Die Annaburg

Das Jagdschloss „Annaburg“

– ein neuer, glänzender Sitz fürstlichen Lebens, ein nicht unbedeutendes Zentrum wirtschaftlicher und geistiger Kultur des 16. Jahrhunderts

zeilevorschloss2Im Sommer 1571 fassten das schaffensfreudige und baulustige Fürstenpaar August und Anna den Plan, das verfallene Schloss zu Lochau durch einen zeitgemäßen Neubau zu ersetzen. Die Annaburg erhob sich fast genau auf dem Grundriss der Lochau. Schon diese hatte, wie wir aus dem Inventar von 1549 wissen, ein Vorderschloss und ein Innenschloss aus dem ein getäfelter Saal mit 16 Hirschgeweihen und sechs Tischen besonders hervorgehoben wird. Der Neubau wurde innerhalb von 2 Jahren vollendet, obwohl die im Wasser „wandelbar“ gewordenen Grundmauern des alten Baus an vielen Stellen „wieder gefasst“, ja sogar auf ein Pfahlrost gestellt werden mussten. Während der nächsten Jahre wurde das Schloss im Inneren ausgeschmückt. Das Altarbild für die Kirche besorgte Lucas Cranach der Jüngere. Schon 1575 war das Ganze so wohnlich, dass die Kurfürstin ihr Wochenbett- das fünfzehnte und letzte- in Annaburg abhielt. Der neue Name des Schlosses wird zuerst in einem Schreiben Kanitzens 1573 erwähnt, er blieb aber nicht auf das Schloss beschränkt, sondern ging allmählich auch auf das Städtchen über. Uns interessieren natürlich besonders die im dritten Stockwerke liegenden Zimmer der Schlossherrschaft. Da ist zunächst „des Kurfürsten Schreibstüblein“. Das alte Inventar berichtet, dass an den Wänden figürliche Darstellungen der zwölf Monde gemalt waren. Von der Decke hing eine große zinnerne Laterne mit zwei Leuchten herab. Prächtiger war das „Gemach des Kurfürsten“ ausgestattet mit dem großen messingenen zwölfarmigen Kronleuchter, auf dem ein Adler thronte, und den Geweihen, der von ihm selbst auf dem Pirschgange erlegten Hirsche. Über der Holztäfelung waren Jagdstücke und Landschaften in Wasserfarben, darunter „dreißig angehängte Tafeln von den Kriegen und Schlachten, so in Frankreich geschehen“ und „fünfzehn angenagelte gemalte Tafeln von der Passion.“ Die meiste Zeit verbrachte der Kurfürst in seinem „Schrankzimmer“, der eigentlichen Arbeitsstube. In den Schränken, die hier die Wandverkleidung bildeten, wurde sein kostbares Handwerks- und Gärtnergerät, seine Reißzeuge, vor allem aber die über 2000 Bände zählende Bibliothek aufbewahrt, für die der Hofbuchbinder Jakob Krause künstlerisch wertvolle Einbände hergestellt hatte. Sie ist größtenteils noch in der königlichen Bibliothek zu Dresden erhalten. In einem Nebensaale stand die Drehbank, an der sich der Kurfürst durch Drechseln von geistiger Arbeit erholte, und ein großer viereckiger und mit weißem Leder überzogener Reißtisch mit der „Proba einer Kompassörtung“.

ps_20160321221632An diesem Tische hat August seine mathematischen und geographischen Studien betrieben, über deren hohe Bedeutung erst die Forschungen der letzten Jahrzehnte Aufklärung gebracht haben. Er ist wohl der erste deutsche Fürst gewesen, der das wissenschaftliche Bedürfnis empfand, eine genaue Vermessung seiner Länder mit Kompass und Messkette vornehmen zu lassen, und der zugleich mathematisch und mechanisch gebildet genug war, dabei selbst werktätig Hand anzulegen. Bei seinen Vermessungen bediente sich August eines Kompasses und Wegmessers, der an einem Wagen befestigt oder auch beim Reiten und Gehen gebraucht werden konnte. Seitdem benutzte August jede Reise, ja fast jeden von Annaburg aus unternommenen Pirschgang, um seine geographischen und topographischen Kenntnisse zu erweitern. Die regen wissenschaftlichen Interessen Augusts und die zahlreichen Gesetze und Erlasse, die von ihm ausgingen, brachten es mit sich, dass im vierten Stock des Annaburger Schlosses sogar eine Buchdruckerei untergebracht war. So sind aus Annaburg nicht nur verschiedene Predigtsammlungen und das kurfürstliche Jagdbuch von 1577, sondern auch die berühmte Schulordnung von 1580 hervorgegangen, die Grundlage der Neugestaltung des höheren Unterrichts für lange Zeit.ps_20151113230759

Doch wir wollen auch einen Blick in die Gemächer der anmutigen Hausfrau Augusts, der blonden und blauäugigen Kurfürstin Anna werfen. Das „Gemach der Kurfürstin“ war besonders traulich eingerichtet. Es hatte einen durch eine hölzerne Balustrade abgetrennten Erker mit einem „Hängetischlein“, an dem die hohe Frau ihre kunstvollen Handarbeiten fertigte. Auch ein Alabastertisch und vier Fliegenwedel von weißen Pfauenfedern werden erwähnt. Auf dem Bücherbrett stand die Hausbibliothek der Kurfürstin in kunstvollen Einbänden. In der benachbarten kurfürstlichen Schlafstube standen außer den Betten der Eltern auch die der kleinen Kinder; über dem Holzgetäfel war „rings oben um die Mauer grünes Laubwerk, kleine Kinderlein und Saitenspiel mit Wasserfarben gemalet“. Der besondere Stolz einer solchen Hausfrau war natürlich die von blankem Kupfer- und Zinngeschirr blitzende Küche mit dem „Pastetenofen“. Auch die „Einmachestube“ und das „Zinngewölbe“ gehörten zu ihrem besonderen Reiche. Wunderbare Geheimnisse bargen das „Destillierhaus“ und das noch feiner ausgestattete „Probierhaus“, das schon von weitem an den hochragenden Schornsteinen kenntlich war. Man gelangte dorthin durch einen Kräutergarten an einem Lusthäuschen vorüber, in dessen Mitte eine steinerne Schüssel mit der Schlange des Äskulaps andeutete, dass hier das medizinische Reich der Kurfürstin beginne. Anna war nämlich auch eine halbe Heilkundlerin und eine ganze Apothekerin. Die Kurfürstin ließ 1579 auf Schloss Annaburg die Gründung einer Hofapotheke veranlassen.

zeileadoptekeDiese wurde später in die Dresdner Apotheke integriert. Es ist kein Zufall, dass eins ihrer besten Porträts dort in der berühmten Dresdner Hofapotheke hängt, die 1581von ihr gegründet worden ist.zeileschloss2

Die Regierung Augusts und seiner Gemahlin ist die Glanzzeit des Annaburger Schlosses gewesen, beide gehörten aber auch zu den leuchtendsten Gestalten der sächsischen Geschichte. Die Ehrennamen Vater August und Mutter Anna sind nicht höfischer Schmeichelei, sondern einer richtigen Empfindung des Volkes entsprungen.

Mit dem Tode Annas (1585) und Augusts (1586) verschwand die Herrlichkeit so schnell wie sie entstanden war. Die ersten Verwüstungen brachte der 30jährige Krieg. Danach wurde das Schloss nur notdürftig wiederhergestellt. Neben dem touristisch beliebten Schwesternschloss Augustusburg gilt Annaburg  heute leider als eine der vergessenen Residenzen.

(Übernommen vom Amtsblatt der Stadt Annaburg)

Quelle

  • Countdown 2017, Die Annaburg; Amtsblatt der Stadt Annaburg Nr.: 04 vom 05.04.2016
  • Kursächsische Streifzüge Erster Band von Otto Eduard Schmidt, Rektor des Gymnasium Albertinum in Freiberg i. Sa. – Verlag: Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha von Baensch Stiftung 1913