Das Annaburger Gestüt


Annaburg beherbergte noch zu sächsischen Zeiten von 1793 bis 1815 ein königliches Land-Gestüt. Zu ihm gehörten neben dem Hauptgebäude für die Zuchthengste, links und rechts gruppiert je ein Stall für die jungen Fohlen. Gegenüber lag das Rechnungsführerhaus. Es war nicht nur der Verwaltungssitz des Gestütes sondern gleichzeitig Wohnung der höheren Gestütsangestellten. Vom verantwortlichen Bereiter wissen wir, dass ihm seine Behausung bei dem Gärtner im Schloßgarten, im alten Laboratorium, angewiesen wurde. Wo das übrige Personal untergebracht war verraten uns die Quellen nicht, vermutlich auf dem Gelände des Gestütes. Die vier Hauptgebäude standen genau auf dem Grundstück des ehemaligen Fasanengarten, der Bestandteil des Neuen Garten und damit zu den Außenanlagen des Jagdschlosses Annaburg einst gehörte. Zum Gestüt gehörte neben zahlreichen Wiesen im nahe gelegenen Tiergarten, auch ein Wiesengrundstück direkt am kleinen Schwanensee. Sicherlich diente der kleine Schwanensee als Waschplatz für die Pferde. Zur Errichtung der Baulichkeiten hatte man um den Transportumfang (zu erbringen als Fronleistung der Annaburger Hüfner) zu mindern im Tiergarten eine Ziegelscheune errichtet und für die Ziegelherstellung Lehm aus einem Graben im Tiergarten zurückgegriffen. Wir wissen davon, weil im Landesarchiv von Sachsen-Anhalt die Akte 691 (1794)  vom Lehmgraben in der Annaburger Heide für die neuangelegte Ziegelbrennerei im Annaburger Tiergarten und die dabei verübten Verwüstungen berichtet.  Zum anderen wurde an der Nordfront des Hauptgebäudes neben den verschlungenen Buchstaben F. A. und dem Kurfürstenhut stolz eine Inschrift: „MDCCXCIII (d.h. 1793) erbaut von den ersten aus Annaburger Lehmerde gebrannten Ziegeln“ angebracht. Baumeister der Gebäude war der Amtszimmerer Johann Gottfried Wasserman, dabei dienten die Gebäude gleichzeitig als sein Meisterstück, sodass er sich nach Fertigstellung Amtszimmermeister nennen durfte.

Die Sächsische Landfohlen-Erziehungsanstalt in Annaburg wurde durch den Oberkammerherrn und späteren sächsischen Kabinettsminister Camillo Graf Marcolini gegründet. Er kam 1752 als Silberpage an den sächsischen Hof nach Dresden. Den italienischen Grafentitel soll er sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit selber zugelegt haben. Es gelang ihm, das Vertrauen und die Freundschaft des jungen Kurprinzen und späteren Kurfürsten Friedrich August III. zu erwerben. Bereits 1767 wurde er zum Kammerherrn ernannt und zwei Jahre später zum Oberhofmeister. 1772 erfolgte seine Beförderung zum Wirklichen Geheimen Rat. 1778 erhielt er dann den Titel eines Oberkammerherrn, den er 1799 mit dem des Oberstallmeisters tauschte. Zehn Jahre später (1809) wurde er königlich-sächsischer Kabinettsminister. In dieser Funktion begleitete er den König bei dessen Flucht nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Er verstarb 1814 in der Verbannung in Prag. Neben dieser steilen politischen Karriere wurde er 1780 Generaldirektor der Künste und Kunstakademien. Von 1774 bis 1814 war er Direktor der Meißner Porzellanmanufaktur. Auf seine Veranlassung hin wurde von 1775 bis 1814 die Meißner Schwertermarke zusätzlich mit einem Stern, der sogenannten „Marcolini-Marke“, gekennzeichnet. Die Marcolini-Zeit gilt als eine der Hochblüte der Meißner Porzellanmanufaktur. Marcolini hatte neben seinen Besitzungen, darunter Schloss Oberlichtenau, auch Landschafts- und Gartenbau-Flächen gepachtet. Das wohl bekannteste Gebiet ist der Fasanengarten bei Moritzburg. Auch umliegende Teiche, z. B. der Bärnsdorfer Großteich, wurden von ihm bewirtschaftet. In Moritzburg in Sichtweite des Barockschlosses Moritzburg befand sich der Landsitz von Marcolini, das Marcolinihaus. Heute kann man dieses Haus als Ausflugsgaststätte in Moritzburg besuchen.

Eigentlich hatte Graf Marcolini vor, den gesamten Annaburger Tiergarten 1789 zu pachten und in Eigenregie zu bewirtschaften. Diese Idee muss er wohl schon ein Jahr später wieder verworfen haben, obwohl die Kommissionsakten aus dem Jahr 1790 noch die Verhandlungen zur Übergabe von Grundstücken mit Gebäuden und Inventarstücken  im Annaburger Tiergarten an den Oberkammerherrn Marcolini belegen. Aber schon im gleichen Jahr erfahren wir aus einer anderen Quelle über die Requisition der erforderlichen Wiesen zur Anlegung einer Pferdezucht im Tiergarten zu Annaburg. Dabei fiel der endgültige Beschluss laut den Akten aber erst 1792. Nachdem Graf Marcolini Oberstallmeister in Sachsen wurde, folgten um 1800 bereits Erweiterungen der Neuentstandenen Sächsischen Landfohlen-Erziehungsanstalt in Annaburg durch Gründung von Filialen in Glücksburg und Moritzburg.

Lage des Gestütes von 1814 auf einem Lageplan von 1888

Bewirtschaftet wurde das Gestüt durch einen Bereiter, einem Aufseher, drei Fohlenmeister und mindestens zwei Rechnungsführer. Für die allgemeinen Arbeiten waren über 40 Knechte angestellt und für die Gesunderhaltung der Tiere war sogar ein angestellter Roßarzt zuständig.

Unmittelbar zum Annaburger Gestüt gehörte auch die Stuterei am kleinen Schwanenteich im Rosenfelder Revier in der Annaburger Heide. Hier wurden die Pferde bevorzug gewaschen. Auch dieser Bereich wurde unmittelbar mit der Errichtung des Annaburger Gestütes, geplant und gebaut. Dabei diente der kleine schon verlandete Schwanensee als Weide. Die Urbarmachung erfolgte durch das Anlegen eines Abflusskanals. Außerdem wurden neben dem Stallgebäude noch einige notwendige Wirtschaftsgebäude errichtet.

Annaburger Heide Bereich Schwanensee (sächsische Meilenblätter um 1800)
Lageplan der Stutterei am Schwanensee um 1800

Die Fohlen aus der Annaburger Landfohlen-Erziehungsanstalt waren zur Auffrischung der Bestände der sächsischen Gestüte vorgesehen. So kamen seit 1797 bevorzug die besten Fohlen auf Betreiben des Grafen an das Gestüt des Grafen Marcolini in Moritzburg aber auch an das dortige Moritzburger Landgestüt. Unser Graf verdiente dabei durch die Bereitstellung von Heu und Stroh für die aus dem Landgestüt Annaburg nach Moritzburg gebrachten Landfohlen kräftig mit. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon requirieren durchziehende Russische Kosaken 1813 alle Zuchtpferde des Annaburger königlichen Gestütes. Trotzdem wurden die Zuchtbestände schnell aufgefüllt und die Aufzucht wieder aufgenommen.

Nach der Niederschlagung Napoleons wurden auch hinsichtlicht der Gestüte zwischen dem König von Sachsen und dem König von Preußen verhandelt und in Wien am 18. Mai 1815 Vereinbarungen getroffen. So wurden die noch vorhandenen Fohlen nach Moritzburg geliefert, was uns der nachfolgende Rechtstreit der Erben des ehemaligen Kabinettsministers Graf Marcolini gegen den preußischen und sächsischen Fiskus für das 1815 vom Landgestüt Annaburg nach Moritzburg gebrachte und für die dortigen Landfohlen gelieferte Stroh und Heu noch  1830 belegen.

Insofern hat Herr Gründler nicht recht mit seiner Behauptung, dass im Jahre 1814 die ganze Einrichtung in Annaburg, „da die Pferde das saure Gras nicht fressen mochten“, aufgelöst und zum bestehenden Gestüte in Granitz bei Torgau verlegt wurden. Nein, die Auflösung erfolgte, weil Preußen keine Interessen an seiner Weiterführung hatte. Die Fohlen wurden laut Vertrag mit Preußen nach dem Sächsischen Moritzburg geliefert. Alles andere ging 1815 nach Granitz, da dieses Gestüt durch Preußen weitergeführt wurde. Die Auflösung zog sich auch durch das Freiziehen der Wohnungen der Gestütsangehörigen noch bis Ende 1815 hin. Jetzt erst konnte durch das Militärknaben-Erziehungs-Institutes das Hauptgebäude der „Stuterei“ als Musikgebäude umfunktioniert werden und dient danach noch fast siebzig Jahre diesem Zwecke. Hier wurde u.a. vier Handwerksschulen für die Zöglinge eingerichtet. Andere Gebäude wurden in den nachfolgenden Jahren als Schäferei, zu Wohnzwecken umgebaut und auch heute noch teilweise als Wohngebäude genutzt.

 

Auch für den Förster August Leberecht Opitz zu Rosenfeld wurde nun eine neue Dienstwohnung gefunden. Der bezog nun Quartier im früheren Annaburger Landgestüt am  Kleinen (Schwanen) See in Mitten der Annaburger Heide.

 

 

Bernd Hopke

Ortschronist

Quellen:

  • Gründler, E.: „Schloß Annaburg“ Festschrift zur einhundertfünfzig-jährigen Jubelfeier des Militär-Knaben-Instituts zu Annaburg, Verlag von Oscar Haebringer, Berlin 1888
  • Otto Heintze: „Annaburg das Städtlein an der Heide“ Geschichtlicher Rückblick, aus gebundene Beilagen der „Annaburger Zeitung“ 1938, privatbesitz
  • Sächsisches Staatsarchiv; Stuttereigrundstücke in Annaburg (Kanzleiakte) 1814 – 1815; Rep. A 25a II, I, Nr. 0040
  • Sächsisches Staatsarchiv; Die wegen der Landbeschälung zur Verbesserung der Pferdezucht gemachte Einrichtung, ingleichen das zu Annaburg errichtete Landgestüt; 1799; Loc. 02409/06 ;
  • Sächsisches Staatsarchiv Amt Moritrzburg; Aufstellung der an das Landgestüt Moritzburg gelieferten Fohlen; Enthält u. a.: Landgestüt Annaburg.- Stuterei Zella .- Gestüt des Grafen Marcolini in Moritzburg. 1797 – 1805; Rep.10060, Nr. 0257
  • Sächsisches Staatsarchiv; Rechtsstreit der Erben des ehemaligen Kabinettsministers Graf Marcolini gegen den preußischen Fiskus wegen der Lieferung von Heu und Stroh für die aus dem Landgestüt Annaburg nach Moritzburg gebrachten Landfohlen 1830; Loc. 32007, Rep. 33, Spec. Nr. 2344
  • Sächsisches Staatsarchiv;
  • Sächsisches Staatsarchiv;
  • Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Für den Förster August Leberecht Opitz zu Rosenfeld bestimmte Dienstwohnung auf dem zum früheren Annaburger Landgestüt gehörigen Kleinen See; 1815, D 1, Nr. 1042
  • Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Kommissionsakte über die Übergabe von Grundstücken mit Gebäuden und Inventarstücken im Annaburger Tiergarten an den Oberk… (1790) , D 1, Nr. 906
  • Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Anlegung einer Pferdezucht im Annaburger Tiergarten u. Annaburger Amtswaldungen (1792-1793), D 1, Nr. 590