Maulbeerbaum

ps_20161126141210Seidenproduktion in Sachsen

Kleidung war von der Antike bis zur Zeit der Industrialisierung Luxus. An der Kleidung war der gesellschaftliche Stand des Trägers, genauso wie seine Finanziellen Möglichkeiten erkennbar – eben „Kleider machen Leute“.

Seide war der absolute Luxus der Bekleidung – schon seit der Antike. Es war der Exportschlager der Chinesen. Daher war es auch den Chinesen bei Todesstrafe verboten, die Raupen oder ihre Eier außer Landes zu bringen. Um das Jahr 555 sollen aber zwei persischen Mönchen gelungen sein, einige Eier zum oströmischen Kaiser Justinian I. nach Konstantinopel zu schmuggeln. Mit diesen Eiern und ihrem Wissen, wurde jetzt auch außerhalb Chinas eine Produktion von Seide möglich. Damit begann der Legende nach die Seidengewinnung im Byzantinischen Reich.

Zur Zeit der Renaissance wurde auch in unserer Region mit der Seidenherstellung begonnen. Der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise förderte, nachdem er in Italien und Palästina die Seidenraupenzucht kennen gelernt hatte, den Anbau von Maulbeerbäumen. Seide war damals besonderst teuer, wurde aber für die Hofhaltung dringend benötigt. Deshalb ließ der Fürst aus Italien Maulbeerpflanzen kommen und in verschiedenen Orten des Kurfürstentums anpflanzen. In Schildau (Krs. Torgau) steht bei der Kirche ein alter Maulbeerbaum, von dem urkundlich nachgewiesen ist, daß er im Jahre 1518 gepflanzt wurde.

Der auf dem Kirchgelände in Schildau stehende Maulbeerbaum soll heute der älteste in Deutschland existierende Baum seiner Art sein – siehe InterNet-Seite von Schildau.

Eine Anweisung des Kurfürsten aus dieser Zeit besagt, dass sich die damals noch bestehenden Klöster mit der Verarbeitung der Seide befassen mussten. Aus der Zeit der Reformation müssen auch einige sehr alte Maulbeerbäume im Kreise Jessen stammen. Es sind dies die 12 Maulbeerbäume bei Hemsendorf, die man besichtigen kann, wenn man von der Elsterbrücke bei Gorsdorf auf dem rechtsufrigen Elsterdamm etwa l km elsteraufwärts geht. Eine Überlieferung berichtet, dass Napoleon die Vernichtung aller Maulbeerbäume gefordert habe, aber die Hemsendorfer sind dabei übersehen worden.

ps_20161126140610Drei alte Maulbeerbäume stehen auch bei Kleindröben, wovon besonders der eine erwähnenswert ist. Sein Stammumfang beträgt 2,68 m, sein Kronendurchmesser 12 m. Das Alter dieses Baumes kann auf 400 Jahre geschätzt werden. Er steht auf sehr kargem Boden und ist trotzdem so dick wie der Schildauer Maulbeerbaum, den man unter Naturschutz gestellt hat. Auch der Kleindröbener Maulbeerbaum verdiente, unter Naturschutz gestellt zu werden.

Aus dem Jahr 1780 kommt die Nachricht, dass in Gadegast eifrig Maulbeerbäume angebaut worden sind.

Die zwei Maulbeerbäume auf dem Jessener Friedhof sind jüngeren Datums. Auch Seyda weist zwei ältere Maulbeerbäume auf.

In Annaburg standen bei den „Neuhäusern“ an der Holzdorfer Straße in der Nähe des Schützenplatzes die letzten Maulbeerbäume aus alten Zeiten, sie mussten erst kürzlich weichen.

Einen neuen Auftrieb der Seidenraupenzucht erlebte Kursachsen unter August dem Starken. Trotzdem entstanden erst im 17 Jahrhundert in Sachsen und in Preußen Seidenmanufakturen. Eine alte „Seidenstadt“ im hiesigen Kreise ist Prettin. Prettin wies noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine Reihe stattlicher Maulbeerbäume auf, von denen aber leider heute kein einziger mehr erhalten ist. Vom Jahre 1860 ab betrieb ein Lehrer Erhard eine Seidenhaspelei mit mehreren Beschäftigten, die einen Jahresertrag von 4000 Talern abwarf. Dieses Gewerbe ist mit dem Tode dieses Mannes wieder eingegangen. Viele Jahre ruhte dann jeglicher Seidenbau im Kreise. In den dreißiger Jahren erfolgten dann Neuanpflanzungen von Maulbeersträuchern. Die Seidenraupenzucht wurde wieder aufgenommen. Auch zur Zeit der DDR wurde durch die Regierung der Seidenbau in unserer Region noch gefördert. So wurden 1953/54 in unserem Kreisgebiet noch 23.000 Maulbeersträucher gepflanzt. Die Züchter erhielten die gewünschte Menge Seidenspinnerbrut von der Seidenbau-Nachzuchtstation aus Jena kostenlos geliefert.


Maulbeerbaum (lat.: „Morus“)

ps_20161126140707Der Maulbeerbaum war bereits 2.700 Jahre v.Chr. in China bekannt, und seine Blätter wurden zur Seidenraupenzucht verwendet, weshalb er regelrecht kultiviert wurde. Auch in der Bibel wird der Baum erwähnt (Jesaja 40, 20; Lukas 17, 5-6). Den Griechen und Römern war er vertraut, und sie pflanzten ihn im Mittelmeerraum an. Der Maulbeerbaum war dem Gott Pan geweiht, und er galt bei den Griechen als Symbol der Klugheit. Plinius nennt ihn „sapientissima arborum“, den klügsten aller Bäume, angeblich, weil die Blätter erst dann treiben, wenn keine Kälte mehr zu erwarten ist. Ovid schildert in den Metamorphosen, wie sich die ursprünglich weißen Früchte des Maulbeerbaums rot färbten vom Blut von Pyramos und Thisbe, das bei ihrem tragischen Tode floss.

ps_20161126141638Woher die latein. Bezeichnung morus kommt, ist nicht eindeutig auszumachen. Sie könnte dem griechischen morea entlehnt sein, was das Wort für „Baum“ in der Antike war, oder von griechisch merós (der Teil – wegen der zusammengesetzten Früchte) abgeleitet sein oder von griechisch móros in der Bedeutung von „fade, unschmackhaft“. Der deutsche Name wurde aus dem lat. übernommen als ahd. „mor“, „murberi“, welches dann im Mittelhochdeutsch zu „morber/mulber“ wurde.

Im Gegensatz zu heute hatten der Maulbeerbaum und seine Früchte in der Antike und im Mittelalter neben der Nutzung als Obst zur Weinherstellung (vinum moratum) und zur Weinfärbung in den Klöstern durchaus auch Bedeutung als Heilmittel. Hildegard von Bingen empfiehlt bei Krätze, die Blätter zu kochen und die befallenen Körperpartien mit der Brühe zu waschen oder Dampfbäder damit herzustellen. Den ausgepressten Saft der Blätter sollte man mit Wermutsaft und 2/3 Wein kochen. Nach dem Essen getrunken, führe diese Mischung zu Erbrechen bei Essensvergiftungen. Dioskorides meint, dass der Saft aus den Blättern gut sei gegen Spinnenbiss und Zahnschmerzen und, zusammen mit Reblaub und schwarzen Feigenblättern in Regenwasser gesotten, die Haare schön schwarz färbe. Ferner sollten Maulbeeren und Maulbeersaft Stuhl und Bauch weich machen und die Brühe aus der Wurzelrinde gegen breite Würmer (Spulwürmer) wirken und gegen Vergiftungen mit Aconitum (Eisenhut). Eingedickt mal mit Honig versetzt, solle die Paste Geschwüre und Geschwulste der Mandeln heilen.  


Maulbeerbaum = Seide

ps_20161126142549Da die meisten Seidenraupen sich von den Blättern des Maulbeerbaumes ernähren, wird von Maulbeerseide gesprochen. Die Raupen verpuppen sich, wobei sie die Seide in speziellen Drüsen im Maul produzieren und in großen Schlaufen in bis zu 300.000 Windungen um sich herum legen. Mit heißem Wasser werden die Larven vor dem Schlüpfen getötet, damit der Kokon unversehrt bleibt. Außerdem sind sie danach unbegrenzt lagerfähig und können zu gegebener Zeit verarbeitet werden. Jeder Kokon enthält ein ununterbrochenes, sehr langes und feines Filament. Der Faden eines Kokons ist 3000—3500 m lang, von dem sich aber nur 800—900 m langer Faden nutzen lässt. Drei bis acht Kokons bzw. Filamente werden zusammen abgewickelt oder gehaspelt – so entsteht der Seidenfaden. Dieser Faden lässt sich zu glatten Textiloberflächen verarbeiten. Um 250 g Seidenfaden zu erhalten, werden um die 3000 Kokons benötigt, das entspricht etwa 1 kg. ps_20161126141003

Bernd Hopke

 

 

Quellen

  • Richard Pfitzner, Lehrer, Prettin, „Seidenproduktion in unserer Region“, Heimatkalender Kreis Jessen 1955
  • Peter Raschig , „Maulbeerbäume bei Hemsendorf“, Heimatkalender 1993
  • Wikipedia unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Seide