Waldwege

Über die Entwicklung des Wegenetzes um Annaburg und in der Annaburger Heide

Wege haben an sich schon immer einen wirtschaftlichen und historischen Hintergrund. Mit ihnen wurden die einzelnen Feldfluren, die zu einem Orte gehörten, erschlossen und darüber hinaus verbanden Sie die Ortschaften direkt untereinander bzw. führten zu den jeweiligen Fronhöfen, an welche die einzelnen Dörfer abgabepflichtig waren. So führten sie über bekannte Furten um über die Flüsse zu gelangen aber auch über die Ortschaften hinaus zu den regionalen Marktorten. Diese wiederum verfügten als „Stadt“ über Fernhandelswege.

Das alte Lochau (Annaburg) war ein Dorf und gehörte vor 1451 den Antoniter-Mönchen der Lichtenburg (jetzt Prettin). 1451 wird es mit Zwiesigko (Gerbisbach) im Tauschgeschäft dem Herzog Friedrich von Sachsen gegen zwei Altäre für die Pfarrkirchen zu Prettin übereignet. Aus diesem Grunde ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Amt „Lochau“ 1450 im selbigen Ort lag. Es hatte vermutlich seinen Sitz in den Wirtschaftsgebäuden des Jagdschlosses, welches 1445 als „Haus zu Lochau“ erbaut und erst später als „Schloss“ in den Amtsrechnungen bezeichnet wurde.

Auch die zu Lochau gehörende Feldflur, die uns zwar erst im 16.Jh. auf einer Waldkarte übermittelt wurde, lässt diesen Schluss zu, dass Lochau anfänglich nicht direkt am Jagdschloss angesiedelt war. Aber das nun größere „Schloss“ hatte natürlich auch einen höheren Arbeitskräfte- und materiellen Bedarf zu seiner Bewirtschaftung. Deshalb erfolgte nach seiner Fertigstellung sicherlich das o.g. Tauschgeschäft. Die Frondienste dieser beiden Orte waren neben anderen schon vorher zugehörigen Dörfern nun auch zum Unterhalt des Jagdschlosses bestimmt.

Lochau könnte zu dieser Zeit in der Nähe von Gertrudshof gelegen haben. Hier soll einstmals zu Slawischen Zeiten ein Fernhandelsweg Jüterbog – Schweinitz – Pretzsch – Leipzig entlang gegangen sein. Also zwischen dem Rande der Lochauer Heide (Annaburger Heide) und den versumpften Heidewiesen  hindurch. Leider kann es aus dieser Zeit kein Kartenmaterial geben.

Spätestens seit der Gründung von Herzberg verlagerte sich dieser Fernhandelsweg und führte jetzt von Luckau über Herzberg nach Torgau und der Handelsweg von Jüterbog durch  Schweinitz nahm jetzt den Weg über Lochau durch die Lochauer Heide (Annaburger Heide), Rosenfeld, Torgau und Eilenburg nach Leipzig. Auch Lochau müsste dann näher ans Schloss gezogen sein, jedenfalls würde das der archelogischen Fundsituation in unserer Stadt entsprechen. Eine Besiedlung unserer Stadt hinterlässt erst seit dem Spätmittelalter seine Spuren im Stadtgebiet (Älteste Siedlungsspuren sind u.a. in der Mühlenstraße nachgewiesen). 

Über die Straßen- und Wegestruktur ist uns leider noch nichts weiter bekannt, außer vielleicht der Umstand, dass die Wassermühle (Standort an der heutigen Brücke in der Torgauer Straße, Ecke Friedensstraße) mit dem Mühlendamm die Entstehung der Torgauer Straße bedingte. Auch lässt vermuten, dass der ehemalige Standort des Forsthofes (heutiges Reitzensteingrundstück entlang der Torgauer Straße bis Einmündung der Züllsdorfer Straße) die Entstehung einiger Waldwege und Straßen beeinflusste (z.B. Verlauf der Lochau -Torgauer Straße durch die Annaburger Heide).

Seit der Renaissance führten zwei Kurfürstliche Straßen durch die Annaburger Heide. Die Straße: Schweinitz – Lochau – Rosenfeld –Torgau und die: Jessen – Lochau – Madel – Herzberg. Beide „Straßen“ lagen geopolitisch bedingt in Längsrichtung Richtung, flankiert durch Elbe und Elster. Von Wittenberg dem politischen Zentrum des Ernestineschen Sachsen aus, waren die östlichen und südöstlichen Landesteile nur über die Annaburger Heide zu erreichen. Die versumpften Flussauelandschaften von Elbe und Elster ließen einen anderen Weg nicht zu. Auch die Städte im Umfeld konnten nur über die Annaburger Heide erreicht werden. Allerdings wurden hier, der Wertigkeit entsprechend, nur „Wege“ genutzt. Für den Unterhalt dieser Verbindung waren die kurfürstlichen Ämter nicht zuständig. Diese Wege verbanden die Stadt Herzberg und die anderen Siedlungen an der Schwarzen Elster mit den Dörfern und Städten der Elbaue. Auch die Verbindung durch die Annaburger Heide zur Elsterbrücke nach Arnsnester (Nutzungsanbindung der Mahl-, Schneid- und Hammermühle) erfolgten mit diese Querverbindungen. Die Hammermühle in Arnsnester wird sicherlich die Dorfschmieden der umliegenden Buschdörfer einschließlich Lochaus versorgt haben. Da diese Wege z.T. über den Zschernick führten, erfolgte später auch die Anbindung der dortigen Heidemühle über diese bereits vorhandenen Wege. Außer diesen Straßen und Weg gab es noch „Steige“. Diese dienten vorrangig der Jagd. Auch sie waren in Längsrichtung angelegt. Der Jägersteig entlang der Waldgrenze an der Schwarzen Elster und der Vogelsteig entlang der elbischen Waldgrenze. Das Zentrum und Kerngebiet der Annaburger Heide lag im Schnittpunkt von Fermeswalde – Naundorf und Arnsnester – Dautzschen. Dort lagen die Geländemarken Hirschsprung und Veronika. Diese Geländemarken bildeten lange Zeit das Zielgebiet der großen Treibjagden die seit Zeiten Friedrich dem Weisen hier mit großem Aufwand veranstaltet wurden.

Um dieses Zentrum bildete sich allmählich ein ringförmiges Wegesystem. Ende des 16. Jahrhundert wurden nach Errichtung des Tiergartens in Annaburg die Treibjagden neu organisiert. Dazu wurden innerhalb der Annaburger Heide so genannte „neue Flügel“ eingerichtet. Unter Flügel versteht man die seitlichen Jagdraumbegrenzungen, entlang derer die Einzäunungen (Einlappung) zur Durchführung der eingestellten Jagden erfolgte. Dazu wurden auch noch neu gemachte „Parallelstriche“ (Aufstelllinien der Treiber) für drei unterschiedene Hauptjagden angelegt.

Angelegt werden die Rosenfelder Jagd mit rund 1.400 ha, die Madelner Jagd mit rund 800 ha und die andere Jagd (große Jagd) mit rund 3.600 ha. Die Gesamtgröße der Annaburger Heide lag damals bei 15.400 ha. Die Organisation der Treibjagden bedingte die Bildung eines speziellen Wegesystems. Vom Zielpunkt der Treibjagd aus wurden strahlenförmige Wege/Schneisen benötigt – die Flügel. Innerhalb der zur jeweiligen Jagd gehörenden Flügel erfolgte die Treibjagd. Es wurden zwei Hauptflügel (H1F und H2F) und ein Mittelflügel (MF) angelegt. In der Tiefe wurden Aufstelllinien für die Treiber angelegt. Für die Rosenfelder Jagd waren das 15 Aufstelllinien (1er bis 15er), bei einer Gesamttiefe von 10 km. Der Abstand zwischen den einzelnen Aufstelllinien lag bei rund 200 Ruten (666 m). 

Die Madelner Jagd wurde ähnlich organisiert, zwei Hauptflügel, ein Mittelflügel, aber nur 10 Aufstelllinien für die Treiber (1er bis 10er). Dadurch war die Jagd auch nur max. 7 km in der Länge geplant. Die große Jagd, deren Zielpunkt das „Gorle-Torhaus“ des Tiergartens war, wurde in zwei Hauptflügel mit 6 Mittelflügeln geplant. In der Tiefe waren am linken Flügel bis max. 10 Aufstelllinien und im übrigen Bereich max. 9 Linien geplant. Damit war der Abstand zwischen den Linien etwas länger als 200 Ruten, denn die Tiefe lag durchschnittlich bei 7 km. Um sich bei der Jagd in den schwerzugänglichen Waldbereichen einigermaßen orientieren und einzelne Jagdbereiche abgrenzen zu können, wurden geeignete Bäume, seltener aufgestellte Holzsäulen, mit farbigen Jagdzeichen (auch als Waldzeichen bezeichnet) versehen. Deren Form gab auch Anlass zur Namensgebung für viele historische Wegverbindungen in der Heide. Die Waldzeichen aller Straßen und Wege in der Annaburger Heide aus dem Register des Forstzeichenbuch 47 „Pirschsteige und Wege in der Lochischen [Lochauer bzw. Annaburger] Heide, 1572″

Die oben abgebildeten Waldzeichen für Wege waren auf den Karten meist in „rot“ dargestellt, die schwarzen Zeichen sind Landmarken und geben Flurbezeichnungen wieder. Auf dem unteren Kartenausschnitt sind einige davon zu finden. Am oberen Bildrand verläuft der mit „T“ gekennzeichnete „Torgische Weg oder Stras“ die Torgauer Straße. Am rechten Bildrand verläuft die mit „♁“ gekennzeichnete Herzberger Straße. Darüber verläuft der „∆“ Herzberger Hornweg genannt. Diagonal mittig im Bild finden sie den mit „Ω“ gekennzeichneten Lochauer Buckauer Weg. Ganz Links oben finden sie noch den „H“ Naundorfer Herzberger Weg und daneben verläuft der „Φ“ Dautzschener Eisenweg.

Gerechtsame (wie Sammeln von Brennholz, Spreu usw.) in der Annaburger Heide in ihren Randzonen hatten zur Zeit der Ablösung dieser Nutzungsrechte (Servituten) die „seit undenklicher Zeit existierten“ 30 angrenzenden Gemeinden. Von diesen Gemeinden ausgehend, entstanden direkte Zugänge zum vorhandenen Wegenetz in der Heide.

Waldflurnamen wie z.B. das Ziegendickicht geben noch heute Hinweis auf solche Waldweidenutzung. Von Wirtschaftlicher Nutzung zeugen überlieferte Wegebezeichnungen wie der Mühlweg oder Kohlweg. Er war mit einem „X“ gekennzeichnet. Aber auch Flurbezeichnungen wie „Müllers Brück“ oder „Holzweg“.

Änderungen im Wegesystem in der Annaburger Heide entstanden nach dem 30ig Jährigen Krieg. So wurden zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes eine Reihe neuer Postkurse eingerichtet, darunter die Linie Dresden – Hayn (Großenhain) – Coßdorf- Annaburg – Wittenberg, die eine Art Querverbindung im nördlichen sächsischen Gebiet rechts der Elbe darstellte. Damit wurde Annaburg erstmals und offiziell an das sächsische Poststraßennetz angeschlossen und erhielt in den folgenden Jahren auch eine Poststation.

Für den eingerichteten Postkurs entstand 1693 eine neue Straße, der Annaburger- Züllsdorfer-Weg zur Poststraße aufgewertet. Von Züllsdorf führte die Poststraße über Coßdorf nach Hayn (Großenhain). Aber auch die Anbindung nach Jessen wurde zur Poststraße aufgewertet. Allerdings wurde die Herzberger Straße vorerst wieder zum untergeordneten Weg, die Post fuhr ja nicht durch Herzberg.

Wegsaeule1695

Entlang der neuen Poststraße wurden 1694/95 Straßensäulen aus Eichenholz mit Entfernungsangaben aufgestellt. Auf einer Säule des Postkurses Wittenberg – Dresden erschien der Ortsname  Annaburg  mit der Entfernungsangabe „6 Stunden“, sowie Coßdorf mit 3 Stunden und bei Hayn (Großenhain) waren 9 Stunden zu erkennen. Falls die beiden letzten Angaben den Tatsachen entsprechen und man die alte sächsische Postmeile von 9,062 Kilometer mit 2 Stunden zugrunde legt, so muss die Straßensäule rechts der Elbe bei Belgern gestanden haben. Bereits 1697 wurde auf der Annaburger Poststation   zusätzlich zum Postverwalter ein Bürger zum ersten kurfürstlich-sächsischen Postillion in Annaburg ernannt. Das hieß, dass die Annaburger Poststation zur Posthalterei aufgestiegen war, die sowohl auf dem Dresden – Wittenberger  Postkurs  als  auch  nach  abseits davon gelegenen Orten ständige Verbindungen unterhielt. So sind reitende Postillione ab Annaburg nach Torgau, Prettin und Pretzsch nachgewiesen. Von 1715 bis etwa 1735 nahm Friedrich Adam Zürner auf Kursächsischen Befehl mit einem „Geometrischen Wagen“ die genaue Vermessung aller Poststraßen vor. Durch Annaburg führte zu diesem Zeitpunkt nicht nur die Route Dresden – Wittenberg, sondern eine weitere Poststrecke ging von Annaburg über Düßnitz nach Pretzsch.

Die Herzberger Straße wird um 1750 zur Poststrecke. Zu dieser Zeit erschien bei A. Schenk in Amsterdam mit „Königl. und Churfürstl. Sächsischen Privilegio“ eine gedruckte Landkarte  worin die Verbindung Wittenberg – Annaburg – Herzberg als der bekannte Fahrpost-Kurs nach Dresden eingezeichnet ist. Dieser durchgehende Postkurs bestand bis 1841, d.h. bis zur Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Berlin – Wittenberg – Dessau – Köthen. Außerdem kamen noch Annaburg – Schweinitz – Jüterbog und Annaburg – Prettin – (Torgau) als Postkurse dazu.

Diese Poststraßen waren aber keine befestigten Straßen, sondern einfache Waldwege. Unter anderem wurde der Weg von Annaburg nach Puzien teilweise über Knüppeldämme geführt. Als Beispiel für den damaligen Straßenbelag mag eine Eintragung in der Rebslobchronik dienen: „Die Straße von Annaburg hin zum Schwarzen Tore (auch Enderleins Tor genannt in der Tiergartenmauer) wurde 1838 mit Kastanienbäumen bepflanzt und zum Teil mit Lehm befestigt“ (gem. Torgauer Str. – Höhe Friedensstr. bis auf Höhe Abzweig zur Annaburger Siedlung hinter den Bahnschienen).

Was aber nicht heißt, dass gewisse Befestigungen und vor allem Baulichkeiten periodisch durch die jeweiligen Ämter instand gehalten werden mussten. So ist z.B. in den Chroniken überliefert, dass die Schäden, die der Siebenjährige Krieg mit seinen schweren Troßfahrzeugen und seiner Artillerie an den sächsischen Straßen hinterlassen hatte, den Anstoß zu ernsten Anstrengungen gab, das Straßenwesen grundlegend zu verbessern.   Deshalb wurde in Sachsen 1762, also noch vor dem Kriegsende, eine Restaurationskommission gebildet, die die sofortige Instandsetzung von 3 Hauptstraßen des   Landes anordnete. In dieser Dringlichkeitsliste ist unter der Nummer „5“ die Poststraße Dresden – Großenhain – Annaburg – Wittenberg genannt.  Die Städte, Ämter und Gemeinden hatten in ihrem Bereich für die befohlene Erneuerung der Straßen Sorge und die Lasten zu tragen. Die Arbeiten sollten, so wollte es der Kurfürst, bis zur Michaelis-Messe 1763 (29. September) abgeschlossen sein.


1816 mit der preußischen Neuordnung der Verwaltung hört das Amt Annaburg auf zu existieren. Annaburg gehört jetzt zum Kreis Torgau, Provinz Sachsen, Königreich Preußen. Das Landratsamt ist in Torgau. Diese Zuordnung blieb für die folgenden 150 Jahre bestehen. Leider folgte mit der preußischen Inbesitznahme nach 1818 eine Neuorientierung der „Hauptstraßen“ d.h. die Ausrichtung auf Potsdam/Berlin. So wurde mit dem Preußischen Chausseebauprogramm schon 1816 die Preußische Staatschaussee Nr. 60 Potsdam – Wittenberg errichtet. 1827 folgte mit der Eröffnung der Preußische Staatschaussee Nr. 62 Jüterbog – Herzberg – Elsterwerda der Anschluss nach Dresden. Auf diesen befestigten Wegen verkehrte dann auch die Schnellpost. So diente bis zur Eröffnung der Bahnstrecke Jüterbog–Röderau im Jahre 1848 diese Chaussee über Herzberg auch als Postroute für die Eilwagen zwischen Berlin und Dresden.

Diese Entwicklung brachte es leider mit sich, dass Annaburg deutlich an Bedeutung verlor. Der Verlust Wittenberg für Sachsen bedeutete für Annaburg seine regionale postalische Stellung einzubüßen. Das hatte fatale Folgen für die Zukunft. So führten auch die ersten Eisenbahnlinien entlang der Schnellpostlinien Berlin/Potsdam-Jüterbog-Wittenberg-Halle und etwas später Berlin/ Potsdam – Jüterbog – Herzberg – Falkenberg – Röderau – Dresden. Die entsprechenden Folgen für den nach der Gründerzeit beginnenden Straßenausbau lagen dann auch in der vorrangig regionalen Anbindung an Torgau.

Im Forstinspektionsbezirk Annaburg wird 1836 das quadratische Jagennetz mit einer durchschnittlichen Größe von 56,25 ha eingeführt. Die von jeweils zwei Schneisen und zwei Flügeln gebildeten Segmente konnten so einheitlich mit Zahlen nummeriert werden. Das auch zukünftig bei der forstlichen Bewirtschaftung beibehaltene Jagennetz überzeichnete mit der Zeit das historische Wegesystem in der Annaburger Heide. 

Auf der vom Ingenieuroffizier, Leutnant von Ebeling, aus dem preußischen 25. Infanterie-regiment 1847 erstellten topografischen Karte sind diese Veränderungen ersichtlich.

1848 wurde die Eisenbannstrecke Falkenberg – Holzdorf – Jüterbog- Berlin in Betrieb genommen. Verstärkt seit dieser Zeit fuhren viele Annaburger, die im Baugewerbe tätig waren, nach Berlin zur „Wochenarbeit“, was zur Folge hatte, das der Weg Annaburg-Löben-Holzdorf stark frequentiert wurde. Die Eisenbahnstrecke zwischen Wittenberg und Falkenberg wurde am 15. Okt. 1875 in Betrieb genommen. Diese Strecke diente der besseren Anbindung des oberschlesischen Kohle- und Industriegebiet über Magdeburg in Richtung Ruhrgebiet. Annaburg wurde Bahnstation. Damit erhielt der Ort für die damalige Zeit die effektivste und wirtschaftlichste Verkehrsanbindung.

Ab 1881/82 wurde in Annaburg begonnen, die Hauptstraßen zu pflastern; zuerst die Torgauerstr. bis zum Markt und ab 1890 dann die gesamte Torgauer Straße. Zu diesem Zeitraum erfolgte auch der straßenmäßige Ausbau der vorhandenen Wege Annaburg – Schweinitz und über die Dörfer wie Groß Naundorf, Labrun nach Torgau/Prettin. Der regionale Chausseeausbau (gepflasterte Strasse) erfolgte aber erst ab 1906 z.B. für Annaburg – (Groß) Naundorf – Groß Treben – Torgau.   Dabei wurden die Orte untereinander direkt verbunden. Die so genannte „Torgauer Straße“, die direkt durch die Annaburger Heide in Richtung Rosenfeld führte wurde Ende des 19. Jahrhundert durch den Forstmeister Stubenrauch angelegt. Er diente als direkte Verbindung zum Revier Rosenfeld in der Annaburger Heide – um das geschlagene Holz direkt zum Annaburger Bahnhof bzw. zu dem staatlichen Sägewerk in Annaburg transportieren zu können.  Dieser Weg wurde erst in den 30iger Jahren des 20.Jh. als Straße 2. Ordnung ausgebaut. Dabei war die Straße nur teilweise richtig befestigt – von Annaburg bis zum Feuerbeobachtungsturm in der Annaburger Heide (ca. 8 km von Annaburg entfernt, Jagen 88) und dann erst ca. 6 km (Jagen 180) vor Rosenfeld, dazwischen war der Weg nur geschottert. Die Wege Annaburg – Züllsdorf und Annaburg – Herzberg durch die Heide fanden hierbei keine Berücksichtigung, d.h. sie wurden nicht weiter ausgebaut.

Diese Wege wurden aber durch die Forst ständig unterhalten, weil u.a. der Züllsdorfer Weg ein so genanntes Hauptgestell war, von dem die anderen Waldwirtschaftswege (Nord-Südgestelle) abgingen. Hier erfolgte 1890 die Halbierung der Jagen des erst 1836 eingeführten quadratischen Jagennetzes durch Anlegen neuer Nord-Südgestelle. Der Herzberger Weg war die direkte Verbindung zum Zschernick und zum dortigen Forsthaus und darüber hinaus über Madel nach Herzberg.

Die einstige Querverbindung von Wittenberg nach Herzberg wurde erst in der zweiten Phase des Reichstraßenausbaues 1937 mit dem Ausbau der Fernverkehrsstraße 187 und Anschluss an der Fernverkehrsstraße 101 realisiert. Sie führte aber nun nicht mehr durch die Annaburger Heide. Damit wurde Annaburg vom Überregionalen Straßenverkehr dauerhaft ausgeschlossen.


Bei diesem Zustand blieb es bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus.

Ausgehend vom Potsdamer Viermächteabkommen fielen den Sowjetischen Streitkräften in ihrer Besatzungszone alle der Wehrmacht gehörenden Immobilien zu. Auch nach Gründung der DDR und später der Gründung der NVA, wurden kaum ehemalig militärisch genutzte Immobilien durch die GSSD zurückgegeben. U.a. aus diesem Grunde wurde 1959 die gesamte Annaburger Heide zum Truppenübungsplatz der NVA. Vorher aber wurde schon ab 1953 der Rosenfelder Teil für die kasernierte Volkspolizei als Schießplatz genutzt. Damit verschwanden das Forsthaus und die Grundstücke vom Zschernick, deren Bewohner wurden enteignet und zum Teil nach Mahdel, dem ehemaligen Nachbardorf, umgesiedelt. Aber auch die Straße Annaburg – Rosenfeld und Annaburg – Löben wurde nun gesperrt. Damit war der größte Teil der Annaburger Heide jetzt der „Truppenübungsplatz Annaburg der Landstreit-kräfte des Kommandos des Militärbereiches III“ mit seiner Dienststelle in Züllsdorf. Bewirtschaftet wurde die Heide von da ab durch den Militärforstbetrieb Züllsdorf.

In den 70iger Jahren wurde der Züllsdorfer Weg durch das Militär ausgebaut und mit einer Bitumendecke versehen. Auf heutiger Brandenburger Seite erfolgte der Ausbau als Betonstraße. In diesem Zustand befindet sie sich noch heute.

Nichts gibt es, was sich nicht in der Geschichte wiederholt. Mit dem Einigungsvertrag zum Beitritt der DDR zur BRD fielen wieder einmal alle militärisch genutzten Immobilien an die Nachfolgestreitkräfte – die Bundeswehr. Da der Flugplatz Holzdorf offensichtlich fest in der Bundeswehrplanung verankert ist, bleibt auch der Truppenübungsplatz „Annaburger Heide“ bestehen. Die Notwendigkeit mag darin bestehen, dass Transporthubschrauber ja irgendwo gefahrlos den Lastenabwurf praktisch trainieren müssen und dazu nicht erst meilenweit damit rumfliegen sollten. Auch müssen die Armeeangehörigen gelegentlich mit ihren Infanteriewaffen schießen.

1990 fand ein Sternmarsch – Annaburger Heide militärfrei – statt, aber es blieb bei dieser einmaligen Aktion, so dass die Wirkung schnell verpuffte.

Die tatsächliche Nutzung des Militärübungsplatzes ist zurzeit gering. Demzufolge tritt auch kaum eine größere Lärmbelästigung für die anliegende Bevölkerung auf. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr den anliegenden Bewohnern auf Antrag eine Durchfahrtsgenehmigung für den Weg Annaburg – Züllsdorf – Rosenfeld in Ausnahmefällen erteilt.

Hoffnung auf eine bessere Verkehrsanbindung setzte die Bevölkerung vor allem in den ersten Landesentwicklungsplan 2005 von Sachsen-Anhalt. Darin war eine Schnellstraßenverbindung Bitterfeld – Dommitsch – Holzdorf, in Erweiterung der Harzautobahn vorgesehen.  

2009 ist davon keine Spur mehr in der Planung zu finden. Eine der Hauptursachen liegt im Dreiländereck und seinem Föderalismusanspruch des jeweiligen Landes begründet. Magdeburg ist weit. Aber auch die von der Bundesregierung initiierte Verknappung der Haushaltsmittel der Länder und Kommunen spielt eine wesentliche Rolle.

Schon beim Elsterhochwasser 2010/11 haben wir das deutlich zu spüren bekommen. Während im Brandenburgischen Teil für den Hochwasserschutz vorab alle Flussverwilderungen beseitigt wurden (auch gegen den Widerstand der Naturschützer), unternahm man im Bereich von Sachsen-Anhalt keine Maßnahmen, um den Wildbewuchs und die Verlandungen im Fluss zu beseitigen. Auch erfolgte keine Wartung der Siele mehr. Und genau so sieht es bei der Infrastruktur aus, während man in Brandenburg den Ausbau der B 101 weitestgehend schon drei- und vierspurig ausgebaut hat und von Sachsen her die B 183 bis Torgau im Ausbau ist, erfolgt auf unserer B 187 rein gar nichts. Sogar die Ortsumfahrung in Jessen wurde im Plan 2009 trotz beschrankten Bahnübergangs gestrichen.

Obwohl sich die betroffenen Städte und Gemeinden zusammen mit dem Bundeswehrstandort länderübergreifend in einem Städtebund zusammengeschlossen haben und sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung der Infrastruktur beschäftigen, sind kaum Erfolge zu verzeichnen bzw. in Sicht.   

Bleibe noch anzumerken, dass der Weg Annaburg – Löben in den 80iger Jahren wieder freigegeben und 2005 als Ortsverbindungsweg (gesperrt für LKW) ausgebaut wurde.

 

Bernd Hopke

 

Quellen:

  •  Johannes Falke, Die Geschichte des Kurfürsten August von Sachsen in volkswirtschaftlicher Beziehung; Leipzig S. Hirzel 1868
  • Öder, Georg d. J., Forstzeichenbuch, 16.Jh. –   Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Forstzeichenbuch 47
  • Karte, Annaburg (Ort, Schloß- und Tiergarten) – Alter Plan des Ortes und des Schlosses Annaburg und der 1578 zu Anlegung einer Baumschule geschlagenen kreisrunden Rodung von 1600 Ellen im Durchmesser, welche mit zahlreichen Fischbehältern besetzt war; Sächsisches Staatsarchiv
  • Ausschnitt der Karte Nachzeichnung (18. Jh):  Lochische und Seydische Heide mit den umliegenden kleineren Wäldern und Gehölzen, 1556, im Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 006, F 080, Nr 013
  • Karte der Annaburger Heide, 1633, Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten und Risse, Nr. Schr 003, F 044, Nr 001
  • Straßenkarte des Amtes Annaburg, 1692,  Sächsisches Staatsarchiv, 12884 Karten u. Risse, Nr. Loc. 34333, Rep.41, Gen. Nr.178, Bl. 22
  • Karte, Amt Annaburg; mehrfarbig; 17. Jh.; Johann Georg Schreiber; Sächsisches Staatsarchiv.
  • Karte, Amt Annaburg; mehrfarbig; 17. Jh.; Matthaeo Seuttero, Georg Caesar; Sächsisches Staatsarchiv.
  • Internetportal der Staatliche Kunstsammlung Dresden unter http://www.skd.museum/de/museen-institutionen/zwinger-mit-semperbau/mathematisch-physikalischer-salon/index.html Zugriff 01/2011
  • Verein f. Heimatgeschichte u. Denkmalpflege Annaburg (Hrsg.) Jagdschloß Annaburg – Eine geschichtliche Wanderung, Horb/Neckar 1994;
  • Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
  • Heintze, Otto: „Annaburg das Städtlein an der Heide“ Geschichtlicher Rückblick, aus gebundene Beilagen der „Annaburger Zeitung“ 1930
  • Duden, Grundwissen-Geschichte, Verlag Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG Mannheim 1996
  • Geschichte der Kartografie – Wikipedia unter de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Kartografie; Zugriff 01/2011
  • Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. „Sächsische Biographien“ http://saebi.isgv.de/biografie
  • Bernd Hopke, Tiergarten von Annaburg; Eigenverlag, unveröffentlicht Annaburg 2008
  • Bernd Hopke, Annaburg durch die Jahrhunderte 1000-1990; Eigenverlag, unveröffentlicht Annaburg 2011