Besetzt

Die Rote Armee in Annaburg

Entgegen der allgemeinen Erwartungshaltung kommt jetzt kein Augenzeugenbericht über Vergewaltigung und Mord durch Angehörige der Roten Armee, sondern wie es überwiegend zugegangen ist beim Einmarsch und der Besetzung durch die Rote Armee. Vergewaltiger und Plünderer wurden wie in anderen Armeen auch innerhalb der Roten Armee zur Rechenschaft gezogen. Natürlich waren Deutsche bei diesen Prozessen meist nicht zugegen. Dennoch sind solche kriminellen Handlungen auch in Annaburg passiert. Z.B. der Tod von Otto Heinze, aber nicht zuletzt wegen der Erwartungshaltung folgt hier ein anderer Augenzeugenbericht. Ostdeutschland oder die SBZ (Sowjetische Besatzungszone) blieb entgegen den Gepflogenheiten bei den Alliierten durch Angehörige der Kämpfenden Truppe besetzt. Die Sowjetunion hatte auf Grund ihres Zerstörungszustandes und auch der hohen personellen Verluste nicht die Möglichkeit, die Kraft, und sah vielleicht auch nicht die Notwendigkeit usw. ihre Besatzungstruppen auszutauschen. England und die USA taten dieses. Ihre Truppen wurden ausgetauscht, d.h. ihre Besatzungstruppen waren nicht durch Kriegserlebnisse Traumatisiert, demzufolge hatten sie auch keine größeren disziplinarischen Probleme.

„Sechs russische Soldaten stolperten später munter in Siegerlaune und plündernd durch alle Räume. Unseren Müttern, junge Frauen damals, schlug das Herz vor Angst bis zum Hals. Sollten die Russen doch nur die Butter in sich hineinstopfen, die auf dem Tisch stand. Die Hauptsache, sie tun uns nichts, war ihr einziger alles beherrschender Gedanke.
Später sah man, dass im ganzen Haus keine Uhr mehr war, alles war geplündert, denn auf "Uri", "Uri" waren sie scharf. Sie konnten von überall her nicht genug davon mitnehmen. Da kam meiner Mutter die Erinnerung nach der Aufregung. Plötzlich wusste sie, dass sie in eine kleine weiße Steingut-Gewürzdose ihre goldene Armbanduhr in letzter Minute gelegt hatte. Sie schaute nach und - da war sie! Welche Freude! Das Geschenk meines Vaters und wenigstens eine Uhr für das ganze Haus waren gerettet. Bei meiner Großmutter, die ebenfalls ein solches Gewürzregal hängen hatte, haben sie jedes Döschen einfach ausgeschüttet und dabei nichts gefunden. Sicher hatte die ergebnislose Sucherei die jungen Armisten nicht animiert, bei uns so weiter zu wüten. Große Sorge hatte man in der Familie um Hildchen, meine damals 16jährige älteste Cousine, Marthas und Willis Tochter. Vor den Russen musste sie erst mal versteckt werden. Aber wohin? Schließlich kam sie zu uns in die große Hundehütte hinter dem kleinen Haus auf dem Hof. Zusammenkauern und keinen Laut — das wusste sie! Doch als die Russen in ihr Elternhaus, nur wenige Meter von uns entfernt, eintraten und ein freundlich umherschauender Offizier ein Familienbild entdeckte, auf dem eben neben drei Söhnen noch die Tochter zu sehen ist, fragte er unnachgiebig: "Wo ist sie?". Nur zögernd gaben ihm die Eltern angstvoll Auskunft. Sie solle kommen, es werde ihr nichts passieren — war seine Anweisung. Und so war es. Die Russen quartierten sich ein und man ging ohne Querelen miteinander um. An viel Neues mussten sich alle Einwohner nun gewöhnen. Viele Unverständlichkeiten, Ängste und Nöte gab es. Der eingesessene Zahnarzt zum Beispiel hat sich und seine Familie vergiftet, um ja nicht den Russen in die Hände zu fallen. Große Bestürzung löste das aus. Die Rotarmisten kamen in die Kaserne und wurden streng gehalten. Die Offiziere und die Kommandantur nahmen sich bessere Quartiere. Villen mussten ihnen dienen, natürlich. Sie wussten, was fein ist. Und die Besitzer mussten verschwinden oder für deren leibliches Wohl und ihre Bequemlichkeit sorgen.“

Unmittelbar zum Kriegsende im Mai 1945 beim Einmarsch der Roten Armee haben ihr Leben aus unterschiedlichsten Gründen lassen müssen oder beendet:

1. Otto Heintze durch sowjetische Soldaten erschossen
2. Wilhelm Schmidt
3. Familie Löwendorf (Selbstmord)
4. Familie Freidank (Selbstmord)
5. Familie Dr. Lucke (Selbstmord)
6. Dr. Hans Untucht
7. Familie Oberförster Demuth (Selbstmord)
8. Alfred Wildgrube
9. Elsbeth Schmidt

Bernd Hopke

Annaburg©2008

Quelle
Margit Naumann „Flieg, Käfer flieg…, Nachkriegskindheitserinnerung aus Annaburg, Bücherkammer Herzberg
Edwin Kretzschmann, Aufzeichnungen des Ortschronisten v. Annaburg nach Angaben von örtlichen Zeitzeugen, Privatbesitz