit Raseneisenstein durchsetzten Böden als nur bedingt ackerbaulich nutzbar. In der Regel können solche Standorte nur als Wiese oder Weide genutzt werden.
Die Gegend von Annaburg ist besonderst reich an Raseneisenstein und gehört zum Eisensteindistriktsfeld „Carl“ (Welches im Grundbuch von Herzberg Bd.I Bl.1 von 1956 noch eingetragen ist).

Die Schwarze Elster mit ihrem niedrigen Strömungsverhältnis im Mittleren- und Unterlauf, den reichlichen Flussarmen, dem verzweigten Wassernetz, mit den teilweise nur bei Hochwasser angeschlossenen Wasserlachen, Teichen und Sümpfen, war ideal für ein hohen und artenreichen Fischbestand. Zu den hier vertretenen Fischen zählten u.a. der Hecht, der Karpfen und der Wels, auch Aale, Schleien, Bleie, Lachsforellen, Zerten, Brassen und vor allem eine Vielzahl von Krebsen bevölkerten die Schwarze Elster.

Aus einer viel späteren amtlichen Veröffentlichung über die Mindestmaße der vorkommenden Fische soll in der folgenden Auflistung auch auf die damalige Artenvielfalt der Fische hingewiesen werden. So finden wir darin aufgeführt:

Stör, Lachs, große Maräne, Zander, Rapfen, Aal, Barbe, Blei (Brassen), Meerforelle, Maifisch, Finte, Karpfen, Schlei, Hecht, Schnäpel, Aland, Döbel, Forelle, Nase, Äsche, Scholle, Flunder, Karausche, Plötze, Barsch, Quappe, Wels sowie Krebse.
Das wirre Wurzelgeflecht bot den Fischen und Krebsen willkommene Schlupfwinkel vor den Nachstellungen der Fischotter.

Die nur nach Hochwasser periodisch angeschlossenen umliegenden Stillgewässer waren ideal zur Aufzucht. Sie boten den Jungfischen vor allem Schutz vor Raubfischen in den ersten Lebensmonaten. Sie mussten nur nach dem nächsten Hochwasser zurück zum Fluss finden.
Fischadler, Schwarzstorch, Weißstorch und Graureiher waren ständige Gäste und fanden reichlich Nahrung.

Der Elbbiber machte sich den Pflanzen- und Wasserreichtum zunutze; sie waren hier einst reich vertreten und leben auch heute noch hier. Auf Grund seines Körperbaues und seiner hervorragenden Fähigkeiten im Schwimmen und Tauchen ist der Biber zu den ausgesprochenen Wassertieren zu zählen, was an den stark entwickelten Hinterfüßen mit Schwimmhäuten sowie den verschließbaren Nasen- und Gehörgängen ersichtlich ist. Der merkwürdige Schwanz, ein kellenartiges Knorpelgebilde mit Hornschuppen bedeckt, steht waagerecht und wird beim Tauchen als Höhen- und Tiefenruder benutzt. Die schwächeren Vorderfüße tragen freistehende Zehen und sind zum Greifen geeignet. Der an der Schnauze abgestumpfte, dicke Kopf hat winzige Augen und Ohren. Seine Form wirkt beim Schwimmen, aus der Vogelperspektive betrachtet, wie ein Keil, der gut das Wasser durchschneidet. Im Oberkiefer befinden sich unter anderem zwei meißelartige, etwas gebogene lange Nagezähne, die eine rötlichbraune Färbung besitzen. Die Nagezähne im Unterkiefer dagegen sind schwächer entwickelt. Mit diesem scharfen Gebiss ist der Biber in der Lage, Bäume von beträchtlichem Durchmesser zu fällen. Die Stämme, hauptsächlich Pappeln und Weiden, werden ringsum so benagt, dass ein sanduhrförmiger Einschnitt entsteht und die Baumkronen ins Wasser stürzen. Die jungen Triebe dienen als Nahrung, während die Zweige als Baumaterial verwendet werden. In der Elsterniederung werden Bäume mit einem Durchmesser bis zu 50 cm, von Bibern gefällt, aufgefunden. Sie waren es, die für natürliche Staue in der Elster sorgten und damit die Ungleichheit im Wasserdargebot, zwischen Niedrig- und Hochwasser regulierten. Ihnen ist es zuzuschreiben, dass auf dieser natürlichen Weise zeitweise Stillgewässer entstanden – die für den Fischreichtum wichtig waren – aber auch dem Erhalt der Feuchtgebiete dienten.

Andere Staue wurden durch die Schwarze Elster selbst verursacht. Durch nachlassende Strömungsgeschwindigkeit nimmt auch die Transportfähigkeit der im Wasser befindlichen Schwebteile und Sandkörner ab, sie fallen aus. Auf dieser Art und Weise sind nach Einengungen, Kolke, oder anderer Untiefen Sandbänke entstanden, die der Elster den Lauf verlegten.

Das Wasser der Schwarzen Elster war aber nicht nur kristallklar, da wo es aufgewirbelt wurde, nahm es sofort eine dunkle trübe Färbung an. Ihrem eisenhaltigen moorigen Grund und der daraus entstehenden dunklen Trübung soll sie einen Teil ihres Namens zu späteren Zeiten verdankt haben. Der andere Teil „Elster“ ist auf eine frühere slawische Sprachform zurückzuführen und kommt von Elistra, noch früher Alstra. Der Name setzt sich aus zwei uralten Wurzeln al („die Nährende, die Fruchtbare“) und stra („die Strömende, die Strömung“) zusammen. Man kann also von der „nährenden Strömung, dem Nährfluss oder dem nährenden Strom“ sprechen.

Diesen Namen hat sie von den hier erst später ansiedelnden Menschen bekommen.

Dieses Ökosystem funktionierte aber nur durch periodische Überschwemmungen, fallen diese weg, aus welchen Gründen auch immer muss sich zwangsweise die Natur ändern – sie passt sich an – bestehende Arten gehen ein, ggf. auch die Artenvielfalt lässt anfänglich nach, aber die entstehenden Freiräume werden von anderen Arten wieder besetzt. So ist der Lauf der Dinge, auch der Mensch ist eine solche Art, die sich ausbreitet und Freiräume besetzt und jetzt hat sie auch noch gelernt sie sich selbst zu schaffen.

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Bernd Hopke

Ortschronist

Quellen:
• R. Paech , Gorsdorf ; in Heimatkalender für den Kreis Jessen 1955
• Grundbuch von Herzberg Bd.I Bl.1 von 1956 
• Dietrich Hanspach: „Der Schraden“;Böhlau Verlag 2005