Auf der Flucht

Flucht aus Posen (Ostpreußen) 1945


ps_20161121152212über Torgau/Annaburg in den amerikanisch besetzten Teil Deutschlands


Asta Margarethe Korth (1914-1992) berichtete über ihre Flucht aus Posen (Ostpreußen), dass sie verlassen haben nachdem um den 20. Januar 1945 aus Lodz berichtet wurde:

Als die Menschen dort nachmittags aus den Kinos kamen, liefen Russen durch die Straßen. Sie waren also nur noch wenige Stunden von Posen entfernt!“.

Die Korth’s waren jung verheiratet, sie war schwanger und ihr Man Günther war ein höherer Verwaltungsangestellter in Posen. Günter brachte seinen seit dem Verlust seines Beines stillgelegten Wagen in Gang und sie verließen am 20. oder 21. Januar 1945 Posen.

Sie waren mit ihrem Auto besser dran als die tausend anderen Flüchtlinge die sich nur mit Handwagen oder Kinderwagen meist zu Fuß auf den Weg machen mussten.

Es war sehr kalt. Die Straßen waren völlig verstopft, denn inzwischen war alles auf den Beinen. Die wenigen Züge für Zivilisten waren restlos überfüllt, es blieben die meisten zurück. Jetzt rächte es sich, daß keinerlei Vorbereitungen für eine geordnete Räumung der Stadt getroffen worden waren. Hinzu kam, daß die Flüchtenden mit den nach Osten geworfen Truppen zusammentrafen, wodurch ein heilloses Durcheinander herrschte. Ich zitterte bei jedem Halt, daß der Wagen nicht wieder ansprang, denn das war damals immer ein Problem im Winter. In den frühen Morgenstunden fuhren wir dann in das völlig zerstörte Berlin hinein, zu apathisch und müde allerdings um das richtig zu realisieren. Wir fragten uns zum Innenministerium durch, wo Günter sich Weisungen für seine weitere Verwendung holen mußte. Noch am Vormittag machten wir uns weiter auf, auf den Weg nach Torgau.“
Letzte Kriegswochen in Torgau
„Die Wochen in Torgau waren hektisch und voller Unsicherheit. Günter hatte viel zu tun und teilweise brisante Entscheidungen zu treffen. Die Nachrichten überschlugen sich täglich. In Erinnerung ist mir ein überraschenden Besuch von unserer Freundin Margret geblieben, die mit einer Flasche selbstgemachten Eierlikörs eines Tages bei Günter im Büro stand, nur um mal nach uns zu sehen. Was ein solcher Besuch bei den damaligen Verkehrsverhältnissen bedeutete - sie wohnte in Dresden und hatte dort gerade den furchtbaren Bombenangriff erlebt - kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Auf der Rückfahrt wurde ihr Zug durch die vorrückenden Russen gestoppt und sie musste weite Umwege fahren, um dann doch noch nach Dresden durchzukommen.
Vor der Tür des Hauses, in dem wir wohnten, stand ein großer herrlich blühender Magnolienbaum. Eines morgens wurde er ungehauen, um den sich nebenan verbergenden Soldaten nicht die Sicht zu nehmen. Ich habe diesen Anblick nie vergessen und er kommt mir jedes Jahr wieder in Erinnerung, wenn ich blühende Magnolien in ihrer Pracht sehe. Günter wurde jeden Morgen mit Pferd und Wagen abgeholt. Eines morgens kamen Tiefflieger, während der alte Kutscher wartete. Die Pferde stiegen hoch und der alte Mann konnte sie nicht mehr bändigen. Ich lief runter und versuchte mit ihm, die Pferde zu beruhigen und zu halten, was auch gelang.“
 In Annaburg
 „Mitte April wurde Torgau geräumt. Wir wohnten für den Rest der Zeit in Annaburg und fuhren jeden Morgen in das leere Torgau hinein, wo Günter nach wie vor zu 'residieren' hatte. Ich fuhr immer mit, damit wir nicht durch die Kriegsgeschehnisse auseinander gerissen würden. Dabei fungierte ich als 'Looky-Looky', weil die feindlichen Tiefflieger auf einzelne Personen schossen und man bei Annäherung derselben schnell in den nächsten Graben springen musste.
Aber so weit kam es für uns zum Glück nicht. Eines Tages saß ich im leeren Zimmer im Landratsamt und aus dem alten Volksempfänger dröhnte die Stimme von Goebbels anlässlich von Hitlers Geburtstags (20.04). Unvergesslich seine Worte "Es wird schöner denn je!" - und dies in der Lage, in der wir uns damals alle befanden. Es gab dann einen Schlag im Apparat, wohl von einem Bombeneinschlag, und es war still. Die letzte Propagandarede!“
 „In den Tagen danach mussten auch wir Torgau verlassen. Als Landrat hätte Günter zuletzt noch die Elbbrücke sprengen lassen müssen, die Tags (25.04.) darauf weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Es gelang ihm aber, im entscheidenden Moment nicht auffindbar zu sein. Über die schöne Brücke waren wir oft gegangen, hinüber auf die andere Seite der Elbe zu einem kleinen Obstgarten, der zum Landratsamt gehörte.“ 
Auf dem Weg zur „rettenden“ Mulde

Die Flucht der Familie Korth führte über Burgkemnitz in Richtung Mulde. Bevor sie die rettende Muldegrenze erreichten;

„sahen (sie zu ihrem) Entsetzen die bisher dort stationierten Amerikaner zu Ihren Jeeps eilen bzw. auf Lkws das Dorf verlassen. Wenige Stunden später kamen die ersten russischen Panjewagen. Wir hielten uns möglichst leise in unserem Raum versteckt aber gegen Abend stand der erste Russe bei uns vor der Tür und redete unverständlich auf uns ein. Zum Glück verstand unsere Sascha etwas russisch und erwiderte mit einem Wortschwall. Es war ein Kommissar mit einer gewissen Befehlsgewalt und er machte ein Zeichen, wir könnten vorerst bleiben. Die nun folgende Nacht war furchtbar. Draußen hörte man die johlenden Russen, … und man hörte das Knallen und dann hörte man die zurückgebliebenen Frauen schreien.“

Ihr Entschluss stand fest: Nichts wie weg, egal wie es ausgeht! Sie erreichten Kleckewitz, einem kleinen Ort direkt an der Mulde.

„Der Ort war voller Flüchtlinge, ganze Trecks aus dem Osten lagerten dort, aber wir bekamen ein Unterkommen in einem kleinen Privathaus, wo wir zu mehreren in zwei Betten liegen mußten - und waren froh darüber! Tagsüber hielten wir uns meist an der Mulde auf, inmitten all der Flüchtlinge, die gleich uns auf eine Möglichkeit warteten und hofften, über die Brücke gelassen zu werden. Bis zur Mitte der Brücke konnte man gehen, dort waren die amerikanischen Posten. Die Gerüchte liefen herum, ob oder auch nicht die Sperre geöffnet würde. Einige verloren die Nerven und versuchten durch den Fluß zu schwimmen. Die Amis zielten ins Wasser, nicht etwa, um die Leute zu treffen, sondern um sie zurückzutreiben, aber einige Schwimmer bekamen daraufhin einen Schock und ertranken.“

Ein amerikanischer Arzt nahm die schwangere Frau und ihren Man mit in den amerikanisch Besetzten Teil Deutschlands (Hinter die Muldelinie). In Köthen wurde das Baby gesund auf die Welt gebracht und dann ging es über den Thüringer Wald nach Wiesbaden zu ihren Eltern und Verwandten.

 „… als Günter kurz vor neun Uhr abends klingelte, schaute mein Vater aus dem Fenster. Nie vergessene ich den Anblick, als er in seinem alten Militärmantel völlig abgemagert zu mir an den Wagen kam und ich ihm das Baby in den Arm legte mit den Worten: "Das ist Dein Enkel, den haben wir Euch mitgebracht!" So endete unsere Flucht nach über fünf Monaten!“
Bernd Hopke

Annaburg©2008
 

Quelle

  • www.swr.de/swr2/zeitenwende/zeugnisse/1940/texte/korth_2.shtml Zugriff 05/2008