Neuer Neugraben

Der Neugraben (1576 – 1577)


Als sichtbarster Eingriff in das Flusssystem der Schwarzen Elster und auch eine ingenieurtechnische Meisterleistung seiner Zeit ist der weitere Ausbau des Neugrabens.
Die Notwendigkeit ergab sich wohl daraus, dass der bestehende Graben, der unter Friedrich dem Weisen angelegt wurde, verwildert war und somit seine Aufgabe nicht mehr erfüllen konnte. Bei Gründler war zu lesen, dass dieser alte Graben an den Eichen in der Heide und an den Wiesen durch die Vernachlässigung bei der Unterhaltung großen Schaden anrichtete.
Es bestand mit dem Bau des Jagdschlosses in Annaburg wieder die Aufgabe, die Elster „zur Lochau in (die) Schlossgräben und Teiche beim Schlosse (zu) bringen“. Also sollten die Schlossgewässer nicht als Stillgewässer sondern als Fließgewässer hergerichtet werden; außerdem in den Teichen und Gräben eine „herrliche Fischerei“ und auch auf letzteren die Schifffahrt zu ermöglichen. Schließlich hatte er die an ihm erbauten Mahl- und Schneidmühlen sowie die „Wasserkunst“, die zu heben des herangeleiteten Trinkwassers in die oberen Stockwerke des Schlosses erbaut wurde, zu betreiben.
Schon im Mai 1573 sollte mit dem Bau des Grabens begonnen werden, aber erst am 26. Juni 1576 wurde unweit des Dorfes Grabo (unterhalb Jessen) der erste Spatenstich gemacht.
Damit er alle seine Aufgaben erfüllen kann, muss der bestehende Graben ausgebaut – vorallem breiter und tiefer ausgeführt werden.

„Dem ,Gedinge' (Vertrage) zufolge, welches Planner im Auftrage des Kurfürsten mit Bastian Kneufel geschlossen, musste der Graben oben 14, unten 6 Ellen weit sein und auf jeder Seite eine Bank (Erhöhung) eine Elle breit haben."

Am Bau des „Neugrabens“ waren unter Leitung des Oberbergwerksverwalters Merten Planner aus Freiberg und der Stichmeister Bastian Kneufel und Hans Hunich zeitweilig bis 2.300 Tagelöhner beteiligt. Es kostete Planner unsägliche Mühen, das Werk voranzutreiben.
Welch ungeheure Strapazen für die beteiligten Fronarbeiter mit der Ausgrabung des Lehmes, vor allem des Raseneisensteines und des Torfes verbunden waren, lassen sich heute nur noch erahnen. Schubkarren gab es zu dieser Zeit des Bauens noch nicht. Der gesamte Bodenaushub musste in Körben „getragen“ werden.
Am 17. August 1577 war man mit 600 Fronarbeitern am „Zschernicker Teiche“ beschäftigt. (Arbeitsleistung pro Tag ca. 350 m). Bis zum Hause des Aufsehers bei Uebigau waren noch 4332 Ruten (ca 18,6 km) zu bewältigen, außerdem stand der Winter vor der Tür. Aus den Ämtern werden weitere Kräfte verpflichtet, und der kurfürstliche Stallmeister Worm (Bauleiter) treibt sie zur äußersten Eile an. Am 19. September meldet er:

Ist ein stattlicher Graben, dass Ew. Ch. Gn. mit den Schiffen von Annaburg bis zum Uebigau gar wohl fahren können.

Trotzdem war der über 30 km lange Kanal noch nicht vollendet. Am 13. Oktober 1577 berichtet Planner seinem Kurfürsten, dass der Graben bei Uebigau in die „Elster“ gestoßen sei.

Der Bau des Neugrabens brachte dem Falkenberge Grundherren Nachteile. Der Graben durchschnitt sein Jagd- und Waldrevier. Viel gutes Holz wurde bei den Arbeiten zur Anlage des Grabens auf seinem Gebiet abgehauen, zum Teil verbrannt, zum Teil zu Hütten für die Arbeiter benutzt. Deswegen forderte Georg von Hohndorf, der damalige Besitzer Falkenbergs, dafür Schadenersatz. Der Kurfürst bewilligte 142 Gulden.

Am Eintritt des Grabens in die Elster bei Uebigau wurde ein Häuschen erbaut, worin ein zur Aufsicht über den Graben bestellter Knecht, Christoph Weidner, seine „Betriebswohnung“ erhielt. In der Nacht vom 3. zum 4 Februar 1578 geriet das Haus durch Hochwasser der Elster ins Wanken. Weidner rettete seine Kinder durchs Fenster, und seine ganze Habe führten die reißenden Fluten von dannen.

Interessant am Bauwerk ist u.a. die Dükerung am Röderlandgraben - sprich Unterführung – die unter dem Neugraben durchgeleitet wurde. In Höhe Neumühl zweigt der Neugraben von der Schwarzen Elster ab.

Für Uebigau war die Schaffung des Neugrabens ein unermesslicher Fortschritt; es veränderte sich dadurch die verkehrstechnische Anbindung und strategische Lage der Stadt. Schiffahrt und Flößerei, über die Schwarze Elster bis hin zur Elbe, war nun für diese Stadt möglich. Neben dem neu erworbenen Vorteil eines Verkehrsweges diente der Graben dem historischen Uebigau ebenso zum Schutz, zum Betrieb der ehemaligen Stadtmühle sowie zur Fischerei.
Er sorgte damit für Wohlstand, aber er entzog andererseits der Elster Wasser. Für die Müller am Elsterfluss unterhalb Wahrenbrück bis Jessen-Mühlberg bedeutete es ein Energieverlust. Das bedeutete, dass die Perioden mit Niedrigwasser auch auf Grund der Wasserableitung länger wurden. Aber diese Zusammenhänge konnten damals nicht erkannt werden.

Der Bau des Kanals fand in einer Zeit statt, in der Sachsen zum bedeutendsten Territorialstaat in Deutschland avancierte.
Mit dieser Anlage kommt ohne Frage die gestiegene Leistungskraft, welche die menschliche Gemeinschaft zu dieser Zeit erreicht hat, voll zum Ausdruck. Er bildet gewissermaßen den Auftakt zu den wasserbaulichen Änderungen am Flusssystem der Schwarzen Elster, die in der Folgezeit bis zu den großen Elsterregulierungen im 18. Jh. immer eng mit der Holznutzung als Bau- und Energieressource verbunden waren.

Bernd Hopke

Quellen:

• Heintze, Die Schwarze Elster
• Stoy, Die Schwarze Elster 7/1940
• Verein f. Heimatgeschichte u. Denkmalpflege Annaburg (Hrsg.) Jagdschloss Annaburg-eine geschichtliche Wanderung, Horb/Neckar 1994;
• Otto Heintze „Geschichtlicher Rückblick „von 1938, privatbesitz
• Gründler, E.: „Schloß Annaburg" Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888