Soldaten-Knaben-Institut unter sächsischer Zeit in Annaburg

Der Umzug von Dresden nach Annaburg


Am 25. April 1762 begibt sich Direktor Elsasser zusammen mit dem Proviantmeister Müller und dem Jagdbaumeister Adam nach Annaburg.

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Das Schloss in Annaburg befindet sich zu dieser Zeit in einem sehr schlechten Zustand und muss für die Aufnahme des Instituts erst hergerichtet werden. Elsasser muss sich das Geld zur Finanzierung der Bauarbeiten borgen. Im August 1762 ist das Gebäude soweit hergerichtet, dass der Umzug erfolgen kann.

Der Umzug des Instituts erfolgt mitten im Siebenjährigen Krieg und soll mit Kähnen über die Elbe – mitten durch die verfeindeten Linien der Preußen und Österreicher – erfolgen. Elsasser bekommt dazu einen Schutzbrief von Prinz Heinrich von Preußen, der in Meißen Quartier bezogen hat. Ebenso erteilt der österreichische Kommandant von Dresden, Serbelloni, einen Passierschein und informiert die österreichischen Truppen entlang der Fahrtroute.

Am 12. August 1762 marschiert das Knabenbataillon feldmarschmäßig mit Gewehr, Bajonett, Tornister und Feldflaschen ausgerüstet aus der Gardekaserne in Dresden Neustadt ab und schifft sich am 13. August bei der Stadt Neudorf auf 5 Elbkähne ein. Ein preußischer Husar begleitet die Fahrt am linken Elbufer um etwaige Störungen durch preußische Truppen zu vermeiden.

Am 14. August wird in Höhe der Stadt Riesa auf freiem Feld übernachtet. Nach dreitägiger Reise erreichen die Kähne am 15. August das Ziel bei der Ortschaft Dautzschen.

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Von Landungsplatz werden das Gepäck und die Waffen mit Ochsengespannen nach Annaburg gefahren. Die Zöglinge marschieren die etwa 12 Kilometer zu Fuß. Nachdem die Zöglinge den Tiergarten in Annaburg erreicht haben werden die Waffen ausgegeben und die Kolonne marschiert im Parademarsch mit klingendem Spiel in Annaburg ein. Nach der Begrüßung durch den Direktor erkunden die Zöglinge ihr neues Zuhause und sind zunächst nicht sonderlich erbaut, da weder die Küche noch die Schlafsäle fertiggestellt sind. Nach weiteren 6 Wochen Lagerleben im Schlosshof können alle Räume endgültig bezogen werden.

Zu den umfangreichen baulichen Veränderungen gehörte die Sicherung des Baugrundes ebenso wie die Verfüllung der Keller im Nordwestflügel des Hinterschlosses. Im Inneren des Gebäudes wurde durch das Versetzen von Wänden eine neue Raumaufteilung erreicht. Die so geschaffenen großen Räume im dritten Stockwerk konnten nun als Schlafsäle Verwendung finden. Im zweiten Stockwerk fanden die Wohnungen für den Direktor, den evangelischen und den katholischen Geistlichen, den Zeichenmeister und andere Beamte Platz. Die alte „Hofestube“ diente nun als Speisesaal und das „Gewürzgewölbe“ den evangelischen Schulklassen als Unterrichtsraum. Neben der „Kurfürstenkapelle“ hielt die Bäckerei Einzug. Im Vorderschloss konnte nur der Flügel rechts der Toreinfahrt genutzt werden, da das Amt den anderen Gebäudeteil noch immer beanspruchte. In dem zur Verfügung stehenden Teil quartierte Elsasser den Arzt, den Feuerwächter und den Stricker ein. Außerdem wurden fünf Krankenstuben und die Apotheke in diesem Flügel eingerichtet.

Mit dem „Soldaten-Knaben-Institut„, wie die Bezeichnung seit den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts lautet, hält neues Leben im Schloss Einzug. Viele Handwerker und Gewerbetreibende der näheren Umgebung profitieren von dieser Entwicklung.

ps_20150619143706Mit dem Einzug des „Militär-Knaben-Erziehungs-Instituts“ in das Annaburger Schloss entsprechen auch die städtischen Friedhöfe, der kleine, neben der Kirche gelegene Ortsfriedhof und der „Gottesacker“ in der heutigen Friedensstraße nicht mehr den neuen Bedingungen. Hat doch der Ort, die Schlossbewohner mitgezählt, nun fast die doppelte Einwohnerzahl. So verordnet der Superintendent von Jessen bereits am 26. Juli 1763:

". . . dass wegen des Mangels des Raumes auf dem ordentlichen Kirchhof der ohnweit des Schlossplatzes gelegene kahle Fleck, der Pechberg genannt, den Einwohnern besagten Städtleins zur Erweiterung ihres Kirchhofes unter der Bedingung zugeeignet werden soll, einen Teil davon vermittelst einer eigenen Mauer, Vermach- oder Umzäunung abzusondern, worinnen die Leichen der bei der Soldaten-Knaben-Versorgungsanstalt verstorbenen Personen zu begraben sind".

Dieser Begräbnisplatz ward nicht nur aus Platzgründen notwendig – nein auch diese Frage gehörte mit zu den Querelen die die alteingessene Annaburger Bevölkerung den Neuankömmlingen machte. Amtmann und Oberforstmeister waren sich darin einig, dass Elsassers Militärknaben in Annaburg überhaupt nicht willkommen waren. Sie wiegelten auch die Annaburger Bevölkerung entsprechend auf. Fremdenfeindlichkeit anna 1762.

Diese Anfeindungen gingen so weit, dass die Welt der kleinen Militärweisenkinder nur auf das Hinterschloss beschränkt werden mußte. Dieses Verbot war gegenüber den neugierigen Kindern nur mit den schärfsten Strafen, den Spießrutenlauf, durchzusetzen. Erst 20 Jahre später änderte sich die Einstellung der Annaburger Bevölkerung gegenüber den Militärwaisenknaben.

ps_20161023204426Die Zöglinge bildeten außerhalb der Schule, bis zum Jahre 1813, ein Knabenbataillon mit 5 Kompanien. Es gab Knabenoffiziere und Knabenunteroffiziere. Exerziert wurde nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst. Wie bei der Armee, so wurde auch am Institut Wachdienst abgehalten. Vom Wecken bis zum Zapfenstreich standen die Posten am Tor.

Mit der zum Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden teilweisen Ablösung aller Militärs (ihr Einsatz erfolgte jetzt speziell für das Exerzieren) durch vorgebildete Informatoren (Lehrer) verbesserte sich auch das Bildungsniveau der Knaben. In zunehmendem Maße wurde auf künstlerische und naturwissenschaftliche Kenntnisse sowie auf sportliche Betätigung Wert gelegt. Neben dem Zeichenunterricht, wozu die Anfertigung militärischer Pläne, einschließlich Arithmetik, Geometrie und Trigonometrie gehörten, galt das besondere Augenmerk der musikalischen Erziehung. Es ist bemerkenswert, dass über die Jahrhunderte hinweg, seit 1775, eine aus Zöglingen zusammengesetzte Kapelle bestanden hat.

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Zwar hat sich im Laufe der Zeit die Zusammensetzung der Instrumente verschiedentlich geändert (im Jahre 1800 waren im Bestand 4 Trompeten, 6 Waldhörner, 20 Klarinetten, 6 Oboen, 22 Flöten, 4 Fagotts, 20 Pfeifen, 12 Violinen, l große Trommel und anderes mehr) die Nachfrage der Fürstenhäuser und Regimenter nach den kleinen Annaburger Musikern blieb jedoch immer ungebrochen. Eines besonderen Interesses erfreuten sich die 60 (ab 1826 sind es 100) Musikschüler während der Befreiungskriege. Im Jahre 1813 wurde Annaburg sowohl von französischen und sächsischen Truppen unter den Marschällen Ney und Quidinot als auch von preußischen Einheiten unter General York berührt. Als der russische General von Pahlen, Befehlshaber eines Husarenregiments, die „Erbärmlichkeit“ seiner Regimentsmusik im Vergleich zur Annaburger feststellt, benutzt er die:

,,. . . günstige Gelegenheit, sich ein besseres Musikkorps zu verschaffen, indem er 17 der besten Musikschüler bewog, ihm zu folgen, und die erforderlichen Instrumente der Vollständigkeit halber gleichfalls mitnahm".

Im Laufe seines Bestehens hat sich der Personalbestand des Institutes mehrmals erheblich verändert. Während im Jahre 1762 außer dem Direktor 1 Proviantverwalter, 1 Kontrolleur, 1 evangelischer und 1 katholischer Pfarrer, 8 evangelische und 2 katholische Lehrer sowie 1 Arzt, 1 Zeichen- und Strumpfstrickermeister, 2 Feuerwächter, 2 Hausmänner, 1 Köchin, 3 Mägde und 16 Warte- und Krankenweiber beschäftigt waren, sind es im Jahre 1913 insgesamt 75 Beschäftigte, darunter 14 Lehrer.

Die Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände der Zöglinge haben sich bis zur Übergabe des Institutes an Preußen kaum verändert. Jedem Knaben standen jeweils für zwei Jahre zu:

1 dunkelblaue Jacke, 1 Weste, 1 Brust-Latz, 1 Beinkleid (Hose), 1 Mütze, 2 Schlafmützen, 2 schwere lederne Halsbinden, 1 Paar Schuhe mit Schnallen, 2 Hemden, 2 Taschentücher, 2 Handtücher.

Darüber hinaus haben auch Strümpfe (die zum Teil selbst hergestellt wurden) und Perücken zur Kleidung gehört. Erst in den Jahren 1792/93 fielen sowohl die Schlafmützen als auch die Perücken dem Zeitgeist zum Opfer:

„Damit vorzüglich bey denen kleinen Knaben der Ausschlag derer Köpfe, sowie das Ungeziefer, vermindert werde, so hat das Direktorium nunmehr die Veranstaltung zu treffen, dass denen Knaben nach Beschaffenheit derer eintretenden Umstände die Zöpfe abgeschnitten werden."

Die mangelhafte Ernährung, besonders in den Hungerjahren, wie 1770-1772, und in Kriegszeiten, gepaart mit häufigen Infektionskrankheiten, waren Anlass für den Bau des am 20. Oktober 1780 bezogenen Krankenhauses („Altes Lazarett„). Das Haus war auf 80 Patienten berechnet und sollte außerdem Wohnungen für Ärzte und Pfleger, eine Badestube, ein Labor und eine Leichenkammer aufnehmen. Bereits nach wenigen Jahren stellte sich jedoch heraus, dass der Bau in keiner Weise den Anforderungen entsprach.

Dr. Justi, der damalige Institutsarzt, beschreibt ihn folgendermaßen:

,,Es ist ein Gegenstand, von dem viel zu sagen mir es ekelt. Es ist leichter, dass ein Gesunder darinnen krank wird, als ein Kranker gesund. Der Platz, die Lage, die ganze innere Einrichtung ist fehlerhaft, unverbesserlichfehlerhaft. Ich berufe mich deswegen auf das Zeugniß des Herrn Hof rat h Dr. Jahn. Nur etwas davon - durch alle Fürsorge ist man kaum im Stande zu verhüten, dass nicht wegen der Feuchtigkeit Pütze in den Stuben wachsen. Das Wasser läuft bey feuchtem Wetter an den Wänden herunter. Das Stroh in Betten muss fast verstocken. Dazu kommt noch, dass die ganze obere Etage mit Wanzen und Flöhen so angefüllt ist, dass sogar diesen Winter durch das Ungeziefer so arg war, dass es die Kinder kaum in Betten aushallen konnten. Diese Feinde sind hier unüberwindlich. - Und in so einer Wohnung sollen Kranke gesund werden. Man muss, wo gar keine Hoffnung, keine Möglichkeit ist, Verbesserungen zu machen, muthlos werden! Reinlichkeit und eine ganz andere Ordnung und Einrichtung müßte und könnte sehr leicht verschaffet werden - aber bei diesem Gebäude ist das vergeblich und fruchtlos. Im Sommer muss ich, um mich von dem Ungeziefer zu entledigen, welches ich auf den Kranken-Stuben auflese, mich 2-3mal jeden Tag umkleiden."

Weiterhin mag der Umstand, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Lazaretts die Latrinen befanden und die Exkremente das Wasser des Vorderschlossgrabens in eine stinkende Kloake verwandelten, einer Genesung nicht besonders zuträglich gewesen sein. Zudem war es bis in das 19. Jahrhundert üblich, dass zwei Knaben ein Bett teilen mussten. Dass die Forderung Justis nach einem neuen, an anderer Stelle zu errichtenden Krankenhaus durchaus berechtigt war, belegen Krankenlisten, wonach im Jahre 1800 nicht weniger als 223 Masernerkrankungen und 1808 abermals 116 Krankheitsfälle auftraten.

 

Bernd Hopke

 

Quelle

  • Thomas Finke, Konzept zur Ausstellung MKI, Annaburg 2008
  • Verein f. Heimatgeschichte u. Denkmalpflege Annaburg (Hrsg.) Jagdschloß Annaburg – Eine geschichtliche Wanderung, Horb/Neckar 1994;