Ein Fluss entsteht


Am Ende der Elster-Kaltzeit im Vorland der Eisrandlagen des Niederen Fläming und des Lausitzer Grenzwalls bildete sich (warthe-stadial) das Lausitzer Urstromtal heraus. In diesem Teilabschnitt des Breslau-Bremer Urstromtals (auch als Breslau-Magdeburger Urstromtal in der Fachliteratur genannt) sammelten sich die Schmelzwässer des zerfallenden Inlandeises und wurden in Richtung WNW abgeführt. Diese sich ausbildende Niederung wird viele Jahrtausende später den mittleren und unteren Flusslauf der Schwarzen Elster aufnehmen, denn entstanden ist unsere Schwarze Elster erst nach der Weichsel-Kaltzeit der letzten Eiszeit. Das Inlandeis der Weichsel-Kaltzeit (ca. 70.000 bis 10.000 v.u.Z.) kam ca. 40 km nördlich von Jessen (Brandenburger Stadium, z. T. auch wenige Kilometer weiter südlich, am Fläming-Nordrand), sowie im nördlichen Bereich des Lausitzer Grenzwalls zum Stehen.

Wenn unser Elstertal in der Weichsel-Kaltzeit keine durch Gletscherwirkung direkt verursachten Spuren aufweist, so ist doch ihr Einfluss auf die heutigen Oberflächenformen wesentlich gewesen. Im Randbereich dieser Inlandeisgletscher waren bei Jahres-durchschnittstemperaturen von unter 0°C (heute ca. 8,5°C bei Doberlug-Kirchhain), das heutige Gebiet der Schwarzen Elster im wesentlichen waldfreien und ständigen Bodenfrost (Dauerfrostboden) ausgesetzt. Unter diesen Bedingungen konnten Wind, Wasser und Frost ungehindert auf die Oberfläche einwirken.
Die Entwässerung des Gletschervorlandes während dieser Kaltzeit erfolgte über den Lausitzer Strom wie ihn die Geologen nennen, eines Geflechts von Fließgewässern („braided river„), dem alle niederschlesischen und ostsächsischen Flüsse einschließlich der Elbe tributär waren (WOLF & ALEXOWSKY 1994, S. 102). Er nutzte das ehemalige Lausitzer Urstromtal. Im Gewässernetz zwischen Elbe und Schwarzer Elster, im Raum zwischen Torgau – Herzberg – Annaburg und Jessen finden wir die Relikte des damaligen weichsel-kaltzeitlichen „braided river“- Entwässerungsmusters noch verewigt.

BrainRiver – Bereich Annaburger Heide

Der Dauerfrostboden verhinderte die Versickerung der Niederschläge und Schmelzwässer und führte damit zu einer verstärkten Abtragung oberflächlicher Sedimente, einer flächenhaft oberirdischen Abspülung. Im Gefolge dieser Jahrtausende währenden Abtragungsprozesse vollzog sich die Verebnung der Oberflächenform.
Erst nachdem die Kraft des Lausitzer Stromes gebrochen war, bildet sich die Schwarze Elster und ihre Nebenflüsse heraus. Der Umschwung von der Eiszeit (Würm-Kaltzeit) zur heutigen Warmzeit wird von den Wissenschaftlern als eine abrupte Klimaveränderung gesehen, obwohl er sich im Laufe mehrerer tausend Jahre (vor 15.000 bis vor 7.000 Jahren v.u.Z.) vollzog. Offiziell wird der Wechsel zwischen der Kalt- und der Warmzeit vor 11.000 Jahren datiert. In dieser Zeitspanne löste sich auch der Dauerfrostboden, der sich im Vorfeld des Inlandeises im jetzigen Gebiet des Einzugsbereiches des Unter- und Mittellaufes der Schwarzen Elster befand, auf. Er wandelte sich in Seen, später im Holozän in Moor- und Sumpfland um. Mit zunehmender Erwärmung verringerten sich die Mengen an anfallendem Schmelzwasser, sodass sich großflächig mäandrierende Flussläufe wie die Schwarze Elster und ihre Nebenflüsse sich aus dem Lausitzer Strom herauszubilden begannen und ihr Flussbett in die Niederterrassen einsenkten. So hat sich die Schwarze Elster aus den Resten dieses Stromes herausgebildet.
Wegen der spärlichen Pflanzendecke trug die Winderosion in dieser Zeit wesentlich zur Veränderung der Landschaft bei. Um die noch wenig bewaldeten Flächen rings um die entstehende Schwarze Elster entstanden Dünen durch konzentrierte Ansammlung von Flugsand, die sich als Erhebungen deutlich von ihrer Umgebung abgrenzen und relative Höhen von mindestens 1,5 m aufweisen. Die Dünenformen sind recht vielfältig. West-Ost orientierte Strichdünen kommen heute in typischer Form in der Purziener Heide sowie in den Kremitzer Bergen, beiderseits der Bahnlinie, vor. Sie erreichen nur selten Höhen von mehr als 2 m. Aber auch im Tiergarten in Annaburg und in der umliegenden Annaburger Heide haben sie die heute anzutreffenden Höhen geschaffen. In der nordöstlichen Annaburger Heide wurden die charakteristischen Dünenformen durch nachfolgende Erosionen zwar zerstört, aber am Schinderweg (86,2 m NN) sowie an der „Schönen Aussicht“ (85,4 m NN) sind noch unschwer die Scheitel zerrissener Parabeldünen zu erkennen. Südöstlich von Arnsnesta wird die Grenze zur Aue der Schwarzen Elster durch einen deutlichen knapp 2 km langen Dünenzug markiert. Für seine Entstehung spielte die an der Geländestufe von Flussaue zu Flussbett abrupt nachlassende Transportkraft des Windes eine entscheidende Rolle.

Kleine Parabeldünen finden sich auch nördlich der Schwarzen Elster bei Kremitz und im Gebiet der Mönchenhöfener Fichten. Aber auch die Flugsandflächen bei Düßnitz und Klöden mit ihren zahlreichen, bis 15 m hohen Dünen sind so entstanden.
Mit der Dünenbildung eng verknüpft sind so genannte Deflationswannen (Senken). Diese lang gestreckten bis ovalen, meist sehr flachen Geländesenken kamen durch Ausblasung von Feinmaterial zu Stande. 
Diese Flugsandwanderungen und Dünenbildungen fanden mit der sich ausbreitenden Vegetation in den nachfolgend wärmeren Zeiten ihr Ende.
Auch vollzog sich im Halozän (ab 11.500 v.u.Z.) die endgültige Einsenkung des Bettes der Schwarzen Elster, aber auch der stellenweise, großflächigen Vermoorung der Niederung. Zahlreiche Flusslaufveränderungen ließen viele Fluss- und Schwemmsandinseln in der Niederung zurück, die als Horste bezeichnet werden und ebenso wie die Talsandterrassenränder Ausgangspunkte für die spätere menschliche Besiedelung wurden.
Damit hat sich auch das Oberflächengelände so herausgebildet wie wir es heute im Wesentlichen kennen. 

Mit dem weiteren Ausbreiten der Flora entstanden im Mittel- und Unterlauf der Schwarzen Elster die für Flusssysteme typischen wassernahen Flussauelandschaften in ihrer natürlichsten Ausprägung. Die Ausbreitung der Pflanzenwelt erfolgte nicht etwa gleichzeitig, sondern erst mussten sich notwendige Bedingungen einstellen, wie z.B. die Humusbildung. Auch änderten sich die klimatischen Gegebenheiten, auf die die Pflanzenwelt entsprechend reagierte. Beherrschende Arten wie Birke und Kiefer wurden durch andere nach Änderung der äußeren Einflüsse wieder verdrängt; erst durch die Hasel, anschließend durch die Eiche.

Beispielgebend für die anderen angrenzenden Waldflächen möchte ich hier kurz auf die Annaburger Heide eingehen. Die Annaburger Heide ist ein großes zusammenhängendes Waldgebiet und liegt zwischen der Elbe und der Schwarzen Elster in der Elbe-Elster-Niederung. Sie grenzt im Süden und südwestlicher Richtung direkt an die Elb-Aue-Gebiete und wird nördlich durch die Elster (auch ehemaliges Fluss-Aue-Gebiete) begrenzt. Auch wenn heute beide Flüsse eingedeicht sind – der Grundwasserspiegel liegt noch heute zwischen 1 und 500 cm unter Geländeoberkante (Durchschnittswert liegt bei 150-200 cm). Dieser Grundwasserstand ist für die Vegetation, dem Baumbestand der Annaburger Heide, einer der entscheidenden Standortfaktoren. Zur damaligen Zeit lag er in vielen Gebieten wesentlich höher. Damals bildete die Annaburger Heide zu großen Teilen die Flussaue der Elbe wie der Schwarzen Elster. (Quelle Ergebnisse der Standorterkundung im staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Jessen 1956)

Die beiden bestimmenden Flüsse, die Elbe als auch die Schwarze Elster flossen vor den flussregulierenden Maßnahmen durch den Menschen, verzweigt, breit und meist träge (mit niedriger Fließgeschwindigkeit) durch unser Gebiet. Beide Flüsse wurden durch ausgedehnte Feucht- und Sumpfgebiete flankiert. 

 

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Bernd Hopke

Ortschronist

Quellen:

Erläuterungen GKV 25: 4243Jessen(Elster)
Dietrich Hanspach: „Der Schraden“;Böhlau Verlag 2005
Ergebnisse der Standorterkundung im staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Jessen 1956
(„Vor unserem Tag“ Beiträge zur Geschichte des Kreises Wittenberg; Heimatbuchreihe Teil III, S.447 ff; 1959