Wifo

Lufttanklager Annaburg


ps_20161113151147Südlich von Annaburg in Richtung Prettin liegt gleich hinter dem Ortsausgangsschild auf der rechten Seite das ehemalige Gelände der Wifo.

Jeder aus Annaburg kennt die Wifo auch als ehemaliges Lufttanklager der Wehrmacht, welches bis 1945 bestanden hat und das bis zum Truppenabzug der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (im Volksmund auch einfach „Die Russen“ genannt) als Kaserne für ein Eisenbahnbrückenbauregiment genutzt wurde.

Aber was war die Wifo eigentlich?

Wifo steht für „Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft mbH“.

Die Wifo hatte ihren Sitz in Berlin und wurde vom Deutschen Reich in Vorbereitung des 2. Weltkrieges im August 1934 zum Zwecke der Beschaffung, Bevorratung und des Transports strategischer Rohstoffreserven für den Kriegsfall gegründet. Offizielle Aufgabe des Unternehmens lt. Handelsregister war „die Errichtung und der Betrieb von Versuchs- und Forschungsanlagen zur Förderung von Industrie und Handel“. Als Gesellschafter waren dort genannt die Gesellschaft für öffentliche Arbeiten AG, Berlin mit 16.000 RM Anteil am Stammkapital und die I.G. Farbenindustrie AG, Frankfurt mit 4.000 RM Anteil. Projekte der Gesellschaft gab es im gesamten Reichsgebiet. Eines der Projekte war das Tanklager-Bauprogramm. Bis zum Ende dieses Bauprogrammes Mitte 1942 belief sich die Gesamtkapazität der WIFO-Tanklager auf rund 1,5 Millionen m³ Kraft- und mehr als 100.000 m³ Schmierstoffe, darüber hinaus verfügte die WIFO über große Tankkapazitäten für andere Stoffe. Dazu gehörten auch mehr als 38.000 Kesselwagen und 35 Schiffe. Am Kriegsende arbeiteten reichsweit rund zehntausend Mitarbeiter für diese Gesellschaft.

ps_20161113151327So gehörte also das Lufttanklager Annaburg zu einem Landesweiten Netz von hunderten weiterer Lufttanklager. Das Größte war unser Lager nicht, es stand vielmehr in Hitzacker an der Elbe. Dieses wurde in den Jahren 1936-38 auf einer Fläche von über 460 ha als ein Großtanklager mit drei Lagerungsbereichen (Treibstoff, Öl und Sonderkraftstoff), ausgedehnten Straßen- (über 6,7km), Schienen- (rund 11km) und Rohrsystemen, zwei Häfen, einem Heizkraftwerk zur Verflüssigung des zähen Öls, Verwaltung, Labors, einem Ölbahnhof, zwei Benzin-Bahnhöfen, mehreren Rangier- und Abstellgleisen, zwei großen und zahlreichen kleinen Pumpstationen, einer Fass-Abfüllanlage, Kesselhäusern, Wasserwerk, Wach- und Zwangsarbeiterlagern und vielen weiteren Bauten. Zur werksinternen Infrastruktur gehörten auch Kesselwagen und zwei Diesellokomotiven vom Typ V36, die in eigenen Lokschuppen untergebracht waren. Zeitgleich entstand im Ort eine Siedlung für die Werksangehörigen. Die Stromversorgung der gesamten Anlage erfolgte über das öffentliche Netz, für Notfälle war ein 800PS-Achtzylinder-Dieselaggregat vorgesehen. Das Land wurde den Eigentümern abgekauft bzw. gegen Ersatzflächen eingetauscht. Der Lagerbereich für Kraftstoff bestand aus insgesamt 30 Tanks mit einer Kapazität von jeweils 3.300m³, hatte also eine Gesamtkapazität von rund 100.000 m³ Benzin.

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Lufttanklager Annaburg

Unser Lager in Annaburg wurde im gleichen Zeitraum auf einer Fläche von 40 ha. errichtet.

Mit den notwendigen Bauarbeiten wurden hiesige Baufirmen beauftragt. Das Tanklager erhielt einen Eisenbahnanschluss. An der Laderampe wurden die Kesselwagen gefüllt oder entleert. Zum Eisenbahnanschluss gehörte noch ein Lokschuppen und eine werkseigene Diesellokomotive vom Typ V36.

ps_20161027012214Beim Bau dieser Anlage mussten 30 Brunnen zur Grundwasserabsenkung errichtet werden. Herzstück der Anlage war eine große unterirdische Pumpstation in ca. 10 m Tiefe mit Misch- und mehreren Pufferbehältern. Denn neben der Lagerung von Flugkraftstoffen, diente diese Anlage auch der Zumischung von temperaturabhängigen Zuschlagstoffen für den Winter- oder Sommereinsatz, aber auch für bestimmte Höhenbereiche.

Die unterirdischen Behälter unterteilten sich in zwei größere Behälter mit einem Fassungsvermögen von 12.000 Liter und vier kleinere Behälter mit einer Kapazität von 6.000 Liter.

Das Lager an sich bildeten 12 überirdische Lagerbehälter mit einem Fassungsvermögen von 600.000 Liter. Diese Behälter waren unregelmäßig halbkreisförmig um die unterirdische Pump- und Mischstation angeordnet. Die Metallbehälter waren außen mit „Klinkersteinen“ umbaut.

Zum Lager gehörten noch eine Telefonzentrale und ein Labor. Das Labor diente nur zur Qualitätsüberwachung der Einmischung der Zugschlagsstoffe. Dazu wurde auch ein Flugzeugversuchsmotor eingesetzt. Forschungen oder Entwicklungen wurden im Lager nicht durchgeführt.

Für das Personal wurde in Annaburg in der Züllsdorfer Straße die „Wehrmachtshäuser“ als Dienst- und Betriebswohnungen gebaut und genutzt.

Im Lufttanklager arbeitete Personal aus der Umgebung. Mit Kriegsbeginn setzte sich das Führungspersonal aus Militärangehörigen zusammen, die Angestellten blieben „Zivil“ und wurden „UK“ gestellt. Das Lager wurde unter größter Geheimhaltungsstufe von Beginn an geführt. Das Personal wurde entsprechend belehrt. Die Bewachung erfolgte durch die Wehrmacht.

Kriegsgefangene, Internierte oder KZ-Gefangene wurden im Lager nicht beschäftigt.

invadara_26Das Lufttanklager wurde nur einmal zum Ziel alliierter (britischer) Bomber. Der Luftangriff fand am 20. April 1945 um 15.00 Uhr statt. Dabei wurde aber das Ziel weitestgehend verfehlt. Es sollen nur etwa ein bis zwei Behälter getroffen worden.

Das Lager bestand bis Kriegsende und wurde durch die abrückende Wehrmacht teilweise zerstört. Die Zerstörung nach Augenzeugenberichten betrafen die oberirdischen Behälter und die unterirische Pumpstation.

Die „Klinker“ von den zerstörten Behältern wurden von den Annaburger noch 1945 als Baumaterial verwendet.

Ab ca. 1946 wurde das Gelände von der GSSD (Russen) als Kaserne für das Eisenbahnbrückenbauregiment Annaburg genutzt, welches ein Direktunterstellter Kampfunterstützungstruppenteil der WGT (Westgruppe der Truppe) Wüssdorf/Zossen war.

Bernd Hopke © 2007

Quelle:

  • – WIFO-Tanklager Hitzacker, Michael Grube/lostplaces.de. 2004
  • – Das nationalsozialistische Lagersystem, Martin Weinmann
  • – Video über die Ortsbegehung des Geländes der Wifo am 25.04.1993 durch die Mitglieder des VHD
  • – Zeitzeugenaussagen (Robert Bloche aus Plossig, ZB der WIFO von 1938-1944)
  • – Zeitzeugenaussagen (Edwin Kretzschmann und Eberhard Förster)
  • – eigene Recherchen