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Von Naundorf über die Ostfront in den Tod    

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Im August vor über 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg. Ein Krieg, an dem rund 65 Millionen Menschen beteiligt waren, davon wurden rund zehn Millionen getötet und 20 Millionen verwundet. Nicht mitgerechnet die Millionen zivilen Opfer.

Im August 1914 wurde mit der Kriegserklärung an Russland und Frankreich die allgemeine Mobilmachung im deutschen Reich angeordnet. Neben seinem Stiefvater, dem Landwirt Karl Falkenhain, bekam der 20-igjährige gelernte Maurer Erich Donath aus (Groß) Naundorf seinen Gestellungsbefehl. Auf dem Hof in (Groß) Naundorf verbleibt Erichs Mutter Minna mit ihrer gleichnamigen Tochter, die sich nun allein um den Hof und die Felder kümmern muss.

ps_20161115143017Wie Erich Donath aus Groß Naundorf rücken im Herbst 1914 Tausende Wehrpflichtige in die Kasernen ein. Wie lange dieser Zustand anhalten sollte, wusste damals keiner von ihnen. Mit seiner Mutter, seinen Freundinnen und den Nachbarn verbindet ihn fortan ein emsiger Briefwechsel der uns überliefert ist.

Berührend naiv und fast beiläufig erzählen diese Briefe von einem Weltereignis, das die Betroffenen in seinen Ausmaßen überhaupt nicht überschauen konnten und von dessen Ausgang sie nichts ahnten.

Liebe Mutter, sei doch so gut und schicke mir meine Uhr. Habe keinen Wecker, muss aber früh um 5 aufstehen,… Grüße alle, Euer Erich"

Auch im Krieg wollte Erich Donath pünktlich sein. Gleich nach seiner Ankunft in der Garnison Naumburg schrieb er deshalb am 2. November 1914 an seine Mutter. Er sei gut angekommen, die Kaserne allerdings voll belegt, weshalb er auf einem Dachboden schlafen müsse.

Für den Naundorfer Erich Donath beginnt dieser Krieg mit einer kräftigen Erkältung. „Lieber Sohn! Wie ich lese, bist du halb krank und hast einen dicken Hals„, schreibt die besorgte Mutter, Minna Falkenhain, am 24. November 1914 an ihren Jungen, „Zieh Dir immer 2 Hemden an, damit Du auf dem Leib warm gehst. Es soll noch kälter werden, und wenn Du eine warme Unterhose brauchst, dann schreibe es mir.

Erichs Stiefvater ist schon an der Front. Minna Falkenhain hält regen Briefkontakt zu beiden Männern. Sie berichtete vom Alltag, von ihren Sorgen und Nöten sowie den Verwandten. So schrieb sie am 30. November 1914 aus Naundorf an ihren Sohn Erich Donath:

"Onkel Bachmann war diese Woche nach Torgau bestellt. Der hat sich aber so verstellen können, dass sie ihn als Kranken nach Hause geschickt haben. Jetzt lacht er alle aus. Der große Herr Lehmann, der Vater von Emma, kann auch gut lachen. Nur unser Vater ist so dumm. Ich könnte mich zu Schanden ärgern."

Erich wartet in der Garnison Naumburg auf seinen ersten Einsatz. Das kleine Naundorf hat bereits erste Tote zu beklagen, er erfährt davon aus den Briefen seiner Verwandtschaft. Doch von den grausigen Dimensionen der Verluste, die die Armee schon während der ersten Gefechte im ersten Kriegsjahr zu verzeichnen hat, erfährt er nichts. In der Schlacht an der Weichsel (29.09. – 31.10.1914) vor Warschau, seinen zukünftigen Einsatzort, fallen 42.000 Soldaten. Sie endet mit einem russischen Sieg. Erich aber weiß noch nicht einmal, wohin es für ihn geht. Die Wartezeit nutzt er zum Briefeschreiben – allerdings nicht nur an seine Mutter, wie diese missbilligend feststellt.

"Ich habe mich sehr geärgert", tadelt Minna Falkenhain, "dass Du an Wittes Magd geschrieben hast. Die ist durchs ganze Dorf gerannt und hat erzählt, Du schreibst oft an sie. Den Spaß unterlass bitte künftig."

In Naundorf packen sie Pakete für Erich. Ein Brief der Cousine Hedwig vom 12.12.1914 kündigt das zu Erwartende an. Mutter Minna schickt ihrem Jungen neben guter Ratschläge, warme Sachen, ein angerautes Hemd, eine Leibbinde und einen Kopfwärmer.

"Lieber Sohn, wenn nun Eure Reise nach Frankreich beginnt, dann zieh Dich nur recht warm an. Sei nicht so leichtsinnig, wenn Du in Frankreich schlafen gehst. Durchsucht erst die Häuser. Den Leuten könnt Ihr nicht trauen, auch wenn sie noch so freundlich sind. Die ermorden Euch in der Nacht."

Hier irrt seine Mutter, denn sein Einsatz als Jäger der Infanterie wird bei der 9.Armee an der Ostfront beginnen. Erich berichtet am 24.12.1914:

“Heute … sind wieder 2 Kompanien weggekommen. Nun sind wir dran, den Totenanzug haben wir schon bekommen.“

Bei ihrem Vorstoß auf Lodz (Schlacht um Lodz 11.11 – 16.12.1914) treffen die deutschen Truppen auf eine massive russische Verteidigung. Die spätere Geschichtsschreibung wird wissen, dass dabei allein auf deutscher Seite rund 10.000 Soldaten sterben. Zur Auffüllung dieser Einheiten wird E. Donath nun verlegt.

Minna kümmert sich jetzt um seinen geistigen Beistand. Sie rät am 15.01.1915 ihrem Jungen, Bibeltexte bei sich zu tragen. Ansonsten lässt sie sich als Landfrau von praktischen Dingen leiten: Erich soll die Sachen, die er nicht braucht, nach Hause schicken.

"Deine Uhr, den Ring und die Schuhe und das Geld kannst Du vielleicht auch mitschicken. Unterwegs kommt es vielleicht weg."

Für die daheim Zurückgebliebenen aber sind zu dieser Zeit kaum verlässliche Informationen von der Front zu bekommen. Minnas mütterliche Sorge gilt derweil Erichs sozialen Kontakten:

"Der Otto Seidel beschwert sich immer, dass Du nicht an ihn schreibst. Schreibe ihm doch mal eine Karte. Er wollte Dir jetzt auch ein Paket schicken, aber ich sagte ihm, Du wärst schon weg. Lehmanns Emma sagt immer zu Bachmanns Anna, Du wärst ihr Schatz. Schreibe nicht so oft an Lehmanns Emma, Bachmanns Anna ärgert sich darüber sehr."

Am 16.01.1915 schreibt der Sohn: “Wir sollen nach Russland zum 21. Ersatz-Bataillon

Sohn Erich meldet sich nun längere Zeit nicht mehr. Dann endlich trifft ein Lebenszeichen von dem Jungen ein, abgeschickt am 16. Februar 1915:

"Ihr werdet Euch vielleicht wundern, warum ich noch nicht geschrieben habe. Als ich mich am 11. hinsetzen wollte, hieß es auf einmal, zwei Kompanien sofort fertigmachen, in den Schützengraben einrücken. Dort sind wir heute noch. … es regnet jeden Tag. Wenn man sich nachts zweimal zwei Stunden zum Schlafen niederlegt oder auf Wache liegt - immer liegt man im Wasser. … Du schreibst, Du hast zwei Pakete abgeschickt, über die ich mich sehr freuen würde. Wenn ich sie doch erst hätte … gestern hatten wir den ganzen Tag kein Brot,… "

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Am 28. Februar 1915 berichtet der junge Erich Donath seiner Mutter in einem Brief von den grauenvollen Zuständen an der Front in der Nähe von Bolimow:

"Nach zehn Tagen Schützengraben sind wir alle krank. Hier herrscht eine große Kälte, und einigen sind die Beine erfroren. Die wurden entlassen, nachdem man ihnen den Fuß abgenommen hat. Das ist noch schlimmer, als angeschossen zu werden."
erster Gasangriff in einem Krieg

Recherchiert man zum kleinen Ort Bolimow, erfährt man dass er zwischen Lodz und Warschau ziemlich genau in der Mitte Polens an der neuen A2 liegt. Der Ort hat traurige Berühmtheit erlangt, weil in der Nähe von Bolimow erstmals im 1. Weltkrieg Giftgas als Kampfmittel eingesetzt wurde. Eingesetzt im Stellungskrieg durch die 9. Armee Ende Januar 1915. Dabei kamen mit Xylylbromid gefüllte Artilleriegeschosse zum Einsatz. 18.000 Gasgranaten wurden gegen die russischen Truppen abgefeuert, Kälte und Schnee hoben deren Wirkung jedoch nahezu auf. Aus diesem Grund wird dieser Einsatz in der großen Geschichtsschreibung kaum erwähnt.

Mittlerweile ist es März – da endlich kommt eine gute Nachricht von dem Jungen aus Bolimow, wo sich deutsche und russische Truppen erbitterte Kämpfe liefern:

"Liebe Mutter und Schwester! Als wir gestern aus dem Schützengraben kamen, erhielt ich Post von Euch. … Am besten hat mir der Kuchen geschmeckt."

Auch Erichs Mutter weiß Erfreuliches zu berichten:

"Bei uns war auch für eine Zeit Fröhlichkeit. Unser lieber Vater war 10 Tage bei uns auf Urlaub, weil er in Frankreich krank gewesen ist und nach Magdeburg kam."

Und dann hat Minna Falkenhain noch eine besonders erbauliche Nachricht für ihren Jungen:

"Lieber Sohn, Du schreibst, Anna Bachmann habe Dich vergessen. Das ist aber auf keinen Fall wahr. … Ich habe mich genau erkundigt, ob es wahr ist, dass sie mit Willy Lehmann gegangen ist. Das ist grundsätzlich eine Lüge, denn der Willy ist mit einer von den Simons aus Plossig verlobt und wartet darauf, dass der Krieg vorbeigeht, damit er sie heiraten kann. Diejenigen, die Dir etwas anderes geschrieben haben, haben Dich tüchtig belogen. Das kann Dir doch nur Emma Lehmann geschrieben haben. … Die hat jetzt Kindtaufe machen müssen, denn die hat eines von dem Rockmann aus Großtreben, und der lacht sie jetzt wegen des Kindes aus und heiratet sie nicht."

Anna würde also warten – doch davon sollte Erich nichts mehr erfahren. Minnas Brief vom 23. März 1915 trifft wieder in Naundorf ein. Stempelvermerk: „Zurück“ mit der Bemerkung „Auf dem Felde der Ehre gefallen.“

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Erich Donath verstarb nach einem Artillerieüberfall am 28. März 1915 an schweren Bauchverletzungen nach 6 stündigen Todeskampf.

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Mit nur 21 Jahren wurde er auf einem Soldatenfriedhof bei Bolimow in Polen bestattet. Das Bild von seinem Grab (r.) entstand am 30. April 1915 kurz nach seinem Tod. Auf dem schlichten Holzkreuz ist zu lesen:

„Er starb den Heldentod am 28.3.1915.“

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 Erich Donath wuchs in Groß Naundorf auf, ging zur Schule und erlernte das Mauerhandwerk im nahegelegenen Annaburg.

ps_20161115142858In diesem Haus in Groß Naundorf wuchs er auf. Auf dem Bild sehen wir seine Mutter Minna Falkenhain mit seiner Schwester Minna um 1910. Sein leiblicher Vater war zum Zeitpunkt seiner Einberufung zur Armee bereits lange Tod. Seine Mutter war in zweiter Ehe mit Karl Falkenhain verheiratet.

Das Wohnhaus der Familie in Groß Naundorf wurde nach dem Tode seiner Schwester Minna 1986 abgerissen. Dabei wurden die Briefe gefunden aus denen hier zitiert wurde.

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Bernd Hopke

Annaburger Ortschronist

 

Quellen:

  • Frank Schumann in „Was tun wir hier? Soldatenpost und Heimatbriefe aus zwei Weltkriegen“, Neues Leben 20.08.2013.