Außenlager Buchenwald

Das KZ am weißen Berg  

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Das KZ Buchenwald hatte zeitweilig bis 136 Außenkommandos. Diese Kommandos waren sowohl Orte der Isolierung von Antifaschisten und anderen Hitlergegnern als auch Zentren unmenschlicher Ausbeutung im Dienste der deutschen Rüstungsindustrie.

Der Krieg hatte sichtbare Struktur- und Nutzungsänderungen der Konzentrationslager gebracht. Dienten Sie bis 1942 der physischen und psychischen Isolierung und Vernichtung der politischen und anderer störender „Elemente“ des Hitlerregimes. So erfolgte ab 1942 die allmähliche Überführung der KZ aus ihrer früheren einseitigen politischen Form in eine wirtschaftliche Aufgaben zu erfüllende entsprechende Organisation, zur planmäßigen „Vernichtung durch Arbeit“. Die für das „Verleihen“ der Arbeitskräfte zuständige SS kalkulierte die durchschnittliche Lebensdauer der arbeitenden Häftlinge auf maximal neun Monate. Wobei sie bei jedem Häftling auf einen Gewinn von 1.631 Mark kam, „zuzüglich Erlös aus Knochen- und Ascheverwertung“. Die SS kassierte in der Regel für jeden ausgeliehenen KZ-Häftling pro Tag vier bis sechs Reichsmark. Dies ging einher mit der Errichtung von dezentralen Außenstellen der jeweiligen Hauptlager.

Für die Errichtung von Außenkommandos war eine verkehrsgünstige Lage zu den geplanten Produktionsstätten, in erster Linie Rüstungsbetriebe, bestimmend. Die Auswahl der Häftlinge erfolgte nach fachlicher Eignung und Arbeitsfähigkeit, nicht nach der Nationalität oder Häftlingsgattung.

Die von der SS angewandten Terror- und Strafmethoden führten zu einer hohen Sterblichkeitsrate bei den Häftlingen. Auf Grund der unterschiedlichen nationalen Zusammensetzung in den Außenkommandos gab es große Verständigungsschwierigkeiten und erschwerte Solidaritäts- und Widerstandshandlungen. Trotzdem versuchte das illegale internationale Lagerkomitee im Stammlager Buchenwald, Kontakte mit den Außenkommandos durch zuverlässige Genossen zu halten, die größten „Arbeitgeber“ von KZ-Häftlingen waren:

♦ die Amtsgruppe C "Bau" für die Verlagerung der Flugzeugindustrie in unterirdische, Ausweichstätten;
♦ IG Farben AG
♦ Herman Göring Konzern
♦ Hugo Schneider AG (Hasag)
♦ Brabag
♦ verschiedene Firmen der Flugzeugindustrie;

Das Außenlager Annaburg des KZ Buchenwald entstand als Barackenlager am so genannten Weißen Berg, einem flachen Sandhügel. Er liegt zwischen Annaburg und Purzien im Altkreis Jessen, abseits der Straße Annaburg-Schweinitz

ps_20161121171933Durch ein Waldstück, das „Ziegendickicht“, war das Lager von der Straße her nicht einsehbar.

Zugang zum Lager fand man nur über einen Feldweg, der an der ehemaligen Proschwitz-Mühle vorbei in Richtung Purzien führte.

ps_20161121172403Baubeginn des Lagers war nach Zeugenaussagen von Bürgern des Kreises September/ Oktober 1944. Zuerst wurde eine Feldbahn von der Straße nach Schweinitz entlang der früheren Waldgrenze gelegt. Damit wurde das benötigte Baumaterial zum Weißen Berg transportiert.

Das Lager war durch einen Stacheldrahtzaun der unter elektrischer Spannung stand gesichert. Zusätzlich wurde die nach Pruzien gerichtete Frontseite des Lagers mit einem hohen Bretterzaun als Sichtschutz für Außenstehende ausgestattet. Das erfolgte, da die Bäume keinen ausreichenden Sichtschutz zu dieser Seite hin gewährleistete.  Warnschilder, in 1oo – 2oo m Entfernung aufgestellt, verbot die Annäherung an das Lager. Die Proschwitz-Mühle stand in Richtung Annaburg am nächsten zum Außenkommando, wohl tausend Meter weg nur und auf freiem Felde. Dorthin führt auch die seinerzeit von den Häftlingen geschlagen Trasse für die Elektroleitung, damit im Lager Strom war und die Hochspannungszäune betrieben werden konnten.

ps_20161121172811Das Lager bestand aus drei Holzbaracken für Häftlinge, in der damals üblichen Art und Größe aus Fertigteilen errichtet, aus einer massiv gemauerten SS-Baracke und einem nicht überdachten Waschplatz (etwa 12 m lang und 5 m breit). Die SS- Baracke stand links vom Eingangstor und war in eine Wachstube, einem Büroraum und Speiseraum für die SS-Mannschaft unterteilt. Ein Teil dieser Baracke war unterkellert. Neben dem Eingangstor stand ein Postenhäuschen. Die Häftlinge wurden streng bewacht. Jeder Kontakt- zur Zivilbevölkerung wurde unterbunden. Zivilpersonen mit besonderen Aufträgen (z.B. Essentransport ins Lager), wurden zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet; durften keine Fragen stellen oder Antworten geben, „sonst kämen sie selbst in ein Lager.“ (Aussage des deutschen Kapos).

Nach Befragung ist von etwa 3o Häftlingen die Rede, wobei es denkbar ist, dass dabei nur die Zahl von einem ausrückenden Arbeitskommando enthalten ist, denn Archivmaterial des KZ Buchenwald weist für Januar 1945 eine Zahl von 100 Häftlingen in Annaburg aus. Unter den Häftlingen befanden sich vorwiegend sowjetische Kriegsgefangene (Russen und Ukrainer), auch Belgier, Polen und möglicherweise Angehörige anderer Nationen können hier inhaftiert gewesen sein. Die Häftlinge, unterschiedlicher Nationalität, haben nach den Unterlagen des KZ Buchenwald vom 08.01.1945 – 16.03.1945 für Annaburger Gerätebau GmbH im Auftrag der Siebel Flugzeugwerke in Halle in den Produktionsstätten in Annaburg gearbeitet.

ps_20161121182757Der Marsch der Arbeitskommandos zur Produktionsstätte im Annaburger Steingutwerk erfolgte auf zwei Wegen, einmal durch die Feld- und Friedensstraße, zum anderen durch die Schweinitzer Straße, der heutigen Mühlen- und Torgauer Straße. Es mussten daher insgesamt 6,5 km täglich durch die Häftlinge zurückgelegt werden.

Das Erscheinungsbild der Häftlinge war das bekannte, ausgemergelt, schmutzig, z.T. zerlumpte Gestalten in grauer oder gestreifter Häftlingskleidung mit kahl oder kurz geschorenen Köpfen. Die Füße steckten in Fußlappen und klobigen Holzschuhen. Die Arbeitskommandos wurden stets von mehreren SS-Leuten streng bewacht, Kontakte durch Bürger waren also nicht möglich und wurden sofort unterbunden.

ps_20161121160447Auf dem Gelände des heutigen Sintolanwerkes Annaburg (Annaburger Porzellanfabrik) wurden 1944 Außenproduktionsstätten der Hensel-Flugzeugwerke Berlin und der Siebel-Flugzeugwerke Halle in zwei großen Hallen mit je 1600 m² eingerichtete. Gründe dieser Verlagerungen waren die verstärkten Bombenangriffe auf Städte und Industrieanlagen. Unter der harmlosen Firmenbezeichnung „Annaburger Gerätebau GmbH“ wurden Zulieferteile (Fahrgestell-, Abdeckrohre, Antriebsteile u.a.) für die Raketenwaffen V 1 und V 2 gebaut. Weiterhin sollte die Produktion von Tragflächen für Jagdflugzeuge aufgenommen werden.

ps_20161121182714Die streng geheime Produktion lief zweischichtig, je 12 Stunden, auch an den Wochenenden. Möglicherweise war noch an eine Erweiterung der Rüstungsproduktion in Annaburg gedacht, doch dies wurde durch den siegreichen Vormarsch der Truppen der Antihitler-Koalition verhindert. Aus Buchenwälder Unterlagen geht hervor, dass am 16. März 1945 94 Häftlinge von Annaburg nach Buchenwald überführt wurden.

„Im Jahr nach der Befreiung wurden der Wald gerodet und die Häftlingsbaracken abgetragen. Die Neubauern der Umgebung brauchten Baumaterial und Acker..."

Damit, endet die Geschichte dieses Außenlagers in Annaburg.

 

Bernd Hopke

Quelle:

  • Frank Schumann, Junge Welt Nr.85 vom 11.04.1986
  • AG“Junge Historiker“ Leiter B. Hohler, Archiv des Verein für Heimatgeschichte und Denkmalpflege Annaburg e.V.