Mittelalter

700 – 1200 Früh- und Hochmittelalter – Slawenzeit

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Will man über das Mittelalter in unserer Region berichten, fällt einem auf, dass die vorhandenen Informationen dünn und teilweise widersprüchlich sind. Wen wundert das, denn zu 2/3 der besagten Zeit war unsere Region schließlich durch Slawen besiedelt. Denn die Grenze der Deutschen bildete bis ins 12. Jahrhundert noch die Elbe. Unsere Region war demnach im Früh- und Hochmittelalter Slawisch. Zwischen Saale, Mulde und Erzgebirge erstreckten sich die sorbischen Länder „Dalminze, Lusizi und Nizici“. Zu letzterem gehörte das Land zwischen Elbe und Elster; in sorbischer Sprache „Mezumroka“ – „Land zwischen den Flüssen“ – genannt. Frühslawische Funde konnten bislang in unserer Region  noch nicht geborgen werden. Aber am Fuße des bronzezeitlichen Gerbisbacher Burgwalles und des Burgwalles in Prettin sind slawische Besiedlungsspuren nachgewiesen. Die Burgwarte an der Elbe belegen, dass unsere Region von den Slawen beherrscht, die sich vor allem im Hochmittelalter noch der Deutschen Expansion erwehren mussten.ps_20161017191133

Auch wenn sich die Forscher heute noch darüber streiten, wann die ersten slawischen Siedler in den Raum zwischen Ostseeküste und Elbe einwanderten. Übernommene germanische Gewässernamen wie Elbe, Oder, Saale und Havel lassen vermuten, dass sie noch auf eine germanische Restbevölkerung stießen.

Sicher beweisen lässt sich das bislang jedoch nicht, denn die frühesten dendrochronologisch datierten Nachweise für die Anwesenheit der Slawen zwischen Elbe und Oder stammen aus dem frühen 8. Jh. n.Chr. Als Urheimat der späteren Elb- und Ostseeslawen kann die Ukraine angenommen werden.

Unter dem Druck der reiternomadischen Awaren zogen slawische Bevölkerungsgruppen im 6. Jh. n. Chr. In Richtung Mitteleuropa und bildeten in den folgenden Jahrhunderten auch an der südlichen Ostseeküste neue Stämmen und Herrschaften. Nach der Unterwerfung der Sachsen durch Karl dem Großen (785 n.Chr,) und der Expansion des fränkischen Reiches in Richtung Elbe gelangten die Slawen stärker in den Fokus karolingischer und später ottonischer Missions- und Expansionspolitik.ps_20161126202811

Die deutschen Stämme waren durch ihren christlichen Glauben zu einem einheitlichen Reich verschmolzen, das befähigte sie auch zu einer machtvollen expansiven Außenpolitik. Die Slawischen Stämme dagegen hatten unterschiedliche Gottheiten die sie verehrten. Nach außen mussten sie sich gegen die Dänen, Polen und Sachsen verteidigen und untereinander kämpften sie um die Vorherrschaft in ihrem Siedlungsgebiet. In Abhängigkeit von der jeweiligen Bündnispolitik oder dem militärischen Geschick der jeweiligen Stammesfürsten wechselten – regional und zeitlich unterschiedlich – Selbständigkeit, Tributabhängigkeit und völlige Unterwerfung der einzelnen Stämme einander ab.

Der äußere Druck löste verstärkten Widerstand gegen Kirche und Herrschaft aus. Mit dem Aufstand von 983 n. Chr., der sich gegen die Bischofssitze in Brandenburg und Havelberg richtete, schüttelten die Slawen den Einfluss des Ottonischen Reiches und der christlichen Mission vorerst ab. Durch dieses Ereignis gewann der Lutizenbund, der slawische Stämme (Wilzen, Lusizi und Teile der Sorben) aus dem Gebiet von Peene bis an die obere Havel vereinte, an Bedeutung. Dennoch konnten sie dem nachfolgenden Druck der deutschen Ostexpansion nicht mehr lange standhalten. Aber sie sicherten sich teilweise bis ins 12.Jahrhundert ihre politische Unabhängigkeit.


Wie lebten die Slawen in unserer Region

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Das politische und häufig auch das wirtschaftliche Zentrum der slawischen Stammesgebiete lagen meist in einer vollständig aus Erde und Holz erbauten Burg. Eigentlich sollten die Reste dieser Befestigungsanlagen bis heute in unseren Kulturlandschaften sichtbar sein. Die slawischen Burgen waren stets optimal an die jeweiligen topographischen Voraussetzungen angepasst. Bei uns wurden Niederungsburgen errichtet, die Wasser und Sumpf zum natürlichen Schutz nutzten.

Der islamische Reisende Ibràhim ibn Ja’qùb schrieb 960-965 über die Kampfkraft der Slawen:

„Im allgemeinen sind die Slawen kühn und angriffslustig, und, wenn sie nicht in eine Menge von sich verästelnden Zweigen und sich trennenden Unterabteilungen zersplittert wären, so würde kein Volk auf Erden ihrem Ansturm standhalten…..“

ps_20161127211859Da am deutschen „Grenzwall“ eine Vielzahl von Burgwarte gegründet wurden, in unserer Region wie z.B. Prettin (Erstnennung 965, slawisch Pretimi), Axien (Erstnennung 965) und Klöden (Erstnennung 965) sowie Dommitzsch (Erstnennung 981) und Pretzsch (Erstnennung 981), kann man nicht davon ausgehen, dass die Gegend zwischen Elster und Elbe von Slawen unbewohnt war. Anderseits müssen auch die hier lebenden Slawen auf Grund der äußeren Bedrohung in unserer Region ihre Fluchtburgen als Stammessitze und Rückzugsgebiete gehabt haben. Der Burghügel bei Zwiesigko kommt leider nicht in Frage, weil seine Nutzungsperiode in der Bronzezeit lag – also vor dem „Eintreffen“ der Slawen in unserer Region. Als Slawisch hingegen gelten die Burghügel in Plossig, Battin und Steinsdorf. 

Grenz Gau - Ausgangssituation um 900
Grenz Gau – Ausgangssituation um 900

Häufig waren die Befestigungswerke mehrteilig angelegt: Außerhalb der Hauptburg gab es vorgelagerte Wälle, Gräben und die so genannten Vorburgen. In den Vorburgen wohnten vor allem Handwerker und Händler, die wirtschaftlich von der in der Burg ansässigen Obrigkeit abhängig waren. Die Feinschmiede die u.a. hier arbeiteten verarbeiteten das Beutegut, Gold- und Silber und fertigten daraus für die wohlhabende Kundschaft Schmuckgegenstände. Waren und Güter, die nicht im eigenen Siedlungsgebiet hergestellt werden konnten, wurden teilweise über weite Entfernungen hinweg eingehandelt. Bedeutende Handelswege verliefen auch über unser Gebiet. Diese Wege galt es zu sichern – genau wie es auch die Deutschen am anderen Ufer der Elbe machten. Das Gebiet zwischen Elbe und Elster war häufiges Überschwemmungsland, Wasserreich und Sumpfig – nur mittels Führer konnte man das Gelände durchqueren. Wo werden die Schutzburgen zu suchen sein – dort wo die Wege waren – und meist verblieben diese Wege über die Jahrhunderte genau an diesen Stellen.ps_20161126203433Danach könnten Burgen auch dort wo heute noch Siedlungen sind – vorrangig an den Flussübergängen – wie z.B. Herzberg, Löben, Schweinitz und Jessen, gestanden haben. Eine nationalistische Geschichtsschreibung verhinderte in der Vergangenheit eine entsprechende Fragestellung dazu. Wer wollte denn auch, dass die Gründung seines Ortes einen Slawischen Ursprung hat?

ps_20161126203601Der islamische Reisende Ibràhim ibn Ja’qùb schrieb 960-965 über das Wirtschaftsleben der Slawen:

„Sie bewohnen von den Ländern die ergiebigsten an Fruchtbarkeit (rair) und reichsten an Lebensmitteln. Sie befleißigen sich des Ackerbaues und Unterhaltserwerbes und sind darin allen Völkern des Nordens überlegen. Ihre Waren gehen auf dem Lande zu den Rus und nach Konstantinopel. … Sie säen in zwei Jahreszeiten, im Hochsommer und im Frühling und bringen zwei Ernten ein; am meisten säen sie Hirse.“

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Die Mehrheit der Bevölkerung wohnte in kleinen Dörfern oder Einzelgehöften und lebte von der Landwirtschaft. Sie bestanden meist aus 2-5 Bauernstellen. Die kleinen grubenartig eingetieften Häuser maßen selten mehr als 5 Meter. Sie wurden aus Holz in Flecht- und Stab-, seltener in Blockbauweise errichtet. Es ist nachgewiesen, dass in derartigen Anlagen zumeist die Nachkommen einer Großfamilie lebten. Als Nutztiere wurden vor allem Schweine gehalten, die in den umliegenden Wäldern ausreichend Nahrung fanden, aber auch Rinder, die als Fleisch- und Milchproduzenten sowie als Arbeitstiere dienten. Darüber hinaus hielten die slawischen Bauern Schafe, Ziegen und Pferde. Große Bedeutung hatte die Imkerei, die den damals einzigen und begehrten Süßstoff Honig und gleichzeitig Wachs für Kerzen lieferte. Mit Hilfe einfacher Hakenpflüge, die teilweise mit eisernen Pflugscharen ausgestattet waren, und hölzernen Eggen wurde der Boden für den Anbau von Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Hirse bereitet. Zu den gebräuchlichen Kulturpflanzen zählten auch die Hülsenfrüchte Erbse, Linse und Ackerbohne sowie Lein als Ölfrucht. In den Gärten wurden Zwiebeln, Möhren, Mohn, Rüben und Gurken sowie Gewürzpflanzen gezogen. Die Jagd und vor allem der Fischfang sowie das Sammeln von wild wachsenden Beeren, Obst, Nüssen und Pilzen bereicherten den Speisezettel zusätzlich.ps_20161127212146Die landwirtschaftliche Produktion war stets auf die Gewinnung von Überschüssen ausgerichtet: Die Bauern mussten den größten Teil der Nahrungsmittel für die in den Burgen lebenden Stammesfürsten und die in den Vorburgen ansässigen Handwerker und Händler erwirtschaften. Darüber hinaus wurden land- und forstwirtschaftliche Produkte wie Felle und Honig überregional gehandelt.

ps_20161126203648In den Siedlungen wurden häufig Spinnwirtel und Webgewichte gefunden. Sie sind ein Beleg für die Herstellung von Textilien in „Heimarbeit“. Fell- und Lederreste zeigen, dass auch Gerber-, Schuhmacher- und Sattlerarbeiten ausgeführt wurden. Körbe und Fischreusen wurden aus Weidenruten und Wurzelfasern geflochten. Besonders wichtig waren die Herstellung von Keramikgefäßen, die Verhüttung von Raseneisenstein zu Eisen und dessen Weiterverarbeitung durch Schmieden. Feinschmiede fertigen Schmuck wie Schläfenringe, Anhänger und Fingerringe in Bronze oder Silber. Aus Tierknochen wurden Kämme und nadeln geschnitzt.

ps_20161127211804Die Slawen waren zudem meisterhafte Zimmerleute. Ihre Häuser und Brücken, aber auch Boote und Wagen bauten sie aus Holz der heimischen Wälder. An Drechselbänken wurden Schalen, Teller und vieles mehr hergestellt. Am Rand oder in der Nähe der Dörfer rauchten die Kohlemeiler.

Glaubt man den Überlieferungen, sollen die kriegerischen Auseinandersetzungen sich über 100 Jahre hingezogen haben.


Spätmittelalter

ps_20161017191819Die Deutsche Eroberung des Gebietes erfolgte im Hochmittelalter, somit kann man sagen dass die Deutsche Geschichte in unserer Region eigentlich erst im  Spätmittelalter beginnt.

Diese langanhaltende kriegerische Auseinandersetzung führte zwangsweise zur Dezimierung der Bevölkerung, auch deswegen waren nach der deutschen Eroberung und Sicherung des Gebietes notwendig, deutsche Siedler ins Land zu holen. Aus archäologischer Sicht ist aus der Zeit der Eroberung und der Kolonialisierungsbewegung des 11. bis 13. Jahrhunderts nur sehr wenig erhalten geblieben. Aus der Gemarkung Annaburg stammt lediglich das Fragment einer romanischen Gürtelschnalle. Die deutschen Neusiedler bekamen eine Königshufe umfassende Siedlungsfläche als erblichen Besitz zugeteilt. Sie waren nur zu geringen Abgaben verpflichtet. Bei Bedarf mussten dem Markgrafen Vorspanndienste geleistet werden. Mit der Ansiedlung deutscher Bauern verändert sich auch das Gesicht unserer Dörfer. So wird die Einführung des Fachwerkbaues ebenso wie die Trennung von Wirtschafts- und Wohngebäuden mit eingefriedetem Hofraum den fränkischen Einwanderern zugeschrieben. Außerdem brachten sie die Kenntnis über die Nutzung der Wasserkraft mit, sodass die ersten Wassermühlen bei uns entstanden. Die aus den Niederlanden einwandernden Kolonisten brachten ihre gerade für unsere sumpfige, wasserreiche Gegend so nützlichen Kenntnisse von der Eindeichung und von der Nutzung der Windkraft mit in ihre neue Heimat. Aber auch die Ziegelherstellung geht auf sie zurück.

Nach der deutschen Eroberung und teilweisen Besiedelung, erfolgte in der Lausitz (Nieder- und Oberlausitz) und im Land zwischen Elbe und Elster eine allmähliche Vermischung mit den eingewanderten deutschen Siedlern.

In der Zeit des Spätmittelalter erfolgte auch die Entfaltung der Wirtschaftskraft in den eroberten Ostgebieten, vor allem hier in Sachsen. Zwar mussten auch die deutschen Bauern mit ihrem Überschuss Städte und Adel ernähren, aber sie hatten doppelt soviel Land (Königshufe) zur Verfügung als aus den Gebieten woher sie kamen. Auch damit wurden die wirtschaftlichen Voraussetzungen der folgenden Reformation hier geschaffen. Ein Indiz für die wirtschaftliche Kraft der hiesigen Bauern ist auch darin zu finden, dass die Bauernaufstände am Ende des Mittelalters vorrangig im Süddeutschen Raum entstanden und bei uns nur im alten Stammland zwischen Harz und Thüringer Wald.  

 

Bernd Hopke

 

Quelle

  • J. Herrmann; Die Slawen in Deutschland, Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert, Berlin 1985
  • C. Lübke, Die Elb- und Ostseeslawen in Europas Mitte um 1000. Beiträge zur Geschichte, Kunst und Archäologie; Bd.2; Stuttgart 2002
  • Hauke Jöns u. Jochen von Fircks; Groß Raden, Altslawischer Tempelort des 9. u. 10. Jh., Museumsführer; Schwerin 2012
  • G. Jacob, Arabische Berichte von Gesandten an germanischen Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jh.; Berlin/Leipzig 1927