Der Spielplatz

1777 Grundrisse und Lagepläne des Schlosses; Sächs. Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 000, F 165, Nr 013a-v

Seine Geschichte


In Spielplatzidee geht in Deutschland u.a. auf eine Forderung aus der „Sonnenbaulehre“ einer Architekturtheorie, die der Hofrat und Leibarzt Bernhard Christoph Faust aus Bückeburg ab etwa 1824 propagierte. Nach ihr sollten:

Die Straßen von Osten nach Westen, von Norden nach Süden, der Fahrweg in der Mitte nicht höher wie recht und Mark Adam lehrte, gewölbt; mit Fußweg. Große Plätze mit Tempeln, Denkmälern und öffentlichen Gebäuden, Brunnen- und Marktplätze, Spielplätze mit Büschen und Bäumen für die Kinder, alle Plätze umgeben von breiten Straßen; Wasserleitungen, daß in jedem Hause springe die Quelle des Lebens; Canäle unter den Straßen, daß diese dauern, die Erde und alles, was auf ihr ist, trocken sey und das Regenwasser der Straßen (kein sogenannter Unrath, aller der gehört als Gold, wie von Joseph von Hazzi sagt, zum Dünger, die Erde zu nähren, zum Garten zu machen) abfließe; daß es den Bewohnern dieser Häuser, Oerter und Städte, wie von den Seligen heiße: sie kennen ihre Sonne und ihre Gestirne.

Der in alternativmedizinischen Kreisen als einer der Väter der modernen Naturheilkunde geltende Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808-1861) griff diese Idee auf. Er gründete in Leipzig mit Professoren den ersten Leipziger Turnverein. Dieser Verein verfolgte aber auch das Ziel in der Zeit der Industrialisierung vor allem Grünflächen zu fördern, die den Kindern als Spielplatz dienen würden und die so ihrer Gesundheit förderlich sein könnten.

Aber erst sein Schwiegersohn, der Schuldirektor Dr. Dr. phil. Ernst Innocenz Hauschild, der 1864 mit über 250 Männer und Frauen aus dem Bürgertum ließ in Leipzig den „Schreberplatz“ anlegte, um Schrebers ungewöhnlichen Wunsch nach kindgerechten Spiel- und Turnplätzen Nachdruck zu verleihen. Eigentlich ein Schulverein, der in Zusammenarbeit mit den Eltern seiner Schüler entstanden ist, wollte man ihn aber weder Schul- noch Erziehungsverein taufen und so benannte man ihn zu Ehren des verstorbenen Schreber.

Ein Lehrer namens Heinrich Karl Gesell war es dann, der an diesem Platz Gärtchen anlegte, in denen Kinder das Gärtnern lernen sollten. Doch weil diese bald die Freude am Gärtnern verloren, war die Anlage schnell von Unkraut überwuchert und so griffen die Eltern selbst zu Hacke und Spaten. Aus den „Kinderbeeten“ am Rand der „Schreberschen“ Spielwiese wurden „Familienbeete„, die man später parzellierte und umzäunte; ab jetzt nannte man sie „Schrebergarten„. Sozusagen die Geburtsstunde der städtischen Kinderspielplätze aber auch der Kleingartenanlagen.

Der Annaburger Spielplatz

Aber der erste Spielplatz in Annaburg erlebte seine Geburtsstunde weit früher – schon 1777 war er auf einem Plan zur Neugestaltung der Schoßumgebung für das Militär-Knaben-Erziehungsinstitut fordernd zu finden. Erstellt durch Ing. Capitaine Fleischer zur Vorlage an das sächsische Kriegsministerium. Diese Forderung war nur zu berechtigt, da mit Einzug des Militärknaben-Erziehungsinstituts 1762 im hiesigen Schloss die Bewegungsfreiheit der kleinen Militärwaisenkinder vorwiegend auf das „kleine“ Hinterschloss beschränkt war. Obwohl Teile des Vorderschlosses auch zum MKI gehörten, die übrige Hälfte lag beim Amt Annaburg und der Amtsmann war zeitlebens nicht gut auf das Institut zu sprechen. Auch der Forst gehörten noch Teile vom Vorderschloss. Daher durften die Knaben unter Androhung strengster Strafen das Schloss nicht verlassen. Laut Tagesbefehl vom 21.09.1762 wurde ihnen bekannt gemacht:

Es soll bei 100 Prügel auf den Hintern keiner in den Tiergarten (dieser begann damals noch gleich beim Vorderschloss). Desgleichen bei 100 Prügel Strafe in den Schlossgarten. Desgleichen bei 100 Prügel Strafe keiner in (den) Wald“.
Die Einwohner Annaburgs und die Jäger waren befugt, die Knaben die sie an diesen Orten antrafen festzunehmen und zu arretieren. Die Jäger durften gar „denen, so davon laufen, die Beine voll Schrot zu schießen“. Es wurde an die Einwohner Annaburgers sogar eine Belohnung gezahlt bei Ergreifung eines Knabens. Demselben Befehl nach durfte „in die Stadt“ ohne Urlaub niemand gehen, auch sollten danach nicht mehr als zwei auf einmal beurlaubt werden.

Selbst der damalige Institutsdirektor empfand diese Enge, klagte er doch,

dass er im ganzen Schlosse nicht ein Plätzchen habe, woselbst er einen Scheffel Mehl ausschütten könne, und dass die Weiber die Wäsche zum Teil auf ihren eigenen Stuben zum Trocknen aufhängen müssten.

Während die Annaburger Bevölkerung richtigerweise Erkannten, dass das Institut für sie „Wohlstand“ bedeutete, weil sie für Dienstleistungen bezahlt wurden, suchte der Amtsmann Meissner alle erdenklichen Gründe um der Einrichtung zu Schaden. Er wurde dabei anfänglich vom Forst- und Wildmeister aktiv unterstützt. Diese Zwistigkeiten der regionalen Obrigkeit wurden auf den Schultern der kleinen Weisenknaben ausgetragen. Ja, der von Ing. Capitaine Fleischer auf dem Plan eingetragene Spielplatz konnte daher erst nach dem Ableben des Institutsdirektors Elsasser und des Amtmannes Meissner unter seinem Nachfolger Schindler  Realität werden.

Damit erhielt Annaburg einen der ersten Spielplätze in Deutschland. Spiel- und Sportgeräte waren hier anfänglich noch nicht zu finden, diese kamen erst unter preußischer Zeit nach 1815 dazu. Die ersten Geräte wurden nach Übernahme des vom Turnvater Friedrich Ludwig Jahn entwickelten Geräteturnens für den Institutssportunterricht dort aufgestellt.

Heute ist dieser Platz der Festplatz unseres Ortes, hier finden alljährlich unsere Schloss- und Heimatabende statt.

Ein Wunschvorhaben des Militärknaben-Erziehungsinstitut ging 200 Jahre später in Erfüllung

Am 17.06.2017 konnte der neue Annaburger Spielplatz feierlich eingeweiht werden. Endlich haben auch die Annaburger Kinder wieder einen zeitgemäßen Spielplatz mit modernen Spielgeräten und wir wollen hoffen, dass er lange Bestand hat.

Dieser Platz befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen kurfürstlichen Tiergartens. Allerdings hatte der schon im 18. Jahrhundert seine eigentliche Zweckbestimmung verloren. Er diente nicht mehr der Jagd und auch nicht mehr der „Aufbewahrung“ von lebenden Tieren zur Bereicherung der kurfürstlichen Tafel. Aus diesem Grund kam Ende des 18. Jahrhundert der kurfürstlich sächsisch „Wirkliche Geheime Rat“ und Oberkammerherr Camillo Graf Marcolini auf die Idee dort ein Gestüt einzurichten. So wurden 1790 vom Fiskus die erforderlichen Grundstücke mit Gebäuden und Inventarstücken von Teilen des Tiergartens an den Oberkammerherrn übergeben. Zusätzliche Wiesen, die zur vorgesehenen Pferdezucht noch erforderliche waren, wurden bis 1791 requiriert. Für die neu zu errichtenden Gebäude wurde eigens 1792 eine kleine Ziegelei im Bereich des Tiergartens errichtet, um „aus Annaburger Lehmerde gebrannte Ziegel“ beim Bau verwenden zu können. Gebaut wurden neben dem Hauptgebäude als östliches Stallgebäude für die Zuchthengste (Heute steht hier die Sekundarschule), rechts (später Schafsstall, heute Wohnhaus Kellerberg 2 bis Schloßstr. 13/15) und links (später Lehrlingswohnhaus der Forst, heute Wohnhaus Züllsdorfer Str. 17) davon die Ställe für die Fohlen. Gegenüber stand das Wohngebäude für die Rechnungsführer (später genutzt als Oberförsterei, heute Wohnhaus, Züllsdorfer Str.15). Erbaut und eingerichtet wurde diese Gebäude 1793 als Meisterstück des Amtszimmermeisters Johann Gottfried Wasserman. Neben Rechnungsführer und Bereiter gehörten zum Bestand des Gestütes 1 Aufseher, 3 Fohlenmeister, 1 Roßarzt und über 40 Knechte.

Leider hatte die „Sächsische Landfohlen – Erziehungsanstalt“ in Annaburg, genauso wie die Ziegelei keinen langen Bestand. Das Gestüt wurde 1815 aufgelöst, nachdem bereits 1813 durch russische Kosaken alle Pferde requiriert wurden. Personal und Inventar kamen an das Gestüt in Granitz bei Torgau.

Das Annaburger Militärknaben-Institut, dessen Spielplatz damals dicht vor dem Gestütsterrain aufhörte, bat um Überlassung des Ostflügels, des Rechnungsführerhauses und des Hofes. Das Stallgebäude sollte als Kornspeicher dienen und das Wohngebäude war zur Unterbringung der Institutshandwerker, die immer noch im Orte wohnten, vorgesehen. Den zwischen den vier Gebäuden liegenden Hof erbat man sich zur Erweiterung des Spielplatzes für die Militärwaisenkinder. Die Wohnung des Rechnungsführers wurde durch den Fiskus nicht abgetreten, da man sie dem Annaburger Justizbeamten zugedacht hatte. Das Gebäude und den Hof dagegen wurden noch vor Ausgang des Jahres 1814, zu Anfang 1815 sogar auch die beiden Fohlenställe, für die man keine weitere Verwendung fand, dem Institute zugeteilt. Da sich einige frühere Gestütsbeamte aber weigerten, ihre Wohnung zu räumen, zog sich die Übergabe lange hin und kam erst unter preußischer Herrschaft zum Abschluss. Da wurde dann aber aus der Erweiterung des Spielplatzes nichts mehr. Preußische Sparsamkeit zwang zu nützlicheren Verwendungszweck, so wurde der Platz in Ackerland umgewandelt, um den Knaben unter Leitung des Lehrers Bär Gelegenheit zu geben Gartenbau zu betreiben.

 

Bernd Hopke

Ortschronist

 

Quellen:

  • Plessner, H.: Die Sonnenbaulehre des Dr. Bernhardt Christoph Faust: ein Beitrag zur Geschichte der Hygiene des Städtebaus, Technische Hochschule zu Berlin., Berlin 1933;
  • Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888;
  • Freiherrn Ô-Byrn, F.A.: „Camillo Graf Marcolini, Königlich Sächsischer Cabinetsminister, Oberstallmeister und Kämmerer“, Verlag von Emil Schilling, Dresden 1877;
  • Mail-Brandt, Maria: Dr. med. Daniel Gottlob Moritz Schreber in der Leselaube, unter: http://www.garten-literatur.de/Leselaube/persoenl/schreber_p.htm;
  • 1777 Grundrisse und Lagepläne des Schlosses; Sächsisches. Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 000, F 165, Nr 013a-v