Hoppe-Seyler

Ernst Felix Immanuel Hoppe-Seyler (1825-1895)

Nach zweimaliger Gewebeentnahme gelang es endlich den Pathologischen und Molukular-biologischen Krankenhauslaboren in Berlin, meine ausgebrochene Krankheit genau zu diagnostizieren. Zur Behandlung kam ich dann sofort in die Berliner Charité. Die Genetiker der Berliner Charité ermittelten als Krankheitsursache einen nicht erblichen genetischen Defekt. Mit geringfügiger Unterbrechung durfte ich daher die Gastfreundschaft der Berliner Charité für 150 Tage in Anspruch nehmen. Da lag ich nun in meiner Geburtsstadt Berlin in dem Krankenhaus, an welchem ein ehemaliger Annaburger von 1856 bis 1861 im pathologisch-anatomische Institut tätig war. Er schuf als Assistent von Rudolf Virchow die Grundlagen der Laborarbeit, die mir nun heute mein Leben retten half. Dieser ehemalige Annaburger gilt als Begründer der Biochemie und Molekularbiologie. Allerdings ist er den wenigsten Annaburgern überhaupt bekannt.

Es handelt sich um Ernst Felix Immanuel Hoppe-Seyler (1825-1895), dem Adoptivkind vom Annaburger Ortspfarrer Dr. Seyler. Dem Ortspfarrer, dem Annaburg seinen ersten Kindergarten zu verdanken hatte.

Wohnhaft in Annaburg von 1834 – 1837 – Adoptivkind von Ortspfarrer Dr. Seyler


Felix wurde in Freyburg als jüngstes Kind des am 26. Dezember 1825 geboren. Er war Jahns Patenkind und verwaiste schon mit 9 Jahren.
Ernst Felix Immanuel Hoppe wurde am 26. Dezember 1825 in Freyburg an der Unstrut als zehntes Kind einer protestantisch geprägten Familie geboren. Sein Vater war der Pastor und Superintendenten Ernst Hoppe. Seine Familie gehörte der sozialgeschichtlichen Einordnung nach zum liberal gesinnten Bildungsbürgertum.
Neben evangelischen Pfarrern zählten dazu Ärzte und Apotheker, Rechtsanwälte, Lehrer und Beamte.
Der frühe Tod der Eltern binnen drei Jahren machte Felix Hoppe bereits im Alter von neun Jahren zum Vollwaisen.
Gemeinsam mit seiner Schwester Amanda fand er ein zweites Zuhause bei seiner ältesten Schwester und ihrem Mann, Pastor Dr. Seyler aus Annaburg in Sachsen. Obwohl die konkreten Lebensumstände im Hause der Seylers der historischen Forschung bislang nicht offen liegen, so kann doch davon ausgegangen werden, dass Hoppe dort, ebenso wie in seinem Elternhaus, ein durch protestantisch-bürgerliche Ideale geprägtes geistiges Klima vorfand. Die wenigen Hinweise auf die Persönlichkeit seiner Schwester und seines Schwagers deuten daraufhin, dass auch sie dem genuin bürgerlichen Bildungsanliegen verpflichtet waren und sich im Sinne einer umfassenden Bildung um ihre Schützlinge bemühten. Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang stets ihre Vorliebe für neuere Sprachen, für die sich auch Hoppe sehr begeistert haben soll. Als Ausdruck des bildungsbürgerlichen Klimas, das dem Geist der Zeit entsprach, kann auch die spätere Profession der Schwester Amanda gewertet werden, die als Kinderbuchautorin erfolgreich war.
Beide Kinder wurden von der kinderlos geblieben Familie Seyler 1864 adoptiert und führten von da an den Doppelnamen Hoppe-Seyler.
Seine Schulausbildung erhielt Hoppe-Seyler in Halle, wo er von 1837 bis 1846 das Gymnasium der Franckeschen Stiftungen besuchte. In den Stiftungen verfolgte man in vielerlei Hinsicht einen fortschrittlichen erzieherischen Weg, der von Althergebrachtem abwich. Anders als es gemeinhin an deutschen Schulen üblich war, legte man in den Stiftungen, die pietistisch, später dann aufklärerisch-liberal geprägt waren, großen Wert auf die Vermittlung naturwissenschaftlichen Wissens und praktischer Fähigkeiten.
Zu den pädagogischen Maximen, denen sich die Stiftungen verpflichtet fühlten, zählte schon früh ein anschaulicher Unterricht, der das kindliche Interesse fördern sollte. Hoppe-Seyler wurde dadurch eine besondere und dabei für seine Zeit recht ungewöhnliche Schulerziehung zu Teil.
Franckes erzieherischer Ansatz beruhte auf der Gestaltung des Schulunterrichts im Hinblick auf eine lebens- und praxisnahe Ausbildung. Mit seinen Vorstellungen von einem guten Unterricht zeigte sich Francke in der historischen Betrachtung als wegweisender Erzieher und wurde zum Vorbild für spätere Unterrichtsreformen.
Sicherlich hat Pfarrer Dr. Seyler durch die Ausbildung seinen Adoptivsohnes in der Frankischen Stiftung, und die damit verbundene Kenntnis dieser wegweisenden Bildungs- und Erziehungsmethode dazu bewogen hier in Annaburg einen „Fröblischen“ Kindergarten gründen zu lassen.
In der Zeit seiner Schulausbildung beschränkten sich die Aufenthalte von Hoppe-Seyler bei seinen Adoptiveltern in Annaburg nur noch auf die Schulferien.

Nach dem Studium der Medizin und Naturwissenschaften war Hoppe-Seyler u.a. von 1856 bis 1861 als Assistent von Rudolf Virchow am Berliner pathologisch-anatomische Institut tätig. In Virchow fand Hoppe-Seyler einen lebenslangen Förderer. Später hatte er u. a. eine Professur in Tübingen und Straßburg inne. Hoppe-Seyler wurde durch seine Forschungen international anerkannt und gilt als Begründer der Biochemie und Molekularbiologie. Seine bedeutendsten Schriften sind das Handbuch der physiologischen und pathalogisch-chemischen Analyseä sowie die Physiologische Chemieä. Seine 1877 herausgegebene Zeitschrift existiert noch heute als Biological Chemistry Hoppe-Seylerä.

 

Bernd Hopke

LebenswerkDer Chemiker Felix Hoppe-Seyler (1825-1895). Als studierter Mediziner entschied er sich bereits in jungen Jahren für die physiologische Chemie, eine Laboratoriumswissenschaft, die an chemisch-experimentelle Fertigkeiten gebunden war, welche man zu seiner Zeit nur schwer erlernen konnte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es bis auf wenige Ausnahmen, wie Liebigs Gießener Laboratorium, praktisch keine institutionalisierten Laborarbeitsplätze und die wenigen Laboratorien an den Universitäten wurden in der Regel von Privatpersonen betrieben. Später war Hoppe-Seyler Lehrstuhlinhaber der beiden einzigen Ordinariate für physiologische Chemie in Deutschland.
Zeitlebens bemühte er sich darum, die ungünstige Ausbildungssituation für physiologische Chemiker an den Hochschulen zu verbessern und die physiologische Chemie als gleichberechtigte unabhängige Wissenschaftsdisziplin mit eigenständigen Lehrstühlen und Instituten neben den anderen biomedizinischen Fächern an den deutschen Universitäten zu verankern. Mit einem Methoden-Compendium, das Hoppe-Seyler 1858 unter dem Titel Handbuch der Physiologisch- und Pathologisch-Chemischen Analyse für Ärzte und Studierende als erstes umfassendes Laborhandbuch für die Durchführung physiologisch- und pathologisch-chemischer Versuche veröffentlichte sowie der Gründung der ersten unabhängigen Zeitschrift für physiologische Chemie im Jahre 1877 schuf er wichtige Voraussetzungen für die Eigenständigkeit seines Faches. Seine Bemühungen um die Selbständigkeit der physiologischen Chemie blieben im Hinblick auf ihr eigentliches Ziel, die Einrichtung unabhängiger Lehrstühle und Institute, jedoch erfolglos.

Quellen
Dipl.-Bioche. Anja Vöckel, “Die Anfänge der physiologischen Chemie: Ernst Felix Immanuel Hoppe-Seyler (1825-1895) Dokterantenarbeit TU-Berlin 2003
http://www.freyburg-info.de/persoenlichkeiten_inh.html Zugriff 06/2008

 

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