Alchemie

 in Annaburg und Umgebung

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Johann Kunkel (1630 oder 1638 bis 1703)

ps_20161017120446Ein bekannter Alchemist aus dem 17.Jh. weilte in Annaburg – Johann Kunkel, bekannt durch seine Erfindung des roten Glases „Robingläser“ – damals sehr kostbar. Geburtsdatum und -ort Johann Kunckel sind nicht genau bekannt, in Frage kommen die Jahre 1630 oder 1638, eventuell auch bis 1642, sowie der Ort Hütten bei Rendsburg oder Plön.

Bevor Johann Kunkel an den Brandenburger Hof kam und auch seine Robingläser erfand, wurde er in die Dienste des Sächsischen Kurfürsten Johann Georg II (Regierungszeit 1656-1680) als geheimer Kammerdiener genommen. Er beschrieb das so:

„Als der nunmehro hochselige Churfürst; Johann Georg der Dritte (es war Johann Georg II.) auff Recommendation des Hrn. D. Langelotten (Dr. Joel Langelott war Leibarzt des Herzogs von Holstein-Gottorf, ihm unterstand auch das Gottorfer Laboratorium für das die Glashütte von Kunckels Vater verschiedene gläserne Gerätschaften geliefert hatte) und Hr. Hof-Rath Vogtes, mich als Director über das Fürstl. Laboratorium vociren lassen, und auch selbiges angenommen hatte, wurden mir von obgedachtem Churfürsten alle Manuscripta und Raritäten, welche Churfrst Augustus nachgelassen, auff dem Probir-Saal gezeiget; worunter einige silberne Büchsen, in welchen des Beuthers fixer Arseniks lag. Als ich nun in Beyseyn des geheimen Secretarii alles durchsuchet und befunden, dass dieses gantz andere Sachen waren, weder ich bisshero gesehen und gegläubet; wurde ein Inventarium gemachet, und mir diese Schrifften alle übergeben und anvertrauet… Als ich nun diese Sachen überkommem hatte, bekam ich die Bestallung als geheimbder Cammer-Diener, und wurden mir zwey Laboranten, und ein Kohlen-Träger anzunehmem erlaubet, welches ich auch that, und traff eben auff Recommendation andere, massen ich noch frembde, eben die beyden leichtfertigsten Vögel an, die ich hätte auslesen können, nemlich einen mit Namen Christof Grummet, und den anderen Heinrich Küffner.“

alchemieDiese geheimen Manuskripte und Schriften waren alte Unterlagen über die Goldherstellung am sächsischen Hof. Denn zu dieser Zeit war man der Meinung, dass vor 80 Jahren zurzeit Kurfürst August und Kurfürstin Anna das Geheimnis des Goldmachens „das Arkanum“ bereits gut bekannt war. Ja man vertrat die Meinung, dass das Kurfürstenpaar im Besitz des Geheimnisses der Goldherstellung war. Kunkels Aufgabe bestand nun darin mittels der vorhandenen Unterlagen aus der damaligen Zeit, das verlorene Arkanum wiederzuentdecken und Gold herzustellen. Nach diesen Unterlagen soll zu Zeiten des Kurfürstenpaares ein Herr Schwertzer im Annaburger Laboratorium mit dem Goldmachen beschäftigt sein:

„Dieser Schwertzer hat auch ein Particular angegeben, dadurch sie alle Tage 10 Marck Rheinisch Gold (ca. 2,3 kg) gemacht. Und ich finde in den Tage-Zetteln, dass sie keinen Tag, als den Sonntag, und Fest-Tage ausgesetzet, sonsten hat man alle Tage mit dieser Arbeit continuiret.“

Auf betreiben der Kurfürstin Anna wollte man sogar zur manufakturmässigen Goldproduktion übergehen. Kunckel ist beeindruckt von der sächsischen Betriebssamkeit, die von der „Mutter Anna“ ausging.

Aus all diesen Gründen weilte er im Auftrag des Sächsischen Kurfürsten auf der Annaburg und wollte und sollte dort Gold schaffen.

zeileschloss2Seine Künste trieb er in den alten Laboratorien der „Mutter Anna“, die er als seine Zunftgenossin und Alchemistin ansah. (Im Bild oben rechtes Gebäude)

ps_20161017120845So berichtete er über das Laboratorium:

Dies Partikular (Mittel, Gold zu machen) ist in so großer Menge getrieben worden, dass die damalige Kurfürstin, …eine solche Anstalt auf ihrem Leibgedinge (Schloss) zu Annaburg gemacht, dass es zu verwundern ist, wie denn dergleichen Laboratorium in ganz Europa nicht zu finden. Sie hat zu dieser Arbeit in dem Fasangarten auf mehr denn 2000 Schritte ins Gevierte 4 große Öfen nebst vielen kleinen in den Wall legen und mit einem Wassergraben herumleiten lassen, welches Wasser sie auf eine ganze Meile Weges heraufgeführt hat.“ An anderer Stelle heißt es: „Aus dem großen Laboratorium, welches fast einer Kirche gleicht, sind viele Schornsteine auf einem Gewölbe, so ganz keine Pfeiler hat, ausgeführt. Im Garten ist noch eines, auch etwa von 16 Schornsteinen, welches mit Pfeilern und sehr kostbar aufgebaut gewesen, darinnen die Öfen in der Gestalt von großen Pferden in Lebensgröße gestanden, item Löwen, Affen und ein großmächtiger Adler mit vergüldeten Flügeln; darin eine alchemistische Werkstatt gewesen …., aber alles zerschlagen, welches in vorigen Kriegszeiten (Dreißigjähriger Krieg) geschehen ist. Die Unkosten, die diese Kurfürstin angewandt sind verwunderswürdig, da sie doch sonst zuvor von solcher Sparsamkeit beschrieben wird, die man von einer so hohen Person nimmer vermuten sollte“.

Das Laboratorium von Mutter Anna lag allerdings nicht im Fasanengarten, sondern am Wall des Kräutergarten und späteren Schlossgarten. Deswegen wurde es auch auf einer späteren Zeichnung als Gärtnerhaus bezeichnet. Das Gebäude verschwand um 1886 als das Gelände des Schlossgartens (vormals Kräutergarten) als Holzplatz und für Beamtengärten genutzt wurde.

schlossbereich1578-2002Schloss 1578                                           Schloss 1700                                     Schloss 2002

Standort Anna’s Laboratorium auf Karten unterschiedlicher Jahrhunderte – zu Anna’s Zeiten; zu Kunckels Zeiten; und heute

In Annaburg hielt Kunkel sich mehrere Jahre auf – da es zu seiner Zeit Brauch und Sitte war hochgestellte Personen als Taufpaten für seine Kinder Zugewinnen und Kunkel den Titel eines „Kurfürstlich Sächsischen Geheimen Kammerdiener und Chymicus“ trug – wurde er im Ortskirchenbuch in den Jahren 1669 bis 1673 viermal als Taufpate aufgeführt. In dieser Zeit hielt er in Wittenberg auch Vorlesungen über Chemie.

Auf betreiben von Kunkel wird in der nahe gelegenen Glücksburger Heide 1677 eine Glashütte eingerichtet. Diese Hütte wird unter Verwendung von Teilen der Glücksburg (ein kurfürstliches Jagdschloss welches am Anfang des 19. Jahrhunderts verfallen ist.) eingerichtet. Es ist nicht überliefert ob Kunkel hier auch persönlich tätig war. Es ist aber überliefert, dass hier die Glasherstellung in besonders leistungsfähigeren Brennöfen erfolgte. Begünstigt wurde dieser Produktionsstandort vor allem durch den Waldreichtum der Umgebung. So war zur damaligen Zeit eine der leistungsfähigsten sächsischen Glashütte entstanden. Sie lieferte Tafel- und Hohlglas, ging aber bereits 1731 aus wirtschaftlichen Gründen wieder ein.

Zurück zu Kunkel – leider genügten dem Sächsischen Kurfürsten, kein Glas, da er ja Gold haben wollte. Kunckel war in Dresden und Annaburg neun Jahre vergeblich mit der Goldherstellung beschäftigt.

 „Ich habe bei diesem Churhause Sachsen in die 9 Jahre Profession von der Anatomia metallorum gemacht.“ 

Kunckel war mit den Arbeitsergebnissen und auch mit dem Ausbleiben der vereinbarten Bezahlung unzufrieden. Hinzu kamen Intrigen und verbreitete Verleumdungen gegen ihm.

Standort der ehemaligen Glashütte in Glücksburg
Standort der ehemaligen Glashütte in Glücksburg
„ Sie sagten dabei als hochverständige Leute: Könnte ich Gold machen, so bedürfte ich kein Geld, könnte ich aber solches nicht, warum sollte man mir dann Geld geben.“

Kunckel bat um seine Demission und flieht ins brandenburgische – dort bei Potsdam auf der Pfaueninsel – im Auftrag des Kurfürsten von Brandenburg – errichtet er die nächste Glasshütte. Erst dort gelang ihm die Herstellung der kostbaren Robingläser. Aber auch dort kann er nicht bleiben, da Friedrich der III ihm nicht gewogen ist geht er nach Schweden. Dort wird er zu Königlichen Bergrat erhoben und sogar unter dem Namen Kunkel von Löwenstein geadelt. Er starb am 20. März 1703 in Dreißig-Hufen im Kreis Niederbarnim.


Kurfürstin Anna

alchemieWas bewog nun Anna solch ein „modernes Laboratorium“ zu unterhalten?

Kurfürstin AnnaEs steht in enger Verbindung mit dieser „Kunst“, welche zu jener Zeit in den allerhöchsten Kreisen mit Vorliebe betrieben wurde und noch bis ins 18. Jh. ihre Anhänger fand, der Alchemie. Selbst August hat manche Summe Geldes daran verschwendet, den „Stein der Weisen“ zu finden und Gold machen zu können.

Die Chemiker und Alchemisten jener Zeit verkehrten am Dresdener Hofe, und auch Anna war ihren Künsten nicht abgeneigt.

Doch hat sie ihre bedeutenden chemischen und medizinischen Kenntnisse nutzbringender als ihr Gemahl angewendet. Hier in den Annaburger Laboratorien beschäftigte Sie sich mit der Herstellung von Arzneimittel. Nicht nur Kochbücher hat sie hinterlassen – sondern 10 Arzneibücher.

ps_20161017195923Sie war keine Quacksalberin – vielmehr wurde ihr Wirken und Wissen von den Ärzten ihrer Zeit anerkannt und unterstützt. Mit mehreren stand sie im engen medizinischen Verkehr; andere standen ihr helfend zur Seite z.B. Paul Luther ihr Leibarzt – Sohn des Reformators Martin Luther und Dr. Neefe. Die Ehefrau des Dr. Neefe war auch die Vorsteherin des Destillierhauses zu Annaburg. Da es damals noch keine Apotheken im heutigen Sinne gab, kam diese Tätigkeit Annas einem großen Bedürfnis entgegen. Sie

„betrieb persönlich die medizinische Praxis in so ausgedehntem Maßstabe, dass wir in der Tat nicht begreifen, wie es ihr neben ihren andern zahlreichen Geschäften möglich gewesen ist“. Die Hofapotheke in Dresden wurde von ihr 1581 „angerichtet“.

Wo Anna von einem bewährten Heilmittel erfuhr, da ruhte sie nicht eher, als bis sie für ihr Arzneibuch das Rezept erlangt hatte. Mit Ihren Arzneien und Stärkungsmitteln half sie den Ärmsten und den Reichsten.

ps_20151123212236Ihr berühmtestes und begehrtestes Medikament war „aqua vitae“ (Lebenswasser). Dieser Trank,

der als wahres Lebenselixier, als das trefflichste Medikament zur Stärkung und Erhaltung des Körpers und des Geistes betrachtet wurde“,

war ein veredelter Kräuterlikör.

Die größte Fabrik und das größte Lager ihres Aquavits hatte die Kurfürstin in Annaburg. Alljährlich zu Neujahr:

„spendete sie ihren Aquavit an Vornehme und Geringe, mit besonderer vorliebe an Geistliche, in zahllosen Fällen, die köstliche Arznei, die um Geld nicht zu haben war“.

ps_20151123212746Auch Wein oder Weinessig wurde zu Medikamenten verarbeitet. Wein galt als Kräftigungsmittel bei Herz- Kreislaufstörungen und gegen Darmverstimmungen. Zur Vorbeugung von Blutvergiftungen ließ man einen Brei aus zerstampften Trauben auf entzündete Körperstellen legen. Auch die desinfizierende und durchblutungsfördernde Eigenschaft von Weinessig war bekannt. Auch die Weinblätter fanden ihre Verwendung. Neben der Zubereitung als Tee wurden sie früher auch äußerlich angewendet. Zum Brei gestampft oder in warmen Wasser erhitzt, wurden sie auf schmerzende Stellen gelegt. Das sollte das Bindegewebe festigen, die Gefäße beruhigen und Entzündungen lindern. Weinblätter wurden als Kompressen benutzt oder zum Beispiel auch bei Mandelentzündungen oder Krampfadern aufgelegt. Es wurde aber auch vermerkt (Apothekerhandbuch von 1654):

"Wer des Weines übermäßiglichst gebrauchet, und sich stetigst vollsaufet, schadet in hohem Maßen, Herz, Leber, Magen und anderen Gliedmaßen" ...

Doch war sie weit entfernt davon, dieses oder ein anderes Medikament für unfehlbar zu halten, sondern wusste dass in gegebenen Fällen das Übel überhaupt nicht oder doch nicht sicher zu kurieren sei.

kraeuterDie für die Anfertigung der Arzneimittel benötigten Kräuter zog Anna in ihrem Kräutergarten selber heran oder ließ sie im ganzen Lande sammeln. In großen Massen mussten stets im Frühjahr blaue Veilchen (links) und weiße Maiblumen („Zauken“(rechts) genannt) in die Destillierhäuser geliefert werden. Neben der Pflanzenwelt musste auch das Tier- und Mineralreich dem Arzneiwesen jener Zeit in oft sonderbarer Weise dienstbar sein. Totenbeinknochen und Menschenschmalz, Hirschhorn, Elensklaue, Wolfsherz, Einhorn, (der 6-10 Fuß lange elfenbeinähnliche Stoßzahn des Narwal), Hechtaugen, Steine zum Blutstillen und andere Raritäten wurden als Mittel angewendet und zeigen, dass die medizinische Wissenschaft damals noch sehr im Argen lag.

Heilung hieß damals, die Säfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dafür mussten schädliche Säfte abgeleitet werden. Zu den Behandlungsmethoden gehörte deshalb das Schröpfen, darüber hinaus der Aderlass, das Klistier, Erbrechen oder Schwitzen. Die antike Medizin, derer sich die Heiler der frühen Renaissance bedienten, hatte aber nicht nur solche ableitenden Verfahren zu bieten. Das Grundprinzip hier war, die Lebensführung zu regulieren. Dazu mussten die einzelnen Lebens-Funktionen, Schlafen, Aktivität, Ernährung beeinflusst werden. So wurde die Regulierung der Säfte angestrebt.

Seine Grenzen hatte dieses System, wenn zur Heilung die Bekämpfung von Erregern erforderlich war. Denn die kannte man damals noch nicht. Zwar erkannte man zum Beispiel bei der Krätze auch schon zu dieser Zeit die winzigen Milben, die auf der Haut herumkrabbeln. Man betrachtete sie aber als Ausschwitzung.

Dass dabei mancher Aberglaube mit unterlief, wundert uns nicht – Anna war eben auch hierin ein Kind ihrer Zeit. Und zu ihrer Zeit bestanden die „Medikamente“ im wesentlichen aus dem Pulver zerriebener Edelsteine, aus Salben auf der Grundlage von Heilpflanzen, aus Gewürzsirup, Abführmitteln, Schröpfköpfen und Blutegeln zum Aderlass. Die Ärzte arbeiteten in Konkurrenz zu Quacksalbern und Dorfbadern. Sie hatten meist keinerlei Kenntnisse von der menschlichen Anatomie. Trotzdem wussten sie, wie man Brüche einrichtete und Kriegsverletzungen versorgte. Machtlos waren sie jedoch angesichts der schweren Krankheiten jener Zeit wie Sumpffieber, Pocken, Lepra oder Pest. Sie vermochten auch nichts gegen die sehr hohe Kindersterblichkeit, noch gegen die niedrige Lebenserwartung überhaupt. Das wesentliche Wirken von Anna bestand darin, dass Sie als eine der ersten Arzneibücher verfasste und somit ihr Wissen, aber auch ihrer praktischen Kenntnisse auf diesem Gebiet an nachfolgende Generationen weiter gab.

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Bernd Hopke

Quellen- und Literaturhinweise:

  • Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
  • Dr. sc. phil. Artur Schellbach, Geschichte in Mitteldeutschland Bd.1 (2.veränd. überarb. erw. Aufl.) „Auf den Spuren der Wettiner in Sachsen-Anhalt, Verlag Janos Stekovics, Halle/S. 1999
  • Forsteinrichtungsbücher, Ergebnisse der Standorterkundung, Teil I u. III, Institut für Forsteinrichtung und Standortserkundung Potsdam, Falkenberg/Elster 1956
  • Dr. Lothar Kuhnert, Kunckel in Kursachsen in Dresden und Annaburg, unveröffentlicht
  • Kunkel von Löwenstein „Laboratorium Chymicum“