„Wiedergeburt“

Die Renaissance unseres Flusses

Renaissance und Reformation 16. Jh (Fortschritt bedeutet nicht nur Segen)


Renaissance ist ein entlehntes Wort aus dem Französischen und bedeutet dort die „Wiedergeburt“. Unser Fluss wurde natürlich nicht wiedergeboren. Die Natur kehrte nicht zurück. Aber man versuchte zumindest eine gewisse Ordnung in die menschlichen Eingriffe zu bekommen. Durch „Ordnungen“ sollte ein gewisses Gleichgewicht hergestellt und gehalten werden.

Die neuen Landesherren, die Kurfürsten von Sachsen, die sich zu dieser Zeit recht häufig hier aufhielten, prägten entscheidend den Charakter dieses Landstrichs als Kulturlandschaft.
Der damalige politische, geistige und kulturelle Mittelpunkt in Sachsen lag im Mündungsgebiet der Schwarzen Elster. Es ist die Zeit, in der die Kurfürsten ihre Macht gegenüber dem deutschen Kaisertum ausbauen konnten. Sie ist außerdem durch das Fallen des kirchlichen Bildungsmonopols und der Entfaltung der Städte geprägt, die mit Gewerbe und Handel wesentlich zur wirtschaftlichen Stärkung der sie umgebenden Fürstentümer beitragen.

Die Reformation, die ihren Ausgangspunkt im Thesenanschlag Luthers in Wittenberg hatte, breitete sich rasch in Deutschland aus. Sie stärkte die Eigenständigkeit der Landesherren und der niederen Stände und ermöglichte Säkularisation (Enteignung des Kirchenbesitzes zugunsten der Territorialherrscher), weshalb sie von vielen Landesherren unterstützt wurde. Da Kaiser KARL V. aufgrund von Kriegen gegen Frankreich (1521-44) und durch die »Türkengefahr« gebunden war, stellte der Speyerer Reichstag 1526 den Landesherren ihr konfessionelles Verhalten frei. Im Kurfürstentum Sachsen, zu dessen Gebiet das Einzugsgebiet der Schwarzen Elster zählte, wird die lutherische Landeskirche eingerichtet.

In dieser Zeit fällt der Ausbau des Jagdschlosses Annaburg zum Lieblingsschloss von Friedrich dem Weisen. Neben dem Neubau des Schlosses ist die Gestaltung der näheren Umgebung von Annaburg für uns von großem Interesse.

In Ergänzung des Lochauer Jagdschlosses entstanden unter Friedrich dem Weisen neben dem Schlossgarten, ein Weingarten, ein Würzgarten und ein Wolfsgarten. Schon im Jahre 1498 begannen die Arbeiten zur Anlegung des „Tiergartens". Hier wurden Hirsche und Rehe gehalten. 
(Jagdschloss Annaburg)
Auch ein spezielles Bootshaus für die Kähne, die zum Befahren der Kanäle und Teiche gedacht waren, hat bestanden.
Zu den Außenanlagen des Lochauer Schlosses gehörte weiterhin ein ganzes System künstlich angelegter Teiche und Kanäle. Die Schlossgräben hatten außer einer architektonischen Funktion auch die Aufgabe, die Teiche, in denen man intensiv Fischzucht betrieb, mit Wasser zu versorgen. Die Grundgestaltung der Anlagen, die auch durch August I. und Mutter Anna beibehalten wurde, lässt vermuten, dass bereits zu dieser Zeit der große Schlossteich unmittelbar südwestlich des Schlosses angelegt wurde. Man benutzte diesen Teich beim Aufenthalt des Kurfürsten auch zu Gondelfahrten. Darüber hinaus waren hier Schwäne, Gänse und Enten zu Hause.
(Jagdschloss Annaburg)

Damit genug Wasser im künstlich angelegten Teich- und Kanalsystem rund um das Jagdschloss Lochau war, wurde ein Projekt realisiert, um das nötige Nass aus der Schwarzen Elster herzuleiten. Bei diesem Projekt ging es also nicht um die Urbarmachung versumpfter Gebiete, oder sonstiger wirtschaftlicher Prämissen. Die Elster wird zur Ader gelassen.
Damit sein Lustschloss mit frischem Wasser versorgt werden kann, wird bereits 1523 ein Graben von Uebigau nach Lochau (Annaburg) angelegt. Damit wird schon sehr umfangreich in die bestehenden Wasserverhältnisse eingegriffen. Schon rund 75 Jahre später waren die künstlich angelegten Teiche und Gräben rund um Annaburg bei weiten nicht mehr so wasserführend. Der relativ kleine Neugraben reichte nicht mehr aus. Sie drohten bereits zu verlanden.

Aber erstmal zurück zu unserem Sachsen. Von den Unruhen der Bauernkriege bleibt es verschont. Jedoch spielt sich der Schmalkaldischen Krieg 1546/47 auch im Gebiet der Schwarzen Elster ab. Mit der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 ging das Kurfürstentum Sachsen an die albertinische Linie über. Moritz von Sachsen wurde am 24. Februar 1548 zum Kurfürsten erhoben. Seit dieser Zeit, bis 1815, wurden die Geschicke im Gebiet der Schwarzen Elster durch das albertinische Sachsen bestimmt.

Kurfürst August

Unter Kurfürst August von Sachsen (1526/53-1586) erfolgte in Sachsen ein erheblicher wirtschaftlicher Aufschwung. August galt als Muster eines patriarchalischen Landesvaters, der sich mit Eifer und Umsicht dem inneren Aufbau seines Staatswesens widmete. Dabei zog er ganz bewusst auch Kräfte aus dem noch jungen Bürgertum in diesen Prozess ein, auch hierin kommt sein realistischer, auf den wirtschaftlichen und politischen Machtausbau bedachte umsichtige Politik zum Ausdruck. Hervorzuheben sind seine erfolgreichen Bemühungen zur Verbesserung der Landwirtschaft, der Gewerbetätigkeit, des Finanz- und Schulwesens, der Behörden- und Kirchenorganisation, der Justizverfassung und nicht zuletzt seine für einen Renaissancefürsten sicher nicht ungewöhnlichen Bemühungen um den kulturellen Fortschritt in seinem Lande.

Dieser Aufschwung hatte auch Folgen für das Flusssystem der Schwarzen Elster.
Aufschwung zur damaligen Zeit bedeutete immer eine noch intensivere Landnutzung. Die bäuerliche Tätigkeit war der wichtigste Wirtschaftsfaktor und bildete die Voraussetzung und die Basis für die Entwicklung des Handwerkes und Gewerbe. Intensivere Landnutzung ging immer einher mit dem Rückgang der „Natur“ – der natürlichen Landschaft. Mit der steigenden Wirtschaftskraft war der Mensch aber auch in der Lage, erheblicher und nachhaltiger in die Natur, in das natürliche Gleichgewicht einzugreifen. Nur reichte das Wissen zur damaligen Zeit noch nicht aus, um das Ausmaß seines Wirkens auf die Natur, hier die Wälder und Flüsse zu erkennen.

Auch die damalige Wirtschaft hatte Energieprobleme. Holz war Energieträger Nummer 1, dann kam neben Wind noch die Wasserkraft. Damit gehen in dieser Zeit auch die Waldmassen in Sachsen erheblich zurück, für Salinen, Silber-, Glas- und Eisenhütten werden Brennstoffe benötigt. Als Transportsystem für Holz sowie für sonstige Massengüter stehen vordergründig die Flüsse zur Verfügung.

Die Eingriffe in die Schwarze Elster in der Zeit von der Ostbesiedelung bis zu diesem Zeitpunkt ließen nicht lange auf sich warten. Die Differenzen in der Wasserführung der Schwarzen Elster, das Missverhältnis von Niedrigwasser zu Hochwasser wurde extremer, vor allem die Hochwassergefahr nah erheblich zu.

„Unsere Elster hat böse Zeiten verursacht und hatte in ihren Niederungen, im Gegensatz zu heute, arme, schwer mit dem Leben ringende Bewohner, gegenüber denen z.B. der heutige Spreewälder trotz seiner unsicheren Ernten sorglos lebt. Die miserablen Wasserverhältnisse im früheren Tal der Elster beschäftigen nach alten Urkunden schon vor rund 400 Jahren die damalige kursächsische Regierung, wovon insbesondere eine vom 11.9.1561 datierte Mühlen-Ordnung Zeugnis ablegt. Der große Schradenwald, wie man damals die meilenweite Sumpffläche zwischen Elster und Pulsnitz nannte, bestand wegen des mangelnden Abflusses des aus der Schwarzen Elster und aus ihren seinerzeit zahlreichen Nebenarmen austretenden Wassers fast nur aus Brüchen, die mit der Zeit immer mehr versumpften. Ebenso beschaffen waren auch, die oberhalb des Schradenwaldes bis Hoyerswerda und die unterhalb an die Elbe grenzenden Grundstücke."

Man erkannte die wahren Ursachen nicht und glaubte, dass durch die Mühlenstaue die großen Sumpfflächen verursacht wurden. Man war nicht in der Lage zu erkennen, dass die Eingriffe in das Einzugsgebiet der Schwarzen Elster, mit den Gräben zur Feldentwässerung, der Anlage von Fischteichen, neben den Verlust der ausgedehnten Waldmassen, die eigentlichen Ursachen waren. Das Wasserrückhaltevermögen im Wassereinzugsgebiet war schon empfindlich gestört worden.

Hinzu kamen die klimatischen Gegebenheiten (Klimakatastrophe würden wir heute dazu sagen), 1500 – 1800 u. Z. sprechen wir von der kleinen Eiszeit. In der kleinen Eiszeit war es im Mittel ca. 1- 3° C kälter als heute. Das bedeutete viel Schnee im Winter. Der Niederschlag im Winter verbleibt als Schnee gespeichert im Wassereinzuggebiet der Schwarzen Elster und fällt so im Frühling mit der Schneeschmelze als enorme Wassermenge an. Aber auch die Flüsse an sich froren zu; der Eisgang war ein großes Problem beim Unterhalt der vielen Holzbrücken, aber auch immer dann gefährlich, wenn die Schneeschmelze schneller erfolgte als die Flüsse auftauen konnten. Die Eisschollen türmten sich dann an Engpässen auf und bildeten zusätzliche Flussstaue.

Aus der Hochwasserchronik der Elbe (Elbniederung zwischen Elbe und Schwarze Elster) können wir für die Zeiträume 1100 – 1700 Jahrhundert folgendes entnehmen:

„Seit dem 11. Jahrhundert wird uns in Chroniken von großen Wasserfluten berichtet. Im 11. Jahrhundert haben 12 Hochfluten, im 12. Jahrh. 9, im 13. Jahrh. 8, im 14. Jahrh. 15, in vier Jahrhunderten also 44 Fluten stattgefunden. Unter den 31 Fluten des 15. Jahrhunderts muß die Sommerflut des Jahres 1432 besonders furchtbar gewesen sein; ihre Höhe wurde am Elbtore zu Wittenberg durch eine eingemauerte eiserne Kugel markiert. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden 65 Fluten beobachtet. Aus dem 17. Jahrhundert werden uns 27 Hochfluten berichtet, wovon die Winterflut 1655 besonders erwähnt werden muß. 24 Fluten fanden im 18. Jahrhundert bis 1783 statt. Die Jahre 1771 und 1772 brachten infolge Überschwemmung und häufigen Regens einen argen Mißwuchs. Auch die Jahre 1788 und 1799 brachten äußerst verderbliche Fluten, welche die damals unzulänglichen Elbdeiche vielerorts durchbrachen und unermeßlichen Schaden anrichteten.“
Aus dem Heimatkalender von 1955

Aber auch die Grundwasserneubildung erfolgt bekanntlich in den Wintermonaten. Die Folge war dann eine entsprechende Ertüchtigung seiner Felderentwässerung, weitere Begradigungen; neue Gräben entstanden durch die betroffenen Bauern.

Am extremsten wirkten sich dieser Witterungsverhältnisse im Frühjahr zur Schneeschmelze aus. Die Wassermassen, die dann zur Schwarzen Elster strebten, konnten mit oder ohne Mühlenstaue, nicht schnell genug abfließen. Ohne Frage haben auch die Mühlenstaue ihren Anteil daran. Sie bildeten auch ohne Hochwasser einen ständigen Streitapfel. Der Müller braucht das Wasser als Antriebskraft und möchte so hoch wie möglich anstauen. Das hatte oftmals zur Folge, dass das Wasser über die Ufer trat und den Bürgern und der Landwirtschaft großen Schaden zufügte.

Die Ordnung im Flussbereich sollte durch eine „Mühlenordnung“ wiederhergestellt werden.

Und für das eigene Wohlbefinden des Kurfürstenpaares wurde für ihr Lieblings(Jagd)schloss in Annaburg der Neugraben wieder erneuert. Diesmal noch größer, vor allem Breiter. Im Barock konnten daher noch weitere Wassermühlen mit ihm betrieben werden.

Bernd Hopke

Quellen
• Richard Pfitzner, Geschichte der Elbdämme, Heimatkalender 1955 
• Verein f. Heimatgeschichte u. Denkmalpflege Annaburg (Hrsg.) Jagdschloss Annaburg-eine geschichtliche Wanderung, Horb/Neckar 1994;
• Hans-Peter Zeilinger: „klimatischen Verhältnissen“, Heimatkalender 1957, Hrsg. Kulturbund, Kreisleitung Jessen
• Dietrich Hanspach: „Der Schraden“;Böhlau Verlag 2005
• E. Förster, Mühlen zwischen Elbe und Schwarzer Elster, Bücherkammer 2006