Flussaue


Der erste größere Waldbewuchs nach der letzten Kaltzeit stellte die Kiefer dar, die sich nach einer anfänglichen Kiefer-Birkenzeit durchsetzte. In der folgenden Kiefer-Hasel-Zeit erscheint auch die Erle vorrangig in den Bruchgegenden der Urstromtäler. Die Hasel hat sich in unserer Gegend entgegen den süddeutschen Gebieten als vorrangige Baumart nicht durchsetzten können. Das vorherrschende kontinentale Klima ließ andere Bäume wie z.B. die Eiche noch nicht zum Zuge kommen. 
In die mittlere Warmzeit fällt ein für Mitteleuropa klimatisch bedeutsames Ereignis. Der Atlantik durchbricht an der Stelle des heutigen Ärmelkanals das Festland und führt warmes Golfstromwasser in die südliche Nordsee. Außerdem wird der bisherige Süßwasser-Binnensee, der Ancylussee, anstelle der heutigen Ostsee zum Brackwassermeer, dem Litorinameer, das seine Ufer weiter nach Süden vorschiebt. Das Klima Mitteleuropas ist dadurch maritim geworden. Dies hatte bei gleich bleibender Sommerwärme zur Folge, dass die Winter weniger streng wurden. Zu dieser Zeit wandert die frostempfindlichere Rotbuche, die das kontinentale Festlandsgebiet bis heute meidet, bei uns ein und breitet sich im Tiefland verstärkt aus. Mit der Rotbuche erscheint häufig auch die Hainbuche. Selbst ohne weitere klimatische Änderungen hätte das Auftreten der schattenertragenden Rotbuche zu einem Wechsel im Waldbild führen müssen, das sich bislang nur aus lichtliebenden Holzarten zusammensetzte. Im jüngeren Teil der mittleren Wärmezeit wird das nacheiszeitliche Klimaoptimum »sommerwarm, genügend feucht und relativ wintermild« erreicht. Das änderte sich in der Bronzezeit. Die Flussauen der Schwarzen Elster werden durch die charakteristischen Eichenmischwälder geprägt, welche an die durch Erlengründe durchzogene Elbflussauen grenzten. Es war kein geschlossener Wald, der hier stand; vielmehr war er mit Sümpfen, Brüchen und anderen Feuchträumen durchwachsen. Die beiden Flüsse, Elbe und Schwarze Elster, waren damals mit einem breiten Schilfband begrenzt – es gab wenig feste Uferbereiche.

Unser damaliger Wald auf dem Gebiet der Annaburger Heide der zwischen der Elbe und der Schwarzen Elster lag, war zu einem großen Teil ein typischer Auwald. Es waren dort alle verschiedenen Arten vertreten. Welcher Aueart anfänglich überwog, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen. Später, nachdem sich die natürlichen Verhältnisse schon gewandelt hatten, überwog die äußere Hartholzaue. Die Grenzen zwischen den einzelnen Auwaldarten waren fließend.

Die in Auwäldern vorkommenden Arten vertragen alle mehr oder weniger lange Wasserüberflutungen und Bedeckungen mit Schlamm. Dieser lehmhaltige Schlamm sorgte für einen periodischen Nährstoffeintrag. Dabei wird aber die äußere Hartholzaue nicht mehr regelmäßig alle Jahre überschwemmt. Ein auffallendes Merkmal dieses Auwaldbereiches ist seine reiche Schichtung, die Fülle der Lebensformen und die große Artenzahl. Dabei entstehen Waldbilder, die einen Mitteleuropäer an die Üppigkeit tropischer Regenwälder denken lässt. Mächtige Stieleichen (Quercus robur) und Feldulmen (Ulmus carpinifolia) sind die charakteristischsten Vertreter der Baumschicht und bilden im natürlichen Wald den Grundstock der Baumartenkombination. Im Gegensatz zu den heutigen Wäldern war ein großer Anteil an Totholz vorhanden, sterbende und abgestorben Bäume.

Im Bereich der Schwarzen Elster wechselte unser Waldgebiet von der Hartholzaue in den Bereich der Weichholzaue. Hier sind die Überschwemmungen nicht mehr ganz so häufig. Das Wasser fließt langsamer, so dass sich neben Sand auch ein Teil der tonigen Beimengungen des Flusswassers, Flusstrübe genannt, absetzen kann. Dabei entstehen lehmige Böden, die man auch als Auenschlick bezeichnet. Die Bodenpflanzen können sich rasch wieder durch den aufgelagerten Boden bohren. Außerdem keimen meist viele neue Pflanzen, die das Wasser mitgetragen hat. Sie sind eine kurze Zeit ohne jede Konkurrenz anderer Arten und breiten sich dabei rasch aus. Die Böden enthalten meist erhebliche Humusmengen und sind daher im Oberboden locker. Die Baumschicht dieser Wälder setzt sich, aus Weichhölzern zusammen. Dabei herrschen Silberweide (Salix alba) und Schwarzpappel (Populus nigra) vor. Vereinzelt finden wir auch die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) und die Flatterulme (Ulmus laevis), die vorrangig im Grenzbereich zur Hartholzaue zu finden war.

Direkt an den Flüssen finden wir die Weidenaue vor. Sie bildet eine Flussufergesellschaft im engeren Sinne und wird jährlich des Öfteren überschwemmt. In dieser »halb Gebüsch – halb Wald«-Formation bricht sich die Kraft des über die Ufer tretenden Flusses. Die vom Wasser mitgeführten Bestandteile, Äste und kleine Bäume, bleiben hängen und verringern zusammen mit Sträuchern und Bäumen der Weidenaue die Fließgeschwindigkeit. Dadurch kommen Sand und Kies bereits zur Ablagerung. Auch finden wir die Silberweide (Salix alba) und die Bruchweide (Salix fragilis) am häufigsten vor. Beide ertragen ohne nennenswerte Wuchsstockungen eine wochenlange Überflutung des Bodens und vermögen Schäden rasch auszuheilen.

Die Auen waren an die fließenden Gewässer gebunden, wegen dem geringen Gefälle in unserer Gegend gab es aber auch viele Stellen mit stehenden Gewässern, Brüchen, Waldmooren und Sümpfen.

Brüche und Waldmoore kommen auf Böden vor, in denen das Grundwasser hoch ansteht, zeitweise sogar über die Bodenoberfläche tritt. Bei dem nährstoffreichem und noch schwach ziehendem Grundwasser treffen wir bei uns auf Erlenwälder. Die Erlenwälder umfassen eine vielfältige Abstufung von charakteristischen Gesellschaften. Sie reichen von den nassesten Standorten, wo in den Erlensümpfen das Wasser fast ganzjährig über der Bodenoberfläche steht, zu Erlenbrüchen und Erlenwäldern im engeren Sinne, in denen das Grundwasser kaum noch zutage tritt. In allen diesen Pflanzengesellschaften ist die Schwarzerle (Alnus glutinosa) die vorherrschende Art, da ihr auf diese nassen Standorte kaum eine andere Baumart folgt; denn stauende Nässe kann sie, soweit das Wasser ein Minimum ihrer Nährstoffansprüche zu bieten vermag, sehr gut ertragen. Ihr feines verzweigtes Wurzelnetz dringt in den luftarmen Boden ein, und kräftige Senkwurzeln verankern den Baum auch im nassen und weichen Untergrund. Eine große Bedeutung kam diesen großflächigen Erlenwäldern als Wasserspeicher zu. Sie nahmen im Frühjahr das Wasser auf, wenn die Flüsse angeschwollen waren, und gaben es im Laufe des Sommers langsam ab, wenn der Wasserspiegel zu sinken beginnt, so dass sich die Flußspiegelschwankungen damals verringerten.

Die Erlensümpfe sind die nasseste Ausbildung der Erlenwälder. In ihnen steht das Wasser dauernd über der Bodenoberfläche und lässt nur einige kleine Erhebungen, besonders in Trockenjahren, frei. Weitere Keimungsmöglichkeiten bestehen an alten Erlenstubben oder auf vermoderten alten Erlenstämmen, von denen aus Senkwurzeln in den Boden getrieben werden. Die Schwarzerlen können dann nach dem völligen Vermodern der Stubben wie auf Stelzwurzeln im Wasser stehen. In der Krautschicht dieser Wälder finden sich vor allem Arten, die noch heute in offenen Randgewässern der Seen zu finden sind, wie Sumpfwasserfeder (Hottonia palustris), Gemeiner Froschbiß ( Hydrochark morsusranae) und Sumpfschlangenwurz (Calla palustris). 

Auch der als Erlensumpf bezeichnete Wald, der Großseggen-Erlensumpf war im Gebiet der Annaburger Heide zu finden. In ihm stand das Wasser ebenfalls die meiste Zeit des Jahres über der Bodenoberfläche, sank aber im Sommer und Frühherbst einige Monate ab, so dass die Keimungsbedingungen günstiger waren. Die Baumschicht war ebenfalls von der Schwarzerle völlig beherrscht. Unter ihr vermag sich eine lockere Strauchschicht auszubreiten, in der sich neben zufälligen Einwanderern häufig die Grauweide (Savix cinerea), der Faulbaum (Rhamnus frangula), die Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum) und als krautige Liane der Gemeine Hopfen (Humulus lupulus) einfinden. In der Bodenflora dominieren, wie der Name bereits andeutet, verschiedene große Seggenarten. Die häufigsten sind die Sumpfsegge (Carex acutiformis), Ufersegge (Carex riparia) und Blasensegge (Carex vesicaria), die Steife Segge (Carex elata) und die Langährige Segge (Carex elongata). Der Wald blieb frischgrün bis in den Herbst hinein.

Die relativ trockensten Erlenbrüche sind die eigentlichen Erlenwälder. In ihnen tritt das Grundwasser selbst im Winterhalbjahr kaum über die Bodenoberfläche. Diese nicht mehr allzu extremen Standorte sind dann das ökologische Übergangsfeld in feuchte Erlen-Eschenwälder oder bei Einsetzen stärkerer Oberbodenversauerung über tiefer liegendem Grundwasser auch zu Birken oder Kiefernwäldern. 

So vielfältig sah damals der die Schwarze Elster umgebende natürliche Wald aus.

⇒weiter

Bernd Hopke

Ortschronist

Quellen:
Richard B.Hilf, Der Wald in Geschichte und Gegenwart
Der Wald, Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin 1972