Steingutfabrik

Scherbelbude – Annaburger Steingutfabrik


Der Keramiker Böttcher gründete 1874 in Annaburg den Kleinstbetrieb aus dem sich dann das Steingutwerk mit den Jahren heraus bildete.
Damals wurde in der Hauptsache aus Steingut, Küchengarnituren rein handwerksmäßig hergestellt. Der Antrieb des Rührwerkes erfolgte durch einen Göpel der mit einem Ochsengespann bewegt wurde. 1874/75 wurden zwei Rundöfen mit einer Kapazität von 50-60 m³ gebaut die mit Kohle beheizt wurden. Schon 1877 hatte der Kaufmann Böttcher das 1. Mal für seine Fabrik Konkurs angemeldet. Böttcher hatte aus der Vorschusskasse 11.000 Taler entnommen und weitere 8.000 Taler waren „verunglückte“ Papiere an der Börse (Aktien) die vor allem durch Bürger aus unserem Ort und der Umgebung gezeichnet wurden (haben ihr Geld verloren), …“das sind eben die Gründerzeiten.“ Die Fabrikarbeiter wurden auf die Straße gesetzt und haben ihre Arbeit „von heut auf morgen“ verloren. Für sie war es ein großes Unglück. Trotzdem konnte Böttcher noch mal aus eigener Kraft den Betrieb aufnehmen, aber nur für kurze Zeit, denn am 1. April 1878 wurde erneut Konkurs angemeldet und am 9. November die Böttcherische Fabrik vom Gericht versteigert und verkauft. Die Steingutfabrik schloss 1879 wieder ihre Pforten. Der Junior Böttcher ist nach Amerika ausgewandert.
Erst mit Herr Heckmann aus Berlin kam wieder Leben in die Fabrik. Er hat die Steingutfabrik gekauft, und sie 1883 (1890 andere Quelle) mit nur 10 Arbeitern wieder in Betrieb gesetzt. Unter dem neuen Besitzer Adolf Heckmann, erhielt das nun gewachsene Unternehmen, große Erweiterungsbauten. So wurde ein so genannter langer Stall errichtet der 4 Rundöfen zu je 80 m³ Fassungsvermögen beherbergte. Dabei wurde alles mit Dampfkraft eingerichtet. Jetzt nahm das Unternehmen den Charakter einer Fabrik an. Auch der Anschluss an das deutsche Reichsbahnnetz erfolgte nun. Mit den erweiterten „Neustart“ wurden ca. 100 Arbeiter beschäftigt die Waren mit guter Qualität herstellten die guten Absatz fanden. „Sie können gar nicht genug herstellen“, die Meinung der Zeitzeugen.
Im Sommer 1887 hat der Heckmann seine Steingutfabrik weiter vergrößert. Zur Strasse ist alles zu gebaut worden und ein weiterer Brennofen kam dazu. Beschäftigt sind 130 Mann,
“dadurch ist es jetzt schwer einen Tagelöhner in Annaburg zu bekommen.“ Die Belegschaft stieg in Folge der Erweiterungen kontinuierlich auf 300 Arbeiter. Unter den Arbeitern entstand die Gewerkschaft, der „Porzeliner-Verband“. Es war keine leichte Aufgabe, die 300 Kollegen zum Eintritt zu gewinnen. Es war eine Reihe von Jahren dazu notwendig. Wenn die Betriebsleitung jedoch einen Kollegen fassen konnte, der als Funktionär tätig war, so gebrauchte sie in den ersten Jahren noch ihre Machtbefugnis und entließ ihn. Doch von Jahr zu Jahr wurden neue Mitglieder geworben, und die Arbeiter konnten mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft Lohnforderungen stellen.
Im Jahre 1891 arbeiten in der Steingutfabrik 350 (325 andere Quelle) Leute. „Die Fabrik hat jetzt Telefon, elektrisches Licht und den 7. Brennofen in Betrieb genommen. Weiterhin wurde eine eigene Feuerspritze angeschafft.“ Durch technische Erneuerungen begann ein enormer Aufschwung. In dieser Zeit erhielt die Annaburger Steingutfabrik größtenteils ihr heutiges Aussehen.Darstellung von 1894

Im Januar 1894 war ein großer Streik in der Fabrik ausgebrochen und dadurch großer Aufruhr in Annaburg entstanden, weil die Fabrikleitung sofort Streikbrecher als Dreher und Maler eingestellt haben und die streikenden damit ihre Arbeit verloren haben. Die Auseinandersetzung dauerten bis April und endete mit der Aussperrung der Rädelsführer. Zum 1. Juli 1895 verkaufte Herr Heckmann das damalige Steingutwerk, zu dem noch eine weitere Firma in Magdeburg-Neustadt gehörte. Beide Werke gingen in den Besitz einer Aktiengesellschaft über. Die Annaburger Steingutfabrik wurde in eine AG umgewandelt. Bei der Übernahme der Heckmann’schen Steingutfabrik für 1. Mill. Reichs-Mark betrug deren Grundbesitz 220.322 m² inkl. Beamten- und Arbeiterwohnhäusern. Es existierten bereits 12 Brennöfen in denen hochwertige Steingutgeschirre, Kunsttöpfereien und Plastiken gebrannt wurden. Eingetragener Hauptaktionär war Carl Untucht aus Berlin. Als Vorstände fungierten Dr. Friedrich Untucht – Berlin, Kaufmann Gustav Müller – Annaburg und Dr. Hans Untucht ebenfalls aus Annaburg.
Trotz relativ guter Qualität der Erzeugnisse ging es mit dem Werk in jener Zeit nicht so recht vorwärts. Dies war zweifellos eine Folge der Wirtschaftskrise, die in Deutschland besonders in den Jahren von 1899 bis 1901 herrschte. Das Steingutwerk erreichte 1902 einen kritischen Tiefstand. In dieser für das Werk bedrohlichen Lage wurden die Löhne um 10% gekürzt und man begann neue Erzeugnisse wie 2 ansprechende Küchengarnituren, eine Waschgarnitur, Milchtöpfe und Teller mit kobalt-blauem Zwiebelmuster auf den Markt zu bringen, und die neue Produktion schlug positiv zu Buche. Der zugewanderte Porzellanmaler Emil Sauerbrei aus Selb, der 1903 von der Porzellanmanufaktur Rosenthal kam, brachte die Spritztechnik mit und führte sie im Annaburger Steingutwerk ein. Vier neue 110 m³ umfassende Rundöfen und ein neues vier stockiges Gebäude für die Dreherei und die Schlämmerei wurden gebaut. Das Produktionssortiment konnte durch diese neue Technik wesentlich erweitert werden. Mit der wachsenden Belegschaft von bis zu 500 Beschäftigten, stiegen natürlich auch der Produktionsausstoß, und demzufolge auch der Umsatz im Weltmaßstab.

Karte von 1905

Zwei Wochen vor Weihnachten 1903, wollte die Steingutfabrik eine Lohnkürzung durchführen, doch es traten über 100 Maler und Dreher in den Streik, dem der erste organisierte Machtkampf zwischen Gewerkschaft und Firmenleitung hier in Annaburg folgte.

Durch einen Brand im Jahre 1906 wurde ein Teil der Fabrik zerstört. Der Bau von neuen Werkshallen wie Malerei und Sortierraum wurden notwendig und realisiert. Doch die wichtigste technische Erneuerung bildete der Bau eines Tunnelofens, der durch kontinuierliche Brennweise dem Rundofen weit überlegen war. Für diesen umfangreichen Ausbau erwarb die Annaburger Steingutfabrik-Aktiengesellschaft 1906 an der Torgauerstraße vom Königlichen Forstfiskus ein 4 Morgen großes Grundstück und hinter den Fabrikgebäuden weitere 9 Morgen Land. „Wie verlautet, werden im kommenden Frühjahr bedeutende Neubauten an Fabrikräumen vorgenommen.“

1909 war der erste Tunnelofen fertig gestellt und konnte in Betrieb genommen werden. Dieser Tunnelofen wurde bis 1993 genutzt und in diesem Jahr abgerissen. Das Annaburger Steingut AG wurde zu einem geschätzten und viel verkauften Artikel auf dem Weltmarkt.

Wegen Kohlemangels musste die Annaburger Steingutfabrik während der Zeit des 1. Weltkrieges 1915/18 auf Holzfeuerung umgestellt werden, was den Brennvorgang merklich verlängerte. Nach dem 1. Weltkrieg 1918 ging die Belegschaftszahl wieder auf 300 Personen zurück. In der Zeit des ersten Weltkrieges wurde auch ein Betriebskindergarten etabliert. 

Wegen Kohlemangels musste von 1915 – 1918 Holzfeuerung umgestellt werden, was den Brennvorgang merklich verlängerte. Nach dem 1. Weltkrieg 1918 ging die Belegschaftszahl wieder auf 300 Personen zurück. Im Jahre 1923 wurden aus Rentabilitätsgründen alle Öfen auf Brikettfeuerung umgestellt, danach ging es wieder rasant nach oben. Von 1924 – 1928 war eine erneute Hochkonjunkturphase. Alle Öfen waren ausgelastet und die Mitarbeiterzahl stieg wieder auf über 600 an. Familie Untuch und die Vorstände der Aktiengesellschaft, besaßen damals 10% des Aktienkapitals und Direktor Gustav Müller war 1928 Hauptaktionär.
In diesen Jahren versuchte man die Umstellung der Produktion von Weich- auf Hartsteingut, was aber die Firma jedoch in diverse Schwierigkeiten brachte. Dies hatte zur Folge, dass der Versuch letztendlich wieder eingestellt wurde.
Die Ende 1928 einsetzende Arbeitslosigkeit, bedingt durch die Weltwirtschaftskrise 1928 – 1932, wirkte sich auch auf das Steingutwerk verheerend aus, sodass die Belegschaft um die Hälfte reduziert werden musste. Vor und in der Zeit des zweiten Weltkrieges wurde das Unternehmen als Aktiengesellschaft von Direktor Schäfer und dem Besitzer Dr. Hans Untucht weitergeführt. Der unheilvolle 2. Weltkrieg führte in der gesamten damaligen Wirtschaft zu Einschränkungen der Produktion und somit auch in Annaburg zu einer gewissen Stagnation der Herstellung von Erzeugnissen.
Die Aufrechterhaltung der Produktion war in den Kriegsjahren nur mit Kriegsgefangenen möglich. Außerdem mussten einzelne Gebäude für die Rüstung zur Verfügung gestellt werden. Das Ende der Annaburger Steingutfabrik AG war mit dem Suizid von Dr. Hans Untucht am 9. Juli 1945 endgültig besiegelt.

Nach dem Zusammenbruch des Faschismus 1945 erfolgte der Aufbau des Steingutwerkes gemeinsam mit der noch vorhandenen Belegschaft. Für den Aufbau setzten sich besonders ein: Koll. Sauerbrei, Koll. Pfund, Koll. Heinrich, Koll. Böhme, Kampfhenkel und andere.
In den ersten Maitagen 1945 wurde im Steingutwerk Aufräumungsarbeiten durchgeführt und anschließend die Produktion wider angekurbelt. Es mangelte an Chemikalien und ganz besonders an Kohle.
Die Entwicklung des Betriebes ab 1945 sah gemessen an der Belegschaftsstärke, wie folgt aus:
1945 begann der Aufbau mit ca. 40 Mitarbeitern, Ende des Jahres 1945 war die Zahl auf ca. 80 Arbeitskräfte angestiegen. Im Jahre 1946 wuchs die Belegschaftsstärke auf 150 Mitarbeiter an.
Nach Inbetriebnahme des Tunnelofens im Jahre 1948 wuchs die Belegschaft auf ca. 200 Arbeitskräfte und zum Ende des Jahres auf 350 Mitarbeiter an. Bis zum Jahre 1956 erhöhte sich die Belegschaftsstärke auf 456 Personen.
Somit wurde das Steingutwerk Annaburg wieder zum stärksten Wirtschaftsfaktor im Ort und der näheren Umgebung.
Im Oktober 1969 waren die Voraussetzungen geschaffen um eine neue Produktion aufzunehmen. Es wurde mit einem neuen Werkstoff „Sintolan- ein Halbporzellan“ die Produktion aufgenommen. Das Sintolangeschirr hatte einen rustikalen Charakter und entsprach dem Trend auf dem Weltmarkt. Es war für Haushalt und Hotel geeignet und hatte die Eigenschaften des Porzellans.
Dazu brauchte der Betrieb einen neuen Tunnelofen für Glattbrand. Für Glühbrand wurde der alte Tunnelofen, der bis dahin mit Kohle beheizt wurde, auf Gas umgestellt. Neue Produktionsstätten wuchsen schnell aus der Erde. Dafür verlor das Werk seine Selbstständigkeit und wurde vom VEB (Volkseigener Betrieb) Steingutfabrik Annaburg, zum Werk Annaburg des VEB Vereinigte Porzellanwerke Colditz Porzellan. 

Den anfänglichen Verträgen mit nur 3 Ländern folgten bis 1989 Verträge mit 28 Ländern. Die Belegschaftsstärke wuchs auf 550 Personen.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde aus dem Sintolanwerk ein neuer Betrieb die „Porzellan-GmbH-Annaburg“ gegründet.
Es gab große Veränderungen finanzieller, ökonomischer, produktionstechnischer und auch baulicher Art, zur Neuschaffung und Erhaltung der Produktionsstätte von hochwertigem Porzellangeschirr aus Annaburg, einem 133 jährigen Standort der Keramikindustrie. Herr Peter Ploss ist der Eigentümer und gestaltet das Werk mit immer neuen Ideen in einer Zeit schwieriger und wirtschaftlicher Situationen aus. Zuletzt waren ca. 80 Mitarbeiter im Werk beschäftigt. Aber auch die Produktion im Nischensegment für Hotel- und Haushaltsgeschirr in Kleinserien, der Werksverkauf und die „Erlebnisstrecke“ mit Porzellanmalschule half nicht die Insolvenz abzuwenden. Energiekosten und Kosten der Arbeitskräfte gegenüber der ausländischen Konkurrenz wurden dem Traditionsbetrieb zum Verhängnis. 2015 wurde in Folge der Insolvenz das Werk endgültig geschlossen.

Bernd Hopke
Ortschronist

Quellen:
Redslob, B „Familienchronik des Berhardt Redslob“, Annaburg, Familienbesitz
Otto Heintze: „Annaburg das Städtlein an der Heide“ Geschichtlicher Rückblick, aus gebundene Beilagen der „Annaburger Zeitung“ um 1930
Otto Heintze „Geschichtlicher Rückblick „von 1938, privatbesitz
Edwin Kretschmann; Vom Steingutwerk, über Sintolan, zur Porzellan-GmbH-Annaburg; 2008, privatbesitz

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